Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 36 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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L Nr. 36 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 langen einen wahrhaft tiefen, tätigen und intensiven, auf das Wohl des jüdischen Volkes bedachten Geist, der auch in kleinen Dingen große Zukunftsmöglichkeiten erkennt. Gilt es doch, Schritt für Schritt in Palästina einen friedlichen Kampf der Lebensinteressen auf de^ festen Boden der Wirklichkeit auszufechten. Zweifellos ist die Arbeit eine schwierige, aber sie Imuß gemacht werden. Unübersteiglich erscheinen zuweilen Hindernisse, die sich uns in den Weg stellen. Mit diesen Hindernissen müssen wir aber ringen und sie überwinden, wir müssen in zähem Streben den Weg ebnen, auf dem wir zur Höhe gelangen werden. Hierfür imüssen wir stark sein und dürfen unsere Willenskraft (und unseren Opfermut nicht ermatten lassen. Deshalb sind auch Kongresse notwendig, denn von ihnen geht ein suggestiver Einfluß aus. Ein Kongreß bringt fruchtbare und nützliche Anregungen und den Zusammenschlub kleiner Einzelwillen zu einer großen, machtvollen Einheit. Bei jedem Kongreß empfinden wir neue Kraft zum Vorwärtsstreben und deshalb ist auch jeder Kongreß eine neue Etappe auf 'idem Wege nach aufwärts. Unser Hauptaugenmerk wird also in Zukunft (noch Imehr als bisher auf die Arbeit in Palästina gerichtet sein. Selbstverständlich ist der Acker- und Gartenbau das Arbeitsgebiet, (dem die vorderste Stelle und der breiteste Raum gebührt. Dazu gehört einerseits der Bodenkauf im Interesse der Gesamtheit, wobei vor allem unser sich glänzend entwickelnder Nationalfonds tätig ist, anderseits die Ermöglichung der Ansiedlung arbeitstüchtiger Elemente, und zwar durch Belehrung, Schaffung von Arbeitsgelegenheit und Behausung, Parzellierung und Meliorierung des Bodens, Siedlungs¬ und Arbeitsgenossenschaften, Förderung landwirtschaftlich-kolonisatorischer Unternehmungen aller Art. Alle diese Bestrebungen haben sich allmählich herausdifferenziert und ein Teil derselben konnte bereits in besonderen Institutionen zentralisiert werden. Die Jemeniteneinwanderung hat ein förderliches nationales Element dein Lande zugeführt und bildete den Gegenständ unserer eifrigsten Fürsorge. Diei Achusa-Bewegung ist eine praktische Errungenschaft Von hervorragender Wichtigkeit, ein Werk der jüngsten Zeit, von dem wir nicht nur nützliches, sondern auch qualitativ sehr bedeutendes erwarten. Die Palestine Land Development Company steht als Instrument für Bodenkauf und Parzellierung im Mittelpunkt unserer ländlichen .Kolonisationsarbeit, wobei unsere Banken im Verein mit dem Nationalfonds durch Kreditgewährung große Dienste leisten. Auch der Heranbildung jüdischer Frauen zur Landwirtschaft durch die Mädchenfarm am Kinerethsee sei an dieser Steile rühmend gedacht. (Beifall.) Die Förderung von Handel und Industrie 'gehört zwar mehr in das Gebiet der Privatinitiative, doch sind auch hier unsere Finanzinstitute von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Der B e z a 1 e I, unsere Kunstgewerbeschule in Jerusalem, der in eine neue Aerai seiner organisatorischen Einrichtung getreten ist und der Fr a u e n ve r b a n d, der für die Förderung unserer Frauenarbeit in Palästina Wichtiges leistet, haben ihre Tätigkeit erweitert. Auf kulturellem Gebiete haben die Lehrerorganisation Merkas Hamorim und der wissenschaftliche Sprachverein Waad Halaschon sich wichtigen nationalen Aufgaben gewidmet. Ein dringendes Postulat, die Sanierung Palästinas, ist das Ziel des kürzlich entstandenen^ internationalen Gesundheitsamtes in Palästina, an dem Zionisten wie Nathan Strauss und