Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 43 (22.10.1913)
- Date
- 1913-10-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ii HJ Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 43 in denen nur religiöse Disziplin gelehrt werden. Die hebräischen Sdiulen entbehren jedoch bisher einer einheitlidien obersten Leitung. Es besteht zwar ein Verein der hebräischen Schulen Galiziens und der Bukowina sowie ein Verband der hebräischen Lehrer Oesterreichs, dodh ist es diesen Organisationen nodi nidit gelungen; das hebräische Schulwesen einheitlich zu gestalten und ihm ein festeres Gefüge zu geben. Nunmehr hat die Organisation für hebräische Sprache und Kultur (Histadrutli Ibrith), deren Zentrale sich in Berlin befindet, beschlossen, den hebräischen Schulen Galiziens ihr besonderes Augenmerk zuzuwenden. Inihrem Aufträge bereist gegenwärtig der Leiter der jüdischen Schule in Saloniki und bekannte Schriftsteller Isaak Epstein Galizien, um die hebräischen Schulen des Landes zu inspizieren und in die dortige hebräische Sprachbewegung mehr Leben zu bringen. Herr Epstein hat bereits die Sdhulen in Bielitz-Biala, Chrzanow, Krakau, Rzeszöw, Przemysl, Stanislau und Drohobycz besucht Das im Vorjahre begründete hebräische Lehrerseminar in Lemberg eröffnet soeben seinen zweiten Jahrgang. Im verflossenen Jahre waren sämtliche Zöglinge im Seminarinternat untergebracht Anfang dieses Schuljahres wurde in Lemberg ein hebräischer Kindergarten unter Leitung des Herrn Baruch Berkovits eröffnet. * jüdisches Filmdrama von Felix Salten. Auch Felix Salten hat nun dem Kino seinen Tribut gezollt Im Uniontheater in Berlin wurde dieser Tage einem geladenen Publikum sein Film „Der Shylock von Krakau“ vorgeführt, den er ein Mimodrama nennt Ein besonders berufener Darsteller des Shakespeareschen Shylock, Rudolf Schildkraut,' mimte auch diesen Shylock innerhalb des ebenso ungewöhnlichen als interessanten alten Krakau und seines Judenviertels. Man kann sidi schwerlich einen wirkungsvolleren Hintergrund für die packenden Vorgänge denken. Rahel, die älteste Tochter des Celdverleihers Isaak Lewi, entnimhit, aus Liebe zu einem der adligen Kunden ihres Vaters, dem väterlichen Geldschrank ihre Mitgift und entflieht mit dem Geliebten nach Berlin. Hier verläßt sie der Galan, nachdem alles Geld ausgegeben ist und sie kehrt reumütig und totkrank ins Vaterhaus zurück. Der alte Lewi kann die Schande und den Verrat der Tochter nicht verwinden. Zerfallen mit Gott und den Menschen bricht er zusammen und wird nun ein Shylock: sein Haß gilt den Leuten, aus deren Mitte der Räuber seiner Tochter stammte. Er freut sich der Verzweiflung, die seine Unbeugsamkeit über die jungen Lebemänner bringt, die jetzt vergeblich Darlehen von ihm fordern; den Armen aber spendet er mit vollen Händen, da trifft ihn die Nachricht von der Heimkehr seiner Tochter Rahel; aber er weigert ihr die Verzeihung. Erst als er sein Kind auf dem Totenbette vor sich liegen sieht, vergibt er ihr und schließt ihr die Augen. Einzelne Szenen, so ein Sabbatabend in der Familie und der feierliche Gottesdienst in der Synagoge geben Gelegenheit, zahlreiche Typen des Krakauer Ghettos in frappierender Echtheit vorzuführen. Judenfeindiiche Boykotthetze in Galizien. Die Antisemiten Galiziens sind seit langem bemüht, einen wirtschaftlichen Boykott gegen die jüdische Bevölkerung nach dem Muster der schändlichen Boykottbewegung in Russisch- Polen ins Werk zu setzen. Infolge der Fusion der Allpolen mit den Christlichsözialen hat nun die judenfeindiiche Agitation in letzter Zeit eine ungeahnte Ausdehnung gewonnen und droht einen gefährlichen Charakter anzunehmen. Das Hauptorgan der Antisemiten, der „Glos Narodu“, hat vor einiger Zeit offen zur rücksichtslosen Boykottierung der Juden, dieser „Erzfeinde der polnischen Nation'4, aufgefordert und gibt jetzt eine Broschüre unter dem Titel „Ein Pogrom gegen das polnische Volk“ heraus, die einen getauften Juden zum Verfasser, hat In der Broschüre wird ausgeführt, die Juden gingen auf die Vernichtung und Erdrosselung des polnischen „kleinen Mannes“ aus und es sei ein Akt der Notwehr, wenn das polnische Volk alle wirtschaftlichen Beziehungen zu den „jüdischen Blutsaugern“ abbreche. Bisher