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Jüdische Zeitung · 1913-11-21 · 47 (21.11.1913) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
47 (21.11.1913)
Date
1913-11-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 47 reits organisierten Gesinnungsgenossen enger zusammenzusdhließen. Vonder Voraussetzung ausgehend; daß die nach dem Kongreß einzusetzende systematische Arbeit vor allem eine vollständige Uebersidit aller im Distrikt organisierten und nicht organisierten Gesinnungsgenossen erfordert, gehen wir daran, den schon vor Jahreff angeregten Parteikataster nach streng bureautechnischen Prinzipien anzulegen. Welche Wichtigkeit der Kataster für uns besitzen, wird, brauchen wir wohl nicht des näheren erörtern. Er wird es uns ennöglichen; die- Schar unserer Anhänger zu überblicken, mit jedem einzelnen Gesinnungsgenossen in direkte Verbindung zu treten, die begonnene systematische Propaganda weiterzuführen usw., usw. Der Parteikataster wird mit einem Worte das Band festigen, das jeden einzelnen Gesinnungsgenossen mit der Partei verknüpft Die Anlegung des Katasters erfordert viel Sorgfalt und Mühe. Wir rechnen dabei mit der Unterstützung unserer Freunde, die uns bei der Anlegung behilflich sein müssen. Wir gestatten uns daher an alle Gesinnungsgenossen, denen der .Erhebungsbogen für den Kataster nicht zugeikommen' ist, die Aufforderung zu richten, diesen in unserem Bureau, Wien, II. Bezirk, Karmeliterplatz 1/10, zu beheben oder dessen Zusendung schriftlich zu verlangen. Zionistisches Distriktskomitee für Innerösterreich. 13. Schekelausweis 5673, Innerösterreich'. Robur 5672 24.—; I. Wr. Jüd. Turnverein pr. Ing. Deutsch 22.80; Adler 1.20; Neure Jehuda 1.20; Michelstädter 8.—; Ness Zionah 6.—; Bar Kodiba 14.40; I. Wr. Jüd. Turnverein pr. Ing. Deutsch 1.20; diverse Schekel 10.60; zusammen 89.40; bereits ausgewiesen 2916.20; zusammen K 3005.60. Die Niederlage der Karmelweine befindet sich bei S. Steinhart, Weinhandlung, II., Rotensterngasse 22. Telefon 17348. Beilis und Hilsner. Eine Versammlung des Jüdischen Volksvereines für die Leopoldstadt. Der „Jüdische Volksverein für die Leopoldstadt“ setzt seine Agitationstätigkeit in rührigster Weise fort. Für den 18. d. M:' hatte der Verein wiederum eine große Versammlung in den Saal des Hotel Arco einberufen, in welcher vor zirka 1000 Zuhörern der Generalsekretär der zionistischen Weltorganisation Gg. Kurt Blumenfeld (Berlin) über das Thema „Nach d em B eil is-Proz e ß“ und der Vizeobmann des Vereines Gg. Dr. Leopold Pias chices über den „Fall Hilsner und die österreichischen Juden“ referierten. Gg. Blum enf eld führte aus, daß die Geschichte des Jüdischen Volkes, die so überaus reich an getäuschten Hoffnungen sei, wiederum um eine solche getäuschte Hoffnung vermehrt worden sei. Vergeblich haben die Juden in den Kreisen der anderen nach solchen Menschen gesucht, die im Namen der Menschlichkeit aus innerstem Drange heraus Partei für das verläumdete Judentum ergriffen hätten. Essei ein Irrglaube der Aissimilanten, daß durch eine Aufklärungsarbeit und durch die fortwährende Beteuerung, daß wir im Rechte seien, die anderen von ihren falschen Ansichten über uns geheilt und uns Recht geben werden. Denn nicht weil diese anderen dies oder jenes von uns glauben, seien sie unsere Feinde, sondern weil sie unsere Feinde sind, weil sie uns hassen, deshalb glauben sie alles; Es handle sich eben um verschiedene Wesensarten, das Rechtsgefühl'der anderen sei von dem jüdischen verschieden und nicht früher werden wir gegen das uns bedrückende Recht des anderen ankämpfen können, ehe wir nicht diesem Recht unser eigenes Recht entgegensetzen können. Recht aber ist immer enge mit Machtfragen verbunden. 