Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 6 (6.2.1914)
- Date
- 1914-02-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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NfTTIOTL -JUDI5CHE5 DRGRN f| Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Adndnistration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Kanneliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden täglich von ■ _ 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurfickgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich» H ■ Ungarn: Ganzjähr- K 10.—, halbjähr. .K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Alk. 10.—, halbjähr. Alk. 5.- , Vierteljahr. ™ jj) Alk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404.— Telephon 22.075. g| : Nr. 6. Wien, Freitag, den 6. Februar 1914. VIII. Jahrgang. Im K. I, V. veranstaltet am Mittwoch, Öen 11. Februar, um 8 Uhr abends, eine grosse Versammlung in Marlahllf im Saale des Hotel Palaee, Mariahilferstr. 99. Referent: Dr. Schmarjahn Levin über: „Ein Kumpf der Juden Im Orient“. Zutritt frei! niü Paläctinaknmmksinnripr Wiener Mtusgemeinde. In der Sitzung des Wiener israelitischen Kultusvorstandes am 1. Februar wurde ein Beschluß gefaßt, welcher einen bedeutsamen Wendepunkt in der zionistischen Entwicklung bedeutet. Mit großer Majorität wurde eine Kommission geschaffen, welche die Aufgabe hat, die Entwicklung der jüdischen Siedlungen in Palästina ständig. zu beobachten, über ihre Wahrnehmungen dem Kultusrate fortlaufend zu berichten und Vorschläge darüber zu erstatten, wie das jüdische Siedlungswerk in Palästina in seiner gesunden Entwicklung zu fördern ist. Die Repräsentanz des größten jüdischen Gemeinwesen hat somit in unzweideutiger Form dargetan, daß die Mitarbeit am zionistischen Werke unbedingte Pflicht der großen jüdischen Vertretungskörper ist.. Der zionistische Gedanke hat seine unwiderstehliche Macht in glänzendster Weise bekundet und gerade dort einen herrlichen Sieg errungen, wo sich ihr die stärksten und mächtigsten Widerstände geboten haben. Die Wiener Kultusgemeinde, mit ihrem reaktionären Wahlrecht, das die Macht in den Händen der Reichsten konzentriert, galt seit jeher als uneinnehmbares Bollwerk des Antizionismus. Die erbittertsten Kämpfe zwischen Zionismus und offiziellem Judentum sind in Wien ausgefochten worden. Herzl hat in dieser Stadt die aufreibendsten Kämpfe durchgemacbt und in der Zeit nach seinem Tode tobte der Streit weiter, in vielleicht noch gesteigerter Heftigkeit. Und gerade in diesem Wien dieser große Erfolg. Die Wiener zionistische Organisation kann auf ihre Arbeit stolz sein. Sie hat bewiesen, daß die' von ihr seit jeher verfolgte Methode die richtige ist, daß es nur ein Mittel gibt, welches Erfolg bringen kann: Ehrlicher Radikalismus, der keine Rücksicht; auf Personen kennt und unentwegt an den Prinzipien festhält, der über kleinliche Augenblickserfolge hinwegsieht und nur das Endziel im Auge behält. Die beiden Zionisten, welche im Wiener Kultusvorstande sitzen und nach kaum einjähriger Tätigkeit in dieser Körperschaft diesen Beschluß gegen einflußreiche Gegner durchzusetzen wußten, sind die entschiedensten Vertreter dieses Radikalismus. Sie haben sich immer in der Richtung bewegt, die unter dem Namen „Wiener Richtung“ von Feinden und nicht selten auch von Freunden hart bekrittelt wurde. Sie haben durch die Tat bewiesen, daß diese Wiener Richtung gerade uns gut ist. Oer Kampf nm die hebräische Sprache. Der Kampf ging in der letzten Woche weiter. Nicht nur in Palästina, wo der Lehrbetrieb an unseren Schulen schon seit Wochen im Gange ist und daher der Kampf, "da "es:-mit -nter~ 'Eröffnung -des Technikums noch gute Wege hat, vorderhand beendet ist, wurde er geführt, sondern vielmehr in Europa. Das Hauptlager des Feldzuges scheint jetzt nach Deutschland verlegt zu sein. Sehr treffend nennt unser Zentralorgan „Die Welt“ angesichts der allgemeinen Stimmung die Lage des Hilfsvereines eine „splendid isolation“. Und diese Einsamkeit und Verlassenheit fühlt auch der Hilfsverein und in seiner Angst, die Schlacht gänzlich zu verlieren, greift er zu den verzweifeltsten Mitteln. Herr Dr. Paul Nathan hat soeben eine Broschüre erscheinen lassen, die auf 62 Seiten eine Darstellung des Streites gibt, und die von den schwersten und beleidigendsten Beschuldigungen gegen die Zionisten wimmelt. Es würde zu weit führen, wollten wir auf die Einzelheiten der Broschüre, auf ihren von erlesensten Grobheiten und Verleumdungen triefenden Inhalt näher eingehen. Wir verweisen demgegenüber auf die vornehme und ruhige Haltung der palästinischen Lehrerzentrale „Merkas Hamorim“, die in ihren Aufrufen stets auch vor der geringsten Gewalttätigkeit warnte und