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Jüdische Zeitung · 1912-12-27 · 51 (27.12.1912) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
51 (27.12.1912)
Date
1912-12-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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MM NRTIDNRL -JUDI5CHE5 ÜRERN ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ _ tätlich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurfickgesteOt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ rekh-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, vierteljähr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 133.404. Telefon 22.075. ■ Nr. 51 Wien, Freitag, den 27. Dezember 1912 VI. Jahrgang Kos von Ratfouitz! Offener Brief an Matthias Acher*). Verehrter Meister! Seit Jahrzehnten sind Sie der jüdischen Moderne bahnbrechend vorangegangen. Ein schwerer Weg voll Mut und Hoffnung, voll Schmerz und Einsamkeit. Und dieser Weg soll nach Kattowitz führen? Ein hartes Los, den Juden als Wegweiser voranzugehen, dem Volke des harten Nackens, dem Volke des universalistischen Denkens, des nationalen Wollens und des. — anarcho-individualistischen Handelns . . . Hat je ein Führer in Israel bis ans Ende seiner Tage das hohe Glück des Einsseins mit dem Volke genossen? Der eine wird vom Volke im Stiche gelassen, — dem bricht das edle Herz. 'Der andere verläßt die „trotzige, gerade Linie“ des Freiheitskampfes, — dem ist der stolze Wille gebrochen. Wohl jenen, ihnen ist der Weg nach Canossa erspart geblieben ... Wer Großes wollte und Großes vom Volke verlangte, wurde er nicht ewig und immer aus tausenden^Augen kopfschüttetnd 'angeglotzt“? O, dieser „dunkle, wehmütige und spöttische Spott des Orthodoxen Unglaubens und der rabbinistischen Golusgenügsamkeit! Wie viele Heldenträume sind an ihm gescheitert!“ — „Ach was! Ideal, Mission, Freiheit! Wenn der Poriz nur Parnosse gibt und der göttliche Scholet am Schabbes nicht fehlt" '. . . ’ Jetzt sollen wir alle aus diesen Augen in die Welt dreinschauen; daraus soll unser Heil entstehen ....; Unsere Wege, Meister, gehen nun auseinander. Da gilt es, offen und ehrlich Ihnen zu sagen, warum wir, Jungjüden sozialistischer wie bürgerlich-demokratischer Gesinnung, Ihnen nicht folgen können. j -Es ist ein Ruf der jähen Verzweiflung und des Zornes, den Sie an uns richten. „Volk des-harten Nackens, das sein Schicksal nicht mit kraftvoller Hand gestalten konnte, meinem Ruf zur befreienden Tat taub geblieben ist und 'mich mit spöttischen Augen angeglotzt hat! Auf die Knie vor dem Unfaßbaren, vor dem du in Demut und Zerknirschung deine Sünden büßen sollst!" ... .„Nun sehe ich ..." „Nun verstehe ich ... .“ „Nun w ei ß ich ..." ■ Mich aber will es dünken: Nicht weif Sie reicher geworden sind an Erkenntnis und Glauben, haben Sie vor dem großen „eingebildeten 5 Schrecken“ kapituliert, sondern weil Sie in den langen Jahren des einsamen Ringens mit dem[ Mißtrauen und Unglauben Ihren Siegesmut und; Freiheitsglauben .eingebüßt haben. Weil Sie nicht einsehen wollten, daß es noch keinem Führer in Israel beschert war, das Land der Verheißung mit eigenen Augen zu erblicken . . . Auch Sie fühlen es in ihrem Innersten, daß es bloß . „Reue",; nicht aber , die Kraft ist, sie *) Matthias Ach ec (Dr. Natan Birnbaum), der "ehemalige.' Wortführer der jüdischen Moderne, gebärdet sich in seinen, letzten Veröffentlichungen unter Verdammung der jüdischnationapfreiheitlichen Tendenzen, als Anhänger des religiösen Judentums. In Kattowitz wurde vor kurzer'Zeit, die Organisation der streitbaren starrsten jüd&chen Orthodoxie begründet. in Tat umzusetzen, nur „eine Wandlung der Stimmung, nicht des Wesens“, daß „noch nichts noch gar nichts gewonnen ist . . .“ Gewiß schleudern Sie uns in Ihrem aufrichtigen Zorne manche harte Wahrheit, aber auch manche ungerechte Anklage ins Gesicht. Wahr ist es, daß viele von uns bisher dem Schema, nicht dem Leben dienten, daß die große Mehrheit von uns durch Hirnkalkulationen das ersetzen zu können glaubte, was nur durch zähe begeisterte Tat des Einzelnen wie deF. Gesamtheit vollbracht werden kann. Wahr «fHSs endlich, daß unser Streben viel zu wenig voll den Ewigkeitswerten und Ewigkeitsmotiven, unseres- Volkes durchdrungen ist.; Aber Unrecht tun Sie uns, wenn Sie uns der Negierung, ja der Bekämpfung des „Missionsglaubens“ schlechthin anklagen. Wir bejahten und bejahen die Mission Israels als den durch intuitive und wissenschaftliche Selbsterkenntnis erlangten und durch historische Erfahrung gefestigten Glauben in den eminent eigenartigen hohen Beruf unseres Volkes in der Kulturgeschichte, in seine Führerrolle auf den Gebieten seiner Genialität. Wir spüren überall diese ungeheure, innerlich frei waltende Kraft, die an keine seiner. Schöpfungen unlöslich gebunden ist, noch gebunden werden darf, wenn sie nicht sonst fruchtlos erstarren