Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 48 (28.11.1913)
- Date
- 1913-11-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Zionistischer Verband ehemaliger Hochschulen In der am 5. November stattgefundenen Generalversammlung ergaben die Ausschußwahlen folgendes Resultat: Präsident: Staatsbahnrat Ing. Emil Fried; I.Vizepräsident: Dr. Alfred Löwy; II. Vizepräsident: Ing. Fedor Ackermann; Schriftführer: Dr. Oskar Horner; Beisitzer die Gg. Dr. Egon Zweig, Dr. Arnold Brod, Dr. Marek Scherlag, Ing. David J. Feldmann, Dr. Walter Werner, Ing. Julius Engel, Dr. Alfred Czappek und Dr. Samuel MenasChe. — Am 19. d. M. sprachen im Verbandslokal (Cafe Pucher) die Gg. Dr. S o f e r und Dr. Skutezky, sowie Fräulein Waltuch über die „Blau-Weiß-Wanderbewegung und wußten durch ihre glänzenden Ausführungen die Anwesenden derart hinzureißen, daß sofort mehrere Hundert Kronenvon den Anwesenden gezeichnet wurden und fast sämtliche Anwesenden ihren Beitritt zum „Wanderbund“ anmeldeten. Der Präsident des Verbandes sprach den Rednern den Dank des Verbandes aus und sagte dem Wanderbund die wärmste Unterstützung des Verbandes zu. Die Vorträge und Diskussionen, die jeden Mittwoch abends im Verbandslokale stattfinden, erfreuen sich eines stetig wachsenden Besuches. Das Programm der nächsten Vorträge ist folgendes: am 10. Dezember spricht Ing. Ackermann: „Ueber die Erziehung der jüdischen Studenten im Zionismus“ und am 17. Dezember Gg. Isidor Gewitsch über die „Judentaufen“. Beginn der Vorträge stets um präzise i/29 Uhr. Gäste herzlichst willkommen. — Am 30. Dezember findet eine Ausschußsitzung statt. 'Mitteilungen des innerösterreichischen D. K. Neue Vereine. Das Distriktskomitee hat beschlossen, die neu gegründeten Vereine „Freie Zion. Vereinigung“ und „Akad. Verein jüdischer Frauen“ in den Distriktsverband aufzunehmen. Bezirksagitation. Nach den durchgeführten Vorarbeiten hat das Distriktskomitee die Propagandatätigkeit in den einzelnen Bezirken aufgenommen. Unserer Aufforderung ..folgend, haben sjch folgende Studentenkorporationen für die Mitarbeit in den einzelnen Bezirken gemeldet: Ivria (IX. Bezirk), Kadimah (VI. und VII. Bezirk) und Theodor Herzl (IV., V. und X. Bezirk). Es ergeht hiemit an die übrigen Studentenkorporationen, die willens sind, an der Propagandaarbeit teilzunehmen, das Ersuchen, sieh für einzelne Bezirke zu melden. Im II. Bezirk hat sieh zur Gründung eines zion. Bürgervereines ein Komitee gebildet. Gründung der Sektion Favoriten des Zion. Zentral Vereines. Den fortgesetzten Bemühungen des Distriktskomitees ist es endlich gelungen, im X. Bezirke Fuß zu fassen. Wiederholt abgehaltene Vertrauensmännerversammlungen hatten das erfreuliche Resultat, daß sich die Gesinnungsgenossen in Favoriten, denen sich auch die aus dem IV. und V. Bezirke anreihen werden, zu einer zionistischen Körperschaft zusammengeschlossen haben. Am 25.' d. M. fand unter zahlreicher Beteiligung der in dem Bezirke ansässigen Gg. und im1 Beisein der Vertreter des Distriktskomitees der Nationalfondssanrmelstelle, des jüdischen Turnvereines Favoriten und des akad. Vereines Theodor Herzl die Gründung der Sektion Favoriten des zion. Zentr'alvereines statt. Zur Leitung dieser Sektion wurde ein Komitee, bestehend aus folgenden Herren eingesetzt: Simon Feldhorn, Ing. Hermann Goldstrich, Viktor Knie, Dr. Moritz Kraus, Dr. Max. Rosenthal, Alex. Stössl, Max