Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 29 (19.7.1912)
- Date
- 1912-07-19
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Beilage zur JÜDISCHEN ZEITUNG Nr 29 mit großer Sympathie behandelt wird. Gegen Buber wendet Nova k ein, daß sein mystischer Radikalismus den Begriff der reinen Nationalität doch ül>erschätze. Für die Volljuden gibt es die Rettung -in Palästina. Für die anderen aber, die schon Vierteljuden sind, bleibe scheinbar aber nur die’ Assimilation. Vom tschechischnationalen und kulturellen Standpunkt würde der Verlust der jüdischen Art und ihres besonderen Einflusses zu beklagen sein. Darum muß aber nicht, ja darf nicht die ungeheure Bedeutung Bubers als eines der größten Kämpfer für eine ideale Renaissance verkannt werden. Die Völker würden von den wiedererneuten verinnerlichten Juden viel Wertvolleres erhalten, als von ihren materialistisch-freisinnigen, leer-geistreichen Vordermännern. Arne Noväk sucht also die Bedeutung der jüdischen Renaissancebewegung für die Menschheit davon unabhängig zu machen, ob sie auch ihr nationales Ziel wirklich erreichen wird. Jedenfalls ist sie die Bewegung, die alles Wertvolle im Judentum sammelt. „Palästina“. Monatsschrift für die Erschließung Palästinas. Herausgeber Adolf Böhm, Wien, Redaktion Dr. Ernst Müller. Adresse: Wien, lI/3, Stefaniestraße Nr. 12. Abonnementspreis K 3.— (Mk. 3. -) pro Jahr. Heft 6 enthält einen Leitartikel von Doktor E. M.: „Ländliche und städtische Sicdlungsarbei t“, in welchem dieses Problem, das heute im Vordergründe der Diskussion steht, prinzipiell behandelt wird. E. M. ist gegen eine forcierte Industriegründung, wie Trietsch sie vertritt Dr. Pickholz setzt seinen Artikel über die „Einführung des Karakulschafes“ fort. Er untersucht die Feuchtigkeitsverhältnisse des Heimatlandes dieses Schafes (Buchara) und zeigt, daß sie jenen von Palästina ähnlich sind. Hier kommen auch die nötigen Futterpflanzen vor. Pickholz gibt eine genaue Pflanzenvergleichstabelle. Es ist zu hoffen, daß der Vorschlag Pickholz’, das Karakulschaf in Palästina einzuführen, bei den maßgebenden Kreisen Beherzigung finden wird. Ferner ist in dem Heft die Novelle „Gründe r“ von Barsilai fortgesetzt. Das Heft beschließen die üblichen Nachrichtenschau und Bücherbesprechungen. Bücher. Die Geistesreligion und das jüdische Religionsgesetz, von Dr. Ignaz Ziegler, Rabbiner in Karlsbad. Preis Mk. 4.—. Verlag Georg Reimers, Berlin. Mit großer Befriedigung konstatiert man bei Lektüre dieses Büchleins, daß der Geist einer neuen Zeit auch vor Rabbinern nicht Halt macht. Modernste Gesichtspunkte, frischer, lebendiger Stil, keine Trockenheit trotz Aufwand einer großen Gelehrsamkeit, kein salbungsvoller Ton, wie er sonst bei den Herren Rabbinern häufig ist, all das sind Vorzüge, welche die Lektüre des Buches zu einer angenehmen machen. Dieses Buch ist im Grunde nichts anderes, als ein Ruf zur Erneuerung der jüdischen Religion nach modernen Erfordernissen. Diese sieht Ziegler aber nicht, wie die berühmten Reformer des liberalen Judentums in einer Angleichung des Gottesdienstes an den kirchlichen oder in einer Enthebraisierung desselben, also in ganz oberflächlichen und äußerlichen Dingen, sondern die modernen Erfordernisse heißen nach Ziegler: Auseinandersetzung mit der modernen Philosophie und dem modernen Wissen. Ziegler nimmt als klarsten Ausdruck der modernen philosophisch begründeten Religionsanschauung die „Geistesreligion“ des berühmten Philosophen Eucken und orientiert an ihr die jüdische Religion. Diese Geistesreligion, welche