Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 29 (19.7.1912)
- Date
- 1912-07-19
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zur JÜDISCHEN ZEITUNG Seite 9 Nr. 29 ■9 (Erscheint jeden Monat). .fl .0 rf Zeitschriften. Zeitschrift für Demographie und Statistik der : Juden. Berlin. Heft V. enthält eine Studie von Dr. Sega 11 über die Juden in E 1 s a ß:-L o t h r i n g en. Die Juden machten daselbst 1910 1.62 Prozent der Bevölkerung aus gegen zwei Prozent im Jahre 1895. Sie sind im absoluten und relativen Rückgang. Die Ursache dieses starken Rückganges läßt sich nicht feststelien. Dr. Blau schreibt über die Juden in Hannover und geht in dieser Studie bis auf das Jahr 1700 zurück. Auch hier zeigt sich ein .Rückgang ihrer relativen Zahl. 1852 machten sie 2.1, 1912 nur 1.7 Prozent der Oesamtbevölkerung aus. — Des weiteren enthält das Heft zahlreiche Miszellen. Darunter befindet sich eine interessante Schätzung der Zahl der Juden in Rußland ohne Polen für das Jahr 1838. Sie beträgt zirka eine Million Seelen. Für Palästina werden die bekannten Daten von Barsilai aus dem „Haschiloach“ gegeben. Heft VIenthält einen Aufsatz über die Entwickelung der Juden in Preußen. Von 1822 bis 1840 hatte die preußische Judenheit einen Gewinn durch Zuwanderung in der Höhe von 9500 Personen, von 1840 bis 1S95 einen Verlust von 74.000 und von 1895 bis 1910 einen Gewinn von zirka 16.000; mithin hat die jüdische Bevölkerung in Preußen einen Verlust im Verlauf von 100 Jahren von zirka 50.000 Personen aufzuweisen. Dr. Weissenberg schreibt über die „Statistik des Ritualbadbesuchs“. Im Archiv findet sich unter anderem eine Statistik aus Hamburg, wonach 190S jüdische Ehen 112, jüdische Mischehen 68, also fast die Hälfte geschlossen wurden. Ost und West, XII. Jahrg., Heft 6 (Juni 1912) bringt an leitender Stelle eine eingehende Besprechung des Buches von S e g a 11 über die beruflichen und sozialen Verhältnisse der Juden in Deutschland. An weiteren interessanten Beiträgen wären zu erwähnen, die Fortsetzung der „Illustrationen zu Rußlands judenpolitik im letzten Monat“,'eine Würdigung Abraham Berliners von S. Bernfeld, ein Gedenkblatt für Aron H o r w i t z, über den man freilich auch anderer Meinung sein kann, von Traubenberg, und ein Artikel „Die Juden und der türkisch-italienische Krieg“ von Prof. Dr. Ermanno Loevinson (Rom). . Der italienische Jude konstatiert mit Genugtuung, daß sich „auf beiden Seiten Juden auszeichnen“ und erzählt dann sehr stolz die Geschichte und die Heldentaten italienischer Soldaten jüdischen Glaubens, vom Leutnant Levi- Bianchini, der „der Schulmeisterei eines gewissen deutschen Professors der Nationalökonomie zum Trotz“ den Vornamen Achille führt und am ersten Pessachtag die Synagoge zu Padua besuchte, bis hinab zu dem Grenadier Attilie Orvieto aus Florenz, der bei der Eroberung der Oase Ain Zara „an einem Bein verwundet wurde“. Von der Okkupation Tripolis verspricht sich der italienische Professor sehr viel, besonders eine Belebung der italienischen Judenheit durch das afrikanische Element. Das dürfte notwendig sein! — Im künstlerischen Teil bringt das Heft die Reproduktion einer sehr bedeutenden Spinoza-Büste von Georg Wienbrack, die Arno Nadel bespricht, eine Würdigung des früh verstorbenen Berliner jüdischen Malers Alfred Grätzer von Karl Schwarz (mit 7 Illustrationen, darunter 4 jüdische Charakterköpfe), interessante Mitteilungen über Reste althebräischer Musik (mit Noten) von Abr. Zewi Idelsohn, Jerusalem. — Im offiziellen Teil befinden sich Briefe des Alliance-Direktors Elmaleh über die Ereignisse in Fez. r. Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde. 15. Jahrgang. 2. Heft (Wien 1912) bringen, von-H. Flesch aus einer Handschrift des Salomon Flesch in Neutra (gest. 1832) mitgeteilt, „Sympathetische Mittel und Rezepte aus dem Buch e des R. Naftali Kohen und R. Joel Baal Schern“. Es sind kabbalistische Rezepte von erschrekkender Abstrusität; aus-der'Mitte des 17. Jahrhunderts, die zeigen, wie schrecklich der . Aberglaube damals unter den Juden (natürlich nicht nur unter den Juden) grassierte. Aus 'den 40 Rezepten nur ein Beispiel:: i.