Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 3 (17.1.1913)
- Date
- 1913-01-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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/ NRTIML -JÜDISCHES r * * R r.‘wöchentlich. - Redaktion. Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden B _ lä ich von 11—M Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ “ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ B Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 133.404. " Telefon 223175. B Nr. 3. Wien, Freitag, den 17. Jänner 1913 VII. Jahrgang Jüdischer Volksverein für die Leopoldstadt Montag, den 20. Jänner d. j., um 8 Uhr abends, findet im' Vereinslokale, II., Karmelitergasse 1, eine außerordentliche Generalversammlung statt. Tagesordnung: 1. Rechenschaftsbericht des abtretenden Ausschusses. - 2. Kassabericht. . - 3. Wahl des neuen Ausschusses. 4. Organisationsfragen. 5. Eventuelles. Die P. T. Ver inccr.itg’.Ieder rnd Gesepnugsgenossen werden dringend ersucht, pünktlich und zahlreich zu erscheinen. Der Vorstand; ElMK^fiöICv.RuUi^tehiing^. Von Paris ist eine Kunde herüberkommen, die sich auf die »Brust legt, beklemmend und würgend. Oberst Paty de Ciam1 ist wieder in den französischen Heeresverband aufgenommen und in seine alten Rechte eingesetzt worden. Der Mann hat im Hochverratsprozeß des jüdischen Kapitäns Dreyfus eine hervorragende Rolle gespielt. Er hat als Untersuchungsrichter die abscheulicüsten Mittel. angewendet, um Dreyfus zu einem Geständnis zu zwingen, er hat auf Grund von Dokumenten, deren Unechtheit ihm bekannt sein mußte,, Schuldbeweise konstruiert, er hat diese Beweise auf die Gasse getragen und sie den. antisemitischen nationalistischen Parteien zur Verfügung gestellt. Sein Name war das Schlagwort der reaktionären Gruppen. Als Dreyfus rehabilitiert wurde, schien sein Schicksal besiegelt. Er wurde aus der Armee ausgestoßen und sein Name geriet schnell und gründlich in Vergessenheit, Vor wenigen Tagen noch wußte man nicht, ob Paty de Clam überhaupt noch lebt. Nun ist er urplötzlich auf dem Plan erschienen. Der Kriegsminjster Miüerand, der frühere Sozialist und nunmehrige konservative Militarist, hat ihm wieder die Steile eines aktiven Obersten in der .französischen Armee verliehen. Dieser, Schritt Millerands hat einen ungeheuren .Sturm' hervorgerufen und das Parteibild in Frankreich mit einem Schlag verändert. Millerand müßte demissionieren, aber die Wirkung seiner Aktion ist dadurch eher verstärkt als abgeschwächt worden. Sein Weggang ist das Signal zur Rallierung der Reaktionären aller Schattierungen, der Royalisten, Bonapartisten und Klerikalen. Der Kampf zwischen demokratischen Republikanern und den Nationalisten, welcher zu Gunsten der ersteren endgiltig entschieden schien, entbrennt aufs .neue. Und wieder wird er . irn%j6i|heiJ^rs Antisemitismus ausgefochtBJpWÄren, dafür .bürgt die mit dem Namen Paty de Clam heraufbeschworene Erinnerung an,, die Drevfusaffaire. Die Bewegung wird auch nicht auf Frankreich beschränkt bleiben. Die antisemitische Presse der ganzen Welt wird, wie anläßlich der Dreyfusaffaire, den Fall ausbeuten. Wir stehen wieder vor einer Periode frisch-fröhlichen antisemitischen Treibens. Die fortschrittlichen Blätter werden wieder mit einer Protestaktion einsetzen. Man wird haarklein nachweisen, daß ’ Paty de Clam1 ein Gauner und der Antisemitismus eine „Schmach des Jahrhunderts" ist. Man wird Gelehrte und Künstler aus iliren Arbeitszimmern schleppen und auf Versaimnlungstribüiien setzen und die zittrigen Unterschriften der ältesten Berühmtheiten auf papierenen Entrüstungskundgebunger sammeln. Man wird vielleicht die Absetzung des Schwindlers .Paty durchsetzen, und seine. ' B^schÜtfer "beiseife1 schieoem Aber" eines wird man nicht aus der Welt schaffen: daß in den Pariser Gassen „Nieder mit den Juden!