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Jüdische Zeitung · 1913-03-21 · 12 (21.3.1913) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
12 (21.3.1913)
Date
1913-03-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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a ■ NRTIONFIL -JÜDISCHES DRBFIN HM Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenauinahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr, 1. — Sprechstunden ■ _ täglich von 1t—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ "'reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. " | Mk. 3.—■. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telefon 22.075. ■ Nr. 12. Wien, Freitag, den 21. Marz 1913 VU. Jahrgang An . die Wiener jüdische Bevölkerung! Die Wiener Deutschnationalen beabsichtigen Unterschriften für eine Petition zu sammeln, mit welcher die Sanktionierung der vom niederösterr. Landtag beschlossenen Lex Kolisko verlangt .werden. soll. Dieselben. deutschnatioriafen Antisemiten, welche uns Juden immer aufs Neue beschimpfen, um dann in ihrer feigen Charakterlosigkeit bei uns für' ihr« deutschen Trutzvereine zu schnorren, .werden auch zu uns Juden um Unterschriften für Ihre Petition betteln kommen. Jeder aufrechte und billig denkende Jude wird die 1 Fertigung der Petition verweigern. Nicht nur, weil er mit den deutschhationalen Antise-i nuten keine Gemeinschaft haben wiH, sondern weil er nicht Bestrebungen unterstützen darf, wdiche unter Verletzung der staatsgrundgesetziich gewährleisteten’ Gleichberechtigung r Ausnahmsgcsetze gegen, die tschechische Minorität in Niederösterreich geschaffen haben wollen. Aus Gründen der. Gerechtigkeit und . des wohlverstandenen. eigenen. Interesses sind wir Gegner, der Lex Kolisikp. Fördern wir keine Verlegung —-der-Gesetze! Geradewir Juden, dterivir überall bloß eine kleine Minorität bilden, haben das größte' Interesse an der unverbrüchlichen und ausnahmslosen Beobachtung der Staatsgrundgesetze gegenüber Jedermann! Der Vorstand des Jüdischen Nationalvereins ' - - für Oesterreich. Das Blufmänhen. Nun hätten wir wieder einmal eine Ritualmordaffäire. In Böhmen wird das Dienstmädchen, eines jüdischen Kaufmannes vermißt und es hat sich ein christlichsozialer Hetzpfaffe, ein Katechet gefunden, der in Zuschriften an. verschiedene antisemitische Zeitungen den jüdischen Dienstgeber beschuldigt, die Verschwundene aus rituellen Gründen ermordet zu haben. Was nunmehr folgen wird, ist vorauszusehen. Die antisemitische Presse wird eine große Aktion einleiten. Schauermärchen aufwärmen und den Lesern die ältesten Blutlegenden auftischen. Dann kann es sich ergeben, daß der Verleumdete vor eine Bank voll verhetzter,-; fanatischer Volksrichter gestellt wird und dem- Schicksale Hilsners verfällt; oder ein günsrtiger Zufall schwemmt die Leiche der Verschollenen ans Ufer, der Angeklagte geht frei aus, aber die antijüdische Stimmung in den Volksmässen ist in jedem1 Fallefür lange Zeit angeregt. .. Auch die Haltung der offiziellen Patent juden aus dem liberalen Lager ist vom-vornherein festzustellen. Fürs erste wird’ alles, was liberal“ ist, die Hände über., dem Köpf. zusammenschlagen und fragen, wie denn heute noch „sowas“ möglich ist, .heute im zwanzigsten Jahrhundert!. Das fragen nämlich diese Leute immferr wenn die Wirklichkeit-ihre platte Theorie von dem Schwinden des Judenhasses über den Haufen wird. Dann aber werden sie alle möglichen Gutachten von Bischöfen, Medizinern, Juristen, Rabbinern und Pastoren herbeischleppen, worin bestätiget wird, daß die werten Mitbürger mosaischer Konfession ihren Mazzesteig mit Wasser aufrühren und nicht mit dem Blute frommer christlicher Jung-: fern. Sie werden diese Gutachten in ihren Blättern zum tausendsten Male abdruCken und daran vergessen, daß den Hetzern diese Gutachten gleichgültig sind und das verhetzte Volk sie nicht liest. . Sie werden aber auch nicht begreifen, daß diese Art des Protestes nicht nur nutzlos, konöemjauch nicht sehr -würdig ist. Gegen die Wahnwitze, blödsinnige Beschuldigung heute noch mit wissenschaftlichem1 Rüstzeug ins Feld zu ziehen, schließt eigentlich eine Beleidigung des jüdischen Volkes in sich. Der Pöbel•• wird unsanspeien und änbellerr, solange wir schwach und furchtsam sind, wird ' keine' ■Beschuldigung' zu * 'stumpfsinnig sein, als daß man sie nicht mit Erfolg gegen uns schleudern würde. Und keine Antwort wird scharfsinnig und geistreich genug sein, um den böswilligen Stumpfsinn zu entkräften. Das jüdische Volk wieder stark machen, alle