Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438432-2438439--3443-2443208- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 Beilage zur JÜDISCHEN ZEITUNG Nr/ 7- Prüfung im Lesen und Schreiben befreit sind, die wegen religiöser Verfolgungen ihr Heimatsland verlassen haben, so hätten z. B. diejüdischen Auswanderer nachzuweisen, daß dies tatsächlich der einzige Grund für ihre Immigration sei. Es wird darum vielfach gefordert, daß die Befreiung von .dieser Maßregel auch denejnigen Einwanderern gewährt wird, die politischer Ursachen halber verfolgt wurden. Nach dem neuen Gesetz -werden ferner die Dampfschiffahrts -Gesellschaften, welche unerwünschte Einwanderer befördern, mit empfindlichen Geldstrafen belegt und man fürchtet, daß diese sehr dehnbare Bestimmung eine allzu willkürliche Auslegung erfahren wird..;-Eipie weitere Unzulänglichkeit der Vorlage besteht darin, daß sie keine Bestimmungen für solche, .Bewohner der Vereinigten Staaten enthält, die von “ einer gelegentlichen --Reise nach ihrem .Geburtslande nach Amerika zurückkehren. Falls solche Reisende das amerikanische Bürgerrecht noch nicht erworben haben, •' können sie eventuell gleichfalls auf Grund mangelnder Lese- und Schreibfähigkeit oder physischer Defekte ausgeschlossen werden. Die erwähnten Punkte geben einen Begriff von der Tragweite des Gesetzes und lassen eine gründliche Durchprüfung vor der endgültigen Bestätigung als dringend notwendig erscheinen. * Münzkrisis in Jerusalem. Jerusalem. Ganz unerwartet ist in Jerusalem eine neue, eigenartige Krisis ausgebrochen, die recht bedenkliche Formen angenommen hat. Der Metallik, eine kleine Münze, die bisher etwa 4i>, Pfennig wert war, ist mit einem Male nahezu völlig entwertet worden. Nach der Eroberung der mazedonischen Provinzen durch den Balkanbund strömten ungeheure Mengen von Metalliks, die von den Eroberern außer Kurs gesetzt waren, zu Spotpreisen nach Konstantinopel. Ein dortiges Bankhaus, das die Metalliks aufkaufte, und dem bekannt war, daß in Jerusalem der Metallik die verbreitetste Scheidemünze ist, suchte nun durch Vermittlung einer Jerusalemer (nichtjüdischent Bank die für einen hohen Betrag aufgekauften Metalliks in Jerusalem im Umlauf zu setzen. Die Folge . war; daß der Markttmit Metalliks geradezu; überschwemmt wurde und viele Kaufhäuser, Banken usw. die Annahme der Metalliks 'verweigerten. Damit war aber die Krisis ausgebrochen, denn der kleine Mann, dessen ganzer Geldvorrat in Metalliks besteht, sah sich mit einem Schlage seiner gesamten Barschaft gleichsam beraubt, da ‘märt’Thtiv für seine Me—’ talliks nichts mehr, verkaufen wollte. Im Verlaufe weniger Tage gestalteten sich diese Zustände geradezuzu einer Katastrophe. Viele Geschäfte wurden geschlossen. Die meisten Bäckereien stellten den Betrieb ein, um für ihre Backware keine Metalliks entgegennehmen zu müssend Hunderte Familien litten Hunger, da sie für ihre Metalliks nichts kaufen konnten. Unter den Fellachen, die in der Stadt ihr Mehl oder Brot einkaufen und die jetzt ebenfalls nichts bekommen konnten, brachen Unruhen aus. Es kam zu argen Ausschreitungen, die mitunter der Tragikomik nicht entbehrten. So passierte es einem hochherzigen Moslim, der unter den Hungerleidenden 15 Säcke Reis unentgeltlich verteilen ließ, daß er von denen, für die diese Spende nicht ausreichte, regelrecht verprügelt wurde. Es half ihm auch nicht der Hinweis, daß die anderen Kaufleute noch gar nichts gespendet hatten und daß er allein unmöglich alle Hungernden ernähren könne. Vor dem Laden eines griechischen Bäckers sammelte sich eine große Menschenmenge an und verlangte stürmisch, daß man ihr