Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 40 (11.10.1912)
- Date
- 1912-10-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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J8SSS JEÜSEfc;4ü3QjE3 asm ggg ■ hrscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufna^ne: Wien, Il^Stefaniestraße Nr. 12. — Sprechstunden ■ _ tätlich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ■ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. R 5.—, viertel] ähr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, wierteljähr. ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. .Postsparkassenkonto 133.404. Telefon 22.075. ■ Nr. 40 Wien, Freitag, den 11. Oktober 1912 SSSBSSSSSSSSSSB^BSSSm VI. Jahrgang HM Palästina im Bild Sonntag, den 27. Oktober 1912, Hotel Continental. Karten ä K 3, 2 u. 1 in der „Jüdischen Zeitung“. Uiener Kulfuswahlen. Im nächsten Monate kommen neun Mandate für den Kultusvorstand zur Neubesetzung. Unsere Partei tritt wieder in den Wahlkampf ein und kann berechtigterweise die schönsten Hoffnungen hegen. Die Partei ist arbeitsfreudig und opferbereit, denn die Erkenntnis von der Wichtigkeit dieses Wahlkampfes ist eine allgemeine geworden. Dieser Umstand bedeutet einen Fortschritt, denn noch bei den letzten Wahlen vor zwei Jahren war zu konstatieren, daß es an manchen Stellen am nötigen Verständnis mangelte. Insbesondere fehlte die Ermutigung und tatkräftige Unterstützung durch die oberste Leitung der zionistischen Bewegung, durch dasv Aktionskomitee. Es ist nur natürlich, daß dieses Moment einerseits vom Gegner weidlich ausgenützt wurde und anderseits den Eifer vieler Gesinnungsgenossen gedämpft hat. Heute herrscht, wie in allen anderen Fragen, auch in dieser die vollste Uebereinstimmung zwischen der obersten Parteileitung und den Wiener Gesinnungsgenossen. Das Aktionskomitee in Berlin wird auch nicht verfehlen, dieser Uebereinstimmung den kräftigsten Ausdruck zu verleihen. Der in den nächsten Tagen in Wien eintreffende Sekretär der Zentralleitung wird Gelegenheit nehmen, die Wiener Partei mit den bezüglichen Entschließungen des Aktionskomitees vertraut zu machen. Was die Stellung der Partei zum derzeitigen Wiener Kultusvorstande betrifft, so hat sie sich nicht geändert, weil eben die Haltung dieser Körperschaft in jüdischen Fragen die; gleiche geblieben ist. Auch nicht einer einzigen der nationalen und demokratischen Forderungen der zionistischen Opposition wurde Rechnunggetragen. Auch nicht ein einziger Versuch wurde unternommen, der schwer bedrückten, desorganisierten Judenschaft beratend und helfend beizustehen. Die absolute Volksfremdheit, eine förmliche Scheu vor der jüdischen Oeffentlichkeit ist das vorherrschende Element im Tun und Lassen der Vertretung der jüdischen Großgemeinde Wien geblieben. Und wenn die Situation die Repräsentanz der Wiener Juden zwang, in die Oeffentlichkeit zu treten, dann war das Resultat immer . ein beschämendes. Es sei nur an einige, charakteristische Fälle in der vergangenen zweijährigen Wahlperiode (erinnert. Als im vorigen Jahre in Galizien und der Bukowina dreitausend schwer und ehrlich arbeitende Juden samt ihren Familien durch antisemitische Verfügungen der Landesregierung brotlos gemacht werden sollten, da ergriff die zionistische Partei das letzte Mittel, um zirka fünfzehntausend Volksgenossen vor dem Elend zu bewahren. Sie berief die dreitausend jüdischen Schenker nach Wien und demonstrierte ihp Elend im Parlament, auf der Ringstraße, vor den Augen der Zentralregierung und der Wiener Bevölkerung. Es war wohl die größte und würdigste jüdische Demonstration, die je in Oesterreich stattgefunden hat. Sie