seine Kräfte in seinen Dienst stellen, ein nackensteifes, wehrhaftes Geschlecht schaffen, das sind die Mittel, um unsere Hasser und ihre Blutlüge zu entkräften. Alle anderen Mittel werden versagen. Rundschau. Purim. Heuer fällt das Fest wegen des Schaltjahres in den zweiten Adar. Gemäß unseren jüdischen Anschauungen vermögen wir nicht sonderlich von den Geschehnissen, wie sie die Megillah darstelTt, erbaut zu sein .Höflichkeitsintriguen, Hofschranzendienste und Weiberschönheit — durch solche Mittel vom Untergänge erlöst werden, das mochte vielleicht der Zeit Zusagen, da man an Wunder geglaubt hat, .die lohne Zutun des ganzen Volkes die Gesamtheit zu retten vermögen. Dennoch ist Purim ein wertvolles jüdisches Fest. Denn er ist der Tag, der einzige Tag im Jahre,' •an dem sich die Juden zu belustigen pflegen- Möge also auch heuer die spärliche jüdische Freude zum Ausdruck kommen! Dabei darf aber nicht vergessen werden, daß gerade solche Festtage sich am besten für Werbearbeit und Sammeltätigkeit eignen. Die Purimfreude wird, von unserem Standpunkte betrachtet, nur dann aufrichtig sein dürfen, wenn sie von Arbeit für eine bessere Zukunft begleitet ist. *• * .* Die Ermordung des Königs von Griechenland. Eigentlich hat die Ermordung - des' Königs von Griechenland fürein ausgesprochen.- jüdisches Blatt kein Interesse. Und wir hätten, es auch nicht für nötig gefunden, von diesem Köhigsmord, umsomehr als ein Grieche der Mörder ist, Notiz . zu nehmen, — wenn nicht Juden Leidtragende wären. Der Königsmord in Saloniki wurde nämlich zum Anlaß genommen, die Juden und Türken in Saloniki zu überfallen. Zwölt Türken und Juden sind getötet worden, eine große Zahl ist verwundet. Wir möchten falsche Propheten sein, aber es ist wahrscheinlich, daß bald Nachrichten eintreffen werden, deren Inhalt viel schrecklicher tauten wird. Was haben die Juden verbrochen? Nicht genug, daß man sie aus der türkischen Herrschaft, unter welcher sie in Saloniki alle Freiheiten genossen, gerissen hat und sie unter die drückende, judenfeindliche Gewalt der Griechen gestellt hat, — jetzt werden sie für das Verbrechen eines, Griechen verantwortlich gemacht. Wir wissen, daß bald der ganze offizielle griechische Nachrichtenapparat in Funktion treten unddie vorgekommenen Ausschreitungen leugnen oder als bedauerlich hinstellen wird. Aber kann das den Juden von Saloniki Genugtuung verschaffen, kann das ihnen'das Gefühl der Sicherheit geben? Müssen die Salonikier Juden nicht befürchten, daß jedes' Vorkommnis trauriger oder freudiger «Art-'voiv den Griechen zum. Anlaß gesonnten werden wird, um ein paar Juden zu morden! Ueber diese Tatsache, daß wir Juden durch den Balkankrieg am stärksten in Mitleidenschaft gezogen wurden, kann nichts Tiinwegtäuschen. Auf allen Schlachtfeldern haben die Juden während des letzten Krieges geblutet, aber überall waren sie die am stärksten betroffenen Leidtragenden. Kann es einen kras-t seren Beweis für das Unglück der jüdischen Zerstreuung geben? »- * -* Hebbel. Das'' deutsche Volk feierte am 18. März den 100. Geburtstag seines großen Dichters Friedrich HebbeL Dieser knorrige Norddeutsche, ein Kerndeutscher, ist auch .in seinem Verhältnis zum Judentum äußerst interessant. Es ist bekannt, daß er mit Vorliebe jüdische Stoffe verarbeitete, am berühmtesten unter seinen jüdische Stoffe behandelnden Werken sind die Dramen „Judith“ und „Herodes und Marianne“. Jüdische Motive kommen auch in anderen seiner Werke vor, doch hat Hebbel nicht vermocht, das alte Judentum-in seiner vollen Größe zu gestalten. Dazu fehlt ihm doch das intuitive Verständnis, wenn er auch mit Vorliebe die Bibel und jüdische Geschichte las. „Kein Volk der Welt hat ein Dokument wie. das alte Testament .... Ein Volk, das aus. sich einen Dichter, wie König David einer ist und die Propheten hervorgehen sah, darf sich mit stolzem Bewußtsein rühmen, ein auserwähltes zu sein. Es rollt selbst in den modernen Juden, trotz starker Verdünnung, etwaswie ererbter Geistespurpur in den Adern“. — Ein Mann mit solchen Ansichten konnte natürlich kein Antisemit sein. Hebbel zählte vielmehr unter den Juden seine besten Freunde, wie L. A. Frankl, Glaser, Emil Kuh, Engländer u. a. Als Kuh sielt mit einer Christin verheiratete und taufen, ließ, verurteilte Hebbel diesen Schritt sehr und riet Kuh, sich mit seiner „Nation“ zu ^versöhnen. „Es tut nicht gut, sich von dem Boden loszureißen,, dem.man angehört.“ Es wäre gut, diesen Ausspruch all den hunderten von

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