„Liebe zu bannen:: Mit saueren, abkühlenden Dingen sich beschäftigen. Zum Genüsse verboten: schwere, scharfe Getränke, besonders Wein: Medikament: Agni casti Samen i2 Drachmen, phorthialca Samen Drachmen, rote Rosen in Zucker eingelegt 3 Unzen fein gestoßen, in 3 Teile geteilt. Muß auf nüchternen Magen genommen werden. Aeußerüch: Aderlaß an rechter Hand. Von Erfolg ist auch Milzader. Verboten: Gewürze, Zwiebel, Knoblauch, Reis, Öder: Bachweiden in Wasser gekocht. Angeführten Mittel für beide Geschlechter.“ Die Fortsetzung der hochdeutschen Uebe/tragung des ,,Z e e n a u r e e n a“ von Sa!. Goldschmidt und Bücherschau, darunter eine Besprechung von Ruppins Buch schließen da; Heft.! r. Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, 56. Jahrg. Heft 12 und 3 4 Die ersten beiden Doppelhefte dieses Jahres enthalten eine ausführiiehe Würdigung Ludwig Philippsons zur Hundertjahrfeier seines Geburtstages von Josef Baß. Der Au*satz informiert in interessanter Weise über dieses Kapitel aus der Geschichte des deutschen Reformjudentums, auf dessgn Schultern bis heute — leider! — die Wissenschaft des Judentums steht. Der Verfasser setzt sich mit Philippsons Ansichten auch kritisch auseinander, wobei er allerdings die Tatsache übersieht, daß auch Philippsons gemäßigte Richtung in ihrer anationalen Auffassung eine Belebung der „starren, stumpfen Masse“ der Judenheit in jüdischem j Sinne nicht bewirken konnte. Von welchem Geis. Bass* Ausführungen getragen sind, darüber gebe folgendes Zitat Zeugnis: „Von Zion wird ausgehen die Lehre und das Wort des Ewigen von Jeruscholajim, verkündet Micha, und es bedarf wahrlich keiner allzukühnen Auslegekunst, um das Wort auf das kleine Dessau anwenden zu dürfen.“1 Sic! Immerhin ein lesenswerter Aufsatz. — Einen Abschnitt aus der ersten Zeit des Christentums behandelt M. Ereimann in dem Artikel „D ie Wortführer des Judentums in den ältesten Kontroversen zwischen Juden und Christen“. — W. Bacher berichtet über dis kulturhistorisch interessanten Schriften des südfranzösischen Bibel e r k 1 ä r e r s J os e'f Ib-n-.K a s p i (st. 1340). die zum größten Teil Isaak Last jüngst herausgegeben hat. — J. Scheftelowitz beginnt mit der Darstellung der „Grundlagen einer jüdischen Ethik“, die in Anlehnung an Lazarus dessen unvollständiges und oft subjektives Werk ergänzen sollen; der Verfasser erkennt richtig, dab wir ein einwandfreies System der jüdischen Sittenlehre noch nicht haben. — Von Besprechungen wären hervorzuheben: Jampel, Lehmann, Haupts Buch über Israel; Aschner, Das Gilgamosepos von Ungnad und Gressmann; Freudental, Ludwig Philippsohns Gesämm. Abhandlungen; derselbe, Martin Philippsons Geschichte des jüdischen Volkes III. Bd.; Aron Sandler, Thomsens Palästina-Literatur. — Das erste Heft bringt den Schluß der von M. Braun zusammengestellten bibliographischen Uebersicht über die im Jahr 1910 erschienenen Schriften. r. Hachinuch. Pädagogische Zweimonatsschrift, herausgegeben von der Lehrervereinigung in Palästina unter der Redaktion von Doktor N. T u r o w. Von dem ernsten Eifer, der in Palästina auf pädagogischem Gebiete herrscht, zeugt diese in ganz moderner Weise geführte Zeitschrift, die mit dem eben erschienenen Hefte in das dritte Jahr ihres Bestandes tritt. In glücklicher Weise werden allgemeine Probleme der Erziehung, wie sie in Europa und Amerika im Vordergründe der Diskussion stehen, mit den speziellen Verhältnissen, die für unser Volk, speziell in Palästina gelten, in Einklang zu bringen versucht. Namentlich in der letzteren Zeit wird dem kulturell-jüdischen Momente ein breiterer Platz eingeräumt. Der Vermittlung der Kenntnis manches Wissenswerten auf dem pädagogischen Gebiete dienen Uebersetzungen aus deutschen, französischen und englischen Schriften. So wird in kurzem das Buch von William James „Psychologische Gespräche für Lehrer“ in hebräischer Öebertragung von Dr. Turow erscheinen. Aus dem Inhalt des eben erschienenen Heftes sei hervorgehoben: „Das hebräische Sprechen“ von Izchak Epstein, einem der bekanntesten Pädagogen; „Grundlagen der hebräischen Erziehung“ von Doktor S. Bernfeld; „Die neuen Anschauungen ü b e r_ die Kinder“ von Ch. Harari; „D i e H y g i.e