'Wenn wir daher Recht behalten wollen, müssen wir zunächst ein Machtfaktor werden. Und unsere einzige Aufklärungsarbeit muß die sein-; Den anderen zu zögen, daß woselbst stark sind und: von niemandem' Gerechtigkeit erbetteln. So mußte also die Hoffnung der offiziellen Juden auf die christliche Welt im Falle Beilis! ebenso getäuscht werden, wie solche Hoffnungen in allen früheren Fällen getäuscht worden sind. Die uns „Wohlgesinnten“ haben ja wohl erklärt, daß dem Beilis „gewiß Unrecht getan werde“ und daß es „wahrscheinlich keinen Ritualmord gebe“ — aber keiner war da, der mit uns die innerste Empörung über die uns angetane Infamie geteilt hätte. An diesem Verhalten der Mitwelt und an dem Ausgang, des Kiewer Prozesses, in dem durchs die Bejahung der ersten Frage das jüdische Volk verurteilt wurde, sind, wir Juden niit-: schuldig. Mitschuldig deshalb, weil wir den Respekt verloren haben, seitdem wir nichts anderes wollen, als den anderen zu gleichen. Früher hatten wir zwar auch unsere Märtyrer gehabt, aber wir hatten auch Makkabäer, solange wir uns unsere innere Freiheit bewahrten, heute aber haben wir nur Märtyrer, aber keine Kämpfer mehr; Das Mittel zur Besserung ist, daßwir wieder zur Größe und.'zur Volkseinheit zusammenwachsen, zu jener Volkseinheit, als deren Symbol die Wiener Juden vor kurzem den Z i onistenkongreß zu sehen Gelegenheit hatten. Dieser Zusammenschluß ist es, der uns wieder Hoffnung gibt für unsere Zukunft und den Glauben, daß wir wieder auf dem Wege sind, stark zu werden. Und stark werden, das ist seit jeher der Sinn des jüdischen Lebens und des jüdischen Leidens gewesen. Der zweite Redner des Abends, Dr. Leopold Plaschkes, wies darauf hin, daß der Ausgang des Beilis- und des Hilsner-Prozesses deutlich zeige, daß Oesterreich und Rußland überall, wo Judenhaß in Frage kommt, einander ebenbürtig seien. Zunächst besprach er die Tragweite des Kiewer Urteils, verwies dann auf die Gleichartigkeit der Anlage und Durchführung sämtlicher Ritualmordprozesse des 19. und 20. Jahrhunderts und bezeichnete es als ein Schandmal für die österreichische Justizgeschichte, daß Hilsner, soweit menschliche Erinnerung reicht, als einziges Opfer einer unter dem Gesichtspunkt der Blutlüge erhobenen Anklage im Kerker sitzt. Er kritisierte das Verhalten der Gerichtsbehörden, der Staatsanwälte, der Zeugen und Sachverständigen, welche alle/, ihrer Ueberzeugung von der Existenz eines Ritiialmordes Ausdruck gaben und schilderte insbesbfidere die unheilvolle Tätigkeit des sogenannten* Rechtskomitees, welches unter der Führung des gewissenlosen Redakteurs Hans Schwer und des Bürgermeisters von Polna ein Komnlott zür Rechts- und 'Zeugenbeeinflußung gehi'Jet hatte und daß sich der Duldung und Unters ützung der Gerichtsbehörden erfreute. Nach ei-i'r Besprechung der völlig unglaubwürdigen Z-u -enaussagen und der jeder wissenschaftlichen Begründung hohnsprechenden Sachverständigengutachten schloß der Redner seine Ausführungen ünit der Aufforderung zur Organisation, sämtlicher österreichischer Juden, da nur eine kompakte Masse bei der Regierung ihre Wünsche durchsetzen könne. Im Anschluß