Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 39 (2.10.1912)
- Date
- 1912-10-02
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Beilage zur JÜDISCHEN ZEITUNG Nr. 39. Büchen j. ... Heimkehr, Essays jüdischer Denker. Herausgegeben von der ,,Emu n ah“, Czerhowitz. Verlag Louis Lamm, Berlinl — Der Mangel einer zionistischen theoretischen Zeitschrift macht es nötig, daß von Zeit zu Zeit „Almanachs“ erscheinen, Sammlungen von Essays zur jüdischen Frage. Der vorliegende" Band enthält eine Reihe wertvoller Aufsätze. Das Vorwort von Leon Kellner ist feuilletonistisch, nicht richtunggebend. Ists doch überhaupt bei aller Verdienstlichkeit der Almanachs das bunte Vielerlei des Inhalts, das keinen einheitlichen Charakter aufkommen läßt Ernst Müller spricht über das Problem des Golus und zeigt in seiner tiefschürfenden, aller Phrase abholden Art, daß selbst durch das frei aufstrebende junge jüdische Gemeinwesen in Palästina das Golus nicht überwunden ist Zwischen dem Golusjuden, auch wenn er Zionist ist und dem Palästinenser ist in Bezug auf. Lebensentwicklung ein fundamentaler Unterschied. Das Judentumsbewußtsein, das einer bewußten Erneuerung vorausgehen müßte, kann nicht durch diese erst erworben werden. Unser Bewußtsein nach rückwärts gewendet, kann aber nicht übersehen, das wir durch das Golusleben geworden sind, was wir heute sind. Ihm verdanken wir insbesondere das Leidenheldentum, die innerliche Versenkung und die Wissensklärung. Nur wenn wir uns dieser Errungenschaften klar bewußt sind, können wir das Golus wirklich „überwinden“. — Einen prachtvollen Essay, betitelt: „Einsichten und Ausblicke“ steuert ßirnbaum bei, der sich darin wieder auf der alten Höhe zeigt. Mit starker plastischer Kraft schildert er das westliche platte Intelligenzjudentum und stellt ihm das Ostjudentum gegenüber, in dem noch ungeahnte Energien schlummern und in dem jetzt wieder eine neuhassidistische Bewegung spürbar ist. Kraft des Ausdrucks und Tiefe der Gedanken stehen in. diesem Essay gleich hoch. Er will gelesen und muß durch Referate ausgelaugt Werden. Dt. Max Rosenfeld, Drohobycz, schreibt über „Nationa 1 e Autonomie der Juden in/G erster reich“. Dieser erste Versuch einer; Untersuchung der Grundlagen der -jüdischen Nationalpolitik, ist von uns schon ausführlich gewürdigt -worden. Da Dr. Rosenfeld diesen Artikel , nur als Einleitung zu einem größeren Werk über diese Frage betrachtet, kann man nach dieser vorzüglichen Probe auf seine -Arbeit gespannt sein, die einem empfindlichen Mangel unserer Parteiliteratur abhelfen wird. -S. Schiller schreibt über Achad Haam, dessen Grundcharakter er klar herausarbeitet. insbesondere zeigt er, wie Achad Haam die Kulturgeschichte der Menschheit 'als Produkt eines .fortwährenden Kampfes von Ideen, deren Träger die großen Männer sind, auffaßt. Eine ausführliche und interessante Arbeit des bekannten Historikers Dn Ignatz Schipper, Lemberg. , handelt voxp Anteil der Juden am europäische n Gr o ß.h an de 1 aus dem Ori-• ent Es wäre zu wünschen, daß Dr. Schipper, der schon SP viele ■ interessante und. wichtige historische Arbeiten geliefert hat, einmal , zu einem größeren Werke,.Muße und — Verleger fände. Die europäische.; Gelehrtenwelt, hat, bis heute keine Ahnung, , wie Vieles und Gutes von unseren jungen.zionistischen Gelehrten gearbeitet: wird. Ein solcher ist auch' Dr. jBaLab an, Le rn - : b e r g, der im. Almanach über „I talienische. u.nd spanische Ae rate, und Apotheker im 16. und 17. Jahrhundert in Krakau“ schreibt. Von anderen .