Ziegler zunächst darstellt, beruht auf dem Glauben an eine reingeistige, im Menschen ewig fortwirkende Urkraft, als Quell des geistig-sittlichen Lebens, die i'n ewigen Kampfe steht mit den bösen Trieben, mit der Welt der Sinne, der Erscheinungswelt. Diese Urkraft ist für die Geistesreligion das „Göttliche“. Ziegler sagt sodann, daß die Erlösungsreligion (Christentum) der Gesetzes: eügion (Judentum) nicht überlegen sei, denn praktisch laufen beide darauf hinaus, daß Gesetze für das praktische Leben gegeben werden. Er sucht nachzuweisen, daß im Judentume das Gesetz nur den Zweck habe, die Ethik durch'züsetzen und nicht, wie behauptet wird, selbst der Hauptinhalt Selbstzweck der jüdischen Religion sei. Er untersucht sodann, ob die historischen Religionen durdi die „Geistesreligion“ überwunden seien und meint, daß auch diese schließlich „verstofflicht“ werden müsse. Es sei daher am einfachsten, die Historischen Religionen zu verjüngen. Ziegler plaidiert für die jüdische Religion auf ein Zurückgehen zur erhabenen Einfachheit der Bibel. All die „spitzfindigen Satzungen imd Vorschriften“, mit welchen die Talmudlehrer das Gesetz umzäunt hätten, zeigten zwar, daß die Juden die schwersten religiösen Anforderungen heroisch ertragen haben, sind aber nach Ziegler zum Unkraut geworden, das der Blume der Religion Licht und Luft raubt. Nur die Rückkehr, zu einfachen Formen kann den Mosaismus wieder nach den Forderungen der modernen. Geistesreligion .verjüngen. Zum Schluß seiner Von starker ueberzeugungskraft vorgetragenen Anschauungen rät der Verfasser — und dies halten wir für die schwächste Stelle des Buches — nicht zu radikal mit jenen umzugehen, die an den überlieferten Formen festhalten. So wenig in dem Buche sonst irgend eine Regung der Furcht vor der eigenen Freimütigkeit zu spüren ist, an dieser Stelle scheint doch die gewisse Berufsängstlichkeit des Rabbiners — „Scholem!“ — durchzubrechen. Wenn Dr. Ziegler eine Erneuerung der jüdischen Religion mit solcher Offenheit und so modernem Empfinden verlangt, dann mußte er auch in seinen Forderungen radikal sein. Mit Kompromissen sind große religiöse Umwälzungen nie erreicht worden. Soweit der religiöse Standpunkt in Betracht kommt, wird der Verfasser gewiß die heftigsten Angriffe seitens der Orthodoxie erfahren. Auch vom allgemeinen religionsphilosophischen Gesichtspunkte scheint es gewagt, die Religion als reine Ethik zu definieren, namentlich aber die jüdische, der damit ihre stärkste Eigenart, die in der theokratischen Gemeinschaftsidee und im Messianismus gelegen ist, genommen wird. Und aus diesem Grunde kann der Nationaljude das Werk Zieglers nur mit sehr gemischten Gefühlen ansehen. Wenn dieser auch fortwährend die jüdische Nationalität im Munde führt und sagt, daß der Stolz auf die hohe Stufe der eigenen Religion für den Kultur - juden die sicherste Basis für die Treue zur Nationalität ist, so muß doch diese Angleichung der Religion an die moderne Philosophie ein im Grunde assimilatorisches Beginnen genannt werden. Denn dadurch wird alles wahrhaft jüdische aus der Religion, das zur Erneuerung des Judentums als Volkstum beitragen kann, entfernt und bleibt nichts übrig, als ein bißchen moderne Ethik. Deshalb wird auch dieses neue philosophisch drapierte liberale Judentum nur zerstörend wirken. Seine Träger werden es nur angenommen haben um ihrer Sehnsucht willen, das Judentum von der modernen Wissenschaft, die ihr Götze ist, anerkannt zu sehen. Da sind uns Zionisten, auch wenn wir gar nicht religiös sind, doch noch die Orthodoxen