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Jüdische Zeitung · 1912-08-23 · 34 (23.8.1912) · p. Seite 9

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
34 (23.8.1912)
Date
1912-08-23
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 34 Beilage zur JÜDISCHEN ZEITUNG Seite 9 Literarische Randschau, (Erscheint jeden Monat). Zeitfchrifien. Ost und West, Heft 7 (Juli 1912) enthält einen Aufsatz von Rabb. Max Eschelbacher über Hermann Cohen, der am 4. Juli seinen 70. Geburtstag feierte. Der berühmte Marburger Philosoph wird hier nicht so in seiner Bedeutung für die Wissenschaft, die er durch Neubelebung des Kantianismus auf einen neuen, schon fast verschüttet gewesenen Weg geführt hat, sondern besonders in seiner Stellung zum Judentum gewürdigt. — Sonst bringt das Heft die Fortsetzung der „Illustration zu Rußlands Judenpolitik“ und die übliche Revue. Im künstlerischen Teil befindet sich ein Aufsatz über den verstorbenen Bildhauer M a x L e w i von Karl Schwarz, ferner Bücherbesprechungen, von denen ein längerer Artikel über Perles’ „Jüdische Skizzen“ erwähnt sei, und Noten jüdischer Hochzeitsmelodien. Die offiziellen Mitteilungen des Bureaus der Alliance beschließen wie gewöhnlich das Heft. Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, Heft 5 6 (Mai-Juni 1912). Heinrich Löwe schreibt über „Die Juden in der Marienlegende“. Zwischen Maria und den Juden besteht nach dem Volksglauben des Mittelalters eine gegenseitige Feindschaft, die als in den Geschehnissen begründet angesehen wird. Löwe breitet eine Fülle interessanten Materials vor uns aus. Eine große Menge von Legenden werden wiedergegeben, dazu Zitate aus spätlateinischen, . altfranzösischen, mittelhochdeut - sehen Texten; die Legenden gehen sehr oft auf orientalische Vorbilder zurück. Außer diesem interessanten Aufsatz, der noch nicht beendet ist, enthält das Heft: Louis G i n z b e r g: „Eine unbekannte jüdische Sekte“ (Forts.), Scheft e 1 o w i c z: „Die Grundlagen einer jüdischen Ethik“ (Forts.), W. Bacher: „Aus der Bibelexegese Joseph Ibn Kaspis“ (Forts.). Ferner gibt V. A p t o w i t z e r, der bekannte scharfsinnige Kritiker, eine Uebersicht über die tabnudische Literatur der letzten Jahre. Haolam. In Nr. 11 unterzieht Chajim T schernowitz das palästinensische Erziehungswesen einer scharfen Kritik. Die dortigen Lehrer stehen der jüdischen Geschichte, soweit sie sich außerhalb Palästinas abspielte, völlig negativ gegenüber. Infolgedessen fehlt ihrem Nationalismus die richtige Basis, da die hebräische Sprache allein nicht . hinreicht. Denn die Sprache ist ein Gefäß ohne Inhalt. ' Die Lehrer nehmen ihre Zuflucht zur altbiblischen Zeit und möchten ihre Zöglinge zu Helden der physischen Kraft, nach Art Simsons, erziehen. Doch ein solcher Sprung über die Jahrtausende ist undurchführbar und hat üble pädagogische Fehler im Gefolge. Die Kinder, die aus dem' Munde ihrer Lehrer immer wieder hören, die heutige Judenheit sei ein „Wüstengeschlecht“, das erst durch eine neue Generation ersetzt werden muß, werden eitel und überheben sich; so bringt ihnen der Unterricht wohl Kenntnisse, nicht aber Kultur bei. In derselben Nummer gibt Dr. Abr. Sarsowsky ein Verzeichnis gut klingender hebräischer Namen und setzt sich warm dafür ein, daß man den Kindern 'diese Namen gibt, statt fremder oder übelklingender Jargonnamen. In Nr. 13 derselben Zeitschrift findet sich ein Artikel über die mehr und mehr