sind die Behörden gegen die Verbreitung der aufreizenden Broschüre nicht vorgegangen und man fragt sich in jüdischen Kreisen besorgt, wohin es führen soll, wenn dieser skrupellosen, niederträchtigen Hetze weiterhin Tür und Tor geöffnet bleibt « Die Fruchtbarkeit der Juden. Ueber dieses Thema schreibt der Nervenarzt Dr. Hoppe: Ob neben dem Zweikindersystem das Hinaufrücken des Heiratsalters in den letzten Jahrzehnten, auch eine Folge der veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse, die dem dabei besonders in Betracht kommenden Mann erst verhältnismäßig spät die Heirat ermöglichen, wesentlich zur Herabminderung der Geburten beigetragen hat, wie mit Theilhaber auch Segall anzunehmen scheint (Berufsu. soz. Verhält, 18), mag dahingestellt bleiben. . Bei den den Neumalthusianismus verpönenden orthodoxen Juden, die aber in Deutschland und in den andern Ländern des Westens verhältnismäßig gering an Zahl sind, wird vielleicht das Hinaufrücken des Heiratsalters, dem auch sie unterworfen, sind, durch die Verkürzung der. Fruchtbarkeitsdauer herabmindernd auf die Zähl der Geburten; wirken, bei den übrigen Juden aber, die ja zum großen Teil dem Zweikindersystem huldi-' gen, ist, da die wenigen Kinder doch meist in den ersten Jahren der Ehe geboren werden,; das Hinaufrücken des Heiratsalters ohne Be-; deutung. Wesentlicher ist die ebenfalls der jüdi-! sehen Tradition entgegenstehende steigende Zu-; nähme des Junggesellentums, das besonders durch das Großstadtleben begünstigt und er-! leichtert worden ist.. Auch hierin übertreffen die Juden, da sie zum überwiegenden Teile Groß-; Stadtbewohner sind und in stärkerem Maße den wohlhabenden Ständen angehören, in denen das Junggesellentumebenso wie das spätere Heiratsalter besonders verbreitet sind, die übrige Bevölkerung. So waren schon 1880 in Frankfurt a. M. von den männlichen Personen über 15 Jahren bei den Juden 51,69%, von der Gesamt- Bevölkerung nur 47,20°/o ledig (Zschr. Dem. 1910, 144). In Berlin waren am 1. Dezember 1900 von den männlichen Juden über 20 Jahre 48,38%, von den männlichen Christen entsprechend nur 39,62% ledig (Ruppin, 74). In Kopenhagen (Ruppin, ib.) waren ledig von den Männern im Alter von 20—25 Jahren . . . 25—30 „ .. . . 30-35 „ ... . 35—40 „ . . . 40—45 „ . . . bei den Juden Ges.-Bev. . 92,4% 89,0% . 56,3% 47,2% . 38,7 % 24,5 % . 26,1% 16,5 o/o . 16,2 o/o 12,6 o/o In München waren am 1. Dezember 1900 männliche Personen;ledig (Tyszka, Zschr. Dem. 1907, 59): im Alter von Juden Christen 16—30 Jahren .... 9,4o/0 8,5o/0 31—50 „ .... 29,3o/o 23,2o/o 51—70 „ .... 10,6 o/o 11,0 o/o Von Frauen waren umgekehrt wesentlich weniger Jüdinnen als Christinnen ledig, von 16 bis 30 Jahren z. B. 63,7 gegen 73,8, von 31 bis 50 Jahren 12,9 gegen 24,6%. In Hessen waren ,1900 (Ruppin, Zschr. Dein, 1907, 171) von den über 20 Jahre alten männlichen Personen leidig, bei ,den Juden.37,7 gegen 31,3o/o in der Gesamtbevölkerung, Frauen 28,2 gegen 24,8»/o. 7 , In Italien endlich waren 1901 unter den über 51 Jahre alten Personen ledig (Zschr. Dem. 1905, I, 14): Juden Ges.-Bev. Männer . . ... . . 43,8% 39,0% Frauen ....... 36,8o/o 31,So/o Beim weiblichen Geschlecht sind die Unterschiede nur gering.; Dazu kommt noch, daß die unehelichen Kinder von männlichen Juden, die wohl zum größten Teile mit Christinnen gezeugt werden, im wesentlichen dem Christentum zufallen, während die unehelichen Kinder von Christen fast ausschließlich dem Christentum verbleiben. Sicher wird dadurch die Geburtenrate der Juden zu Gunsten der Christen ungünstig beeinflußt, und zwar in zunehmendem Maße, je mehr das Junggesellentum bei den Juden zunimmt und1 das Heiratsalter hinaufrückt. Der XI. Zionistenkongreß im Kino. Der „Jüdische Turnverein Favorite n“ veranstaltet Donnerstag, den 30. d. M. eine Kino-Variete - V orstellung in den Rosen sä len, X., Favoritenstraße 89. Bei dieser Vorstellung wird außer dem übrigen reichhaltigen Programm auch die Filmaufnahme des XI. Kongresses sowie des Turn- und Sportfestes auf der Hohen Warte vorgeführt werden. Viele Gesinnungsgenossen werden hoffentfentlidi die Gelegenheit, diesen Film zu sehen, gerne benützen, umsomehr, als der Reinertrag dieser Veranstaltung dem Turnhallenbaufonds unserer