Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 39 (2.10.1912)
- Date
- 1912-10-02
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 39 Beilage zur JÜDISCHEN ZEITUNG Seite 9. Literarische Rundschau. (Erscheint jeden Monat). Zeiifchriften. Ost und West. Im Leitartikel des Septemberheftes polemisiert A. Benesra gegen Dr. Theilhaber, der in der Berliner „Welt am Montag“, einen Artikel unter dem' Titel „Die Alliance Israelite im französischen Dienste?“ veröffentlicht hat. Wenn auch Theilhaber mit Recht vorgeworfen werden kann, daß es ein faux pas war, in jüdischen Fragen deutsche Interessen gegen französische auszuspielen, und eine antigallische, deutschnationale Stimmung zu benützen, so kann doch andererseits aus der nervösen Gereiztheit und aus einigen Aeußerungen Benesras nicht anerkannt werden, daß die Alliance hier an einem wunden Punkte empfindlich getroffen wurde. Niemand würde es freudiger begrüßen, als die Zionisten, wenn die Alliance, getreu ihrem Natnen „Alliance Israelite Universelle“, auf den Herrn Benesra pocht, und getreu den Intentionen ihrer jüdisch-naiionalei Gründer, wirklich die „Universalität“, das heißt die Alljüdischkejt, ihrer Arbeit zugrunde legte, wenn sie sich wirklich niir von jüdischen Interessen leiten ließe; denn eben der Gedanke von der Einheit des Judentums, der französische, deutsche, englische u, a. Juden nicht anerkennt, ist auch eiii Axiom des Zionismus. Daß das Organ der ,,Deutschen, Konferenz-Gemeinschaft“ jetzt Salomön Reinach gegen seine Angreifer in Schutz nimmt, darf nach der Stimmung des Vorjahres seltsam anmuten. — Felix Haie spricht über „Die Notwendigkeit einer Genealogie jüdischer Familien“ und macht Vorschläge für die Herausgabe eines solchen Werkes. Das Zustandekommen des Werkes wäre wohl zu begrüßen, es böte wohl viel des kulturhistorisch Interessanten, wenn wir uns auch der Meinung des Verfassers nicht anschließen können, daß gerade dieses Werk so unumgänglich notwendigist, „um die Fabel .von der Minderwertigkeit, einseitigen Begabung und Betätigung der Semiten zu widerlegen.“ ProL Dr,' Ermano L-.oevin.son .(Rom) gibt eine .Darstellung des jüdischen Gemeinwesens Italiens.: In einem ersten Aufsatz über „Die' Juden Italiens“, dem weitere folgen sollen-,- schildert--erzunächst die- Entwicklung der Gemeinden in’der jüngsten Zeit; die Zahl der Juden im' ganzen Königreich wird auf 45.000 geschätzt, durch die Okkupation von Tripolitanien kommen 19.000 Tleue jüdische Untertanen dazu.- Gedanken über das „Verhältnis jüdischer Väter zu ihren Söhnen“ veröffentlicht ■ Dr. Max Steif. — Ferner bringt das Heft einige Abschnitte aus dem ersten Bande des Werkes „Die Lehre von den Geistigen und vom Volke“ von Qonstantin Brunner, dieser höchst bemerkenswerten Gestalt, deren geistigem Zusammenhang mit der jüdischen Bewegung man noch mehr Aufmerksamkeit wird schenken müssen. — An künstlerischen Beiträgen enthält das Heft eine Würdigung des Petersburger Malers Leo Bakst aus der Feder Paul Barch ans; die reproduzierten Werke Baksts überraschen durch ihre Originalität, sie zeigen echt orientalische Pracht und Ueppigkeit. Bakst, der unter die' Gründer der russischen Sezession gehört, wurde als Knabe getauft, ist aber während der Revolution zum Judentum übergetren. — Ferner eine stimmungsvolle Skizze „Elul“ von Sch. Gorelik. — Arno Nadel bespricht Zlodstis Buch „Am Tor des Abends“ und Abraham Zwi Idelsohn veröffentlicht synagogale Weisen der persischen Jüden. — Der offizielle Teil des Heftesbringt u. a. ein Verzeichni sder Alliance- Schulen nach Ländern. — Die „Literarische Rundschau beschließt das reichhaltige Heft. - W. Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. 56. Jahrgang. (Neue Folge 20.) Das Doppelheft 7—8 (Juli—August 1912) ..enthält einen .Aufsatz von Ignatz Schipper „Beiträge .zur. Geschichte der partiellen Judentage5 in Polen um? die Wende des 17. und .18. Jahrhunderts bis zur Auflösung des jüdischen Parlamentarismus (1764)“; diese Studie sucht auf Grund von Urkunden, meist.'polnischer Schriftstücke, das Wesen dieser eigentümlichen' Judentage, über die wir aus den hebräischen Quellen nicht, recht klug werden,, zu ergründen. Die partiellen Judentage waren, die; Organe der Pro- .vinzialyerbände der. Juden, die dem'. General- '.verband untergeordnet waren, der dem Staate -gegenüber die: Judenschaftrepräsentierte und eine weitgehende Autonomie - hatte. Schipper untersuchtdie- Organisation und die Tätigkeit der partiellen Judentage „deren wichtigste Aufgaben waren:. a). Die Wahl des Vorstandes des Pfovinzialverbarides; b) die Regelung und Kontrolle der FinanzverwaJtung; c) die Wahl von Deputierten zum allgemeinen Judentag und die Stellungnahme zu dessen Tagesordnung; d) Bestimmungen in sonstigen Angelegenheiten der provinzialen judenschaft. — Heinrich Löwe setzt seine ungemein interessanten Untersuchungen über „Die Juden in der Marienlegende“ fort, über die nach Abschluß noch zu referieren sein wird. — Weiters enthält das Heft die Fortsetzungen folgender Abhandlungen: G i n z b e r g, „Eine unbekannte jüdische Sekte“, Bacher, „Aus der Bibelexgese Josef Ibu Kaspis“, Sch eft e 1 o v i c z , „Die Grundlage:! einer jüdischen Ethik“. — Unter den Besprechungen befindet sich eine Rezension von Beu Jehudas „Thesaurus“ von S. Krauss, der bei aller Anerkennung des Riesenwerkes doch verschiedene nicht unbegründete Ausstellungen macht. R. Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. — Nr. 7—S enthält einen Artikel über die Juden in Hessen vom Regierungsrat Knöpfei des amtlichen statistischen Bureaus. Der Autor teilt mit, daß das amtliche Büro aut Veranlassung der Großloge, sowie infolge der Tätigkeit des Verbandes für jüdische Statistik und Dr. Ruppins die Daten über die jüdische Bevölkerung ausführlicher ermittelt habe, als sonst, ln Hessen zeigt sich eine Abnahme der Zahl der Juden. Die Bewegung derselben nach den großen Städten nimmt'zu. Der Altersaufbau gegenüber der christlichen Bevölkerung zeigt das bekannte Bild des höheren Anteiles von Personen im fortgeschrittenen Alter bei den Juden. In den Zählungen kommt auch ein Rückgang der Geburten und eine gegen den Landesdurchschnitt bedeutend niedrigere Kindersterblichkeit zum Ausdruck. Dr. Weisenberg, Elisabethgrad schreibt über das Leben der jüdischen Studenten in Rußland (nach einer Enquete in Wiew). Die jüdischen Studenten haben ein höheres Durchschnittsalter als die russischen. Ihr Gesundheitszustand ist sehr schlecht, nur die venerischen Krankheiten sind im Gegensatz zu den russischen Kollegen sehr schlecht. Ihre materielle Lage