um sich greifende Entweihung des Sabbats unter den russischen Juden, die aus ökonomischen Gründen . immer mehr gezwungen sind, auf diesen Tag der Sammlung und Erholung zu verzichten, h. b. Im „Haschiloach“ (Doppelnummer 4/5) tritt Dr. Ch. Tartakower für die Schaffung eines Museums des Ghetto am „Bezalel“ ein. Das Museum soll alle erreichbaren Dokumente, Gebrauchs- und Kultusgegenstände, Lieder usw. sammeln; diese Sammlung soll nicht wissenschaftlich-archäologischen Zwecken dienen, sondern den Anschluß der jüdischen Zukunft an die Vergangenheit gewährleisten.' Die Arbeit soll von der hebräischen „Histadruth“ geleitet werden. Im - selben Heft beklagt es Ab. Goldberg, daß -;die hebräische Moderne neben einer trefflichen : Publizistik und einer bedeutenden Lyrik, Epik :Und Erzählungskunst nicht auch eine entspre- : chend gute Kritik aufzuweisen hat, so daß fast über keinen neuern Dichter eine gute Mono- - graphie existiert. — M. Z. S e g a I gibt die Einleitung zu einer in der Genisah entdeckten, alten ■ Handschrift, deren Abdruck im nächsten Heft folgt; diese Handschrift gibt wertvolle Aufklärungen über eine wenig bekannte jüdische . Sekte aus der-Zeit des zweiten Tempels. („Bund . v.on Damaskus^“.) Q. .A. ^Friedmanri. liefert eine ausführliche Besjirecffaiig^ s der .fjjj.. Verlage „Moriah“ in Krakau erschienenen hebräischen Erzählungen von J. D. B e r k o w i t z. — B. Krupnik schreibt über die Taufseuche unter den Juden Rußlands und betont sehr fein den Unterschied zwischen dieser Erscheinung in Rußland und in Westeuropa, ln Westeuropa sind die Taufen eine Konsequenz der Erschütterung des Judentums, der westeuropäische Täufling ist daher oft nur ein schlechter Jude; der osteuropäische ein schlechter Mensch. Daher bedeutet die Taufe für die Westjuden wirkliche Verluste, für die Ostjuden spielt sie nur die Rolle einer Auslese. — Der belletristische Teil des Heftes ist — wie immer — gut. h. b. „Heatid“, hebräische Zeitschrift für Literatur und Wissenschaft des Judentums, Bd. IV. (Verlag „Sinai“, Berlin.) Der vierte Band dieses ernsten Sammelwerkes enthält Antworten auf eine Rundfrage über die Zukunft des Judentums aus der Feder einiger hervorragender zeitgenössischer Vetreter des Judentums. Ein buntes Bild von Anschauungen entrollt sich vor uns: Theorie und Gläubigkeit, der Trieb, die Historie zu verstehen und den Pulsschlag des Augenblickes zu belauschen. Die Gewähr für die Zukunft des Judentums erblicken einige in der Vergangenheit, andere in der' ewigen Idee, andere in den Sicherheiten des eigenen Wollens oder Fühlens. Wir begegnen allen Abstufungen von der flachen Assimilationstheorie bis zum „rein historischen“ Gesichtspunkt Dubnows, von der Zufriedenheit mit unserer angeblich täglich sich vollziehenden Mission (Kaminka) bis zu dem Suchen der tieferen Werdensgesetze wie bei Buber, vom Glauben an die Existenz des JuJentums vor allem in seinem religiösen oder gedanklichen Inhalt (Neumark, Stein) bis zu dem an das Judentum als bloße Nation mit bestimmter Veranlagung (Schiller, Frischmann) oder einer Art Synthese beider Anschauungen (Thon). Die meisten Autoren erkennen den gegenwärtigen Zustand als veränderungsbedürftigen an. Manche wie Buber, Neumark, Birnbaum erwarten den Fortschritt von einer inneren religiösen Umwandlung. Das Heft enthält ferner eine ausführliche Studie von Herschberg über „Schönheit und Schönheitsmittel der Frauim Talmud“, „Zur Untersuchung