Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 44 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Keine Bewegung, sei sie nun wirtschaftlicher oder geistiger, sozialer oder nationaler Natur, kann der Presse entra,teni Ganz besonders trifft dies auf uns Juden zu. Wir sind von jeher ein geistiges Volk gewesen, das fast gar keine Analphabeten in seinen Reihen zählt; ein Volk — nannte man es doch schon vor Jahrtausendendas „Volk der Schrift“ — das auf das geschriebene Wort großes Gewicht legt. Man spricht ja auch! allgemein nicht nur von der Verjudung der Literatur, vielmehr auch von einer Judenpresse, deren Boykottierung bei jeder deutschnationalen und christlichsozialen-Tagung <ler -2kthörer5Ghaft~angele- - gentlichst ans Herz gelegt wird. Wir Wissen genau, was wir von dieser Judenpresse zu halten haben. Sie steht im Dienste fremder Ideen, fremder Bestrebungen, die sehr oft den Interessen des jüdischen Volkes zuwiderlaufen. Geschieht uns auch himmelschreiendes Unrecht, werden uns auch blutige Wunden geschlagen, sie schweigt. Nur hie und da — bei der erschütternden Tragödie eines Beilis-Prozesses — rafft sie sich auf und tritt für die Menschenrechte der Juden ein. Im alltäglichen Leben jedoch, obwohl für ihr ganzes Verhalten die Juden verantwortlich gemacht werden, kennt sie das jüdische Volk nicht. Und betrachten wir die jüdisch-konfessionelle Presse, so entrollt sich vor unseren Augen ein trostloses Bild. Die meisten von diesen Blättern stehen im Solde der an der Spitze der jüdischen Großgemeinden herrschenden Klüngel. Ihr Programm heißt Assimilation an das deutsche, französische, ungarische Volk, je nach den örtlichen Verhältnissen. Die meisten dieser Blätter haben für die großen jüdischen Fragen, vor allem aber für die Judenfrage überhaupt kein Verständnis. Ihr enger Gesichtskreis beschränkt sich auf die Trauung der Tochter des Herrn Großkaufmannes X. Y. in der Seitenstettengasse, die freundliche Aeußerung des siamesischen Kronprätendenten über die redliche Gesinnung der Israeliten und die großen Feierlichkeiten anläßlich der Synagogenweihe in Hotzenplotz. Bedenken wir all dies, so erkennen wir, daß die Bedeutung der jüdischen Presse gar nicht hoch genug einzuschätzen ist. Wenn ,wir auf die Jahre voll Kämpfe und Siege, Arbeit und Fortschritt zurückblicken, da sehen wir staunenden Auges, welch' Machtmittel die Presse 'in unserer Hand geworden ist, welche Leistungen sie für die jüdische Volksbewegung vollbracht hat. Wie einst zu Zeiten der Dreyfuß-Affäre <von (den Spalten einer großen Pariser Tageszeitung das machtvolle „J’accuse“ von Emil Zola erbrauste, so ertönt auch in der jüdisch-nationalen Presse stets ein mannhaftes, offenes Wort, das auch in jene Kreise einzudringen vermag, die sich dem lebendigen Worte verschließen. Wer besorgt die Aufklärung der jüdischen Massen? Zweifelsohne die in allen Sprachen der Diaspora erscheinende jüdische Presse. Wer verbreitet am wirksamsten den jüdischhationalen Gedanken? Wer hat den Palästinagedanken zu neuem Leben erweckt? Wer hat für die Hebräisierung gekämpft? Wer hat gegen die Korruption in den jüdischen Gemeinden und Organisationen Stellung genommen? Wer hat das jüdische Publütum gelehrt, die Dinge vom jüdischen Gesichtswinkel aus zu betrachten? In erster Reihe die j’udische Presse. ’ Aber trotz dieser unvergänglichen Verdienste’ ist die jüdische Presse nicht auf Rosen gebettet. Im Gegenteil. Sie hat nicht nur nach außen den Kampf zu führen, sie stößt auch bei der eigenen Gemeinde auf Schwierigkeiten. Trotz der erfolgreichen Arbeit, die sie jahraus, jahrein leistet, wird ihr bei weitem nicht die Förderung zuteil, die ihr billigerweise zukommt. Gar viele, selbst die, die über eine nichtssagende Floskel im Assimilantenblatte in Verzückung geraten, glauben an dem zionistischen Organe bei jedem passenden und unpassenden Anlasse ihre Kritikerfähigkeiten üben zu müssen. Gar viele, statt das Blatt, das auch ihr Blatt ist, mit allen Kräften zu fördern, stehen ihm nur als strenge Zensoren gegenüber, die jedes Wort auf die Goldwage legen. Statt