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Jüdische Zeitung · 1912-08-16 · 33 (16.8.1912) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
33 (16.8.1912)
Date
1912-08-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 33 triarchenstadt, die heute in mancher Beziehung zu den modernsten des Orients gehört, dar. In der’jüdischen Geschichte, von den ältesten Zeiten abgesehen, Wo Damaskus eine kurze Zeit durch König David dem jüdischen Reiche einverleibt war, scheint es im Mittelalter und in der Neuzeit eine gewisse Rolle zu spielen und wird von jüdischen Reisenden, z. B. von Benjamin von Terdelo (im 12. Jahrh.) öfters erwähnt. Der größte Teil der jetzigen Bevölkerung entstammt der Zeit der Auswanderung aus Spanien. Verschiedene Sagen knüpfen sich an Chajim Vital, den großen Kabbalisten, der hier gestorben ist, außerdem weist die Geschichte der Stadt einige jüdische Dichter und. Männer aut, die von großem Einfluß bei der Regierung waren.». In der Mitte des verflossenen Jahrhunderts ist Damaskus bekanntlich in der Geschichte der Blutbeschuldigungen zu einem traurigen Ruhme gelangt. Die gegenwärtige Gesamtbevölkerung von etwa 400.000 Einwohnern schließt gegen 17.000 Juden ein, die noch mehr moralisch als physisch in elenden Verhältnissen leben sollen. Die Juden haben auf das öffentlich-städtische Leben gar keinen Einfluß und leben in eine Art Ghetto zusammengepfercht. Bekanntlich ist der größte Teil der Judenschaft in der Metallarbeit, teilweise auch in Weberei, Färberei und Seidenspinnerei beschäftigt, Wobei die Betriebsleitungen jedoch zum geringsten Teile in jüdischen Händen sind. Ein trauriges Kapitel bildet das Unwesen jüdischer Dirnen, das nun allmählich die jüdische Gemeinschaft von sich zu schütteln versucht und das eine Quelle der Verachtung in der ganzen Umgebung ist. Im Allgemeinen sind die Juden, namentlich die jüngere Generation fast völlig arabisiertj Trotz ihrer Abstammung ist auch das Spaniolische bei ihnen vergessen, vom Hebräischen ganz zu schweigen. Die Kinder schicken sie, soferne diese nicht die Chedarim besuchen oder ganz verwildert aufwachsen, in die Missionsschulen, obgleich sie sonst von einer abergläubischen Orthodoxie erfüllt sind. Im Jahre 1880 hat die Alliance hier zwei Schulen, eine Knaben- und eine Mädchenschule eröffnet, die zusammen von etwa 360 Kindern besucht werden, aber pädagogische Mängel aufweisen soll und mehr oberflächlichmodernisierenden als ernst-erzieherischen Einfluß ausübt. Erfreulicherweise haben vor Kurzem einige jüngere Elemente eine hebräische nationale Schule sowie einen Kindergarten gegründet, die bereits eine starke Frequenz von mehreren Hunderten von Kindern autweisen. Die Jüdische Gemeinde von Konstantinopel. Kons tan tin op el : Die hiesige Gemeinde befand sich seit längerer Zeit in einer Krise, weil zwischen dem Großrabbiner und der aschkenasischen Gemeinde ein heftiger Konflikt ausgebrochen war. Nunmehr ist, insbesondere dank der vermittelnden Tätigkeit der Loge „Bne Berith“, der’ Frieden wiederhergestellt worden. Die aschkenasische Gemeindethat sich mit dem Großrabbinat geenigt, nachdem sie ihre Hauptforderungen durchgesetzt hat, und der „Medschliss1 dschismani“, das Konsistorium der Juden von Konstantinopel, ist so zusammengesetzt worden, daß den verschiedenen Richtungen eine entsprechende Vertretung gewährleistet ist. Zur Beilis-Affäre. Kiew : Untersuchungsrichter Maschkewitsch, der mit der erneuten Untersuchung in Sachen der Ermordung Juschtschinskys beauftragt wurde, soll seine Tätigkeit bereits abgeschlossen haben. Vor einigen Tagen begab er sich in Begleitung des Staatsanwalts der Kiewer Gerichtskammer, Tschaplinsky, des Staatsanwalts des Kreisgerichts, Saziepin, und von Vertretern der Polizei nach Sagorowschtschina, wo er die Fundstätte der Leiche Juschtschinskys, wie auch die Ziegelfabrik Saizews (wo Beilis bekanntlich1 als Angestellter» diente) und die Umgegend genau besichtigte. Sehr befremdend wirkte die Tatsache, daß der berüchtigte Hooliganenhäuptling, Student Golubiew, an der Besichtigung tätigen, ja sogar führenden Anteil genommen hat. Am folgenden Tage wurde Wjera Tscheberiak, die bekanntlich von Brasul-Bruschkowsky und dem gewesenen Chef der