der Geschichte Israels“ von S. M. Melamed, „Der Prophet Ezechiel“ von J. N. Simchoni und eine Erläuterung eines früheren Aufsatzes von S. J. Hurwitz. „Die neue Zeit“, Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie 1912, Nr. 45, W. van Ravensteiyn (Rotterdam), beschäftigt sich mit Sombarts „D ie Juden und das Wirtschaftsleben“. An der Hand einer gedrängten Uebersicht über den Niedergang des Judentumes in Holland, zeigt er, „daß die Juden dort während der größeren Hälfte des vorigen Jahrhunderts dem Kapitalismus nicht auf die Beine helfen konnten, obgleich sie relativ zahlreich und vom traditionelljüdischen Geiste durchdrungen waren. Andererseits steht es fest, daß die Juden in Holland im Begriffe sind, ihren Glauben und ihr Volkstum zu verlieren, und zwar gerade seit der Entwicklung des modernen Kapitalismus in den Niederlanden!“ Unter Beibringung reichen statistischen und historischen Materials widerlegt er Sombarts Tlhese, die Juden seien die hauptsächlichste^ Träger des kapitalistischen Geistes, sie hätten die ersten Hypothekarpfandbriefe geschaffen und die Verschiebung des Wirtschaftszentrums im 16. Jahrhundert sei lediglich aut ihre Wanderungen zurückzuführen. Ebensowenig wie Sombart den Beweis dafür erbracht hat, daß die Kolonialherrschaft der Holländer von Juden begründet worden sei, ebenso bleibt v. Ravensteiyn den Gegenbeweis schuldig. Er reklamiert einfach den Generalgouverneur Coen für den Protestantismus und charakterisiert diese Behauptung Sombarts als leichtfertig, die Konstruktion Sombarts: Amerika eine Schöpfung des Judengeistes als einfach lächerlich. Ravensteiyn schließt seine Betrachtung: Mehrings sagt: „Der Philosemitismus ist gerade so dumm, wie der Antisemitismus. Tatsächlich fragt man sicher vergeblich, ob diese Schrift der einen oder anderen Geistesrichtung entsprungen ist“. Sein Aufsatz ist belangreich genug für die Wertung der Wissenschaftlichkeit, mit der Sombart Hypothesen, insbesondere historischer Natur aufstellte; doch sind damit die Akten über Sombarts Arbeit lange noch nicht geschlossen, die Frage Judentum und Kapitalismus stehtnochweiter zur Diskussion. E. Stein. Im Augustheft der „Neuen Rundschau“ (S. Fischer, Verlag, Berlin) ist ein Essay yön; Stefan Zweig über Jakok W.asser-’ mann. In dem sehr lesenswerten ausführlichen Würdigung von Wassermanns Persönlichkeit und Werk legt Zweig auch dar, wie sehr Wassermanns Schaffen durch sein jüdisches Wesen bestimmt ist. Deutlich ist in Zweigs Ausführungen der starke Einfluß Martin Bubers zu merken, aus dessen_„Drei Reden“ (die er übrigens auch erwähnt) Zweig die Lehre vom Wesen des Judentums als positiver, im jüdischen Menschen wirkender und seine Aeußerungen gestaltender Macht geschöpft hat. Wir führen eine Stelle aus dem Aufsatz an: „Wassermann ist Jude, Jude in einem viel tieferen, lebendigeren Sinne inneren Bestimmung, als sonst der konfessionelle Vermerk zu begrenzen pflegt. Denn bei den meisten jüdischen Schriftstellern in Deutschland ist das Judentum längst nicht mehr die innere Substanz, der Kern ihres Wesens, sondern nur eine Art intellektueller Optik, eine Anschauungsform, ein günstiger Mechanismus. Es ist nicht Blickform, sondern Brille, ein Medium der Anschauung, aber nicht selbst Wirkendes, und darum eher ein Hemnis höchster Anschauung. Dieses Kuiturjudentum ist fast nie künstlerisch nahrhaft, weil es eine zu dünne Oberflächenschicht ist, und bedingt jene merkwürdige