Steiner, Fritz Steiner, Jakob Weitzmann, Ing. Josef LaSzkowitz, Dr. Alois Lustig, Provisor Kramer, 1. Vertreter des Jüd. Turnvereins Favoriten, 1. Vertreter' des „Theodor Herzl“. Die Agitationsarbeit im Bezirke wird durch eine großangelegte Versammlung; welche Donnerstag, den 10. Dezember 1. J. im großen Gartensaale des Arbeiterheimes, X., Laxenburgerstraße 8—10, stattfinden wird, eröffnet werden. Außerdem werden regelmäßige Zusammenkünfte abgehalten werden, in welchen das zion. Programm in einzelnen Referaten behandelt werden wird. Kooptierung. Das D.-K.' hat in seiner Sitzung vom 20. d. M. Herrn Dr. Eugen W o 11n e r ins Distriktskomitee kooptiert. Z en t r a 1 f on dssam m 1 ung en. In den letzten Wochen weilte Gg. Blumenfeld aus Berlin in Wien. In einigen Vertrauensmännerversammlungen informierte er die Wiener Gg. über die nächsten politischen und kolonisatorischen Aufgaben des E. A. C. Die Durchführung dieser Arbeiten machen größere Mitteln notwendig. Es gelang Herrn Blumenfeld, für den Zentralfonds Beiträge von über 5000 K aufzubringen. * >' l Anläßlich der Vermählung seiner Tochter Rega hat Gg. Lucian Brunner für zionistische Zwecke 1500 Frs. gespendet, und zwar 1000 Frs. für ein Jemenitenhauä und 500 Frs. für das hebräische Gymnasium * in Jaffa. Aus dem gleichen Anlasse hat eine ungenannt sein wollende Dame durch Herrn Bfunner 1000 Frs. gespendet, welcher den Namen des Herrn Brunner führen soll. * Sitzung des zionistischen Aktions-Komitees. Das vom XI. Zionistenkongreß in Wien neu gewählte große Aktions-Komitee der zionistischen Organisation hielt vom 23.-25. November d. Js. seine erste Sitzung in den Räumen des Zionistischen; Zentralbureaus., in Berlin ab. An der Sitzung nahmen neben einer Anzahl von Gästen nahezu sämtliche 30 Mitglieder des Aktitions-Komitees teil, die aus verschiedenen Städ ten Deutschlands, ferner aus Oesterreich, Rußland, Belgien, Holland, England, der Türkei und Palästina zu den Beratungen gekommen waren. Es wurden die Richtlinien der zionistischen Palästinaarbeit für die nächste Zukunft festgesetzt und unter anderem die Einsetzung einer Kommission zum Studium des Planes einer jüdischen Universität in Jerusalem beschlossen. Im Anschluß an die Sitzung des Aktions- Komitees fanden auch Sitzungen des Direktoriums und des Aufsichtsrates der Jüdischen Kolonialbank statt, sowie des Direktoriums und der Generalversammlung des Jüdischen Nationalfonds und des Direktoriums und der Generalversammlung des Jüdischen Kulturfonds „Kedem“. Aus dem jüöiidien Leben. Verband der jüdischen Kolonien Palästinas. ln letzter Zeit haben sich die jüdischen Ackerbaukolonien in Judäa zu einem Verbände zusammengeschlossen. Die Zentrale des Verbandes wird in Rischon le-Zion sein. Der Verband soll die jüdischen Kolonien nach außen, namentlich den Behörden gegenüber, vertreten. Bisher haben die einzelnen Kolonien verschiedene städtische Körperschaften mit der Wahrnehmung ihrer Interessen bei den Behörden betraut, sind aber zu der lleberzeugung gelangt, dab die ländlichen Angelegenheiten nur von einem ländlichen Verbände wirksam vertreten werden können. In den Kreisen der Kolonisten setzt man große Hoffnungen in die Tätigkeit des neuen Verbandes. * Jahresversammlung der jüdischen Farmer in Amerika. Vom 16 .bis 19. November tagte hier im Gebäude der Educational Alliance die fünfte Jahresversammlung