^Egsay?;, erwähnen" wir; Prof.; Kellner : ,,Was, Herz 1 vorjand“, j eine Zusammenstellung..aller. Vorläufer der zio-1 nistischen Bewegung, Dr. Pas.m.anik: „Die sieben Lügen des heu tigen J ud en-; tums, A..Stah,d : Nordau, D,- Tri.etsc'h\ „Der;.: Umschwung in der Türkei“, i Dr. Rapp.aport :,„Chasmonae rf est;u. j Chanakah“, Buber : Die Mythen des; -Chassidismus, .Wie man. sieht, ein reicher I und gedieigener , Inhalt Möge das .schöne Büch : zahlreiche Leser finden. -' ■ -r an. , Der Literat. oder Mythos und Persönlichkeit Von JakoB Waissermann. In diesem kleinen-, vortrefflich, ausgestatteten, - im. Insel - Verlag , zu " Leipzig erschienenen > Büchlein bietet .:Wassermann eine .Charakte-. ristik und zugleich eine Verurteilung unserer Zeit die - nicht wiedie meisten solcher heute sich häufender Bücher -zur Kritikder Zeit voll oberflächlicher -Weitanschauimgsmadie und -. falschem Pathos erfüllt;ist,-sondern mit seltener? Tiefe und'.Gedankenreichtum aufzeigt wie unsere > Zeit;,beherrscht.wird von dem Typus -des Lite- raten, des persönlichen, gottlosen Menschen, den er-uns in seinen -mannigfachsten Rollen zeigt. Und das Buch ist durchglüht vjjn einer Sehnsucht: nach einer neuen Zeit nach^iher Zeit der Sach- , lichkeit der Stille, der Religiosität der grenzenlosen Hingabe und Ligbe, nach der Zeit, wo die Trägheit des Herzefis, der Wassermann schon eines seiner größten Werke, den Kaspar Hauser, gewidmet hat nicht herrscht und der schöpferische Mensch entsteht Aber für uns Juden hat „Der Literat“ noch einen tieferen Wert Denn das Buch' enthält auch Wassermanns Bekenntnis, das Bekenntnis eines Menschen, der sich der treibenden Kraft des Blutes in ihm wohl bewußt ist-Das Judentum .als-Gesamtheit ist infolge? seiner bedrängten und isolierten Lage, des' plötzlichen Abbrechens aller Tradition iin eine Art von Literatenrolle hineingedrängt. Aber „wo sich, der einzelne wieder des großen Zusammenhanges bewußt wird, wo er im Schoß der Geschichte, der Ueberlieferung ruht, wo urewige Symbole ihn - tragen, urewige Blutströrae ihm Adelsbewußtsein verleihen und zugleich alles Errungene und Erworbene damit verschmilzt, da mag er ..wohl den Weg zu Göttlichem leichter als ändere finden. Der Jude als Europäer, als Kosmopolit ist Literat, der Jude als Orientale kann Schöpfer sein.“ Hans Kohn. Mitteilungen des Gesamtärchivs der deutschen Juden. Herausgegeben von Dr-. Eugen Täübler. Dritter Jahrgang, erstes Heft Das im Jahre 1905 gegründete „Gesamtarchiv der deutschen Juden“ in Berlin, wurde im Jahre 1910 aus dem völlig unzulänglichen Lokale in der Lützowstraße" in den Neubau Oranienburgerstraße 28 verlegt, wo es in geräumigen, nach den Prinzipien, modernster Archivbauten ausgestatteten Räumen vorteilhaft untergebracht wurde. Die feierliche'Eröffnung fand am 28. Dezember 1910 statt und wurde zum Anlaß genommen, um der interessierten Oeffentlichkeit Zweck und Programm der Unternehmung darzulegen. v Dies geschah vor allem durch die Reden des Präsidenten des Kuratoriums, Prof. Martin P h i 1 i p p s o,n , und des Archivleiters Dr. Eugen T ä u b 1 e r, die in dem vorliegenden Heft vollinhaltlich wiedergegeben sind. Während Philippson die Entwicklung des Archivs und der Vorarbeiten schildert; unternimmt es Täubler, dessen Rede besondere Beachtung verdient, die Idee des Archivs als einer hochwichtigen Quelle der jüdischen Geschichte, in Deutschland zu entwickeln. Das Archiv ist als Sammelinstitut nicht Selbstzweck; aber es ermöglicht durch Vereinigung der Urkunden und Geschichtsquellen einzelner kleiner jüdischen Gemeinden eine Geschichtsforschung, die sich allerdings nicht in Summierung von Lokalgeschichten erschöpfen darf, aber