Wurzellosigkeit, die allerdings wieder durch gesteigerte Anpassungsmögiichkeiten kompensiert wird. Wassermanns Zusammenhang mit seiner Rasse ist ein viel intimerer, es ist nicht nur tingiert vom Judentum, sondern fast ausschließlich vo.i ihm bestimmt, nur aus ihm zu begreifen. Wenn er auch (mit I. David) von allen modernen Erzählern der deutscheste scheint. Es stammt aus einem jener Winkel in Franken, wo die jüdischen Gemeinden seit Jahrhunderten eingenistet, in dauernd gegensätzlicher Abgeschlossenheit ihre eigene Art und damit die schöpferische Tradition bewahrt haben. Und durch eine geheimnisvolle Polarität der angespannten Gegensätze ist die elementare Urkraft der jüdischen Weltvision der deutschen näher, wie der jeder anderer Nation, weil ja beide in ihren Endzielen nach einer einheitlichen, moralisch-methaphysischen Vergeistigung des ganzen Lebens streben, endlich in einer unendlichen Verschiedenheit der Methode, aber eins im höchsten W'eltbild. — Die Dualität zwischen der geistigen und himmlischen Sphäre ist nun für den Künstler die Wahl zwischen der Vision und der Analyse bei jeder inneren Weltgestaltung. Wassermann, dessen Begabung noch in jenem alttestamentarischen, orientalischen Judentum verwurzelt ist, hat beide diese Urkräfte gegensätzlich in sich entwickelt, eine ungestüme, zu lyrischer Ausschweifung geneigte sinnlich-visionäre, typisch orientalische Phantasie, aber gekreuzt von einem sicheren Wirklichkeitssinn, einem analitischen Spurtrieb, beide voll Gier, sich weltschöpferisch zu betätigen, beide schroff einander gegenüber. Und die Geschichte des Aufstiege in Wassermanns Schaffen ist die ihrer Versöhnung, ihrer gewaltsamen Vereinigung durch einen erstarkenden Willen zur reinen Kunst.“ — Diese — sicherlich treffende — Charakteristik Wassermanns wird, wenn man verallgemeinert, ergänzt durch Wassermanns eigene Worte im „Literaten“: Nur der Jude kann wahrhaft schöpferisch sein, der sich in den jüdischen Zusammenhang einstellt und die orientalische Kraft seines Wesens wieder aktiv macht. W. Sozialistische Monatshefte, 16. Jahrgang, Heft 16. — R. Streltzow spricht über die dritte Reichsduma. Von 442 Abgeordneten gehörten zu den reaktionären Parteien nicht weniger als 298, die Kadetten zählten 54, die Sozialdemokraten 20, die Arbeitsgruppe 13. Stotypins Schlachtruf war ein russisch-nationaler: Gegen die Uebermacht der Fremden. So kam es zu Gesetzen gegen Finnland, Polen, während für die Agrarfrage, Justizpflege, Unterricht, so viel wie nichts geschah. Immerhin sei die Institution der Duma gesichert. — Arthur Schulz, der seit Jahren gegen .Kautsky die Ueberlegenheit des bäuerlichen Mittel- und Kleinbetriebs gegenüber den Großgrundbesitz verficht, befaßt sich in dem Hefte neuerdings mit dieser Frage, die auch für die palästinensische Kolonisation Bedeutung besitzt. Sehr interessant und auch auf die Verhältnisse in der zionistischen Bewegung passend, ist ein Artikel von Otto Schember: Selbstkultur und Gemeinschaftsle"ben. Der Autor zieht dagegen zu Felde, daß eine gewisse Sorte von Intellektuellen sich vom Wirken1 in der Oeffentlichkeit zurückziehen,also auch vom Parteileben, weil dasselbe zu rauh sei und die Ausbildung deF Persönlichkeit hindere. Schember sagt mit'Recht, daßes Pflicht jeder Individualität ist,.am Gemeinschaftsleben teil zu nehmen. Andererseits dürfe das Parteileben, die Ein-

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