Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 42 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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®8SS iE™* -JUDI5CHE5 BBM JUDE ZEITIGE H Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II.,Stefaniestraße Nr. 12. — Sprechstunden B m (3dich von tl—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ™ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. R 5.—, Vierteljahr. R 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 133.404. Telefon 22.075. ■ Nr. 42, Wien, Freitag, den 25. Oktober 1912 VI. Jahrgang Palästina Im Bild: üiditbilders und Vortragsabend. Sonntag, den 27. Oktober '1912, 8 Uhr abends, Hotel Continental. Referat des Generalsekretärs der zionistischen ParteljjHetrn Kurt Blumenfed, Berlin, Bilder von Leo kanh. Karten ä K 3, 2 u. 1, Stehplätze ä 69 h. in der „Jüdischen Zeitung“. Ab 7 Uhr und in der Pause: Ausstellung des Prachtwerkes: „Palästina im Bild“. Kreuz und Halbmond. Für den Beutezug, welchen die Balkanvölker unter der Patronanz Rußlands gegen die Türkei Unternehmen, ist endlich die Parole festgesetzt: Fijr die alleinseligmachende christliche Liebe und gegen die moslemische Barbarei wird gekämpft!. Der Halbmond muß in den Staub getreten werden und die heilige Kreuzesfahne über Konstantinopel flattern. Die räuberischen Unternehmer haben sich auf die Schutzmarke „Kreuz“ geeinigt, eingedenk des alten Erfahrungssatzes, daß man die besten Geschäfte doch noch immer mit Gottmacht. Diese fromme Beterschar bietet immerhin einen originellen Anblick. Vorne der edle Nikita. Nachdem er genügend viel seiner politischen Gegner durch Gift, Dolch und Hungerkuren in modrigen Kerkerlöchern beseitigt und durch Unterschlagung österreichischer Postanweisungen j die eigenen dringendsten Bedürfnisse befriedigt hat, geht er nunmehr daran, den mohamedanischen Ketzern das reine Christentum beizubringen. Hinter ihm Peter, der in kindlicher Frömmigkeit seinen Vorgänger samt Familie und sonstigem Anhang ins bessere Jenseits verholten hat, und 'Ferdinand der Gütige, der seine Glaubensstärke bereits dadurch bewiesen hat, daß er jedes seiner Kinder in einer anderen Religion erziehen läßt. Wahrlich, nie trugen reinere Hände das Kreuz! Die österreichischen Juden stehen an der Seite aller billig und freiheitlich Denkenden mit ihren Sympathien bei der Türkei. Durch die Ranküne des reaktionären Rußland und die Beutegier halbzivilisierter Balkanhäuptlinge wird ein großes Reich in der gesunden Entwicklung gestört. Um , die wackligen Thronsessel auf dem Balkan für einige Zeit zu festigen, werden Tausende junger Menschenleben geopfert und immense Kulturwerte zerstört, wird ganz Europa in Unruhe gesetzt und wirtschaftlich aufs schwerste geschädigt. Gerade uns Juden muß die heuchlerische, frömmelnde Parole, die den blutigen Wahnwitz decken soll, doppelt empören. Uns hat sich der barbarische Halbmond immer als Symbol der Toleranz erwiesen, unterm Kreuz aber wurden wir unmenschlich gemartert, wie alle, die vor der wehrhaften Kirche nicht deh Nacken beugen wollten. Kreuz gegen Halbmond — Liebe gegen Haß! Keiner kann die Ironie bitterer empfinden als wir. Mit uns Juden müssen aber alle modern Denkenden die Niederlage der neuen Kreuzzügler herbeisehnen. Die frömmelnden Schlagwörter sind nun einmal ausgegeben und die blutberauschten Massen saugen sie gierig ein. Mit einer eventuellen Niederlage der Türkei werden sie nicht verstummen. Die mobilisierte Intoleranz wird in Permanenz bleiben, die reaktionären geistlichen und weltlichen Mäcnte werden dafür sorgen. Und wenn der Kreuzzug gegfcn die Türkei leidlich ausfälit, dann werden alle modernen Elemente in Europa diesen Sieg der Reaktion arg zu verspüren bekommen. Oesterreich und die luden. Von Dr. Paul Weisengrün. * Ich freue mich sehr, daß diese kleine Schrift*) von Dr. Kadisch bereits in zweiter Auflage erschienen ist. Die Tatsache, daß diese Anschauungen immerhin eine gewisse Verbreitung gefunden haben, muß jeden Anhänger unserer Richtung angenehm berühren. Denn Dr. Kadisch, einer unserer besten Köpfe, ist noch immer weder innerhalb noch außerhalb unserer Partei