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Jüdische Zeitung · 1913-05-30 · 22 (30.5.1913) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
22 (30.5.1913)
Date
1913-05-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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MXMX NRTIONH ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenauhtahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. 1. -- Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ® reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. “* ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. .15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telefon 22.075. ■ Nr. 22. Wien, Freitag, den 30. Mai 1913 VII. Jahrgang Zionistischer Zentralverein, Wien. II., Karmeliterplatz 1. ‘ Samstag, den 7. Juni 1913 findet in der Leopoldstadt eine große statt, in welcher der Generalsekretär der zionistischen Organisation KURT BLUMENFELD über den XI. Zionistenkongress referieren wird. Ort wird in der nächsten Nummer bekannt gegeben werden. Jüdifdiep Verrat. , Die deutschliberalen Kamillo Kuranda utid Dr. Julius Ofner sind die Vertreter. der Wienerv Judenschaft- ■ int Parlamente. Beide wurden in Bezirken mit überwiegender jüdischer Majorität gewählt und haben ausschließlich jüdische Stimmen erhalten.: Von beiden ist es längst bekannt, daß sie nur während ihrer Kandidatenzeit den jüdischen Standpunkt einnehmen, als Abgeordnete jedoch sich nie für jüdische Interessen engagieren. Nunmehr haben sie durch ihr Vorgehen anläßlich der Ueberfälle auf jüdische Studenten an der Wiener Universität bewiesen, daß von der Teilnabm'slosigkeit zum offenen Verrat nur ein Schritt ist. . In der Parlamentssitzung vom 27. Mai hat der Abgeordnete Kur an da erklärt, daß die jüdischen Studenten an den Skandalszenen an der Universität dieselbe Schuld tragen wie die deutschnationalen Antisemiten, lunid daß die jüdischen Studenteni insoferne die mbralschen Urheber sind, als «Oe durch ihr Vorgehen den Antisänutismus schüren. Kuranda hat noch Winzügefügt, daß dies auch die Meinung der jüdischen Bürgerschaft sei. 'So frech wurden wohl die jüdischen Studenten noch nie verleumdet; So niederträchtig wurde der Name der jüdischen Bürgerschaft noch nie mißbraucht. Herr Kuranda ist sonst eine der belustigendsten Figuren im' Parlament, der getreue Knecht der antisemitischen Regierung, der willigste Verteidiger aller reaktionären Uebergriffe, der eifrigste Verehrer des antisemitischen Deutschen Nationalverbandes, trotzdem' er mit einem1 Fußtritt hinausbefördert wurde, als er um' Aufnahme in diese löbliche Körperschaft ansuchte. Er gehörte nie zu den Mutigen. Aber jetzt hat er Mut bekommen! Die jüdischen Studenten wurden für ehrlos erklärt und überdies in der brutalsten Weise von den Deutschnationalen mißhandelt. Die gesamte Oeffentlichkeit gibt diesen Tatbestand zu. Selbst die Wiener Tagespresse, Imit der sonst Kuranda einer Meinung ist, und welche den jüdischen Studenten sonst ebenso abgeneigt ist, wie er, selbst diese Presse hat einhellig anerkannt, daß die jüdischen Studenten im Rechte sind. Die jüdische Bürgerschaft ohne Unterschied der Parteirichtung steht wie ein Mann auf . Seite der bedrängten, um ihre Menschenwürde kämpfenden jüdischen Akademiker! Und da wagt es der Jude Kuranda, den Kämpfenden meuchlings in den Rücken zu fallen, ihre Position durch gemeine Verleumdung zu schwächen und den Namen der ehrlich erbitterten jüdischen Bürgerschaft durch ein,e erlogene Erklärung zu besudeln! Den Wählern Kurandas muß die. Schamröte ins Gesicht steigen! So sieht der Vertreter des? ersten Wiener Judenbezirkes aus! f . Mit Herrn Kurandawird gründlich abgerechnet werden. E& ist zweifellos, daß die jüdische Studentenschaft diese Schmach nicht ungesühnt lassen wird! Und daß auch von jüdisch-bürgerlicher Seite Rechenschaft gefordert werden wird, dessen möge sich Herr Kuranda für versichert halten! * Der zweite Wiener jüdische Vertreter ist Dr. Julius Ofner. Auch er hat die jüdische Studentenschaft jm Augenblick höchster Gefahr