ist höchst ungünstig. Nur 37% (gegen 71% bei den Russen) werden von den Eltern erhalten. _ In der Rundfrage-erklärten-sich'21.6 für die Erhaltung der jüd. Nationalität, 23.4 waren für die Assimilation, der Rest war indifferent. Von den 510 Studenten, von denen Angaben Vorlagen, waren 38.5% parteilos, 25.4% Sozialdemokraten, 10%. Bundisten und 14.3% Zionisten. Das Heft enthält noch mehrere kleinere Artikeln und Miszellen. Die österreichische Volkszählung von 1910 behandelt ein nächster Artikel, auf den wir noch zurückkommen werden. — Heft 9 enthält eine Abhandlung von oseph Schalmann: „Die Eheschlieungen der Juden in Warschau von 1902 bis 1910.“ Mit Ausnahme der Revolutionsjahre zeigen alle Jahre eine beträchtliche Steigerung der jüd. Ehen. Die Altersgliederung war günstig. Die meisten Ehen erfolgten bei Männern bis zum 30. Lebensjahre (83%). Die Zahl der Geschiedenen und Verwitweten ist günstiger als bei der anderen Bevölkerung. '— B. Goldberg, Wilna, schreibt über die Kriminalität der Juden in Rußland. Die Gesamt-Israeliten- Kriminalität ist 2.97%, während der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung ca. 4% beträgt! Die stärkste Beteiligung der Juden ist unter den Titeln: „Uebertretung der Handels- und Kreditvorschriften“ und Uebertretung von Verordnungen“ zu finden. — Ferner enthält das Heft eine Mitteilung über Austritte aus dem Judentum und Uebertritte zum Judentum in Wien. Die Zahl der Austritte ist von 1906 bis 1910 : 643, 556,566, 541, 512, hat also eine stark sinkende'Tendenz. Die Uebertritte bewegten sich von 84 bis 91. Im Statistischen Archiv werden die Zahlen über Geburten und Eheschließungen der Juden in Oesterreich angegeben. Die Zahl der Geburten sank von 18% bis 1909 von 37.10 auf 28.8 pro Mille.- Die Zahl der Ehen ist von 7208 (1907) auf 9474 (1909) gestiegen, die Mischehen von 16.6 auf 21.6. Ferner werden die Zahten der Juden in den ungarischen .Städten angegeben. Absolut am höchsten rangieren Budapest mit 186.047, Großwardein mit 12294 und Preßburg mit 7110, relativ Munkacs (48%), Marmaros Sziget (37.5%), Ungvar(33.1%). Mehr als 25% machen die Juden in 7 Städten aus. Im Septemberheft der „Neuen Rundschau“ gibt Franz Oppenheimer in einem Aufsatz „Innere Kolonisation“ ~in gedrängter Form die .Grundzüge seines Systeme der landwirtschaftlichen Siedlung. Wenn auch der Artikel für den Kenner der Oppenheimerischen Theorie nichts Neues bringt, so bietet er doch erwünschte Gelegenheit auch für den nationalökonomisch weniger Gebildeten, sich über das Wesen: der landwirtschaftlichen Arbeiter - Produktivgenossenschaft, die im Rahmen der zionistischen Kolonisationsarbeit infolge der Bemühung Oppenheimers ein besonderes Intereise auf sichgezogen hat, zu orientieren. sch. Mitteilungen zur Jüdischen Volkskunde. 15. Jahrgang, 3. Heft. — Der Herausgeber, Herr Dr. Max G r u n w a 1 d schreibt über „Altjüdisches Gemeindeleben“ und führt eine Anzahl alter Urkunden, betreffend Steuern, Annahme deutscher Familiennamen, Vorsteherwahl, Rabbinat und ähnliches an. — „Ueber eine Toledot Jeschu (Leben Jesus)-Handschrift“ (eingesandt von S. Weissenberg) spricht Dr. Marmorstein. Die Handschrift enthält eine Darstellung „Das Leben Jesu“, wie es von der jüdischen Volksüberlieferung oft dargestellt wurde. — Das Heft