für ihre Metalliks zu dembisher üblichen Preis Brot verkaufe. Die Erklärung des Griechen, daß er dies nicht tun könne, da der Metallik jetzt bloß ein Drittel des früheren Wertes repräsentiere und überhaupt schwer anzubringen sei, machte auf die von Hunger gequälten Menschen naturgemäß keinen, Eindruck. Als der Ladeninhaber Miene machte^ dit; ^Polizei zu Hilfe zu rufen, stürmte die Menge den 'Laden und plünderte ihn bis auf das letzte Brot aus. Da die Bemühungen der Lokalregierung, den Metallik in seinen früheren Kurs wieder umzusetzen, nichts fruchteten, sahen sich die führenden jüdischen Kreise, die zionistische Anglo- Palestine Company, der ‘Vertreter der J. C. A. in Jerusalem, die Vertretung?, des'-dfilfsvereins usw, genötigt, auf eigene Rechnung? eine Notstandsoktion einzuleiten. Dies geschah’zunächst in der Weise, daß man ' aüf -TCwten der jüdi-* - sehen Gemeinschaft täglich 5Q0y Brpte backen ließ, die an die Bedürftigen, ohne ^Unterschied der Nationalität und des Bekenntnisse, gegen Entrichtung des Preises in Metalliks laut dem früheren Kurse verkauft wurden. D.ie armen Fellachen erkennen dankbar .die Wohltätigkeit der Juden an, die leider von Weiner anderen Seite nadigcahmt wurde. Auch der neue Gouverneur von Jerusalem hat in einem Gespräche mit dem bekannten hebräischen Lexikographen und Schriftsteller Elieser Ben-Jehudah seiner Anerkennung für die Leistungen und die Opferwilligder Juden in dieser kritischen Zeit Ausdruck gegeben. - * Die Juden in Tripolis. Der Oberrabbiner von Florenz und Direktor der dortigen Rabbinerschule Professor Dr. Margulies ist von seiner Studienreise aus Tripolis heimgekehrt, und hat über seine dortigen Erfahrungen interessante Mitteilungen gemacht. In Lybien gibt es jetzt, abgesehen von den in jüngster Zeit hinzugekommenen jüdischen Familien mehr als 20.000 Juden. Die meisten von ihnen wohnen in Tripolis, Benghasi und Derna. Sie gehören zum größten Teil der streng orthothoxen Richtung an, und widmen sich, ehe sie eine ständige Beschäftigung aufnehmen, fast ausschließlich dem Bibel- und Talmudstudium. Dann aber wenden sie sich allen möglichen Berufen und Gewerben, auch den schwierigsten, zu. Tatsächlich findet man unter ihnen sehr viele Schlosser, Tischler, Schuster, Schneider, Uhrmacher, Kutscher usw. Ihr Ritus ist wohl ein spaniolischer, aber ihre Gesänge weichen von den sephardischen ab, und klingen mehr den russischen und galizischen Gesängen ähnlich. Sie haben von den Arabern viel zu leiden, und es ist bezeichnend, daß die Araber, die noch immer im Aufstande sind, sich bei den italienischen Militärbehörden damit zu salvieren suchen, daß sie angeblich von den Juden zu Aufständen verleitet wurden. Die eingeleitctc Untersuchung hat jedoch das Gegenteil von dem ergeben, daß nämlich die Araber die Juden zu einem Widerstande gegen die Italiener zu verleiten suchten, was die Juden jedoch ablehnten. Demnächst wird für ganz Lybien ein Großrabbiner bestellt werden, der wichtige Aufgaben zu erfüllen haben wird. Es sei noch erwähnt, daß der größte Teil der tripolitanischen Juden die italienische Sprache beherrscht, die sie sich in den schon vor langer Zeit in Tripolis gegründeten italienischen Schulen angeeignet haben. Sie sind mit der italienischen Herrschaft zufrieden, da sie ihnen die volle Gleichberechtigung und auch die weiteste Entwicklungsfreiheit gewährleistet. •* Lehrerorganisation in Amerika. New-York. Nicht weniger als 210 jüdische Lehrer aus allen Teilen der Vereinigten Staaten und Kanadas haben Ende Dezember eine Konferenz in Brownsville abgehalten, in der sich die Lehrer zu einem Nationalverband zusammengeschlossen haben. Der