der Verein Jüdischer Aerzte und Naturwissenschaftler hervorragend beteiligt sind. Alle diese Institutionen werden von unserer palästinensischen Exekutive, dem Palästinaamt, gefördert und gestützt. Dieses schafft den innigen Kontakt und den kräftigen Zusammenhang für sämtliche Arbeitsgelegenheiten im Lande. Unsere Sache wird es sein, diese mannigfachen Keime zu pflegen und zur vollen Reife zu bringen. Von einer Zersplitterung unserer Kräfte kann hierbei keine Rede sein, denn alles dies sind notwendige Teile eines großen, einheitlich funktionierenden Gesamtorganismus, bei dem es nicht angängig ist, ein Glied einseitig zu fördern und dabei die Entwicklung anderer zu vernachlässigen. (Beifall.) Zahlreich und schwerwiegend sind die Aufgaben, für deren gedeihliche Lösung wir auf Ihre einsichtsvolle Mitarbeit rechnen. Erfreulicherweise hält sich unser Budget in Einnahmen und Ausgaben im Gleichgewicht, obwohl wir mehr Aufwendungen als bisher zur BefriedN gung organisatorischer, nationaler und kultureller Aufgaben machen mußten, aber unsere Aufgaben wachsen, und wir haben die unabweisliche Verpflichtung, unseren Haushalt auf eine sichere Basis zu stellen. Der Kongreß wird sich damit zu beschäftigen haben, wie die Mehrung und Sicherheit der Geldmittel für kolonisatorische, palästinensisch kulturelle und organisatorische Aufgaben bei gesunder Finanzgebarung zu erreichen sei. Auch die Erweiterung der Tätigkeit und der Leistungsfähigkeit der Palestine Land Development Company durch starke Kapitalvermehrung wird zu den aktuellen Fragen des Kongresses gehören. Ferner werden Sie sich mit der Idee der Gründung einer Universität in Jerusalem befassen. Durch die Verwirklichung dieses gewaltigen national-kulturellen Gedankens k-önnte eine Pflanzstätte allgemeiner und jüdischer Wissenschaft in der ältesten und würdigsten Kulturstadt der Welt, in unserem Jerusalem, geschaffen werden. (Stürmischer, sich immer wiederholender Beifall.) Wir haben im Verlaufe der verflossenen Kongreßperiode unsere besondere Aufmerksamkeit der Propaganda zugewendet. Unser Streben war dahin gerichtet, in der ganzen Welt Aufklärung über den Zionismus zu verbreiten. Diese Arbeit war fruchtbringend und unsere Erfolge erfüllen uns mit großen Hoffnungen für die. Zukunft. Ueberall ist ein Aufschwung zu bemerken, allerorts zeigen sich starke Impulse und vielverheißende Ansätze. Den alten Arbeitskräften haben sich neue zugesellt. Wir dürfen ohne Uebertreibung sagen: der Zionismus steht jetzt im Vordergründe aller jüdischen Interessen. Aut viele wirkt er direkt und bewußt ein. Andere zieht er durch sein Beispiel heran. Wieder andere zwingt er, durch den Gegensatz zu ihnen zu bestimmter Stellungnahme und dadurch zur Vertiefung ihres jüdischen Empfindens. Aber die Kraft der Opposition, die uns entgegentritt, ist gebrochen. Sie verschanzt sich nur noch hinter Vorurteilen und ist gezwungen, sich einen Zionismus eigener Erfindung zu konstruieren, um ihn bekämpfen zu können. Der wahre Zionismus ist für ihre Geschosse nicht erreichbar. Erlösend und triumphierend schreitet die Zionsidee durch die Diaspora, jeden Zweifel beseitigend, jeden Widerstand brechend. Dieser Kongreß beweist am deutlichsten die Macht und den Fortschritt unserer Sache. Sie alle, die Sie von nah und fern gekommen sind, begrüßen wir aufs herzlichste. Sie repräsentieren die Hunderttausende, die hinter Ihnen stehen, unsere stillen, opferfreudigen Mitarbeiter, denen es nicht vergönnt ist, hier unter uns zu sein. Aber ihre zahllosen Begrüßungen geben den vollgiltigen Beweis, daß sie mit ihrem Hoffen und Sehnen bei unseren Arbeiten verweilen. Es freut uns besonders, so zahlreiche Delegierte aus dem Lande zu sehen, nach dem sich unsere Tätigkeit richtet, aus Palästina. Verehrte Kongreßmitglieder.’ Zu wichtigen Arbeiten sind Sie berufen, mit klarem Blick und warmem Empfinden für das jüdische Volk werden Sie an die schwere Arbeit herantreten, zu der Sie entsandt worden sind. Stets das Wohl unseres Volkes als Leitstern vor Augen, werden Sie in brüderlichem Zusammenwirken das Vertrauen Ihrer Auftraggeber rechtfertigen. Möge der Erfolg die Bemühungen krönen! Zum Heil unseres Volkes, zum Fortschreiten und Gedeihen unserer Arbeit und unserer Idee. Der XI. Kongreß ist eröffnet! Nicht endenwollender Beifall und Tücherschwenken, Rosen und Nelken, von schöner Frauenhand auf die Estrade geworfen — Prof. Dr. Warburg mußte sich immer und immer wieder dankend verneigen. Die Verhandlungen. Zum XI. Zionistenkongreß sind bisher über 550 Delegierte und etwa 9000 auswärtige Gäste in Wien eingetroffen. Trotz der Größe der Stadt fallen die vielen fremden Gestalten im Straßenleben und besonders in den Restaurants und Cafes des ersten Bezirkes, in dem das Kongreßgebäude, das modern und schön eingerichtete Haus der Gesellschaft der Musikfreunde gelegen ist, auf und geben besonders dem Kämtnerring seit einigen Tagen ganz ihr Gepräge. Der Kongreß begann mit einer grandiosen Eröffnungssitzung in der Katharinenhalle. Eine endlose Reihe von Autos konnte sich nur verhältnismäßig langsam durch die Schönbrunnerstraße ihren Weg bahnen, der zu beiden Seiten von Hunderten von Menschen flankiert war. Den riesenhaften Saal der Katharinenhalle und ihre Galerien füllte eine festlich gekleidete Menge von über 6000 Personen, die den Rednern dieser ersten Sitzung des XI. Zionistenkongresses mit gespanntester Aufmerksamkeit folgte. Die Eröffnungsrede hielt der Vorsitzende des Engeren Aktionskomitees der zionistischen Weltorganisation, Professor Warburg, Berlin, der von der Versammlung, die sich beim Eintritt des Aktionskomitees von den Plätzen erhoben hatte, mit stürmischem Beifall begrüßt wurde. Wir veröffentlichen Warburgs Rede in extenso an anderer Stelle. Vor den beiden letzten Rednern begrüßten den Kongreß Dr. Karl Pollak, Wien, namens des westösterreichischen Zentralkomitees, dem der Kongreßort Wien zugehört, ferner Dr. Schreiber namens des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde Wien und Herr Leon Haim als Vertreter der türkisch-sephardischen israelitischen Gemeinde zu Wien. Prof. Warburg sprach den drei Vertretern der Wiener Körperschaften den Dank aus und betonte besonders, daß die Wiener Kultusgemeinde, wenn sie auch nicht zionistisch in ihrer Mehrheit sei, doch die palästinensischen Bestrebungen mehrfach unmittelbar unterstützt und somit ein Vorbild für sämtliche anderen jüdischen Gemeinden gegeben habe. Der zweite Redner des Abends, Nahum Sokolow, Mitglied des Engeren Aktionskomitees, sprach über die Lage der Juden jn den verschiedenen Ländern und es kam zu stürmischen Entrüstungskundgebungen, als er den bevorstehenden „Ritualmordprozeß“ in Kiew und den Boykott der Juden durch die Polen erwähnte. Wir werden Sokolows Rede in den nächsten Nummern veröffentlichen. Dr. Schmarja Lewin (Flaifa) hielt einen Vortrag in hebräischer Sprache über das neue Judentum in Palästina. Er gedachte besonders der ungeheuren Verdienste, die sich der Pariser Baron Edmund von Rothschild seit einem Menschenalter um die Kolonisation Palästinas erworben hat, der nicht nur ein ungeheures Vermögen in wahrhaft großzügig philanthropischer Arbeit an die Begründung der jüdischen Kolonien Palästinas I Photogra! E. Preiss, II., Karmeliterplatz 1 im Hause des Kongressbüros. 6 Visit K 4.—, 6 Kabinet K 8.—, Postkarten 12 Stück 3 Kronen. 10 Perzent fallen der zionistischen Organisation zu.