die Vorbedingung einer großen synthetischen Geschichtsschreibung ist. — Ueber die Art der Bearbeitung des Materials orientieren sehr gut die in demselben Heft enthaltenen Beispiele von Akten-Inventaren der Gemeinden zu Beverungen, Bielefeld, Burgsteinfurt, Soest, nebst Anlagen (zu Soest). — Die beschwerliche und umfangreiche ' Arbeit des Archivs wird hoffentlich die' Entstehung' der' so notwendigen jüdischen Geschichte der neueren Zeit — we-, nigstens für Deutschland — fördern.. . Tr. Aufruf zum Sozialismus. Von Gustav Landauer (Berlin 1911, Sozialistischer Bund). In diesem Büchlein wird eine Reihe von Vorträgen wiedergegeben, die der Autor 1908 gehalten hat. Landauer sieht den wahren Sozialismus in einer i Gemeinschaft frei wollender Menschen, einem'. Bund, verwirklicht. Die njenschliche Gesellschaft : wird aus einemfreien Bund solcher Bünde bestehen. Landauer ist daher ein Feind des -marxistischen Sozialismus, in dem er nichts anderes -als eine Art Staatskapitalismus sieht. Treffend, w'enn - auch in zu lückenhafter Weise,, wie dies -in kurzen Vorträgen nicht andersmöglich ist, geht Or dern; Marxismus zu Leibe und zeigt,- dab dieser als- Theorie verfehlt sei und als Motor zum Sozialismus versage. Mit dieser , letzten Bemerkung hat er zweifellos vollständig Recht. Marxismus lähmt die revolutionäre Energie der Arbeiter,- gewöhnt sie an den Gedanken •einer-langsamen Umwälzung, treibt sie zu einem egoistischen, und daher den sozialistischen Geist tötenden ’Klassenkampf und stellt als Ziel die StaätSallmacht, den Staatssozialismus auf. -Landauer hingegen sagt, daß jede Gesellschaftsordnung nur so lange besteht, als die einzelnen : -Individuen 'sie.wol le n. .Wenn einmal (die Unter.- ■ drückten und Ausgebeuteten erkennen werden, daß es sie bloß nicht mehr zu wollen ^Bräuchen,. dann ist der ■ Umschwung sofort : da: *■ Allerdings sagt Landauerauch ,daß der Wille zutn Sözialis- ’ mus in den- Köpfen- und'- 'Herzen vorhandensein. müsse, soll der- Umächwung herbeigeführt [; werden.; All das ist völlkömiheh . w^ahr -ü'hd^richtig. i-; Worin man aber:. La'ndäSuer . nicht'.,folgen“-kann, f das ist seine/Hoffnung, -die-Idee, des 'Währen [ 'Sozialismus.: durch 'frei-sbziälististhe; Bünde; ./.srp | verbreiten-zu ,können,/daß : die voh ihnr eVwar- * tete/ Konsequenz eintrittl : 1 ’- .:; [ Dje 65 Millionen;: Deutsche z. B. öder auch t mir 'denarbeitenden;;und 'unselbständigen . Teil f derselben für ein utopisches Ideal so begeistern) zu wollen,- daß sie dafür Generalstreik , und der- - gleichen wagen, ist .eine Annahme, die.' etwas: kühn ist. Utopisch ist-Landauers Ideal deshalb,; •weil er-, nicht' klar sagt,, wie er sich' die .Pro-; duktion, Konsumtion in der neuen sozialistischen; Gemeinde,vor stellt. iMit dem „Bund freier Bünde“, wirds denn doch nicht gehen, dn Reich von 65 j Millionen Menschen zusämmenzuhalteri. So sehr, auch die Staatsallmächt und der Kapitalismus -zu verwarfen sein mögen, sie haben doch einigermaßen das Problem gelöst, ein so großes Volk zu ernähren, zu unterrichten und zu wachsendem Fortschritt zu bringen. 