Zweck dieses Verbandes ist die Regelung der jüdischen Lehrerbildung sowie der Anstellungsverhältnisse der jüdischen Lehrer und eine Verbesserung ihrer materiellen Lage. Hiermit ist der erste Schritt zu einer Reform des gesamten jüdischen Religionsunterrichtes getan worden, der sich hier in einer kläglichen Verfassung befindet — nicht zum wenigsten dadurch, daß die Lehrer entweder zwar moderne amerikanische Lehrmethoden beherrschen, aber von jüdischem Wissen und Hebräisch keine Ahnung haben, oder umgekehrt einseitiges Wissen aus den osteuropäischen Ghetti mit nach Amerika bringen, dagegen aber von moderner Pädagogik und von der englischen Sprache nichts verstehen. Bei der bisherigen jämmerlichen Besoldung war an eine gründliche Fachausbildung und eine sorgfältige Auswahl des Lehrermaterials nicht zu denken. Welche Wichtigkeit man den Lehrerberatungen beimißt, erhellt daraus, daß die hervorragendsten jüdischen Persönlichkeiten Amerikas, darunter Jacob H. Schiff, der Lehrerversammlung Glückwünsche und Anregungen übersandten. Rus der judifdien Presse. Die jiddische Presse feierte dieser Tage in Rußland das Jubiläum ihres fünfzigjährigen Bestehens. Im Dezember 1862 erschien zum erstenmal als Beiblatt der hebräischen Zeitung „Hameliz“ der „Kol Mewaser“ in jüdischer Sprache. Herausgeber war Alexander Zederbaum, Erscheinungsort war Petersburg. Und zur Tendenz stellte sjch Zederbaum, seinen Leserkreis der polnischen und russischen Assimilation zuzuführen. : Das dünkte Zederbaum erstrebenswert. Es sollte anders kommen, denn bald ging das Blatt ein. Lange Jahre gab es dann mit kleinen Unterbrechungen keine jiddrsclie Zeitung in Rußland. Bis 1881 Zederbaum abermals die Erlaubnis erhielt, in Petersburg ein Blatt in jiddischer Sprache herauszugeben. So erschien denn 1881, also fast 20 Jahre später, das „Jüdische Volksblatt“. Doch auch diesem war keine lange Dauer beschieden. Erst in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts hatte die jiddische Presse in Rußland einen Aufschwung erfahren. Heute zählt Rußland bereits eine große Anzahl jiddischer Zeitungen, die fast alle über einen für westjüdische Begriffe ungeheuer großen' Abonnentenkreis verfügen. So erscheint der „Fraind“ als Tageszeitung mit einer Auflage von 60.000 Exemplaplaren. Mit der diesjährigen Dezembernummer wird er auch seinen zehnten Jahrgang vollendet haben. Der „Häint“, ebenfalls eine täglich erscheinende Zeitung, hat eine tägliche Erscheinungsziffer von nicht weniger als 80.000 Exemplaren. Außerdem erscheinen noch in Rußlandeine ganze Anzahl anderer Tagesblätter, wie „Unser Leben“, „Moment“, „Gut Morgen“ etc., alle in zionistischem und nationalem Sinne geleitet. Ein Versuch, ein assimilatorisches Blatt in jüdischer Sprache herauszugeben, schlug gänzlich fehl. Außer den Tagesblättern erscheint auch eine ganze Anzahl von Wochen- und Monatsblättern. Neuerdings geben sogar die jüdischen Studenten eine in Gent (Belgien) erscheinende Monatschrift „Der jüdische Student“ heraus. Jiddische Zeitungen erscheinen auch in den anderen Staaten Europas. So in Galizien, das zwei in jiddischer .Sprache erscheinende Tagesblätter hat, und außerdem eine größere Anzahl von Wochenblättern diverser Parteischattierungen. Außerdem erscheinen jiddische Zeitungen in Belgien, in der Schweiz, in England,. in Deutschland (in Berlin erscheint seit einigen Monaten ein jiddisches Witzblatt „Der AscIit madai“). Ein eigenes Kapitel für sich bildet Amerika. Dort ist erst um 18S0 die erste jid-. dische Zeitung erschienen. Seither hat das' jiddische Zeitungswesen dort einen geradezu staunenswerten Aufschwung genommen. Es ers'chei-, nen