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Jüdische Zeitung · 1913-02-21 · 8 (21.2.1913) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
8 (21.2.1913)
Date
1913-02-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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MS« HRTIDNflL -JÜDISCHES GREflN H£« ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und lnseratenaufnahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ ■ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ** reidi-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjahtr. Mk. 5.—, vierteljähr. ™ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telefon 22.075. ■ Nr.-8. Wien, Freitag, den 21. Feber 1913 VII. Jahrgang Rastees tempo. Alle Bemühungen des Zionismus sind darauf gerichtet, das Tempo der Palästina-Kolonisation fortdauernd zu beschleunigen. Wie immer man zu den Problemen der Erneuerung des Judentums und der Befreiung der Judenheit stehe, sicher ist, ,daß alle dahin zielenden Bestrebungen nur dann Aussicht auf Erfüllung haben, wenn die jüdische Siedlung in Palästina eine größere Ausdehnung erlangen kann. Seit vier Jahren hat die zionistische Organisation die Kolonisationsarbeit selbst in . die Hand genommen, allen Widerständen zum Trotz, die teils aus theoretischen Erwägungen flössen, teils aus der relativen Geringfügigkeit unserer Mittel in Vergleich zu der Größe der Aufgabe Nahrung zogen. Der Erfolg der in Angriff genommenen Aktion war trotz aller Schwierigkeiten kein geringer. Wir haben des öfteren schon die in so kurzer Zeit erreichten Erfolge aufg'ezthlt;'*t§ie"^iTi'd'_'uitser6frr teSgf ir bekannt: Es wäre aber Selbsttäuschung, wollten wir glauben, daß das Tempo der Kolonisation auch nur annähernd das Mindestmaß dessen erreicht hätte, was zu einem als normal anzusehenden Fortschreiten nötig wäre. Wir haben immer darauf hingewiesen, daß wir von der zionistischen Kolonisationsarbeit erwarten, daß sie, einmal in Angriff genommen, in geometrischer Progression anwachsen werde, vermöge der stimulierenden Kraft, die jeder Tat nun einmal innewohnt. Die Ereignisse der letzten Zeit lassen die Hoffnung berechtigt erscheinen, daß wir tatsächlich in einer Aera rascheren Vordringens begriffen sind, ln jüngster Zeit sind eine ganze Reihe von Erscheinungen zu verzeichnen, die, zusammengenommen, ein beschleunigtes Tempo der Kolonisationserfolge . bedeuten. Da ist vor allem die Jemenitenaktion zu nenrten, die immer weitere Kreise zieht. Für die Repatriierung dieses verfolgten jüdischen Stammes, die uns das wertvollste Arbeitermaterial für Palästina bringt, konnten -wir das Interesse auch der nichtzionistischen Judenheit erwecken und fast jeder Tag bringt eine neue Zeichnung für ein Jemenitenhaus. Die zweite wichtige Errungenschaft ist die Interessierung der JCA. für die Kolonisation, wodurch uns ansehnliche Mittel zum Bodenkauf zur Verfügung gestellt wurden, mit welchen wir auch .tatsächlich eine ganze Reihe von neuen Punkten im Lande erwerben konnten. Gleichzeitig kommt aus Konstantinopel die Kunde, daß die Beschränkungen für den Bodenerwerb seitens auswärtiger Juden sowie die Institution des roten Zettels vor der Aufhebung stehen. Die Tätigkeit des Bezalel dehnt sich immer stärker aus, unsere Lehranstalten blühen, neue Kulturinstitute erstehen und das geistige Leben in Palästina wird immer reger. Es ist merkwürdig und bezeichnend, daß gerade in einer Zeit,- in welcher das Golusjudentum eine schwere Depression durchmacht, die Palästinasiedlung in gesundem, raschen Aufblühen sich befindet. Dies ist kein Zufall 1 Während die Judenheit des Golus keine Wurzeln hat, weder in ökonomischer noch in geistigkultureller Richtung, ruht die Palästinasiedlung auf gesunder Basis. So klein sie ist, so zeigt sich doch in ihrer Struktur, daß sie dem entspricht, was allem zionistischen Streben von allem Anfang an vorgeschwebt hat: Eine normale Verfassung des Volkes, bei der zwar vorübergehende Krisen nicht ausgeschlossen sind, die aber durch solche niemals vollkommen erschüttert werden kann, da ihr Aufbau ein organisch richtiger ist. Hier gibt es keinen Depossedierungsprozeß, hier gibt es kein Entwurzeln. Diese frohe Erkenntnis im Verein mit. dem Sieh'tbar.vverdftv eines rascheren Tempos in der Ausbreitung der Palästinasiedlung muß die zionistischen Hoffnungen mächtig verstärken. Die anscheinend so kleinliche ewige Sammelarbeit für die verschiedenen Palästinazwecke, die oft ermüdend wirkt, wird durch solche