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Jüdische Zeitung · 1912-08-23 · 34 (23.8.1912) · p. Seite 10

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
34 (23.8.1912)
Date
1912-08-23
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Beilage zur JÜDISCHEN ZEITUNG Nr. 34. zelnen nicht mit zu vielfacher Arbeit überlasten, da dies die Weiterbildung und Vertiefung verhindere. Bücher. Israel. (Seine Entwicklung im Rahmen der Weltgeschichte). Von Lehmann-Haupt, Verlag: Mohr, Tübingen. Bis in unsere Zeit glaubte man die Geschichte des alten Israel aus sich selbst schon erklären zu können; Palästina erhob sich gleich einer Insel aus dem wirren Völkermesr des übrigen Orients und nur wenige Zusammenhänge schienen diese beiden fremden Welten mit einander zu verbinden. Ihre fundamentale Verschiedenheit war so hinfällig, daß nicht nur die jüdischen Gelehrten des Mittelalters, sondern auch die modernisierte „Wissenschaft des Judentums“ die Entwicklung Israels gänzlich isoliert betrachtete, ja daß sogar die bibelkritische Schule nur in den seltensten Fällen babylonische oder syrische Anschauungen zur Erklärung heranzog. Wellhausens und Stades Rekonstruktion der alten jüdischen Geschichte setzt für Palästina den allerprimitivsten Animismus und Fetischismus zu einer Zeit voraus, da ganz Vorderasien längst ein blühendes Kulturgebiet unter der Führung Babylons war; erst die erfolgreichen Ausgrabungen auf palästinensischem Boden, wie sie vor allem die österreichische Regierung durch Sellin veranstaltete, zwangen Wellhausen sich diese Ergebnisse und späterhin auch die Forschungen in Südarabien zunutze zu machen ,wodurch freilich seine ganze geistreiche Hypothese ins Wanken kam. Diese Einseitigkeit erzeugte eine heftige Gegenströmung, die das ganze Judentum samt und sonders aus der Kultur der alten Babjdonier ableiten wollte; sie erhielt darum die Bezeichnung „Panbabylonismus“ und erreichte ihre höchste Bedeutung anläßlich des Babel-Bibelstreites, als Friedrich Delitzsch die totale Abhängigkeit des Judentums auf Grund einiger — allerdings von anderen Assj'riologen längst nachgewiesener — Entlehnungen behauptete. Diese Grundidee kehrt in unveränderter Form bei Hugo Winkler wieder, der nicht nur alle mythologischen Elemente der Bibel aus babylonischen Anschauungen erklären möchte, sondern in seiner „Geschichte Israels in Einzeldarstellungen“ gemeinschaftlich mit J ensen (Dad Gilgamesdh-Epos in der Weltliteratur Bd. I.) selbst die historischen Angaben des Alten Testaments in Mythologie auflöst. Das Verdienst des vorliegenden Werkes von Lehmann-Haupt, eines tüchtigen Kenners der ethnographischen Beziehungen der orientalischen Völker zu einander, ist es nun, daß es den einzig gangbaren Mittelweg zu finden trachtet. Die verkehrsgeographischen, politischen und zum Schluß auch die kulturellen Vorbedingungen der Entwicklung Palästinas werden aufgezeigt, um die Entstehung Israels innerhalb des weiten weltgeschichtlichen Rahmens des alten Morgenlandes begreifen zu können- Dazu kommt eine gründliche Ausnützung der zu Gebote stehenden Quellen, so einerseits der mesopotamischen und syrischen Keilinschriften, wie der ägyptischen Papyri, die dem Verfasser wohl' die endgiltige Lösung des Chabiri-Problems ermöglichten, während ihn andererseits eine kluge Zurückhaltung den Aufstellungen der radikalen Bibelkritik gegenüber zu einer bisher unbekannten Wertschätzung der beiden „Bücher der Chronik“ führte. Es sind keine epochalen Entdeckungen, die das Buch wertvoll machen, wohl aber kann es als der erste und immerhin gelungene Versuch eines Nichttheologen gelten, die Geschichte Israels im Zusammenhang zu schreiben. Man vermißt auch mit Freuden die herabsetzenden und geschmacklosen Unterstellungen der Wellhausen-Schüler, denen keine Gelegenheit zu schlecht ist, das Christentum als •die Ueberwindung des Judentums zu feiern. Wir haben dem Verfasser Dank zu wissen für diese wahrhaft nutzbringende Vorarbeit zur kommenden „Jüdischen Geschichte“. Dem weitern Leserkreis allerdings ist das Buch nur bedingungsweise zu empfehlen, seiner gewagten Hypothesen und der häufig eingestreuten methodologischen Bemerkungen wegen. Dr. Willy Stein. Ein Jude. Roman von Meier Aaron Goldschmidt. 