dieser Presse, die den ersten Typus des wirklich anständigen jüdischen Blattes schuf, die Mittel an die Hand zu geben, damit sie sich entwickeln könne, gibt es leider manche, die dem erstbesten Zionistenfresser gegenüber treuherzig erklären: Ja, sie haben recht. Ich identifiziere mich auch nicht mit dem Blatte! Da muß jedoch Wandel eintreten. Der in der letzten Zeit in Wien abgehaltene Kongreß, die Nationalisierung des jüdischen Volkes, unsere iSprächbewegung, die Palästinaarbeit und noch vieles mehr, stellen uns vor schwere, große Aufgaben, deren wir uns nur mit der Hilfe unserer Presse in zufriedenstellender Weise entledigen können. Wir bedürfen dringendst unserer Blätter, den wir wären mundtot, unsere Arbeit wäre lahmgelegt, wenn eines Tages die jüdischen Blätter zu erscheinen aufhörten. Das jüdischnationale Blatt ist sozusagen das Fenster, durch das wir zum Volke hinaus sprechen. Dieses Fenster | muß breit geöffnet werden, damit alle, J die draußen stehen, unser Wort vernehmen. Es ist Ehrenpflicht aller gesinnungstr'eüen Nationaljuden, unsere 'Presse zu fördern, denn ihr Wachsen und Gedeihen bedeutet das Erstarken und den Fortschritt unserer Bewegung, die weiteste Verbreitung unserer hehren Idee! L. B. betipermafiFegelung öurdi das Präsidium der Wiener Rultusgememde. In der letzten Nummer unseres Blattes haben wir die Mitteilung gebracht, daß fünf Lehrer des Jüdischen Taubstummeninstuts, welche an einigen Schulen als Religionslehrer der Kultusgemeinde viele Jahre hindurch in Verwendung standen, plötzlich vor Beginn des Schuljahres entlassen wurden, ohne daß ein ordentliches Verfahren gegen sie eingeleitet worden wäre. Die „Freie jüdische Lehrerstimme“, ein gewiß sehr maßvolles Blatt, dem wir diese Nachricht entnommen haben, hat mit Recht diese Maßregelung aufs schärfste kritisiert. Die von uns ausgesprochene Vermutung, daß die betroffenen"5 Lehrer ganz einfach davongejagt wurden, ohne daß auch nur ein engerer Ausschuß des Kultusvorstandes, die Entlassung beschlossen hätte, hat sich vollauf bestätigt. Durch einen solchen Vorgang soll offenbar das Ansehen des jüdischen Religionslehrerstandes gehoben werden! Den näheren Sachverhalt erfährt man aus einer Interpellation, welche die zionistischen Kultusvorsteher Dr. Jakob Ehrlich und Oberingenieur Robert Stricker in der Sitzung des Kultusvorstandes vom 29. d. M. überreicht haben. Dieser Interpellation entnehmen wir folgende Stellen: In einem Artikel der Zeitschrift „Freie jüdische Lehrerstimme“ vom 15. Oktober 1913, der in der letzten Nummer der „Jüdischen Zeitung“ nachgedruckt wurde, wird die Mitteilung gemacht, daß 5, beziehungsweise 7 Lehrer des Allgemeinen Oesterr. Isr. Taubstumlmeninstitutes in Wien, vom Kultusvorstand dadurch gemaßregelt worden sind, daß von ihrer bisherigen Verwendung im israelitischen Religionsunterrichte und beim Jugendgottesdienste für das Jahre 1913/14 Abstand genommen wird. Die genannten Zeitschriften berichten auch über eine vom Lehrerverband gefaßte Resolution, in welcher hauptsächlich darüber Beschwerde geführt wird, daß Lehrer, von denen einige schon Jahrzehnte lang in den Diensten der Kultusgemeinde stehen, plötzlich vor Beginn des Schuljahres ohne Einleitung eines ordentlichen Verfahrens aus den Diensten der Kultusgemeinde entlassen werden. Die Protokolle der Sitzungen des Vertreterkollegiums beweisen, daß diese Darstellung richtig ist. In der Sitzung des Vertreterkollegiums vom1 11. September 1913 hat Herr Vizepräsident Dr. Gustav Kohn berichtet, daß er die Verfügung getroffen habe, es seien die Lehrer Eduard Brüll, David Steinbach, Salomon Kohn, Moritz Wolf, Heinrich Stern in den oberwähnten Stellungen nicht mehr zu beschäftigen, daß dieser Bericht zur Kenntnis genommen wurde und daß überdies beschlossen wurde, es sei diese Verfügung auch auf die Lehrer Berkun und Weißmandel zu erstrecken. In der Sitzung des Vertreterkollegiums vom 19. .Oktober 1913 wurde beschlossen, es sei gegen die Lehrer Brüll, Steinbach, Kohn, Wolf, Stern keine Disziplinaruntersuchung einzuleiten und es wurde weiter beschlossen, es