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Jüdische Zeitung · 1913-04-04 · 14 (4.4.1913) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
14 (4.4.1913)
Date
1913-04-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratertaufnahme: Wien, IL, Kanneliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ _ täglidh von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ■ reiCh-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telefon 22.075. ■ Nr. 14. . . , ■ ._Wien, Freitag, den 4. April 1913 VII. Jahrgang Die polniidie Juöenassimilation vor dem Banherott. Der gewesene Elsenbahnminister Dr. Glombinski über die Landtagswahlreform und die Zionisten. Der -Redakteur des Lemberger Tagblattes Gg. Moses Frostig begab sich vor einigen Tagen, zum Führer der Allpolen, dem gewesenen Obmanne des Polenklubs, Exzellenz Dr. Stanislaus Glombinski, um ihn über die Landtagswahlreform, sowie über ihre-Beziehung zu den Juden zu interviewen. Dr. Glombinski, dessen Partei nach der polnischen Volkspartei den stärksten Anhang' im Lande besitzt, äußerte sich im Laufe.der Unterredung folgendermaßen: „Ich habe vor allem verlangt, daß in den fünf östgälizischen Städten, für welche Doppelmandate vorhergesehen sind, das .Proportionalwahlrecht einngeführt werde.. Während der Beratungen in Wien einigten sich alle polnischen Parteien bezüglich folgender Punkte: 1. Daß sechs'Städte je zwei Mandate erhalten. und 2. daß in diesen Städten das . Proportionalwählrecht 'eingeführt werde, damit für die christliche Bevölkerung je ein Mandat gesichert und ihre Unabhängigkeit von den jüdischen Stimmen festgelegt sei. ’_j\ber nach kaum zwei MonatCn beschlössen die Führer der Blockparteien, das Proportionals_ystem aufzugeben und. die Listenwahlen einzuführen. Diese plötzliche Aenderung rührt daher, weil Herr Löwenstein sovrohl seine Partei als . auch die anderen Parteien zu überzeugen verstand, daß im Falle der Einführung des Proportionalwahlsystems die Juden in den Städten lauter Zionisten oder Sozialisten, die Polen lauter Allpolen: wählen würden. Dagegen trat ich in der letzten'Bürgerversammlung energisch auf. Herr Löwenstein zeigte mir Daten, welche er im Landesausschusse zusammenstellen ließ und bemühte sich, mir zu beweisen, daß außer in Tarnopol die polnisch-christlichen Wähler nach der Ausscheidung der Ruthenen in Stanislau, Kolomea, Drohobycz und Przemysl, die Mehrheit gegenüber den jüdischen Wählern haben werden. Dieses Argument vermochte mich jedoch nicht zu überzeugen. Meine Ansicht ist, daß die polnischen Wähler von den jüdischen unabhängig gemacht werden müssen. Die Juden, namentlich die Assimilanten. stützen sich immer auf die Zentralregierung, erliegen leicht der Korruption und dem1 Terror, kaufen und verkaufen Stimmen und wenn sogar die Polen in den erwähnten vier Städten eine geringe Majorität |über die Juden besitzen sollten, so würden sie infolge der Wahlbestechung und der Zentralregierung immer von den Juden abhängig sein. L ö w e ns t e i n und die Blockparteien sind darum gegen das Proportionalwahlrecht, weil sich die Zionisten dafür ausgesprochen haben. Ich und meine Partei aber sagen: Die Situation muß geklärt werden. Wenn d ie jü d i sch e n Massen im .Land e tatsächlich denZionisten und nicht den Assimilanten Gefolgschaft leisten, so müssen wir uns mit dieser Tatsache abfinden, mag sie uns auch unangenehm sein. Ich vermag darin kein Unglück zu erblicken, wenn einige Zionisten im gälizschen Landtag Si(z und Stimme haben werden. Das habe ich^ mehrmals in der Wahlreformkom'mission erklärt. Ich habe das größte Recht , in dieser Frage mitzureden, denn ich war einer der Mitbegründer des assimilatorischen Vereines „Agudat Achim“ in Lemberg und einer der ersten Verfechter der Idee der polnisch-jüdischen Assimilation. Die' Entwicklung hat aber gezeigt, daß die jüdischen Massen sich nicht assimilieren wollen. ,Die Assimilanten vermögen, über die jüdischen Massen nur mit unserer und der Regierung Unterstützung zu herrschen. Das mag vielleicht für uns traurig sein, es ist aber eine Tatsache. Meiner Ueberzeugung nach kann man niemandem eine Nationalität aufzwingen. Heute herrschen ungesunde Verhältnisse. Wir vermögen uns nicht damit abzufitiden, daß die Juden immer die Regierung Unterstützen, einerlei, ob die Regierung den Polen geneigt ist oder nicht. Die assimilatorischen- Abgeordneten intrigieren ununterbrochen. Sie hetzen die Demokraten gegen die Allpolen oder umgekehrt und schaden den polnischen Interessen. Wenn Herr Löwenstein im Landtage es als Gefahr bezeichnet, daß Zionisten gewählt werden können, so betrachte ich das als einen Beweise der. assimilatorischer-Ohnmacht, und als Beweis, daß sich die Assimilanten nur mittels Terror und Korruption an der Oberfläche des politischen Lebens halten. Eben aus diesem Grunde möchte ich die Polen von den Juden und die Juden von den Polen unabhängig machen. Ich habe nämlich die Ueberzeugung, daß gesunde politische (Verhältnisse sich nicht dauernd aut Korruption und Unterdrückung gründen;können/* In seinen weiteren Ausführungen äußerte sich Dr. Glombinski über die Aussichten