war auch von Erfolg begleitet, denn unter dem Drucke dieser Demonstration mußte die polnische Landesregierung eine große Anzahl von Konzessiorteir'den' Juden übiriassen. Damals hat sich nicht nur die Wiener jüdische Bevölkerung, sondern auch die christliche im besten Lichte gezeigt. Die Demonstranten, der Mehrzahl nach gebeugte Greise und Greisinnen, wurden mit warmer Anteilnahme reich bedacht. Nur der Wiener Kultusvorstand hat sich herzlos benommen. Aufgefordert, für diese armen Leute aus der Fremde, die im strengsten Winter tagelang im Eisenbahnwagen und auf der Straße darbten und froren, etwas zu tun, hat er durch den Mund seines Präsidenten verkünden lassen, daß er jede moralische ,und materielle Hilfe verweigere, weil das Politik sei, um die sich •die Wiener Kultusgemeinde nicht zu kümmern habe! Das Elend tausender Brüder lindern zu helfen, ist also unerlaubte Politik! Unjüdischer kann man wohl nicht mehr denken und handeln. Man kann sich jede weitere Kritik ersparen. Als bei den heurigen Gemeinderatswahlen eine Gruppe von Geschäftspolitikern den Versuch unternahm, dem Wiener Judentum eine unendliche Schmach anzutun, indem sie in der jüdischen Leopoldstadt ein Verfechter des Ritualmordm ärchens als Kandidaten aufstellten, da unternahm die Kultusgemeinde keinen Versuch, einzuschreiten. Sie sah ruhig zu, wie unsere Partei die Oeffentlichkeit alarmierte und den Schädling verjagte, sie selbst schwieg. Dieselben Herren, die seinerzeit zur Regierung liefen, um die Schaffung jüdischer Reichsratsmandate zu verhindern, schwiegen diesmal. Als der Wiener Universitätssenat die Ehrlosigkeitserklärung der jüdischen Studentenschaft sanktionierte und die jüdischen Akademiker, welche sich zur Wehre setzten, relegierte, schwieg die Wiener Kultusgemeinde. Sie überließ die Abwehraktion ruhig der zionistischen Opposition. Die Fälle, in welchen der Wiener Kultusvorstand seine Pflicht als jüdische Repräsentanz vernachlässigt hat, ließen sich noch dutzendweise anführen. Aus all dem geht hervor, daß die Unzufriedenheit in oppositionellen Kreisen wachsen mußte, und daß die zionistische Partei nur ihre Pflicht erfüllt, wenn sie den bevorstehenden Wahlkampf energisch und mit dem Aufgebot all ihrer Mittel führt. Eines Umstandes ist besonders zu gedenken: Der nächstjährige Zionistenkongreß findet in Wien statt. Die großartigste jüdische Demonstration der Diaspora wird innerhalb der Mauern unserer Stadt vor sich gehen. Es ist eine Ehrenpflicht, dafür zu sorgen, daß die Männer, welche die Delegierten aus aller Herren Länder im Namen der Wiener Judenschaft begrüßen werden, warmfühlende und aufrechte Juden sind. Die derzeitigen Repräsentanten der Wiener Kultusgemeinde haben keinen Anspruch auf diese ehrende Bezeichnung erworben. Sie sollen Würdigeren weichen! Unser Rultasgemeintoprogranini. Reform der Vorsiandswahlen. I. Beseitigung der privilegierten Kurie der Höherbesteuerten und Einführung des allgemeinen, gleichen Wahlrechtes für alle 'männlichen, eigenberechtigten Gemeindeangehörigen. Vom Wahlrecht ausgenommen bleiben: a) alle, die im Wahljahre aus öffentlichen Mitteln eine Unterstützung erhalten haben; b) alle, die erst nach dem 1. Jänner des dem Wahljahre vorangegangenen Jahres nach Wien übersiedelt sind. II. Vermehrung der Vorstandsmandate von 36 auf 48, entsprechend der erhöhten Wählerzahl. III. Bezirksweise Wahl des Vorstandes nach Wahlbezirken, wie sie schon heute für die Wahl der Bezirkskommissionen bestehen, mit Benützung des P r oportional - Wahlsystemes, damit auch die .Minderheiten eine Vertretung erhalten. Die Wählbarkeit ist durch den Wohnsitz in einem bestimmten Wahlbezirk nicht bedingt.