enthält noch einen- Beitrag von L. Klein „Ein Spaziergang um das Jahr des Juden im ungarischen Oberlande“, von dem man nicht recht versteht, wie er in diese „Volkskunde“ hineinkommt. — Beigegeben ist als 'Anhang das erste Heft des „Archivs für jüdische Familienforschung“. Haolam, Nr. 20—22. Chajim Tschernow i t z setzt seine Auseinandersetzungen über das Schul wesenin Palästina fort. -Diesmal unterzieht er den Lehrplan des Jaffaer Gymnasiums einer sehr scharfen Kritik, vor allem wegen der ungenügenden Erziehung in den jüdischen Fächern. Das Gymnasium könnte infolge der großen Gunst der Verhältnisse vieles für die jüdische Erziehung leisten, allein es fehlt die klare Einsicht in die Ziele der Anstalt. Man schwankt zwischen der Auffassung des Gymnasiums als Vorbereitungsschule für europäische Universitäten und einer anderen Auffassung, die in ihm eine zentrale jüdische Erziehungsanstalt sehen möchte. Tsch. schlägt die Schaffung zweier Gymnasialtypen vor: eines ,Jiehräischen“ das durchaus' europäischen Lehrpian TiätiB Tina den den Zweck verfolgen soll, zur europäischen Universität vorzubereiten; hier müßte der Unterricht ganz diesem Zwecke untergeordnet sein, der ein äußerer wäre. Dementsprechend wären die jüdischen Unterrichtsgegenstände zurückzustellen, und der jüdische Charakter müßte sich vor altem in der hebräischen Unterrichtssprache dokumentieren; daneben aber soll ein jüdisches Gymnasium geschaffen werden, in welchem das nationale Ziel bestimmend wäre. Sein Lehrprogramm müßte so beschaffen sein, daß die Absolventen eine wirklich gründliche jüdische Bildung besäßen und jenen Typus des von der nationalen Tradition durchtränkten, aber auch europäisch gebildeten Juden darstellen, der eine Kontinuität der Zukunft mit der jüdischen Vergangenheit verbürgen könnte. Das „jüdische“ Gymnasium hätte dafür alle Gegenstände fallen zu lassen, die man heute in Jaffa aus äußerlichen Gründen der Approbation und Anerkennung seitens europäischer Universitäten aufnehmen mußte. Tsch. schlägt vor, daß das Je rusatemer Gymnasium diese Gestalt erhalte und so vor allem dem Lande diene, während das Jaffaer nach seiner Ansicht nur dem Auslande angepaßt sei und so die Auswanderung aus Palästina befördern werde, solange Palästina für europäische Intelligente wenig Platz biete. - Haschitoach. Der Redakteur dieser Monatsschrift, Dr. J. Klausner, hat sich heuer drei Monate in Palästina aufgehalten und beginnt in der letzten Nummer mit der Schilderung seiner Eindrücke. Jusua Barsilai (Eisenstadt) eröffnet eine Artikelserie über den derzeitigen Stand des Jischub, die, mit genauen statistischen Daten versehen, sehr viel Material zu liefern verspricht. Der erste Artikel gibt ein genaues Bild der Verhältnisse in der größten Kolonie Pethach Tikwah. Interessant ist die Berechnung über die Arbeitslöhne, welche Pethach Thikwah auszahlt: jährlich eine Mil lion Francs an 2000 Arbeiter! Und doch ist kaum ei n-Fünftel der Arbeiter Juden! Barsilai schätzt den Wert der Pflanzungen dieser Kolonie auf 3,800.000 Francs. Der Nettoreinertrag dieser Pflanzungen wird, wenn sie alle reif geworden sein werden, 1,200.000 Frcs. betragen. Gegenwärtig betragen die Einnahmen der Kolonie 800.000 Frcs. Die Kolonie besitzt 23.854 Cunam und die Einwohnerzat beträgt ca. 2000. ' b-'