'Die Anarchie, die einer 'Auflösung des Staates in Bünde folgen w'ürde, müßte ein arger Rückfall in die Barbarei folgen. Landauers ökonomische Ansichten sind ein merkwürdiges Gemisch von Bodenreform, Marxismus und Proudhonismus. Ihm erscheinen als die drei' Grundübel: Das Privateigentum am Boden, die Unveränderlichkeit des Wertes des Geldes und die Aneignung von Mehrwert. Hiebei ist er in der rein mechanischen Ansicht Marx’s vom Mehrwert befangen, die übrigens auch der Antimarxist Oppenheimer teilt. Völlig unhaltbar ist seine Geldtheorie. Uebrigens b-eibt Landauer zum Schluß seiner Ausführungen reiner Bodenreformer: „Der Kampf des Sozialismus ist ein Kampf um den Boden“. Sieht man von den ökonomischen und sozialen Utopien ab, so ist das Buch Landauers recht hoch zu werten. In ihm kommt eine starke antimaterialistische Stimmung mit großer * Gewalt zum Durchbruch. Mit Geist und Kraft zeigt Landauer jdas Mechanische unserer Beziehungen in der Gemeinschaft auf. Wo kein gemeinsamer Geist und Wille ist, da ist nach Landauer kein Volk. Der schöpferische Geist ists, der das Volk schafft, der es auf Höhepunkte führt. Sehr gut sind seine Gedankenauf den Zionismus anzuwenden, wie denn überhaupt bei kleineren Völkern eher eine Möglichkeit .vorhanden ist, zu freieren und schöneren Gemeinschaften fortzuschreiten, als bei großen. Der Idealismus, der Landauers Buch durchzieht, wirkt anfeuernd und belebend. Sein besonderer Wert besteht darin, daß es daran erinnert, daß alle Gestaltung der Gesellschaft vom Wollen der Individuen abhängt. Nur eine psychische Revolution, und keine mechanische Evolution, wie der Marasmus glaubt, kann daher eine gesellschaftliche Umwälzung bringen. So ähnlich denkt Buber und sogar der „Evolutionist“ Achad Aaham, soweit er zuerst die innere Umwandlung der Juden verlangt, von den Entwicklurigsbedingungen des Zionismus! —m. Miszellen. Im Juliheft 1912 der von Cossmann in München herausgegebenen, sehr gut redizierten „Süddeutschen Monatshefte“ befinden sich einige Aufsätze betreffend die gegenwärtige Situation in China, auf die ich liier hinweisen möchte. Die Veränderung, die China in den letzten Monaten durchgemacht hat, ist verschieden beurteilt worden. Manche feiern' die Revolution als den Sieg der „europäischen Kultur“.' In Wahrheit ist die „Reorganisation“ Chinas nur eine verheerende Assimilation, die aus der wunder- -volleny Harmonischen und chinesischen Kultur ein lächerliches Mischungsprodukt macht, die Wurzeln der Kultur abgräbt und das chinesische Volk dem Untergang zuführt, — wenn nicht Einsichtige eingreifen. Ein solcher Einsichtiger ist K u Hung-Ming, der durch seine englischen Schriften, pnd djg .uqter dem .Titel „Chinas Verteidigung ' gegen euröpäisclie Ideen“ von; Alfons Paquet bei Eugen-.Die de r ich s'in'Jena heräuSgegeüene deutsche Auswahl 'bekannt ist. In einem Briefe, den Paquetin dem, oben erwähnten Heft der „Südd. Mön.“ unter der Ueberschrift j'.Die Verwilderung Chinas“ - veröffentlicht, zeigt Ku Hung-Ming (äas" wahre' Wesen, der chinesi- Ässimilation auf, in einer. Weise, die / uns in hohem Maße interessieren'.muß... Wir haben hier ein altes Volk, das in einem Schatz von Weisheit und Religion/.(über dessen Größe sich informieren kann, wer die einschlägigen, in guter deutscher Uebertragung bei Eugen Diederichs in Jena er- . schienen .Werke,- einsieht)-.;einei/Kultur ... bewahrt -hat, und -diese. Kultur; um-die; Chimäre hohler -und1 geistloser alienropäisCher ' Einrichtungen prejsgibt: Ich . will/den Ifühg-Ming zitieren: •jAls icH am zweiten .Tage; des chinesischen Neujahreä in 'den/vornehmsten, öffentlichen- Tee- -gärten Mon. Schanghai 1 ging, da sah idh' das neue "China:, die Menge.'der zopflosen; Chinesen mit :ihrer'. unbeschreiblichen Brediheit, .". voll . ö.e- : schmacklosigkeit und, schlechter;.-'Manieren. Alle -gestikulierten, wild» durcheinander, '[schrien:7 Und lärmtetj.“ Mutet / utjs; .sölche.' Schikjetung nicht •höchst vertraut ah? Es istimmer.'eine gewisse Genugtuung, . wenn man. seine '.eigenen Wahrheiten auch /jeföeits-''£in'e$'"fefa£iP Ozeans'-, bje* istätigt findet.' . . V .. . Robert Weltsch.