Erscheinungen doch wieder erkannt als jene Tätigkeit, welche zumindest die Voraussetzungen dafür schafft, daß wir vorwärts kommen. Die geringen Mittel der PLDC. zum Beispiel, haben doch genügt, der Kolonisation einen Anstoß zu geben und die Hilfe der JCA. herbeizuziehen. Der Anfang muß überall von uns gemacht werden! Ist einmal etwas Gutes, wenn auch in noch so kleinem Umfang geschaffen worden, so wirkt es fruchtbar weiter, zeigt auch den nichtzionistischen Palästinafreunden, welche Wege betreten werden können, welche Möglichkeiten vorhanden und welche Erfolge zu erzielen sind. Unser ist die Pionierarbeit! Niemand wird sich vorstellen, daß wir durch die normale Sammeltätigkeit, auch bei einer weiteren sukzessiven Steigerung der ‘ Eingänge, enorme Summen zusammenbringen werden, mit denen wir Großkolonisation treiben könnten, welche »Meinung uns seinerzeit von mancher Seite unterstellet wurde. Wir können aber mit aller Bestimmtheit heute schon sagen, daß unsere Sammeltätigkeit uns genügend Mittel schafft, um eine ansehnliche Pionierarbeit zu leisten . Die Progression stellt sich dann von selbst ein, indem durch die Erfolge dieser Arbeit immer neue Kräfte geweckt, immer neue Kreise herangezogen werden. Dieses Bewußtsein soll uns auch bei der „kleinlichsten“ Tätigkeit anspornen, nicht zu ermüden, nicht nachzulassen, denn das geringste, das wir zu stände bringen, wird den reichlichsten Lohn tragen! b. Rundschau. Schuhmeier. Es ist scinver, Wort - zu fim_en, die den Abscheu gegen diese verruchte Tat, die Schuhmeier das Leben kostete* charakterisieren könnte. Man muH in der modernen Geschichte Europas lange zurückblicken, um auf einen politischen Mord zu stoßen, der nicht auf Anarchisten oder Revolutionäre zurückzuführen wäre, der überhaupt ohne jeden politischen Affekt, kalten Blutes, von einem Menschen verübt wurde, der eigentlich mit Politik nicht viel zu tun hatte. Wir wollen gewiß nicht die christlichsoziale Partei verantwortlich für Paul Kunschak machen. Aber doch wird seine Tat einen bedenklichen Schatten auf sie werfen. Von ihr ging in Wien zuerst eine Politik leidenschaftlichen Hasses aus, ihre Führer predigten unter der Flagge der Christlichkeit,, daß Judenleben vogelfrei seien, ja, daß man Schußgelder für ihre Vernichtung aussetzen solle. Per hochgepriesene Führer Lueger selbst sagte im Parlament, daß Panther und Hyänen viel argloser seien, als Juden. Mit Haß, Verleumdung, Schmähung, wurden Tag für Tag die antisemitischen Zeitungen gefüllt und die angebliche „rote Judenschutztruppe“, die „Sozi“ nicht minder damit beehrt, wie die Juden selbst. Was müssen das für Menschen sein, die so unsäglich barbarische Kampfmethoden in die Politik eingeführt haben! Welchen Grad von Sittlichkeit müssen sie besitzen, und wie verrohend muß dieses Geschimpfe weiter wirken! Es ist eine alte Erfahrung, daß fortgesetzte Hinwegsetzung über alle Hemmungen im Sprechen unausweichlich auch die Hemmungen im Tun aufhebt, es gibt da keine Grenzen, weil die Seele eine Einheit ist. Paul Kunschaks Hemmungen mögen nicht sehr groß gewesen sAn, keinesfalls hat das Wirken in dieser verrohten Partei sie stärken können, Sein Opfer war nicht unser Freund. Er hat seinem Antisemitismus nie Zügel auferlegt, auch hierin war er ehrlich und stach damit vorteilhaft gegen die im Judenpunkt verlogenen Assimilanten der roten Partei ab. Aber trotz seines Antisemitismus war er uns sympathisch, können wir doch nicht den Wert eines Menschen ausschließlich nach seinen Gefühlen für die Juden bemessen. Wir verlangen auch von keinem Arier, daß er ein spezieller „Judenfreund“ sei. Schübmeier war ein Demokrat durch und durch und trotz seiner Antipathie gegen die Juden hätte er nie für Ausnähmsgesetze gegen sie gestimmt. Er war ein ganzer Mensch, eine starke Persönlichkeit und ein wahrhafter Politiker. Drei Eigenschaften, die verzweifelt selten geworden sind unter der sonderbaren Gesellschaft, die heute die Parlamente füllt. » Josef Popper-Lynkeus. Am 22. Februar wird Josef Popper-Lynkeus 75 Jahre alt. Wir können diesen Tag nicht verstreichen lassen, ohne daran zu erinnern, daß Joset Popper zu der auserlesenen Schar von Männern gehört, welche unbekümmert um Modeströmungen Verfechter und Träger echten Fortschrittes sind. Was Josef Popper namentlich auszeichnet ist sein unbeugsamer Wahrheitsdrang und seine alles Lebende umfassende Liebe. Ob nun Popper als Soziologe für die entrechteten

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