braven „Favoritner“ zufließt. Karten zu K 1.20, 60 und 40 Heller an den Turnabenden im Turnlokal, X., Laxenburgerstraße 8—10 (Arbeiterheim) oder auf telephonische Bestellung (Telephon 4658). Aufruf. An die jüdischen Frauen und Mädchen! Vor wenigen Tagen erst ist in Wien zum ^ersten Male ein Zionistischer Kongreß zusammengetreten. Zum ersten Male hat man in Wien das. imposante und erhebende Schauspiel erlebt, daß 10.000 unserer Brüder und Schwestern von einem und demselben Gefühl geleitet, aus allen Weltteilen zusammenströmten, um hier den XI. Zionistischen Kongreß abzuhalten, um hier vor aller Welt ihre Solidarität mit den großen 2 Ideen des Zionismus kundzugeben. Wer die unvergeßliche Eröffnung des Kongresses in der großen Katharinnenhalle erlebt, wer den Sitzungen und Beratungen beigewohnt, wer einen Einblick gewinnen konnte in die segenreiche Tätigkeit, welche der Zionismus .in Palästina entfaltet, wer den Aufmarsch von 1500 jugendlichen zionistischen Turnern und deren Glanzleistungen auf der Hohen Warte bewundern konnte, der mußte und wäre ihm der Zionsgedanke bislang ganz fremd gewesen, die tiefe Ueberzeugung gewinnen, daß derselbe keine leere Phrase, kein inhaltloser Begriff, sondern eine Notwendigkeit, eine eiserne Notwendigkeit für die Zukunft unserer jüdischen Jugend, d. h. für die Zukunft unseres Judentums ist. Es ist uns an dieser Stelle leider nicht möglich, ausführlich über den großen ethisch-moralischen Wert des Zionismus und die unübersehbare Bedeutung desselben inrein praktischer Hinsicht zu sprechen. Wir möchten nur in, letzterer Richtung auf die während des Kongresses stattgefundene Ausstellung des Bezalel und Spitzenschulen des Frauenverbandes liinweisen, in welchen junge Leute beiderlei Geschlechts unter streng fachmännischer Leitung im Teppichknüpfen, Metall- und Silberarbeiten, -Holzschnitzereien, Mosaik- und Spitzenarbeiten nach eigenen Entwürfen unterrichtet werden. Wer diese in aller Stille von jungen jüdischen Händen geschaffenen kleinen Kunstwerke sehen und bewundern konnte, der weiß jetzt, teilweise nur was der Zionismus im fernen Osten in praktischer Richtung leistet. Landwirtschaftliche, in stetigem; Aufblühen befindliche Kolonien und Farms wurden geschaffen; aus ihrer bisherigen stiefmütterlichen Heimat, Rußland und Rumänien vertriebenen und nach Arbeit dürstenden, der Verzweiflung nahen Juden, wurden Ackerbauer und Landwirte herangebildet. In Jerusalem und Jaffa sind Gymnasien entstanden und in Haifa eine technische Hochschule. Alit Stolz verweisen wir auf unseren Nationalfond und unsere Banken, als Instrumente höchst wirtschaftlicher Bedeutung für die weitere Entwicklung unserer Arbeit in Palästina. Dank der Munifizenz einzelner Zionisten ist die Basis zur Errichtung einer jüdischen Universität in Palästina gegeben worden. Doch alles was bisher getan wurde, ist ein Tropfen im Meer, im Vergleich mit dem, was geleistet werden könnte, was geleistet werden müßte. Und so wenden wir uns an euch, jüdische Frauen und Mädchen, mit der innigen Bitte, sich uns anzuschließen und unserem seit Jahren nach Kräften wirkenden zionistischen Frauenverein beizutreten. Mit euch vereint, kön- : nen wir hoffen, -in viel umfangreicherem Maße als bisher, unseren idealen und praktischen Zielen gerecht zu werden. Der Ausschuß des Zionistischen Frauenvereines Wien. Vereinssitz: IX., Porzellangasse (Cafe City, Damensalon), woselbst jeden Montag von 4 bis 6 Uhr abends Anmeldungen entgegengenommen und jedwede Auskunft bereitwilligst erteilt werden. Jahresbeitrag K 5.—. JAKOB PIIAS im Neubau des T^. HOTEL NEW-YORK TV2 Wien, II., Kleine Sperlgasse b bietet den P. T. Gasten allen Komfort. — Küche und Keller sind als erstklassig bekannt. Elegante und geräumige Lokalitäten. Hochzeits¬ und Festbankette werden bestens arrangiert. aus der Fabrik L. T. Piovati Central-Verkauf: MAX LUSTIG, WIEN I., Adlergasse 3. I., Franz Josefs-Quai 19. Versandt nach dem In- und Auslande. . Solideste Bedienung. Preiskurante gratis u. franko. •CSa«CK>»CK>*GJK>*CK>«CK>«CK>GK>« Tanz - Institut f § für distinguierte Kreise § | II., Taborstraße Nr. 20 a.! g Direktion: Jacques Löw. § §Die P. T. Studierenden sowie Korporationen 2 genießen Honorarbegünstigungen. g 7877