“ geschrieen, daß aus dem Kulturzentrum der gesitteten Menschheit sich eine Flut der niedrigste i Verleumdungen und aufreizendsten Ve dächtigungen über uns Juden ergießen wird, in einer Sprache, welche die Völker hundertmal schneller erfassen, ah. da", geschraubte Reden und Schreiber platonischer Fortschrittsfreunde. . Man wird vielleicht über einen Patv,' einen Millerand, hinwegkoimmen, aber nicht darüber, daß das plumpste Manöver eines dunklen Ehrenmannes genügt5 um im Herzen der »herrlichsten Nation die blutigrote Flamme des wildesten Rassenhasses auflodern zu lassen. Mit Entsetzen werden alle liberalen Schwärmer wieder einmal konstatieren müssen, daß es ein Gebiet gibt, auf weichem eine fürchterliche Gleichheit herrscht, wo der kulturgesättigte Franzose’ nichts mehr von dem russischen Bauern, der gesitte Germane nichts vor dem halbwilden Schlachzizen und Bojaren voraus hat, wo sich aller Kehlen e.i n Schrei entringt: „Nieder mit den Juden!“ Wir Zionisten feiern den traurigen Triumph, unsere Behauptungen durch die rauhe Wirklichkeit bestätigt zu sehen. Das neuerliche Aufleben der antisemitisch-reaktionären Bewegung in Frankreich erhärtet die Richtigkeit des zionistischen Grundsatzes, d a ß eine restlose Lösung der Judenfrage nicht im Golus, sondern nur auf dem Boden unserer Heimat Palästina erfolgen kann. Unsere Gegner nennen uns schwärmerische Pessimisten, weil wir vom allgemeinen Fortschritt nicht die gründliche Heilung der Judennot erwarten. -Die Vorgänge im ersten Kulturland der Welt aber sprechen für unseren schwärmerischen Pessimismus und spotten des „nüchternen Optimismus“ der überklugen Antizionisten. Rundschau. Niederträchtiges aus dem Deutschen National-' verbände. Im Znaimer. „Deutschen Mahnruf“, einem. Blatte des Deutschen Nationalverbandes erschienim Dezember folgender Artikel: Deutsche, kauft nur bei Deutschen! .... Wir Deutsche können uns nur dadurch helfen, daß wir nicht hur unser Deutschtum inr Munde führen, sondern in wirtschaftlicher Hinsicht dem dahergelaufenen Tschechenvolke den Beweis erbringen, daß es einpacken muß, wenn kein Deutscher m:hr bei einem Tschechen etwas, einkauft! .Die kommende Weihnachtszeit bietet dazu die beste Gelegenheit. Schmach und Schande über alle jene, welche unter den altgermanischen Julbaum bei Tschechen gekaufte Geschenke legen, ehrlos derjenige, der unter »'den-v christlfcheflb-WeiivntachtsBaKm "'f^o f e i* aus jüdischen Geschäften legt! Es besehe sich jeder Deutsche recht gründlich vorerst das Firmenschild, um nicht Juden oder Tschechen ins Garn zu laufen. Es lese jeder Deutsche Techt aufmerksam den A n z ei genteil unseres Blattes, weil darinnen nur Anzeigen von deutschen und arischen Geschäftsleuten und Gewerbetreibenden Abnahme finden und besorge nur ausschließlich bei diesen seine Einkäufe. Ganz besonders warnen wir unsere deutschen Mitbürger, deren Frauen und Töchter, ihren Bedarf bei Moritz Fried (Michaelerplaiz), Max Barth (Ob. Platz), Wolf Adolf, Papierhändfer (Ob. Pratz), Friedmanh und Wallis c h (Schnittwarenhändler), S t i x (Kappenmacher), Preininger (Manufakturwaren), Kleiderhändler Friedmann, Skrivan (Zuckerbäcker), sämmtliche in der Füttergasse, bei den beiden H i t z j u d e n (Schuh- und Lederwaren), bei diem Judensozi Freiler (Unt Böhmgasse), u. s. w. (Es folgen noch eine große Zahl jüdischer und tschechischer Namen) ... zu decken, weil wir jeden Deutschen, der trotz dieser Warnung zum Verräter an dem hartbedrängten Deutschtums unserer Stadt, durch Einkauf bei Tschechen oder Juden werden sollte, unnachsichtücn und ohne Rücksicht auf den Stand, den Namen oder die Verwandtschaft desselben, mit vollem Namen in unserem Blatte veröffentlichen werden. Wir wollen endlich auf radikalem Wege und mit radikalen Mitteln mit dem daher-- gelaufenen Tschechen- und Judenpack a u f r ä u ir. e n!“ . . . . Dieser Schandartikel wurde wohl konfisziert, aber durch eine Interpellation der Mitglieder des Deutschen Nalianafverbendes im P^jlamerflb wieder frei gemacht und erschien zum zweitenmale an leitender Stelle im Znaimer Blatte! Wir können uns jede Kritik ersparen. Und unter solchen Umständen gibt es noch Juden, die ihre Stimmen Nationalverbändlem geben, die sich von den Renegaten Licht und Redlich ins deutsche Lager kommandieren lassen! jy o o V croü / •' o! V