lieber, welche die „spitzfindigen Satzungen des Talmud“ befolgen, denn in ihnen ist doch noch ein jüdischer Wesenskern, weshalb sie für den Zionismus eine Hoffnung bedeuten. Die Erneuerungdes Judentums kann sich’ noch eher auf jene stützen, die das Erbgut der Väter bewahrt, ohne sich eine Aenderung zu erlauben, als auf die, welche es so lange ummodeln, bis es dem Geschmack der anderen Völker angepaßt ist. b. Randbemerkungen zu W. Sombarts: Die Juden und das Wirtschaftsleben von W. M. Steckelmacher, Verlag L. Simon Berlin. — Auf knapp 63 Seiten ist viel Material zusammengetragen, das gegen Sombarts Auffassung sprechen kann, das aber dadurch entwertet wird, daß der Verfasser sich die Sache doch zu leicht macht. Bezüglich der „Versachlichung“ der Wirtschaftsbeziehungen hat Sombart z. B. selbst nur von einer Wahrscheinlichkeit gesprochen, diese aber stark glaubhaft gemacht, selbst wenn alles richtig wäre, was Steckelmacher dagegen auf IV» Seiten vorbringt. Ein so gründliches Buch wie jenes Sombarts ist nicht durch eine Broschüre zu wiederlegen, wenn es auch leicht ist, viele Entgleisungen Sombarts, wie jene bezüglich des Zitats aus Glückei zu verspotten. Von Wert sind nur die Hinweise auf die Unvollständigkeit der Sombartschen Talmudzitate, die dadurch oft im Sinne völlig verändert werden. Ganz unsinnig sind aber die Bemerkungen des Autors über den Zionismus, den wahrscheinlich Sombart gemeint habe, als er vom Scheinpatriotismus der Juden sprach! Es gibt nach Steckelmacher keine „nationale“ Eigenart der Juden, sondern nur eine religiöse. — Die ganze Brochure ist in der Art der. Rabbinerapologetik gehalten, in einem höhnischen Ton geschrieben und nur insoferne beachtenswert, als sie doch erkennen läßt, wie einseitig Sombart in der Auswahl seiner Zitate vorgegangen ist. Eine gründliche Widerlegung seiner Ansichten über jüdische Religion und Eigenart ist aber noch immer zu schreiben. b. „Talmudproben“ von Dr. S. Funk in Boskowitz, Leipzig, Sammlung Göschen. Ein glücklicher Gedanke seitens des Verfassers war es, seiner populären und dennoch streng wissenschaftlichen Schrift: „Die Entstehung des Talmuds“ eine Sammlung von ganz kurz gefaßten, aber charakteristischen. Stücken aus der umfangreichen, tälmudischen Literatur in deutscher Ueberträgung folgen zu lassen. . Unsere Jugend,, die soviel ü b e r jüdische, Literatur liest und. spricht, mag endlich die Ueberzeugung gewinnen, daß ihre Vorstellung von derselben so lange eine verschwommene und halb . erfaßte bleiben wird, so lange' sie sich nicht dazu entschlossen hat, an das Studium dieser Literatur selber heranzutreten. Die beste Anregung dazu bietet der Verfasser durch seine „Taimudprob.en“, woselbst .er dem des Hebräischen unkundigen Leser Müsterstücke aus, beiden Hauptzweigen des Talmuds, der Halachah und der Agadah, in möglichst getreuer Wiedergabe des Originals vorführt. In dem ersten, die Halachah betreffenden Abschnitte wurden vorzüglich solche Abschnitte , gewählt und derart angeordnet, daß sie zugleich einen Einblick in den Werdegang der mündlichen Lehre .gestatten, so daß aas Verständnis der aus „der Entstehung des Talmuts“ bekannten geschichtlichen Tatsachen durch „Die Talmudproben“ vertieft und befestigt wird. Schade nur, daß Verfasser es unterlassen hat manche halachische Begriffe, die den meisten deutschen Lesern wohl unbekannt sein werden, in den Anmerkungen näher zu erklären. Von noch größerer Bedeutung für die Förderung der Liebe zum althebräischen Schrifttum ist der zweite, agadische Abschnitt, welcher köstliche Blüten aus