bekannt und gewürdigt genug. Dabei sind wir alle in gewissem Sinne die Schüler dieses-Mannes, der seit Jahrzehnten mit aller Macht auf sein Ziel, die Modernisierung Oesterreichs losarbeitet. Die Wirtschaftspolitik — um es gerade herauszusagen — ist die schwache Seite dieser Broschüre. Ich will gar nicht davon sprechen, daß zu abstrakt, zu schematisch gewisse, noch sehr der Nachprüfung bedürftige Grundsätze auf das Wirtschaftsleben der Juden angewandt werden. Aber daß alles Uebel ausschließlich vom Eigentum an Grund und Boden herrührt, das ist wahrlich eine Ideologie und die Marxisten haben recht, wenn sie den obersten Grundsatz all dieser Theoretiker von Henri George bis Oppenheimer, daß mit Aufhebung und Bekämpfung des Großgrundbesitzes die soziale Frage gelöst sei, geradezu als Utopie bezeichnen. Was soll man aber dazu sagen, wenn Tolstoi, der gewaltige Epiker, der grandiose Bekenner als sozialer Denker ernst genommen wird!!! — — — —- Dies tut aber Kadisch und Tolstoi ist sein Gewährsmann, auf ihn beruft er sich, wenn er behauptet, daß erst durch Henri George der Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft fortschreitet. Durch solche Aeußerungen stärkt man nur die agitatorische Stoßkraft der Marxisten. Trotzdem enthält auch in wirtschaftlicher Hinsicht diese Broschüre treffliche Ausführungen. Wie muß man z. B. Dr. Kadisch zustimmen, wenn er in folgenden kernigen Worten den sozialen Charakter alles und jedes jüdischen Nationalismus betont: „Der jüdische Nationalismus wird entweder Vom sozialen Geiste durchdrungen sein, oder er wird in der großen *) Vergl. Dr. H. Kadisch, Jung-Juden und Jung-Oesterreich, Druck und Verlag: „Adria“, Ges. m: b. H., Wien, 1912. Zu beziehen durch die „Jüdische Zeitung“, Preis 30 Heller. Masse überhaupt kein Echo finden. Ist doch in Oesterreich überhaupt wirtschaftliche Organisation und Wirtschaftspolitik das dringendste.“ (Vergl. S. 25.) In rein politischer Hinsicht wird man DV. Kadisch fast überall folgen können. Seine Ansicht über die Universalität des jüdischen Problems, sein Beweis, wie verfehlt die bisherige Politik der Juden war, die Berufung auf Dr. Fischhof, das alles ist trefflich und bei aller Knappheit überaus plastisch herausgeschält. Die Intensität und Leidenschaft, mit der unser Autor in einer wahrhaft jüdischen Vofkspolitik das Wort spricht, wird sicherlich vielfach auch außerhalb unserer Kreise sympathisch berühren. Die starke imperialistische Note wird vielfach innerhalb unserer Partei auf Widerspruch stoßen. Es muß auch aufs schärfste betont werden, daß dieses ausgesprochene Großösterreichertum kein Programmpunkt des jüdischen Nationalismus bildet. Dr. Kadisch ist Anhänger einer österreichischen Expansionspolitik, die nur dann eine Existenzberechtigung hat, wenn das Donaureich die großen politischen Aufgaben einmal im Innern gelöst haben wird. Eine Expansionspolitik um jeden Preis wollen wir alle nicht, und gerade weil auch Dr. Kadisch dieser Anschauung ist, kann man nicht deutlich, nicht vorsichtig, nicht anschaulich genug die Markierungslinien zwischen diesem und dem Säbelrasseln des „reinen“ Imperalismus aufzeichnen. Andererseits hat Dr. Kadisch hierin das Verdienst, mit der Legende, daß der jüdische Nationalismus unpatriotisch ist, gründlich aufgeräumt zu haben. Keine Richtung ist so gut österreichisch wie die jüdisch-nationale. Ich kann mit gutem Gewissen die kleine Schrift jedem Zionisten und nationalgesinnten Juden zur Lektüre empfehlen. Zioiustifdie Arbeit und ihre Erfolge. Palästina im Bild. Sonntag, den 27. Oktober wird das Wiener Publikum Gelegenheit haben, im großen Festsaale des Hotel' Continental einer ginz eigenartigen und kraftvollen zionistischen Kundgebung beizuvvohnen. Nicht durch Agitationsreden, nicht durch Betonung des Gefühlsmomentes und Erörterungen theoretischer Natur, sondern durch Wiedergabe des bereits Geschaffenen soll die Größe der nationalen Palästinabewegung bekundet werden. Es werden keine lockenden Zukunftsbilder, sondern Bilder aus einer arbeitsschweren^ aber eine glänzende Entwicklung verheißenden Gegenwart vorgeführt werden. Die Vorführung wird durch die be-