4 Mark. Verlag Axel Juncker, Berlin. Der Verlag Axel Juncker hat in der letzten Zeit; einige moderne Bücher jüdischer Autoren verlegt* die den Versuch machen, der jüdischen Frage das literarische Kleid des typen- - darstellenden Romans umzuhängen; Max B r o d s Romantitel und Untertitel lauten „J üdinnen“ und das „Schicksal eines Ju- - den“ — ob der Inhalt der Marke entspricht, ist hier nebensächlich. Nun hat der Berliner Verlag aus einer Literatur, die für die Allgemeinheit so gut wie nicht vorhanden war, einen „alten“ Roman ans Lichtheraufgeholt und dieser Roman, der kühn und einfach „Ein Jude“ gef <nannt ist, ist großzügiger als die meisten Erzeug^ . *) Von, Lehmann-Haupt, Tübingen 1911 bei: J. C B. Mohr (Paul Liebeck). nisse moderner Literaturkunst auf dem Gebiete der jüdischen Stoffe, er .ist mit der Sicherheit und Klarheit einer soliden Technik geschrieben, dabei kräftig und spannend in der Handlung, lebendig und farbig in der Charakterzeichnung und — in der Auffassung des jüdischen Problems durchaus den Anforderungen unserer Tage entsprechend. Er ist ein zugleich historischer und moderner jüdischer Roman. Sein Autor Meier Aaron Goldschmidt hat von 1819 bis ISST gelebt und als dänischer Publizist guten literarischen Ruf; er hat viel und scharf gesehen und gut geschildert. Seine Skizzen aus dem dänischen und holländischen Ghetto, die mit der Art K u 1 k e s, Komperts, Salomon Kohns, Aron Be rnsteins, Weils nicht nur im Sujet verwandt sind, sind in deutschen Uebersetzungen schon bekannt: zum Beispiel, enthält die bei R. Brandeis in Prag erscheinende Jüdische Universalbibliothek ein charakteristisches Bändchen „Jüdische Erzählungen“ (24 Heller). Der in der Uebersetzung Ernst Guggenheims 462 Seiten starke Roman „Ein J u d e“ bedeutet mehr als eine jener üblichen Ghettoerzählungen,■ deren Wert aber auch nicht unterschätzt werden soll: sind sie doch vor Moses Hess als Zeichen der beginnenden nationalen Wiedergeburt erschienen. Während aber Moses Hess an den „Ghettoerzählungen“ rühmen durfte, sie hätten der Welt gezeigt, „daß es auch im aufgeklärten Judentum noch patriotische Erinnerungen gibt, und esnur einer Anregung bedarf, um diesem poetischen und idealen Patriotismus Fleisch und Blut und Kraft zum Handeln zu gegeben“ (Rom und Jerusalem, 6. Brief) — bedeuten uns Merkzeichen verschollener Verhältnisse, ausgekämpfter Kämpfe zu wenig. Uns ist das Judentum wieder nicht mehr Gegenstand antiquarischer Betrachtung, ln wie wenigen jener Erzählungen fließt doch frisches Blut! In wie vielen tönt nur eine stark sentimentale Abschiedsklage guter alter Juden nach, die das Ghetto stehen und fallen gesehen haben und den aufgeklärten Nachkommen künden wollen, daß sie noch beim Judentum dabei gewesen sind. Goldschmidts Roman ist mit aller Echtheit der historischen Farbe doch mehr als ein Sittenbild aus der Ghettozeit. „Ein J u d e“ spielt in der Uebergangszeit, da das dänische Ghetto fiel. Der Jude Jakob Bendixen, der die große Revolution um sich und in sich erlebt, Judentum und Christentum, Emanzipation und Unfreiheit, Assimilation und Selbstbehauptung in seinem Wesen ein Schicksal formen sieht, dieser Jude steht mit dem klaren und