soll. An nichts ist unser Genius gebunden, nicht einmal an dem von ihm geschaffenen Gott! Frei muß die Kraft bleiben von allen innerlich-autoritativen Fesseln. Entfesselt muß sie, werden von .allen äußerlichdespotischen Hemmnissen. Im Namen unseres Ewigkeitsstrebens und Ewigkeitsglaubens. Nicht gegen die Mission haben iwir gekämpft, sondern gegen ihre Dienstbarmachung zu assimilatorischen Goluszwecken, gegen den schächermäßigen „Austausch“ unserer Genialität gegen das Linsengericht formeller Gleichberechtigung, gegen die Predigt des urewig prädestinierten Golus, gegen den nationalen Verrat im Namen der „Mission“. Aber auch gegen die Fesselung unseres Berufes durch konkrete Dogmen- und Kultur-Formeln mußten wir kämpfen und werden wi* auch weiterhin kämpfen müssen. Haben Sie ja selbst so treffend den Gegensatz jüdischer und nichtjüdischer Genialität gekennzeichnet: Die „dramatische Bewegung“ im Gegensatz zur „plastischen Erstarrung“. Und nun sollen, wir selbst in dem von uns einst geschaffenen Glauben erstarren? Wir haben der Welt voll Götter und Götzen einen Gott gegeben, wir haben ihr jenes uralte Grauen, den terrör antiqüus eingeimpft, — eine geistige Zwangsjacke für die roh-ungestüme Materie. Und während unsere ungebärdigen Epigonen noch in dieser Zwangsjacke stecken und sich in ihr recht wohl zu fühlen scheinen, eilen wir rastlos ^vorwärts, denn uns galt es stets, das verkündete Heil, das Wort in Realität umzusetzen, dem Gott, den wir einst in den Himmel gesetzt, hier auf Erden eine Stätte zu errichten. Durch die mutige Auflehnung gegen alle Unvernunft und alle Tyrannei. Und vor allem durch die Wiederaufrichtüng jenes frei-schaffenden Judentums, das der nach Erlösung lechzenden Mensch- •hdt wiederum mit Meilenschritten den Weg ins - Freie ebnen wird. „Die Erkenntnis der höchsten Bestimmung unseres Volkes“, soll sie wirklich unausweichlich zur traditio-nationalistischen Religion und zum „Schulchan Aruch“ führen? Zu all jenen „symbolischen Ausdeutungen des Ewigkeitsgeschehens“ (i. e. Dogma, Kultus), dfe aus unserem Volke so viel Natürliches, Gesundes, Männliches verbannt haben? Müssen wir denn tatsächlich, um „mit unserem großen Jesaja paradieren“- zu dürfen, bedingungslos vor Doktor Breuer mit allseinen 613 „symbolischen Ausdeutungen“ kapitulieren? ■ ■'' Gerade in unseren Tagen de entente cordialc ^•zwischen Orthodoxie und Assimilüntentum allerorts sollte einem jeden ungetrübten Blicke die' unüberbrückbare Kluft zwischen n a t i o n aler Regeneration und religiösem Traditionalismus klar sein. Es ist der organische Gegensatz des effektiven Vaterlandes der Verneiner des Golus und des „portativen Vaterlandes“, seiner Nutznießer und Bejaher. Das portative „Vaterland“ in seiner uralten Janusgestalt : des „eingebildeten Schreckens“ einerseits und des goldenen Kalbes anderseits, Talmudismus—Kapitalismus, Orthodoxie—Assimila- ■ tion. Die einzige raison d’etre der Orthodoxie war und bleibt — die Juden im Golus vor dem Untergang zu wahren. Heute aber versagt dieser Schutzwall, und das Judentum ringt um neue Formen der nationalen Selbsterhaltung. Daher — der unüberwindliche Haß der Orthodoxie gegen «liese neuen Formen, ihre ungeheure Furcht vor dem Untergang ihrer Domäne — des Golus. Deshalb klammern sie sich so fest an die Natansohn, Löwensteins, Sliosbergs und. kämpfen mit ihren kotigsten Waffen gegen einen Herzl. Eine beiderseitig wohl begründete Feindschaft. Oder glauben Sie, daß das treue Bündnis von Religion und Assimilation in Warschau und Paris, in Lemberg und Berlin, in Kowno und Wien — eine historische Zufälligkeit ist — oder gar eine zeitweilige Mesalliance? Das Indivi-- duum kann fehlschlagen, doch ■ nie der K o-l- 1 e k t i v w i 11 e natürlicher Bundesgenossen an-' gesichts des gemeinsamen Feindes. Und diese heilige Alliance wird durch den beiderseitigenhyperpatriotischen hochtreuuntertänigsten Servilismus allen herrschenden Größen und Winzig- '«S keiten gegenüber aufs Würdigste gekrönt. Das alles sehen Sie klar in Ihrem Westen. Warum wollen Sie es nicht in unserem Osten sehen? In Ihrem« mutigen und geradlinig-ger rechten Kampf gegen den nahen Westen haben Sie stets den ferneren Osten überschätzt. Heute in einer verhängnisvollsten .Form, indem Sie seinegrößte Nöt in die größte Tugend verwandeln wollen. Oder glauben Sie, unsere östlichen RabbinowitscH’ seien der jüdischen Wiedergeburt wohlwollender gesinnt als Ihre westlichen Breuers? . Sie sehen ringsum nur vernünftelnde Plattheit, ungeistlichen [nteUigenz-Nationafismus. Wo aber, in welchem seligen Erdenwinkel, haben Sie heute jenen feurigen, beseelenden und be- ' geisternden jüdischen Glauben, die wahren jüdischen Volksfeste gesehen, erlebt? Weder innerhalb noch außerhalb des Ghetto, sondern aus den toten Büchern, aus den vergilbten Per« /

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