Geheimpolizei Krassowsky als die Anstifterin iund Hauptmitschuldige des Mordes bezeichnet wurde, vom Untersuchungsrichter Maschkewitsch vernommen. Frau Tscheberiak will sich übrigens in die Rolle einer Angeklagten durchaus nicht schicken. Und so hat sie dieser Tage gegen Krassowsky einen Prozeß wegen Verleumdung angestrengt. Und es scheint, daß Herrn Krassowsky seine schlecht angebrachte Wahrheitsliebe teuer zu stehen kommen wird. Bekanntlich war Herr Krassowsky ursprünglich mit der Leitung der Untersuchung in der Juschtschinsky-Angelegenheit betraut worden. Da er aber eine für einen russischen Kriminalbeamten „taktlose“ Geradlinigkeit bekundet hatte, so wurde er später, als in maßgebenden Kreisen die Parole des Ritualmordes ausgegeben wurde, einfach beseitigt. Er setzte aber seine Recherchen privatim fort, bis er schließlich gemeinsam mit Brasul-Bruschkowsim Ml-Miranl J. Gii -nw Wien, II., StefanieifraBe Nr. 14. Telephon interurban 13702. 70 modernst eingerichtete Zimmer von K 2.80 aufwärts, ln unmittelb. Nähe des Nordu. Nordwestbahnhofes, 5 Minuten vom Stadtzentrum. BADEN bei Wien, Antonsg. 13, Franzensstr. 34. Telephon interurban 217. 400 Personen fassend schöner Naturgarten. Elektrisch beleuchtet. Große Veranden und Säle vis-ä-vis dem Kurpark. Große Speisesäle zur Abhaltung von Hochzeitsdiners und anderen festlichen Veranstaltungen. Pension nach Uebereinkommen. Exquisite Küche und Keller Schekeleingänge. Böhmen: K 333.60, u. zw. (Prag) Frauenverein (100) K 120.—, Verein jüd. Beamten (23) K 27.60, Barissia (10) K 12.—, Alte Herren Bar Kochba (20) K 24.—, H. Hartmann K 1.20, (Gablonz) Theodor Herzl (25) K 68.40, (Nachod) Zion (62; K 74.40, Pfibram (5) K 6.-. Die jüdischen Turnvereine Westösterreichs wurden bei dem am 26. und 27. Mai d. J. zu Berlin abgehaltenen Verbandsturntage zu einem eigenen Kreise vereinigt. Dieser Kreis, der die jüdischen Turnvereine, Bielitz, Boskovitz, Brünn, Graz, Iglau, Mähr. Ostrau, Proßnitz, Wien I. Wr. Jüdischer Turnverein, Jüdischer Turnverein Favoriten, Fünfhaus, und den Sportklub H a k o a h umfaßt, wird bereits im Dezember d. J. den ersten Kreisturntag verbunden mit einem großen Kreisschauturnen abhalten. Bus dem jüdildien Leben. Dschemama. Diese neueste Kolonie in Palästina liegt zwei Stunden Wagenfahrt östlich von Gaza und ist somit die südlichste jüdische Ansiedlung in Palästina. Der Boden wurde von reichen Beduinen abgekauft, welche noch weite Bodenflächen ringsumher besitzen. Der Kauf wurde erst diesen abgeschlossen. Die Bodenflädie beträgt etwa 6200 Dunam, wovon gegen 5000 Dunam anbaufähig sind, denn ein Teil des Bodens ist hügelig. Die Kolonie selbst liegt in einer tiefen Talschlucht, die Häuser des kleinen arabischen Dorfes sind zu beiden Seiten des Wadi gebaut. Die Umgebung ist außerordentlich fruchtbar. Bekannt ist die arabische Gerste, die massenweise von Gaza expediert wird. Doch sollen in der neuen Kolonie vorzugsweise Pflanzungen angelegt werden. Das jüdische Besitztum ist durch Steinmale gekennzeichnet, damit alle Besitzstreitigkeiten vermieden werden. Die umgebende Bevölkerung besteht größtenteils aus halbansäßigen Beduinen. Mit dem Bau der Kolonie soll erst begonnen werden. Das erste Haus soll eine Mühle sein, die ein Jude aus Gaza anlegt, wie auch sonst in der Umgebung mehrere Mühlen von Juden gehalten werden. Die landschaftliche Lage soll prächtig sein. Zahlreiche Hügel und tiefe Talschluchten, im Osten ist das Gebirgsland von Hebron sichtbar, im Westen das Meer. Viele Ruinentrümer sind in der Gegend verbreitet und in der Kolonie selbst zu finden. Auf dem Wege nach Hebron finden sich die Ruinen von Berur- Tel und des alten Lachisch. Die Kolonie gehört als die einzige dem1 Kaimakamlik Berseba an. Die Juden in Damaskus. A. Almaliach stellt im „Hapoel Hazair“ in ausführlicher Weise die sonst wenig bekannten Verhältnisse der Judenheit in dieser uralten Pa¬ und Obersten. Die stellten es auf die Erde und fingen an, es zu höhnen, anzüspeien, Hals und Angesicht zu schlagen. Man setzte ihm eine Dornenkrone auf, öffnete ihm mit einem Speer die Seite, und da zu ihrem Staunen Blut und Wasser herausging, fingen sie dies in einem Kruge auf und brachten es in die Synagoge. Sie salbten damit