lähmenden Bewußtsein, den richtigen Weg so früh noch nicht gehen zu können, als ein Opfer des Uebergangs vor uns. Unsere helle Freude haben wir daran, wie er sich wehrt. Wir finden die Sehnsucht viel späterer Tage schon in ihm und es ist uns, als wären die Halbheiten der Zwischenzeit nicht gewesen. In der dänischen Kleinstadt geboren, wächst er in der abgeschlossenen Heimlichkeit eines frommen jüdischen Hauses auf; er fühlt sich einsam, denn er hat keinen einzigen Freund und Altersgenossen; er fühlt sich als Jude und sehnt sich doch mit Leidenschaft nach der Vertrautheit mit den Christenjungen. Die guten Dänen aber betrachten die Juden von vorn herein als Fremde und, wenn die Gelegenheit kommt, stürmen und plündern sie die Häuser der Juden. Nebenbei bemerkt: es ist interessant, die Schilderung des Angriffs auf die dänischen Juden mit dem Sturm auf die Preßburger Judenhäuser, von dem S i g m u n.d Meyer in seiner Lebensgeschichte „Ein jüdischer Kaufmann“ berichtet, und dann wieder mit den Pogromschilderungen Schalom Asch’s in seinem Roman „Die Jüngste n“ zu vergleichen. Aus der Einsamkeit des Kleinstadtmilieus, das die Juden in ihr Judentum fest hineinbannt, kommt Jakob Bendixen nach Kopenhagen, um zu studieren, lernt auch hier den Antisemitismus in seinen roheren und,feineren Formen kennen und weiß sich zur Wehre zu setzen, wo andere Juden sich zu ducken pflegen. Zum erstenmale kommt er hier mit der bisher verschlossenen Welt der ‘ dänischen Kultur in Berührung, die ihn durch ihre heitere Freiheit bestrickt, sieht auch bald zu, wie die reichgewordenen dänischen Juden sich schnell die dänische Bildung aneignen wollen, schämt sich, seine Volksgenossen in lächerliche . Nachahmung versinken zu sehen, verliert aber selbst im kritischen Zweifel den Schutzpanzer der gläubigen Frömmigkeit. Nun steht er zwischen zwei Welten. „Mein Blut liebt die Juden; aber mein Geist kann nicht unter ihnen leben.“ Seine Treue wird auf eine schwere Probe gestellt, da er sich in Ieidenschaflicher Liebe mit ejnem christlichen Mädchen verlobt. An sein Judentum kann er nicht vergessen und da ihm, von der Familie seiner Braut sogar die Taufe zugemutet wird, flieht er. Er kann nicht finden, was er <sucht: in Frankreich nicht, wo nach der Vertreibung Karls X. der Geist der Revolution im Alltag verflackert ist,- in AIgier nicht, wo er als. Offizier der Fremdenlegion die'Araber, seine Rassegenossen knechten helfen soll, in P o l ern nicht, wo er im Freiheitskampf gegen die Russen dem unterdrückten Volk sein Abenteuerleben opfern möchte. Warschau fällt. Bendixen kehrt in die Heimat und findet seine Braut treulos, verheiratet, in Verworfenheit. Verzweifelnd verliert er jeden Halt. In sinnlosem Wüten gegen sein besseres Selbst klingt das abenteuerliche Leben aus. Traurig, unharmonisch, schrill. Das Leben eines Golusjuden. Ich hätte den Roman an dieser Stelle vielleicht nicht so loben müssen, wenn ihm nicht noch etwas Besonderes nachgesagt werden könnte: daß er ein Jugendbuch ist. Er kann unserer Jugend etwas geben und etwas sein, was sie in keiner „Schilderung des jüdischen Lebens“ findet: den Strom des jüdischen Lebens selbst, der unversiegt in uns allen rinnt. Man muß nur das Ohr für sein Rauschen empfänglich machen. Leo Herrmann. - W. L. H o r o w i t z: Von den Juden für die Juden I. II. (Braila, Selbstverlag). Unter den Schriften über das Judentum, welche in großer Zahl die Stunde gebiert, verdient diese trotz ihrer äußerlich dürftigen Ausstattung und der schlechten Ausgabe eine viel größere Beachtung als ihr wahrscheinlich infolge der Obskurität ihres Erscheinens zuteil wird. Der Verfasser erblickt im Judentum eine eben so sehr anthropologisch als geistig selbständige