dem reichhaltigen Garten altjüdischer Volkspoesie enthält. Daß die Auswahl eine äußerst beschränkte und infolgedessen nicht im entferntesten dem Bedürfnisse genügende ist, ist bei dem notwendigen, geringen Umfange des Buches nur selbstverständlich. N. Chacham. „Sefer Haagadah“, gesammelte und ge- . ordnet von J. Ch. R a b n i t z k i und Ch. N. Bialik, Verlag „Moriah“, Odessa (Sammlung von ausgewählten Sagen [Agadothj aus Talmud und Midraschim), 3 Bde. Die Agadah, dieses riesige, aber nicht einheitliche und verworrene Werk, das der Genius unseres Volkes in der Epoche des Talmud geschaffen hat, die einzige Form der sogenannten schönen Literatur aus jener Zeit, war bis nun ein Labyrinth, in dem viele Leser und Forscher qualvoll herumirrten, um das Schönste daraus herauszufinden. Viele Versuche wurden unternommen, dieses Werk zu ordnen, meist zu wissenschaftlichen Zwecken, aber erst den Herausgebern des „Sefer Haagadah“ ist es gelungen, es an Hand eines ästhetischen Maßstabes so zusammenzustellen, daß es als einheitliches Kunstwerk vor uns liegt. Das „Sefer Haagadah“ ist weder eine literarische, noch eine wissenschaftliche „Bearbeitung“, sondern eine Sammlung, die nach keinem anderen Gesichtspunkte als dem Inhalt des Stoffes ge - ordnet ist. (So sind z. B. alle Agadoth, die sich auf einen Rabbi, ein Vorkommnis, eine Bibelstelle etc. beziehen, unter einem Titel zusammengestellt.) Nur die aramäischen Stellen des Textes sind in ein kerniges Mischnah-Hebräisch übertragen. In dieser Form wird die Lektüre der Agadoth, dieser herrlichen Schöpfungen des jüdischen Geistes aus vielen Jahrhunderten endlich für jeden hebräisch Lesenden (die Sprache ist nicht schwer) eine Quelle reinen Genusses bilden und eine tiefe' Einsicht in das Wesen des jüdischen Geistes vermitteln. Mz. Miszellen. Das 31. Heft der jetzt von Alfred Kerr herausgegebenen Berliner Wochenschrift „Pan“ bringt unter der Aufschrift „Juden“ mit „R.“ (Theodor Reik) gezeichneten Aphorismen, in denen es auch' heißt: „Die Judenfrage besteht darin, daß alle unmöglichen Leu'e Antwort geben auf Fragen, die sie sich nie vorgelegt haben, Was wäre sie, wenn sie nichts wäre als eine Frage der Juden, eine der tausend Nationalitäten- und Länderfragen? Sie ist aber die Frage des Fortlebens einer Denkform und Weltanschauung.“ — „Toleranz ist beschämender als Haß und Feindschaft.“ — „Bei Pogroms werden die Juden zu Hunderten totgeschlagen. Hierzulande wird ihnen bloß unter die Nase gerieben, dab sie Gäste sind. Ein zivilisiertes, unausgesetztes Memento Moritz.“ — „Auch der Antisemitismus hat sein Gutes. Er bewahrt die Juden vor Verblödung: zu Staatsruheposten werden sie nicht zugelassen.“ k. In der Gedichtsammlung „Glockenklang“ des Prager jüdischen Lyrikers Hugo Sa|us (Verlag Albert Langen, München, 1911, 2 Mk., Lbd. 3 Mk.) finden sich einige schöne Gedichte, in denen der Dichter sich mit seinem Judentum auseinandersetzt. Salus hat ein sehr feines Gefühl für die Zusammenhänge, die durch das Band des Blutes über Raum und Zeit hinweg geschmiedet werden. Seine jüdischen Gedichte sind auch die stärksten in dieser Sammlung, sie vermögen uns :zu ergreifen, während wir bei den meisten sehr kunstvollen Poemen doch nur den Eindruck einer liebenswürdigen, betrachtenden Spielerei haben. Erwähnt seien: „Das Lied des Blutes“, Ahnenlied“, „Der Heimatlose“, „Der Emporkömmling“; nach einer talmudischen Legende: „Rabbi Simeon ben Jochai“; den jüdischen Mythos von dem Titanen Hiob suchtdas Gedicht - „Hiobs Versuchungen“ niit sehnender Kraft fühlen zu lassen. r..