Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 28 (11.7.1913)
- Date
- 1913-07-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NnTjmL -jüdisches drgfin ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ “ refch-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für ■ Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telefon 22.075. || Nr. 28. Wien, Freitag, den ll. Juli 1913 VII. Jahrgang Hofrat v. Mipouirfi über die Gewalt« herrfdiaft der deutfdinationalen Rntife« miten an der Wiener Universität. Der Kampf, welchen die jüdischnationalen Studenten gegen den unerträglichen Uebermut der deutschen Antisemiten führen, hat endlich die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit auf die unhaltbaren und schändlichen Zustände an den . österreichischen . Hochschulen ge - lenkt. Von allen Seiten werden Stimmen laut, die energische Remedur verlangen. Es wird dagegen protestiert, daß ein Haufen verrohter Buben — denn nicht anders können die Weidhofener Prügelhelden bezeichnet werden — die höchste Lehrstätte und den akademischen Senat mit dem Stock in der Hand beherrschen. Wir wollen nicht von den jüdischen Entrüstungskundgebungen sprechen. Es ist ja nur zu selbstverständlich, daß die jüdische Bürgerschaft endlich erwacht und;an die Seite ihrer studierenden Sohne getreten ist. Aber es beginnt sich nunmehr auch in nichtjüdischeri Kreisen zu regen und Männer, denen man gewiß keine Vorliebe für jüdischnationale Studenten nachsagen kann, verdammen mit den härtesten Worten sowohl das terroristische Vorgehen der deutschnationalen Studenten, als auch die unwürdige, schwächliche und parteiische Haltung des Professorenkollegiums, welches gegen die sich verteidigenden jüdischen Studenten barbarisch vorgeht und vor den deutschantisemitischen Raufbolden förmlich kriecht. Die bemerkenswerteste Kundgebung dieser Art ist wohl die Aeußerung, welche Hofrat Eugen v. Philippovich, der berühmte Professor der Wiener Universität, Mitglied des österreichischen Herrenhauses und der Akademie der Wissenschaften, vor wenigen Tagen veröffentlicht. Dieser Mann, den schon seine Stellung, insbesondere aber seine Eigenschaft als deutscher Professor und Politiker vor dem Verdachte schützt, ein Gegner der deutschen und parteiischer Freund der zionistischen Jugend zu sein, schreibt am 6. Juli in der „Neuen Freien Presse“ mit Bezug auf die Wiener Universitätskrawalle : „Theoretisch ruht die Aufrechterhaltung der Disziplin und Ordnung unter den Studenten auf der Universität auf dem Gedanken, daß das Bewußtsein der hohen Aufgabe, welche die „hohe Schule“ zu erfüllen hat, jeden Studierenden erfülle und ihm von selbst die Pflicht auferlegt, die Räume der Universität als durch die Pflege gelehrten Wissens und hoher Ideale geheiligt anzusehen. Diese ideale Auffassung ist es, welche in den deutschen Gebieten die Disziplinarbehandlung auf jene erwähnten moralischen Pressionsmittel beschränkt hat und auch, von dem veralteten Karzer abgesehen, nur in besonders schweren Fällen ernsten ^Vergehens Verweisung von der Universität oder den Universitäten als letztes Mittel anerkennt. Was ' aber erleben wir? Leidenschaft, alle Gegensätze des Anstandes, der Sitten sind in einer Minderheit der Studenten entfesselt, die glaubt, daß sie mit Gewalt die Herrschaft über die Universität erlangen kann. Die Gegensätze beruhen nicht auf edlen Motiven, wer der Bessere, der zu Bevorzugende sei. Es ist der Haß gegen jene, welche an einen anderen Gott glauben, es ist die übertriebene Selbsteinschätzung wegen der Zugehörigkeit zu einer überlegenen Nation — deren Größe aber nicht auf solchen Sitten beruht — die angebliche Minderwertigkeit der anderen Rassen. Aber es gibt noch wichtigere Ziele: welchen Platz die eigene Gruppe einnehmen darf. Die Rampe, die Stiegen, diese und jene Ecke der Aula sind begehrte Plätze, auf denen man seinen Glanz und seine Stärke an Mitgliedern zur Schau tragen kann, um die mit Prügeln gekämpft wird, und der siegende Führer ist mindestens ebenso'-stolz wie der junge Grieche, der im Wettkampf in Olympia den Siegesbecher errungen hat. Wie ändern sich doch die Ideale! Draußen vor der Rampe steht die Polizei, beritten und zu Fuß, immer noch voll Achtung vor dem akademischen Boden und der akademischen „Freiheit“. Mag man sich dort so ungesetzlich wie möglich benehmen, die Polizei rührt