Existenzform. In ersterer Beziehung erscheint es ihm als grundverschieden vom arischen, aber auch als nicht identisch mit dem eigentlich semitischen Rassenelement. Wichtiger als die physische erscheint die „psychische“ Forterhaltung des Volkes, die in-seiner religiösen oder philosophischen Ideenwelt wurzelt. Der Unterschied zwischen arischer und jüdischer Weltauffassung erscheint dem Autor als ein fundamentaler, er äußert sich in allen geistigen Bewegungen als Gegensatz des Monistischen und Pluralistischen, selbst wo er nicht an den nationalen Träger gebunden bleibt, er äußert sich in Bezug auf Geschichtauffassung, auf Erfassung des Ethisch-Tragischen, auf den Ausganspunkt der Hygiene. Diesem Teile des Buches soll noch eine Fortsetzung folgen. Die arische Weltanschauung will Houston Stewart Chamber la in, ganz im Sinne der Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts in einem kleinen bei F. Bruckmann in München in zweiter Auflage erschienenen Bändchen erläutern. Es steckt wenig greifbares hinter dieser arischen Weltanschuung, die die leider so verjudeten Arier bei den Indoariern auffrischen sollen. Die semitische Weltanschauung dagegen, ist sehr leicht dadurch zu charakterisieren, daß ihr das Schöpferische abgeht. Sie infiziert — durch das römische Christentum — leider die ganze arische Kultur. Dieselben Gedanken finden wir, zum Teil breit ausgeführt, in der im selben Verlag erschienenen „Wehr und Gegen w e h r“, Vorworte zur dritten und vierten Auflage der Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts. Chamberlain läßt Neuauflagen seiner Schriften erscheinen und schlägt sich, wie anno dazumal, mit Philologen und Theologen herum : als wenn ihm nicht die ganzen Grundlagen seiner Rassentheorien entzogen worden wären. Deshalb müssen wir nicht rn'ehr die Details kritisieren, wie es die liberalen Apologeten mußten. Heute haben wir in der Rassentrage doch schon einigermaßen festen Boden unter den Füßen. Ohne Furcht und ohne Hast können wir nun Chamberlains „dilettantische“ Schriften lesen — und begrüßen. Er rennt gegen falsche Türen: wenn wir schon daran glauben, das die Triebkraft seiner Weltanschauung die Verachtung des „Unedlen“ ist, das „das Schöpferische niederhält. Man soll die „arische Weltanschauung“ lesen, um zum Judentum doch wieder Vertrauen zu bekommen. H—n. Der neue Jude von Georg Hecht. 1911. Verlag Gustav Engel, Leipzig. Da wir doch gewöhnt sind, an jede Publikation, die sich mit dem Zionismus beschäftigt, einige Worte der Kritik zuwenden, soll auch „Der neue Jude“ nicht totgeschwiegen werden. Ich will dem Autor, der sicherlich ein ehrlicher Zionist ist, den tiefen Ernst seines Willens glauben und er hat sich ja mit der literarischen Ausführung Mühe genug _ gegeben. Trotzdem, wenn ich das Buch nicht nur als Erzeugnis einer leitartikelbedürftigen Stunde ansehe und den prätenziösen Titel in Anrechnung bringe, so glaube ich, man sollte sich doch eigentlich den Platz gönnen, den „neuen Juden“ in allem Ernst herzunehmen. Von diesem zionistischen Geist soll einen Gott behüten. Es ist der Geist, der kurz vor dem Basler Kongreß im unverständigen Ausspielen des Herzlschen Andenkens gegen die „Praktiker“ seine Orgien gefeiert hat. Hecht glaubt den Zionismus geistig zu charakterisieren, wenn er als seinen Gegensatz „des Spießbürgertum“ zeichnet (dem auch die jetzige „parteibürokratische Richtung des offiziellen Zionismus zugezählt wird). Die ganze Judenfrage erscheint dem Herrn Hecht, der „Persönlichkeiten“ wie Perlen an die Schnur der „Wertung“ reiht, ira ganzen als eine Frage der „Gesam torga nrsat i o n“. Seine Forderungen beruhen auf Birnbäumschen Gedanken. L. H/

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