die, die sich solcher unerlaubter Mittel bedienen, als Verräter an der heiligen Sache brandmarkte. Dafür nennt Herr Dr. Paul Nathan die hebräischen Lehrer, die in ihrem Idealismus alles für die heilige Sache geopfert haben und die noch vor einigen Monaten Zierden der Hilfsvereinsschulen waren, „gemeine Intriganten“, „sinnlose Fanatiker“, „Demagogen“, „palästinensische Exaltados“ und dergleichen mehr. Aber was hilft all’ dieses Kesseltreiben? Schmarja Levin, David Jellin und alle Führer im Kampfe haben den Nachweis erbracht, daß . die Angriffspunkte’ der Nathanschen Broschüre wie: die Ausgleichsversuche Nathans, die ausschließlich pädagogischen Gründe für den Beschluß des Kuratoriums, die ideale Leitung der Hilfsvereinsschulen, der uneingeschränkte Lob Dr. Tschlenows aus dem Jahre 1913, wie auch die Anwürfe gegen die Führer im Streite jeder Grundlage entbehren und völlig aus der Luft gegriffen sind. Aber nicht nur die eigenen Schulen des- Hilfsvereins standen in der letzten Zeit im Zeichen seines Systems, sondern auch die ihm zur Verwaltung übergebene Lämel-Schule, die bekannterweise eine Wiener Stiftung ist nnd deren Direktor, Herr Ephraim Cohn; den wir in unserer vorletzten Nummer zur Genüge charakterisiert haben, die denkbar jämmer-; lichste Figur darstellt. Das „Frankfurter Israelitische Familienblatt“ veröffentlicht in seiner letzten Nummer aus der Feder Nachum Goldmanns eine sehr interessante Schilderung der Verhältnisse in der Lämel-Schule, dev wir folgendes entnehmen: t : j . „Als ich zur Läim^schplfi kam. sah ich übe? dem Hauptportale zweU^ufsoiniten: rechts „bethsefer lämel“ und links Eftarrelsclnjte. Als ich in^die Schule hineinging nntfciäk. Direktorzimmer trat, wurde mir mein „SchaloHj^ipitj^nem lauten „Guten Tag“ beantwortet. Ich Stetuchte" verschiedene Unterrichtsstunden und wußte äg&bjjp. ich in eir.er deutschen oder einer hebräischen 'Sq^ne? Meist wurde der Unterricht deutsch erteilt, Zuwfeilen aber auch hebräisch und alles ohne bestimmten Ptap. Die Kassenbücher waren doppelt angelegt? Seite * war rechts hebräisch, links deutsch; (Üe^wRenpläne ebenso; desgleichen waren alle offimttnnWiMmgf» und Forjnulare -zweispaltig -abgefaßt DfeKEettrer sprachen zu den Schülern deutsch, die Schüler antworteten — fezwungen und gequält — auch deutsch; wandte der ehrer aber für einen Augenblick seine Blicke ab» so schwätzten sie froh und heiter unter sich hebräisch. In der Pause trat ich im Schulhofe auf eine Gruppe zu, in der der Direktor, ein angesehener Lehrer von der „hebräischen Richtung** und ein Seminarist standen. Die Unterhaltung zwischen diesen dreien ging nun folgendermaßen vor sich: Der Direktor sprach znm Lehrer wie znm Schüler deotsch; der Schüler antwortete dem Direktor wie dem Lehrer hebräisch; der Lehrer unterhielt sich mit dem Direktor — deutsch, mit dem Schüler — hebräisch. Ich trat heran nnd grüßte; natürlich mit einem hebräischen Schalom. Der Lehrer wie der Schüler erwiderten: Schalom, der Direktor aber sagte: Guten Morgen. Da war ich denn bereits am ersten Morgen meines Besuches in der Lämelschule über das „System“ der Hilfsvereinsschulen nnd über das Verhältnis von Deotsch und Hebräisch, das in ihnen herrscht, im klaren. Ueber das System? Alles andere eher als System ist’s zu nennen. Die absolute Systemlosigkeit, die höchste Uneinheitlichkeit, ein an einen Chaos grenzendes Durcheinander beider Sprachen ist es, was das Hilfsvereinsschulwerk charakterisiert. So absolut jeder Logik bar, so lächerlich planlos ist das Verhältnis von Hebräisch und Deutsch in diesen Schulen, daß man es zunächst gar nicht begreifen kann, wie solches sich entwickeln konnte; erst wenn man sich in das Wesen und in die Ziele der Arbeit des „Hilfsvereins der deutschen Jaden“ vertieft und zugleich die taktischen Prinzipien seiner Politik — d. b. der Politik des Direktors der Schulen — erfaßt, kann man dieses sinnlose Durcheinander verstehen.“ ln der Hauptsache liegt die Angelegenheit jetzt sehr klar: die ungeheure Begeisterung; die der Kampf Jungpalästinas in allen Kreisen des Judentums ausgelöst hat, die seltene Opferwilligkeit, der einmütige Sturm des Protestes gegen das Vorgehen des Hilfsvereines haben bewiesen, daß sich das Judentum über den Fall klar ist. Aber nicht nur das jüdische Volk rührt sich, auch die Herren vom Kuratorium haben sich eines besseren besonnen. Die amerikanischen Kuratoren haben — wie es in unserer letzten Nummer zu lesen war — eine Resolution gefaßt, die zwar nicht ganz unseren Forderungen entspricht, die sich aber doch zu dem gefaßten Beschlösse des Kuratoriums in diametralem Gegensätze befindet Und nun erfahren wir, daß auch die russischen Kura“ toren eingesehen haben, daß die am 26. Ok-; . ■ Ü -A