sich nicht. Rund herum werden die Zugänge zu den weiteren Räumen der Universität abgesperrt, hilflose Diener stehen da, die sich nicht wehren können. So ist das Kampffeld eingeengt, ein Entkommen der Gegner nicht möglich und die Prügelei dafür um so intensiver. Oben tagt der ehrwürdige Senat. Er, nicht der Rektor entscheidet — ein großes Hemmungsmittel! Denn dem Senat ist schon längst die Macht aus den Händen geglitten. Seine Vertreter sind ernste Leute, denen das Unwesen unter ihnen ein Greuel ist, aber sie glauben in ihrem Idealismus noch an die Wirkung der oben geschilderten Tradition. Das sei nur eine radikale Minderheit, die im Jugendrausch Unsinn mache! Ja, es ist i atsache, daß sogar ein Mitglied mit den aufrührerischen Studenten sympathisiert und doch als Mitglied des Senats wirken darf!*) So werden die Uebeltäter, deren man aus Mangel an Machtmitteln niemals persönlich habhaft werden kann, mit Milde und mit Mahnungen behandelt. Das ist eine heute nicht mehr mögliche Methode, die Ordnung auf der Universität aufrechtzuerhalten. Ich verfolge die Entwicklung seit zwanzig Jahren. Der Zustand wird imirfer schlimmer und das Ansehen des Senats immer geringer. Es ist heute vorgekommen, daß anläßlich des Verlustes des Sportplatzes im Augarten eine Gruppe von Studenten mit unrich- *) Gemeint ist Professor von Sc h r ö d e r, I welcher sich öffentlich auf Seite der Antisemiten! gestellt hat. tigen Beschuldigungen gegen den Professorensportausschuß gearbeitet hat, und als man ihnen sachlich das Unbegründete ihres durch Druck verbreiteten Vorwurfes nachwies, weigerten sie sich, ihr Unrecht anzuerkennen. Sie gingen straflos fort! Was soll man dazu sagen, daß die deutschnationalen Studenten am 17. und 19. Mai die jüdischen mit Knütteln schlagen und der Senat darüber nur seinen Unmut ausspricht, privat der Rektor vielleicht den Studenten gegenüber schärfer urteilt, einen Monat später aber kundgibt, daß nach den Ergebnissen der Untersuchung die Haltung der deutschnationa1en Studenten in den Unruhen vom 17. und 19. M a i g ü n s t i g e r zu beurteilen ist, als es in der Kundmachung vom 19. Mai geschehen ist. Ja, um Gotteswillen, das ist doch gleichbedeutend mit einer Abdikation des Senats! Haben die Deutschnationalen also ein Recht darauf, die Jüdischen zu prügeln? Und der Dank für die Milde war, daß die Deutschnationalen, die sich ärgerten, daß sie ihre „Plätze“ nicht mehr einnehmen dürfen, den Studenten, welche ernsthaft ihre Studien nachgehen und in die den anderen versperrte Universität eingelassen werden, das nunmehr verwehrten. Sie ballten sich vor den gesperrten Eingängen, hinter denen die Diener die ernsten Studenten einlassen, zusammen und ließen diese nicht zur Tür kommen. Wenn wir bummeln,, sollen die anderen auch bummeln, war offenbar der Grundsatz. Und das Rektorat unterwarf sich eine Zeitlang machtlos dem Gebot und sistierte die Vorlesungen! Ist das nicht unerhört! Wer leitet denn eigentlich die Universität, der Senat oder der Ausschuß der Dcutschnationalen? Wenn nicht mit Ernst und mit größerer Strenge eingegriffen wird, dann wird das (Ansehen der größten deutschen österreichischen Universität nicht nur im Inland, sondern in der ganzen Welt sinken. Solch harte Worte hat wohl noch selten ein deutscher Professor gegen den Senat, welchem er angehört, und gegen die eigenen Volksgenossen geschleudert. Und dabei kann er den jüdischen Studenten gegenüber auch nicht den geringsten Tadel finden. Dieses Kunststück hat nurwie schon früher berichtet wurde, der Wiener jüdische Abgeordnete K u - randa getroffen, welcher sich im Parlament den Ausspruch leistete, daß die jüdischen Studenten durch ihre Haltung den Antisemitismus schüren. Der arische Professor konnte das nicht bemerken und sein Gerechtigkeitsgefühl zwang ihn, vorbehaltlos gegen die deutschnationalen Studenten Ste 11 ung zu nehmen. Die Worte des Professor Philippo - vich bilden ein wertvolles Mittel im Kampfe gegen die deutschnationale Gewaltherrschaft an unseren Hochschulen. Sie werden bei den Aktionen der jüdi- PhotograpH Nachim Chefex II., Taborstraße 41. Erstklassiges Atelier kQnstlerisdier RiAtung. Langjähriger Lieferant der Kultusgemeinde, empfiehlt sich den Kongreßmitgliedern für sämtliche in das Fach einschlagende Arbeiten auf das Beste. Das Atelier befindet sich im Parterre. Telephon 22195. * '(Y