des Verbandes jüdischer Farmer in Amerika . Die Konferenz war aus allen Teilen der Vereinigten Staaten zahlreich beschickt. Der Verbandsvorstand und die einzelnen Delegierten erstatteten ausführliche Berichte über die wirtschaftliche Lage der jüdischen Farmer. Einen breiten Raum nahm in den Verhandlungen die Frage der Schaffung kooperativer Kreditgenossenschaften ein. Es wurde über die Tätigkeit des Einkaufsbureaus, der Feuerversicherungsgesellschaft und anderer Einrichtungen des Verbandes berichtet und das Problem der landwirtschaftlichen Ausbildung und der religiösen Erziehung der Jugend in längerer Aussprache erörtert. Auch verschiedene fachwissenschaftliche Vorträge wurden gehalten und es wurde den Delegierten Gelegenheit geboten, landwirtschaftliche Musterbetriebe in der Nühe New Yorks gemeinsam zu besichtigen. Der Verband gibt unter dem Titel „The Jewish Farmer“ eine in englischer und „jüdischer“ Sprache erscheinende Monatsschrift heraus, die bereits im sechsten Jahrgange erscheint. * Eine Einladung der serbischen Regierung an die Juden. Da die Gebiete, die Serbien in den letzten Balkankriegen neu erworben hat, teilweise sehr dünn bevölkert sind, hat die serbische Regierung die jüdische Gemeinde in Belgrad benachrichtigt, daß sie eine Ansiedlung von Juden in dem betreffenden Landstrich gern sehen würde und geneigt wäre, jüdischen Ansiedlern Vergünstigungen aller Art zu gewähren. Feuilleton. Der erste Band von Achad Haams Schriften. Der Jüdische Verlag hat eine Neuauflage der vergriffenen deutschen Ausgabe des ersten Bandes der unter dem Titel „Am1 Scheidewege“ (Al paraschat drachim) erschienenen gesammelten. Schriften Achad Haams veranstaltet und diese um einen Aufsatz („Umwertung aller Werte“), der in derv ersten Ausgabe nicht enthalten war, vermehrt. So verdienstlich dies auch ist, so muß doch gesagt werden, daß es viel aktueller gewesen wäre, die weiteren 3 Bände der Schriften dieses Autors in deutscher Uebersetzung herauszugeben, insbesondere jene des jüngst erschienenen vierten, der unter anderem den Bericht Achad Haams über seine letzte Palästinareise enthält. Wie verlautet,, sind diese Uebersetzungen in Vorbereitung. Wir wollen hoffen, daß sie bald herauskommen. Ueber den vorliegenden Band kann heute nichts Neues mehr gesagt werden. Die Persönlichkeit Achad Haams, seine Ansichten und die Art der großen Wirkung, die er von seinem ersten Auftreten an ausgeübt hat, sind heute auch im Westen besser bekannt, als früher. Allerdings kennt man hier meist nur jene, allerdings grundlegenden Anschauungen Achad Haams, durch die er sich in scharfen Gegensatz zum politischen Zionismus gestellt hat: nach welchen die Heimstättenidee unausführbar sei, indes es in Wahrheit darauf ankomme, in Palästina. ein Zentrum für den jüdischen Geist zu errichten. Mit dieser Anschauung hat sich erst jüngst Dr. Tschlenoff*) in sehr glücklicherweise auseinandergesetzt, auch kann auf die publizi- *) „Fünf Jahre der .