Kranke, die davon gesund wurden. Nun gingen sie in sich und ließen sich vom Bischof taufen. Der Bischof stellte durch Nachforschungen fest, daß das Bild von Nikodemus mit eigenen Händen gemacht war, der es an Pauli Lehrer Gamaliel vererbt habe. Die Synagoge wurde in eine Kirche verwandelt und das wunderbare Blut und Wasser durch die Christenheit verschickt. Einige sagen, das sei unter Konstantin V. geschehen. Edc meint dazu: „so müßt aber einander Athanasius sein der diß beschriben het“ Diese Legende vom blutenden Wunderbild ist tatsächlich nicht von Athanasius, wenn sie auch Jahrhunderte lang als sein Werk galt und die Väter auf dem zweiten Nicänischen Konzil nach dem Zeugnis des cyprischen Bischofs Konstantin mit Tränen die Verlesung des Buches mit anhörten und keinen Zweifel an der Autorschaft des Athanasius hatten. In Siegeberts Chronik ist die Erzählung als eine gleichzeitige gegeben, indem er verschiedene Konstantins zusammenwirft In Schedels Weltchronik durchsticht der Jude ein am Bache stehendes Kruzifix mit dem Spieß. Er wird gesteinigt. Die ohne Ortsangabe von Nauderus erzählte Mißhandlung des Christusbildes ist hiermit ursprünglich identisch. Ungefähr um das Jahr 468 hat ein Jude den Christen zur Schmach ein Christusbild mit der Lanze durchstochen, und alsbald floß in reichem Strome Blut heraus. Dieses Wunder erschreckte ihn, und er stellte, damit das Blut nicht verloren ginge, ein Gefäß unter die Wunde. Viele benutzten es und wurden dadurch gesund. Die Juden bekehrten sich zu Christi Glauben und berichteten dies Wunder dem Bischof, von dem sie getauft wurden. Das Blut aber, weit und breit versandt, kam nach Mantua, wo sein hoher Wert wegen der vielen Wundertaten zur Geltung kam. Der Kaiser Karl hat später vom Papst Leo 'deswegen bestätigende Kunde erhalten. Während in Toledo der Erzbischof beim Fest der Assumption eine feierliche Messe liest, hört man plötzlich über dem Altara eine Stimme, welche darüber klagt, daß Christus von den Juden wieder beschimpft und gemartert wird. Alles Volk, allen voran der Erzbischof, forschen in den Wohnungen der Juden nach, und man entdeckt, daß die Juden an einem wächsernen Bilde Christi, das sie gräßlich verstümmelt und arg beschimpft haben, alle Einzelheiten der Passion wiederholen. Sie gestehen das ruchlose Verbrechen und werden alle getötet. Ueberhaupt begegnet man der Vorstellung, daß die Juden das Bedürfnis haben, die Kreuzigung Jesu mit allen Einzelheiten zu wiederholen, und so gibt bereits Sokrates aus diesem Grunde .eine Geschichte von der Marterung und Tötung eines Christenknaben in Syrien. Nach Vinzenz von Beauveais ist es die Stimme der Jungfrau Maria, die vom Himmel herab die Juden beim Erzbischof und Volk von Toledo verklagt, daß ihrem Sohne von diesem verruchten Volke dauernd dasselbe Unheil bereitet wird. Vincenz zählt diese Geschichte ausdrücklich als Marienwunder auf. Zu Toulouse spottet ein Jude über die Passionsgeschichte. Ein Ritter tötet diesen. Die Juden verklagen ihn beim Grafen Wilhelm. Der Ritter wird freigesprochen, aber man bestimmt, daß jedes Jahr ein Jude geschlagen werden soll. Adhemar von Chabanais erzählt, daß Aymeri, Vicomte de Rochechouart, bei einer Reise nach Toulouse seinen Kaplan Hugo, der ihn begleitete, beauftragt habe, die gebräuchliche Zeremonie, einem Juden beim Osterfest eine Ohrfeige zu geben. Er fügt hinzu, daß der Schlag so heftig war, daß Hirn und Augen des Juden zur Erde flogen und dieser sofort das Leben aushauchte. Dies geschahvor der Kirche Saint- Etienne. Im Leben des heiligen Theodard, Erzbischofs von Narbonne, einer sehr phantastischen, widerspruchsreichen und unzuverlässigen Quelle, wird dieser Toulouser Brauch auf Karl den Großen zurückgeführt, der seiner Zeit die Juden dazu verurteilt haben soll, an den drei Hauptfesten des Jahres vor der Tür der Kathedrale geohrfeigt zu werden, weil sie vorjnals die Stadt den Sarazenen ausgeliefert hätten. Nun haben freilich die Sarazenen Toulouse niemals eingenommen. Der historische Vorwand für den im 11. Jahrhundert bezeugten Brauch, Juden am Ostertage öffentlich zu ohrfeigen, ist imbekannt. Desselben Brauchs rühmt sich eine ganze Reihe

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