im! Stiche gelassen. Er hat weder im1 Parlamente, noch in der Presse, noch auch in der Oeffentlichkeit ein Wort der Teilnahme verlauten lassen; Er, der mehr als beredte Anwalt der verfolgten Schauspielerinnen, Friedensfreunde, Antialkoholiker, er, der überall dabei ist, wo’s was zu schützen gibt, hat sich den Teufel um die in ihrer Menschenwürde verletzten und unter Patronanz der akademischen Behörden blutig geschlagenen Söhne seiner Wähler gekümmert.. Er ist derselbe Ofner geblieben, der vor zwei Jahren dreitausend jüdischen Greisen und Weibern, den Weibern, den brotlos gemachten galizischen Schänkern, die höhnische Bemerkung zugerufen: „er sei gegen den Branntweingenuß!“ und ihnen herzlos den Rücken gekehrt hat! Es ist durch Zeitungsberichte erwiesen, daß Dr. Ofner am gleichen Tage, als die jüdischen Studenten von den Deutschnationalen überfallen 'wurde, einer deutschnationalen Feier präsidierte. Mit einer deutschen Studentenm'ütze aut dem würdigen Haupte hat er vom' schwarzrot-goldenen Banner geschwärmt, die goldene deutsche Studentenschaft hochgepriesen und die „Wacht am' Rhein“ gesungen! So stand es wortwörtlich zu lesen und ist von Augenzeugen bekräftigt. Fast in derselben Stunde hat die „goldene deutsche Jugend“, unter dem schwarz-rot-goldenen Banner und unter den Klängen der „Wacht amRheir“ auf die Juden Tosgedroschen und laut in die Welt geschrieen, daß alle Juden, also auch Dr. Ofner, von Geburt aus ehrlose Wichte sind! Und da bringt es dieser alte Mann über sich, eine schwarz-rot-goldene Affenkomödie zu inszenieren! Derselbe Mann, der sich bei den Leopoldstädter Juden als Jude Stimmen erbettelt hat. Ja, bei den Wahlen hat er das deutsche Banner und die deutsche Kappe zuhause gelassen! Da war er Jud und nichts als Jud, denn der Germane Ofner wäre mit Schimpf und Hohngeläehter hinausgejagt worden. Erst im Besitze, des Mandats ist sein „Deutschtum“ erblüht. Aber von seinen Anhängern wird er als die Zierde des Parlaments, die personifizierte Ehrlichkeit und Gesinnungstüchtigkeit verschrieen! Auch mit ihm wird abgerechnet werden. Rundschau. Der Voiksmann Daszynski. Der Anwalt des geknechteten Volkes in Galizien, Herr Ignaz Daszynski, der sein Abgeordnetenmandat durch mehr als ein Jahrzehnt ausschließlich jüdischen Wählern verdankt hatte, aber stets ein Antisemit reinsten Wassers war, hat wieder einmal eine Rede im Parlament gehalten, von der die Juden der Arbeiterzeitung verzückt berichten, sie sei eine geradezu „monumentale Abrechnung“ mit den Machthabern Galiziens gewesen. Uns interessiert an dieser Paraderede einzig und allein, wie der berühmte sozialistische Volksmann das Elend der 800.000 galizischen Juden behandelt. Wir lasen die Rede wörtlich durch, aber davon war nicht mit einer Silbe die Rede. Dort, wo Daszynski von der Massenauswanderung aus Galizien sprach, nannte er nur Polen und Ruthenen als Emigranten,’ — dab jährlich tausende von Juden das Land verlassen, betrachtet der Antisemit Daszynski wahrscheinlich als kein Unglück. Von den Juden ist aber in seiner Rede doch einiges enthalten. Zunächst konstatierte Daszynski die für ihn traurige Tatsache, daß durch die Verschwendungssucht der Schlachzizen 500 Gutshöfe in jüdischen Händen seien. Dann erzählt er, daß die Adeligen ihr Schankrecht an die Juden so teuer verpachteten, daß diese Wucher treiben müssen. Diese „Entschuldigung“ der Juden ist in seinem Munde natürlich eine Anklage. Daß im1 vorigen Jahr aber den Juden alle Schanklizenzen entzogen und 50.000 Menschen dadurch brotlos geworden sind, davon scheint der famose Volksmann nichts zu wissen. Dafür aber verteidigte er in den höchsten Tönen das famose Wahlreformprojekt Bobrzynskis und verwahrte sich gegen die Behauptung der Bischöfe, daß durch ihre Durchführung die Juden zu viel Mandate erhalten haben würden. „Heute“ — sagt er — „sind im Landtag 5 Juden aut 161 Abgeordnete und im äußersten Fall wären es dann 10 bis 11 auf 228. Die Juden hätten dann 5°.’o der Mandate im’ Landtag, wäh-

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