‘Arbeit in Palästina“. (Jüd. ' Verlag.) stische Polemik verwiesen werden, die im vorigen Jahre, als Achad Haam die „Bilanz“ („SaCh hakol“) seiner Beobachtungen in Palästina zog, namentlich im „Hapoel hazair“ und in der „Welt“*) gegen seine Anschauungen vom Standpunkt des politischen Zionismus aus geführt wurde. Hier sei nur bemerkt, daß immer wieder zwei wichtige Momente der Auffassung Achad Haams übersehen werden, wodurch der breiten Oeffentlichkeit eine falsche Meinung von dessen Anschauungen beigebracht wurde. Erstens ist es völlig irre, zu meinen, daß dieser große Denker übersehen hätte, daß ein geistiges Zentrum nur auf einer ziemlich breiten kolonisatorischen Unterlage errichtet werden könne und zweitens meint man, daß er dieses Zentrum als Endzweck betrachte, indes er an die äußere Befreiung des Vo'kes nicht denke. Achad Haam ist aber nur der Meinung, daß das geistige Zentrum das erste sein müsse, dessen Dasein werde einen Umschwung in der ganzen Judenheit zur Folge haben; dann erst werden die Mittel und Kräfte auch für die äußere Befreiung gefunden werden können. Allerdings hat Achad Haam in letzter Zeit wieder einiges gesagt, was als völlige Negierung der Möglichkeit der „äußeren Befreiung“ aufgefaßt werden kann, z. B. seine sehr skeptischen Ausführungen im „Sach hakol“ über die Aussichten der Nationalisierung der landwirtschaftlichen Arbeiter in Palästina u. a. m. Doch kann hierauf in einer Besprechung des ersten Bandes seiner Schriften nicht näher eingegangen werden. In diesem, namentlich in den beiden Vorreden (1895 und 1901 geschrieben), sind die leitenden Grundgedanken Achad Haams und seine *) Pasmanik: StaatSmännische und kleinbürgerliche Utopien, Schear-Jaschub: Ein Volksfeind, Böhm: Achad Haam über Palästina. — Ein Auszug des Artikels „Sach hakol“ ist in der Zeitschrift „Palästina“, 1912. Nr. 7/8 abgedruckt Stellung zum politischen Zionismus übrigens schon in einer Form enthalten, an der er bis heute konsequent festgehalten hat und die er in der ihm eigenen klaren und plastischen Schreibweise (die im Hebräischen natürlich noch viel konziser klingt) in wenigen Sätzen zusammenfaßt. Er glaubt nicht, daß das Diasporajudentum imstande sei, ein nationales Ideal zu .erzeugen, das Kraft genug hätte, die Befreiung der Juden zu erwirken,, deshalb dürfe man nicht zuerst an die Erlösung der Judenheit denken, sondern an eine Regeneration des .Judentums auf dem Boden Palästinas, die allein imstande wäre, das Diasporajudentum von der sittlichen Notwendigkeit des Zionismus zu überzeugen. Eine Skizze seiner Anschauung über die Art, wie er sich die Entwicklung zum Zionismus denkt, findet sich in dem Essay: „Dr. Pinsker und seine Broschüre“. Man kann diese Anschauung durchaus nicht so einfach mit dem Worte „Evolutionismus“ abtun und diesen in Gegensatz zu dem revolutionierenden Wirken Herzls bringen. Denn Achad Haam predigt keine seichte „natürliche Entwicklung“, auch er will ja handelnd eingreifen, und zwar soll durch die Willenskraft einiger zielbewußter Männer das geistige Zentrum in Palästina errichtet werden. Der Unterschied der Wirkungskraft beider Männer liegt viel eher einerseits in ihren Persönlichkeiten, andererseits in der Art ihres Appells. Herzl zeigte dem Volke ein gewaltiges Zukunftsbild, er verhieß ihm Macht und Größe, Achad Haam wendete sich an die, denen an der Zukunft von etwas rein Geistigem gelegen war. Herzl hatte die Juden an ihrer wundesten Stelle berührt: an der Lebenslüge, in die sie sich in Bezug auf ihre Situation unter anderen Völkern eingesponnen hatten — deshalb auf der einen Seite dos große erlösende Gefühl der Befreiung, auf der anderen die wildeste Abwehr, — Achad Haam hingegen weist von vornherein jeden Gedanken weit von sich ab, gerade für diese wundeste Stelle Heilung bringen