an die Ausführungen des Dr. Plaschkes sprach Oberingenieur Robert S t r i kk e r das Schlußwort/ worin er auf den unschätzbaren Wert der Organisation für die österreichischen Juden zurückkam und in eindringlicher Weise zum- Anschlüßen den:;Jüdischen-Volksverein für1 die Leopoldstadt aufforderte. Bus dem pildien Beben. Nachk’Snge zum Beilis-Prozeß. Der Staatsanwalt im Beilis-Prozeß, Wipper, hat in einer Unterredung mit Petersburger Journalisten versichert, er’ werde gegen das Kiewer Urteil Berufung beim, Senat einlegen. Aus Jerusalem meldet die „Ni J. K.“, daß dort eine Sammlung eingeleitet worden ist, um Beilis in das Goldene, Buch des Jüdischen Nationalfonds eintragen zu lassen. Die Verteidiger Beilis’ sind von den jüdischen Bürgern in Charkow ins Goldene Buch eingetragen worden. Nachdem die russische Regierung bereits während der Verhandlungen im Beilis-Prozesse die Mitglieder der Petersburger Advokatenkammer wegen einer Resolution gegen die gerichtliche Ritualmordanklage gemaßregelt hatte, wird jetzt aus Charkow gemeldet, daß der dortige Gouverneur die Medizinische Gesellschaft des Gouvernements aufgelöst hat, weil sie eine Tagesordnung gegen das Sikorskische Gutachten angenommen hatte. In Newyork hat ' sich ein Komitee konstituiert, das Beilis und' seiner Familie die Mittei zur Auswanderung nach Amerika zur Verfügung stellen will. Demgegenüber hat eine Gruppe angesehener Kiewer Jüden eine Aktion ziir Grün: düng einer Ackerbaukölonie in Palästina' eingeleitet, die den Namen Beilis’ tragen. und in der Beilis und seine''Familie angesiedelt werden soll. Einen Aufruf im gleichen Sinne veröffentlicht die jüdische Studentenschaft der Universität Nancy.; * Der Beilisprozeß im Film. Mit unglaublicher" Promptheit hat eine russische Filmfabrik die Vorgänge im Kiewer Gerichtssaal kinematographisch aufgenommen und in vielen russischen Städten wurden auch diese Bilder vorgeführt. In den meisten Städten wurde allerdings die kinematographische Aufführung des Beilisprozesses no'izeilich untersagt Origineller als diese a'ltägiche russische Maßregel war ein Ukas der Polizeiobrigkeit des russischen Städtchens Kostroma. Auch im dortigen Kinematographen. bildete der Beilisprozeß einen Punkt .;fies Kinmrogrammes. So oft diese Bilder an ,die Reihe’ kamen, wurde die Musik, welche .'sonst alle anderen Stücke begleitete, unterbrochen,. Der PoJi.zpimeister. ypji, Kosfroma erblickte^ jedoch; in dieser peinlich1 traurigen Stille während der Vorführung des Beilis-Films eine Demonstration gegen die Prozeßführung. Er befahl daher, daß die Musik auch bei diesem Stücke zu spielen habe, da er sonst dem Kinobesitzer die Konzession entziehen würde. Seitdem wird in Kostroma auch beim Beilis-Prozeß gespielt, und zwar die Arie aus der Oper „Die Makkabäer“. * Kleine Nachrichten. In Warschau wurde dieser Tage eine Palästina-Landkaufgesellschaft gegründet. Als Erster trat ihr das Mitglied des zionistischen Aktionskomitees, M. Podlisch ewsky, mit 25.000 Kronen bei. In London fand ein großes zionistisches Meeting mit der Tagesordnung „Die hebräische Universität“ statt, in der der Vorsitzende, Parlamentsmitglied Sir Philip Magens und Dr. Herbert. Bentwich sehr eindrucksvolle Reden hielten. Die base der Juden auf dem Balfian Die Gleichberechtigung der Juden in den Balkanländern. (Eine Aeußerung Sir Edward Greys.) In Beantwortung eines Schreibens, das das London Commitee of Deputies of British Jews