an Tagesblättern in Newyork: der sozialistische „Vorwärts“ in einer Auflage von 135.000 Exemplaren, das „Morgenjournal“ in ungefähr 30.000 Exemplaren, „Wahrheit“ mit 65.000’ Exemplaren, „Tagblatt“ 60.000 Exemplaren usw., in Kanada der „Keneder Adler“ in 50.000 und in Chikago der „Chikagoer Courier“ in 20.000 Exemplaren. An Wochenblättern erscheinen in einer Auflage von 5000—25.000 Exemplaren ,-,Der Amerikaner“, die „Freie Arbeiterstimme“, „Der Arbeiter“, „Das jiddische Folk“, die „Jiddische Arbeiterwelt“, „Der jiddische Rekord“, „Der jiddische Stern“ usw. Von den Monatsblättem wären zu erwähnen die „Zukunft“, die „Freie Gesellschaft“, „Dos nave Leben“ mit einer Er* scheinungsziffer von 3000—10:000 Exemplaren. Schließlich erscheinen in Amerika noch eine Anzahl sehr beliebter Sammelbücher in bunter Folge. Ab 1. Jänner d. J. erscheint in Wilna ein neues jiddisches Tagblatt „Der Stern“. Jüdisdier Sport. Hakoah I gegen Vienna 1 4:4. Sonntag, den 9. Februar, eröffnete die Fußballriege „Hakoah“ die Saison mit einem Trainingsmatch gegen den erstklassigen Fußballklub „Vienna“.. Ueberaus viele Gesinnungsgenossen '(l'eicler'‘'wieder” keine Zionistischen Mittelschüler) waren erschienen, um unsere Mannschaft bei dem schweren Kampfe zu beobachten. Sie konnten freudigen Herzens Weggehen, denn sie bekamen grandiose Leistungen zu sehen. Wenn im Berichte der Tagesze:tungen Sätze zu lesen sind, wie: die Viennamannschaft bestand fast durchwegs aus Ersatzleuten, oder, die Häkoahmannschaft, die mit Verachtung aller Theorie mutig darauf losspielte etc., so sollen diese Sätze nichts anderes bedeuten, als Entschuldigungen für die erstklassige Vienna. Die Vienna stellte bis auf zwei Mann ihre vom englischen Trainer trainierte Mannschaft und spielte bereits ihr zweites Match. Hakoah spielte in dieser Saison zum erstenmale und mußte doch „mit“ Theorie spielen, wenn es ihr gelang, 4 reine Erfoige erzielea gegen 3 reine der Vienna, da diese ihr viertes Goal nur aus einem Strafstoß erzielte. Doch mögen die Tagesblätter sich nur weiter bestreben, durch falsche Berichte unsere Erfolge herahzusetzen. Uns ist es wichtiger, daß wrr Erfolge haben und diese der jüdischen Welt in unseren Blättern bekanntgeben können. Hakoah spielte dieses Match, um die Fähigkeiten ihrer Spieler für die kommenden Meisterschaftsspiele abwerten zu können. Und die Probe fiel über alle Erwartungen gut aus. Die Stürmerreihe (Horwitz, Schönfeld, Gansl, Reiß, Grasgrün) fand sich schon zur Mitte der erstell Spielhälfte und führte von da ab ein direkt musterhaftes Zusammenspiel vor, das nicht einmal durch die elenden Bodenverhältnisse beeinträchtigt werden konnte. Sie wurden von ‘der Halfreihe (Meller, Glasl, Dukes) glänzend unterstützt. Die Verteidigung (Rosenthal, Sträußler) imponierte durch ihr ruhiges, und immer richtiges Eingreifen, nur wäre ein etwas stärkeres Vorrücken angezeigt. Von jubelnden Beifall begleitet waren die grandiosen Leistungen H a 1perns im Tore! Kein Wunder, wenn ein führender erstklassiger Wiener Verein uns diesen hervorragenden Tormann „wegkapern“ wollte. Doch scheinen die geehrten Vereine nicht -zu wissen, daß die Hakoanner nicht bloß gute Fußballspieler, sondern vor allem stramme Juden sind, deren einziges Ziel das Aufblühen unserer „Hakoah“ ist. Und von diesem Gedanken waren alle unsere „Elf“ auch' im Spiele gegen die erstklassige Vienna beseelt und aus diesem Grunde gab jeder Spieler sein Bestes. Man wird das Vorrücken „Hakoah’s“ in die erste Klasse vielleicht aufschieben können', aber nie mehr aufhalten! Spielverlauf: Zuerst fiel ein Goal für Vienna, Hakoah erwidert bald darauf durch Schönfeld,