des Zustandekommens der Wahlreform in pessimistischer Weise. * Die Aeußerungen des Dr. Glombinski sind umso bedeutungsvoller, als die allpolnische Partei, welche in der vorigen Reichsratskadenz die Führung des Polenklubs innehatte, wahrscheinlich in nicht allzu ferner Zeit wieder die offizielle Führung des galizischen Polentums übernehmen wird. Die allpolnischen Beziehungen zu den Juden sind zweifellos von blindwütendem Judenhaß getragen und ein Zusammengehen mit den Allpolen ist für jeden aufrechten Juden undenkbar. Aber — wir wollen die Worte Dr. Glombinskis wiederholen — mögen auch diese Tatsachen traurig sein: übersehen darf man sie nicht. Clara' pacta boni inimici. Die Aeußerungen Dr. Glombinskis können jedoch nicht unwidersprochen bleiben. Der allpölnische Führer hat Wohl in vieler Hinsicht^ namentlich in seiner Kritik der Assimilanten, Recht. Mit Genugtuung verzeichnen wir es, daß daswahre Wesen der polnisch-jüdischen Assimilation erkannt ist Vielleicht wird das polnische Volk einsehen, daß der Zionismus nicht in letzter Linie der Ausdruck sittlicher Empörung über die moralische, kulturelle und politische Verkommenheit der Assimilanten ist. Existenzen Wie Löwenstein und Merwin gereichen nicht nur den Juden sondern auch den Polen zur Schande. Der Geschäftspatriotismus der Assimilanten, die verwerflichen Mittel, mit welchen sie sich bei ihrem Einflüsse erhalten, sind von Glombinski treffend charakterisiert. Der Allpolenführer vergißt aber, daß einen großen Teil der Schuld an den ungesunden Verhältnissen die Polen und unter ihnen die Feudalen und Allpolen tragen. Die Wahlbestechung, die Korruption des gesamten öffentlichen Lebens sind nicht von den Juden eingeführt worden. AU diese schönen Einrichtungen Galiziens sind Produkte der Verkommenheit der polnischen politischen Moral. Man kann den Satz von der Wirkung der einzelnen Länder auf den Charakter der einheimischen Juden in. weit höherem Maße auf die Assimilanten anwenden. Es ist zweifellos, daß die schäbigste Spezies der jüdischen Assimilation in Galizien lebt. Der galizisch-jüdische Assimilant ist aber nur ein getreues Abbild des Stanczyken und Schlachzizen. Die Erkenntnis, daß Beziehungen zwischen Völkern nicht auf Korruption und Terror begründet sein können, kommt dem Herrn Glombinski sehr spät. Wir wünschen, daß sie darum desto eindrucksvoller und gefestigter werde. Die Zionisten sind keines Volkes Feinde^ sie sind die Freunde ihres eigenen Stammes. Und wer in der Treue zum eigenem Volkstum ein Verbrechen erblickt, bekundet barbarische Gesinnung. Die Polen haben leider lange Zeit in jedem1 Zionisten ein Ungeheuer gesehen. Sie taten es zu ihrem Schaden, denn sie zogen Leute wie Löwenstein und Horowitz groß. Es ist darum höchste Zeit; daß es anders werde, denn Löwenstein und Seinesgleichen sind eine dauernde Gefahr für die Beziehungen von Millionen Menschen. Rundschau. Ein liberaler Taufjude!. Wiederholt haben wir uns mit der Tätigkeit des getauften Junisiegers Dr. Neu mann zu beschäftigen. gehabt. Dieser Mann, der einzig und allein der Gedankenlosigkeit und Würdelosigkeit der Wiener deutsch-liberalen Juden sein Reichsratsmandat zu danken hat, verkörpert in sich die ganze-Schwäche, Verderbtheit und Lü- ’ genhaftigkeit unserer politischen Gegner. Er und seine Gesinnungsgenossen haben für den Falt ihrer Wahl mit hochgehobenen Händen und weitgeöffneten Mäulern geschworen, für Freiheit und Fortschritt zu streiten und die christlich-soziale, antisemitische Reaktion zu bekämpfen. Sie haben natürlich Ihr Versprechen glänzend gebrochen. Von einer Tätigkeit im Sinne des. fortschrittlichen Gedankens ist gar nichts zu merken und in den wenigen Fällen, in welchen sie sich zu einer Kundgebung aufgerafft haben, geschah es in der reaktionären Weise. Wir erinnern nur an den Protest gegen die Errichtung eines Erholungsheimes für arme kranke Kinder am Semmering. In dieser Sache übernahmen unsere Wiener liberalen Abgeordneten, bereitwilligst die unrühmliche Führung. Dr. Neumann tat sich besonders hervor und seine liberalen Kollegen halfen ihm nach Kräften. Galt es doch, die protzige, widerwärtige Faulenzergesellschaft, welche jahraus jahrein den Semmering bevölkert, vor den Anblick kränklicher Arbeiterkinder zu bewahren. Jetzt wird von liberaler Seite eine eben so faule Angelegenheit betrieben.. Die Regierung plant die Einführung .einer Wettrennsteuer. Nun erhebt alles, was in Wien vom Turfschwindel lebt, ein Geschrei und am meisten schreien unsere liberalen Abgeordneten. Es ist zwar bekannt, daß das Wettrennspiel den Ruin eines großen Teiles des Mittelstandes, insbesondere des jüdischen, bedeutet. Dennoch treten die Junisieger bereitwillig an die Seite der Turfschwindler, Zutreiber und Hasadeure. Herr K u r a n d a hat bereits sein Loblied auf die Pferdemenschen, Stundenhoteliers, Buchmacher etc. im Parlament gesungen, nunmehr tritt Dr. Neumann in Aktion. Er führte eine große Deputation zum Minister und beschwor ihn, ja nichts zu tun, was das Wettrennspiel beeinträchtigen könnte! — Die Wiener Liberalen

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