an Sir Edward Grey gerichtet hatte und worin die englische Regierung ersucht worden, ihre Aufmerksamkeit der Sicherung bürgerlicher und religiöser Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung in den Balkanländern zuzuwenden, hat Sir Edward Grey dem genannten Komitee folgendes mitgeteilt: „Die Abschnitte des Berliner Vertrages, auf die Sie hinweisen, sind durch die Verschiebungen im nahen Osten keineswegs hinfällig geworden und bleiben fÜF alle Territorien, auf die sich die betreffenden Abschnitte zur Zeit des Vertragsschlusses bezogen, weiter in Geltung. Die königliche Regierung wird sich jedoch mit den anderen Mächten beraten, in welcher Weise die Garantien des Berliner Vertrages für einen Schutz der religiösen und sonstigen Freiheit der in jenen Gebieten in der Minderzahl vertretenen Bevölkerungselemente erneut werden können, sobald die Frage der formellen Anerkennung der jüngsten' Besitzverschiebungen auf der Balkanhalbinsel seitens der Mächte zur Entscheidung gelangt.“ Es ist damit freilich noch nicht gesagt, daß, selbst wenn die Großmächte von den Balkanstaaten neue Zusicherungen in dieser Angelegenheit erlangen, in der Sache selbst etwas Wesentliches erreicht ist. Man kann aber dennoch darauf rechnen, daß eine von den Großmächten gemeinsam abgegebene Erklärung und eine von ihnen ausgeübte Kontrolle über die tatsächliche Durchführung der Bestimmungen des Berliner Vertrags ihre Wirkung nicht verfehlen würde. Werden die jüdischen Teilnehmer an dem jüngsten rumänischen Feldzuge naturalisiert werden? Die rumänische Regierung läßt durch die offiziöse Presse verkünden, der Ministerrat habe beschlossen, sofort Erhebungen wegen der Juden, die am jüngsten Kriege teilgenommen haben, anzustellen und in einer Gesetzesvorlage ihre Naturalisation zu beantragen. ln einem erstaunlichen Widerspruche zu dieser halbamtlichen Meldung steht eine Geheimorder des rumänischen Generalstabs an die Regimentskommandeure, deren vollen Wortlaut sich die rumänische Zeitung „Scara“ verschafft hat und unter der Ueberschrift: „Ein Akt der Undankbarkeit. Die Mobilisierung und die Juden“ veröffentlicht. Diese Oeheimorder enthält ü. a. folgende Anweisungen: „Die Kompagnie-Kommandeure müssen die Gesinnung der nicht-rumänischen, besonders aber der jüdischen Soldaten genau kennen zu lernen suchen. Entsprechend einer früher erteilten Order bleibt es weiter wünschenswert, daß Juden nicht befördert werden. Um jedoch keine Mißstimmung hervorzurufen, müssen Sie Ihre Meinung über die jüdischen Soldaten möglichst geheimhalten; es darf nichts veröffentlicht werden, woraus sie ersehen, daß wir an ihrem guten Willen zweifeln. Wenn Sie es für notwendig halten, Soldaten von nicht-rumänischer Abstammung zu befördern, so sollen die Gründe hierfür "in..-einem vertraulichen Bericht angegeben werden.“ Gründung "eines jüdisdien Gesangvereines. Unter Leitung des Herrn Gesangprofessors Artur Wolf hat sich, ein jüdischer Gesangverein konstituiert, welche Idee sich bereits zahlreiche Sympathien erworben hat. Da sich gerade unter uns Juden ein hoher Prozentsatz stimmfähiger Leute befindet und da-an gedacht wird,' diese Idee auch, und zwar möglichst großzügig, zu verwirklichen, so werden sangeslustige. Herren eingeladen, sich zu. beteiligen. Anmeldungen und Uebungsabende jeden Die~stag,. 8 Uhr abends im „Industriellen-Cafe“, L, Cöncordiaplatz. :

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