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Jüdische Zeitung · 1912-11-15 · 45 (15.11.1912) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
45 (15.11.1912)
Date
1912-11-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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B pr<:clieint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden B _ i'i ''ich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr. nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgesteflt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: GanzjShr. K 10.—, halbjähr. R 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Gapzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—. Vierteljahr." ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: GanzjShr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 133.404. Telefon 22.075. B Nr. 45.^Wien, Freitag, den 15. November 1912 : VI. Jahrgang kkkkkkkkkkkkkkkk Gesinnungsgenossen! Kultuswähler! i » Montag, öen 18. November findet im Hotel Post, I., Fleischmarkt, um 8 Uhr abends eine grosse statt.. ' Tagesordnung: r! 1 Die diesjährigen Kultuswahlen. Referenten: Die zionistischen Kandidaten Dr. Jakob Ehrlich Hof- und Gerichtsadvokat Robert Stricker Oberingenieur. Donnerstag, den 21. Novemb. findet im Hotel Guth, II., Stefaniestraße 14, 8 Uhr abends, eine zweite mit derselben Tagesordnung statt. Referenten: Die zionistiidien KanOiOaten. uuuuuuuu Ifweflwlfm Qiener Rullusuahlen. Der Kampf der Wiener Zionisten um die Kultusgemeinde gehört zu den kraftvollsten Aktionen, welche die zionistische Partei überhaupt unternommen hat. Der Besitzstand der Gegner ist durch ein ungerechtes, plutokratisches Wahlrecht geschützt. Dreijährige Seßhaftigkeit, Listenwahl ohne Proporz, eine überaus höhe Minimalsteuer, die reaktionäre Einrichtung der Kurie der Höchstbesteuerten und noch viele andere, zugunsten der derzeitigen Machthaber, getroffene Bestimmungen, haben die Wählerzahl der 18Ö.Ö00 Köpfe zählenden Wiener Judengemeinde auf kaum 10.000 iheruntergebracht. In dieser Zahl ist inbegriffen ein Heer abhängiger Beamter und Bediensteter, eine Fülle von Lieferanten und sonstigen Interessenten, deren Zahl in Anbetracht des riesigen Budgets der Kultusgemeinden naturgemäß eine ganz enorme ist, und die für; die oppositionelle Agitation-i-gar; i.nicht. Jt^rFeage .kommen.: Kommt .noch1 hinzu, daß die absoluten Beherrscher des Gerd- und Industriemarktes, Rothschild, Guttmann, Taussig, Pollak, die Direktoren der großen Banken ,u. ,a. sich willig in den Dienst der Offiziellen stellten und ihren Ungeheuern persönlichen Einfluß immer und oft in der skruppellosesten Weise an der Wahlurne geltend machen, so ist es nicht verwunderlich, daß alle, auch die sonst nicht gerade Zaghaften, den zionistischen Ansturm gegen diesen festgefügten Block für aussichtslos hielten. Alle dachten so, nur diejenigen, für welche diese Anschauungsweise die bequemste gewesen wäre, diejenigen, denen die größten Opfer an Kraft, Zeit und Geld erspart geblieben wären, die Wiener Zionisten dachten anders. Sie haben immer und immer wieder den Kampf aufgenommen und mit beispielloser Zähigkeit geführt. Sie haben sich durch die unüberwindlich scheinenden Hindernisse nicht abschrecken lassen. Und auch die Stimmen, die sich hier und dort im eigenen Lager erhoben, die Stimmen der Kurzsichtigen, denen nur der Erfolg des Tages imponiert, die in dem scheinbar resultatlosen Kampfe eine Vergeudung kostbarer Parteikräfte erblickten, konnten die Kampflust nicht dämpfen. Die Energie und der Elan haben gute Früchte getragen. Die Wiener Partei hät in diesen Kämpfen unendlich viel gelernt und die Indolenz der breiten Masse zum großen Teil überwunden. Sie hat Resultate erzielt, die angesichts der vorerwähnten Schwierigkeiten als Siege bezeichnet werden müssen. Die zwischen 30 und 48 Prozent schwankenden Stimmergebnisse zugunsten der Zionisten bedeuten in Wirklichkeit eine überwiegende Majorität für die Zionisten. Nur dem; Wahlunrecht ist es zu danken, wenn heute nicht die Wiener Kultusstube zionistisch ist. Die geführten Kämpfe haben aber auch das Ansehen der Partei unendlich gehoben und den Gegner mit hohem Respekt vor der zionistischen Tatkraft erfüllt. An Stelle der Geringschätzung ist Anerkennung und Achtung getreten. Die Offiziellen haben eingesehen, daß sie auf die Dauer ihre Macht nicht auf dem Unrechte gründen können und sind in diesem Jahre an die Wiener zionistische. Partei mit dem A ne rbie t e n herangetreten, ihr Mandate einzuräüm e n. Wohl hat es auch in früheren Jahren nicht an zweifelhaften Friedensanträgen gefehlt. Man hat mit der persönlichen Eitelkeit einzelner Zionisten gerechnet und sie auf die offizielle Liste hinüberzuziehen gesucht, man hat sogar Kandidaten taxfrei zu Zionisten ernannt, man hat Mandate.für Personen einräumen wollen, deren Temperament- und sonstige Veranlagung den. Kultusgewaltigen.bequem erschien, kurz, matt hat alle faulen Konst- Stückchen äüsprobiert, aber vergebens. Die Erfahrung hat schließlich auch die Gegner einsichtig gemacht und heuer wurden den Wiener Zionisten bedingungslos Mandate im Kultusvorstande und in allen Bezirk svertretungen ein geräumt. Nachdem die Nutzlosigkeit des kleinlichen Schach er ns klar zu Tage lag, hat man sich für den ehrlichen Ausgleich entschieden. Die Zionisten haben die Sachlage anerkannt und, wenn ihnen auch nicht der gebührende Anteil voll und ganz eingeräumt wird, den ehrlichen Ausgleich, für dieses Mal akzeptiert. Zwei Vertreter der Wiener Parteiorganisation und entschiedene Repräsentanten, der in Wien herrschenden Richtung, die Mitglieder des zionistischen Zentralkomitees, Gg. Oberingenieur Robert Stricker, Obmann des Jüdischen Volksvereins für die Leopoldstadt und Gg. Dr. Jakob Ehrlich, Obmann des Jüdischen Nationalvereins für Oesterreich, werden in die Wiener Kultusstube entsendet, außerdem erhält eine größere Anzahl bewährter Parteimitglieder Sitz und Stimme in den Bezirkskommissionen, welche gemäß unserem Kultusprogramm!, zu wichtigen Vertretungskörpern ausgestaltet werden sollen. Die Annahme des Ausgleiches bedeutet einen wichtigen Merkpunkt sowohl im Leben der Wiener als auch 3er gesamtösterreichischen Partei. Zum ersten Male erscheinen von der Organisation entsendete Zionisten im Räte der bedeutendsten jüdischen Großgemeinde. Ihre Stellung ist eine ungemein schwierige, sie tragen eine große* Verantwortung und viele schwere Kämpfe gegen eine erdrük- •kend große Majorität - harren ihrer. Denn wenn diesmal auch ein äußerer Waffenstillstand geschlossen wurde, so ist dem Kampfe um das Programm nichts YQ.n seiner Schärfe benommen, im Gegenteil, 14472

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