n e der Schulen Palästinas“ von D. Hilel Joffe; „Die S elb s t r eg i er ung in der Kinderefziehung Amerikas“ von Ch. Waldstein und einige andere Beiträge. Hervorzuheben sind noch die Probelektionen aus allen Unterrichtsgegenständen, welche fortlaufend im „Hachimuch“ erschienen. Aus der tschechischen Literatur. Eine Uebersicht und Auswahl, die aus der wissenschaftlichen und belletristischen Literatur aussucht, was für die jüdischen Fragen von Belang und Interesse ist, ist durch die Natur der Dinge zunächst auf die deutsche Literatur hingewiesen. Und doch ist die nichtdeutsche Literatur aus vielen Gründen fast wichtiger noch für die Zwecke einer deutsch redigierten jüdischen Bücherschau als die deutsche. Denn unsere eigenen Leitgedanken sind selbst auf dem Boden deutscher Wissenschaft entstanden. Die Begriffe, die wir gebrauchen, die Anschauungen, die uns beherrschen, sind zum größten Teile im deutschen Kleide zu uns gekommen. Und wenn sie oft für unsere nationalen und sozialen Verhältnisse nicht passen und unsere Theoretiker mühsam erst gegen die als selbstverständliche Axiome hingenommenen wissenschaftlichen Grundlagen nationaler, soziologischer und religiöser Betrachtungen anrennen müssen, so kommt das zu einem gewissen Teile daher, daß diese Axiome eben von deutschen Bedürfnissen geschaffen worden sind. Deshalb wäre es notwendig, alle einschlägigen Arbeiten der nicht deutschen Literaturen ge auer zu verfolgen, denn mir ihrer Hilfe wäre es manchmal leichter, subjektive, nur für die deutsche Wissenschaft von vornherein selbstverständliche Begriffe zu korrigieren. Besonders wichtig wären für uns die Literaturen solcher Völker, die erst vor kurzem eine nationale Renaissance durchgemacht haben oder noch in ihr stehen. Solche Völker sind vor allem die kleineren slawischen Nationen, besonders aber die Tschechen. Die Literatur der Tschechen ist aus politischen Gründen schon für jede österreichische Gruppe widittig; die Deutschen sind durch ihre verlogene Presse gänzlich u.tin formiert gelassen und selbst die deutschen Sozialdemokraten werden über die Parteili:eratur ihrer tschechischen Genossen nicht unterrichtet. -Wir wollen daher - versuchen-, in unserer Uebersicht auch die tschechische Literatur zu berücksichtigen u.U vor allem je.ie Arbeiten zu registrieren, die die nationalen Probleme oder jüdische Fragen im besonderen behandeln : — Nation und Nationalität. Im Maiheft der „A kademi e“, der von F. Modracek und F. V. Krejci geleiteten und von Dr. B. 5 m e r a I herausgegebenen sozialfcrischen Revue der tschechischslawischen Sozialdemokratie veröffentlicht Fräfia Polak den ersten Teil eines Aufsatzes, der sich mit den Begriffen Nation und Nationalität befaßt. Der Autor knüpft an Ficht es Definition der Nation an, erklärt aber, daß die Sprache nicht das einzige Merkmal der Nation sei. Die Eigenart der Nation kündige sich auch anders als in der Sprache an und auch auf geschlossenem geographischen Gebiete müssen die Nationsgenossen nicht wohnen. Die N at i o n ist dem Autor der Begriff des einheitlichen natürlichen Körpers, der durch objektive Merkmale gegeben ist, die Nationalität eine Einheit gegeben auf der Grundlage des bewußten Korrelativität m bestimmten Interessen und der sich bildenden Kennzeichen. Für die Nationalität gibt es also nur eine subjektiv zu bestimmende Zugehörigkeit. Doch ist auch diese bewußte Einheit nichts Labiles, wenn auch ihre Merkmale nicht so sehr physischer (Rasse) als geistiger Art sind. Die Bedeutung der Sprache für die Nationalität wird so bewertet, daß sie zwar ein Produkt, aber kein wesentliches natürliches Attribut der Nation ist. Daher die Mehrsprachigkeit einer Nationalität! Doch ist die Sprache ein notwendiges Mittel zur Erhaltung der Einheit bebesonders bei den unterdrückten Nationen. Und „Die Erhaltung und Fortentwicklung der Nationalität ist ein sittliches Gebot und Gesetz, das durch kein positives Gebot derogiert werden kann“ (Palacky). Man darf und muß sich also um die Entwicklung der Sprache als eines Mittels zur Erhaltung der Nationalitätseinheit kümmern. In dem zitierten Aufsatze sind noch manche Unklarheiten; vielleicht bringt der zweite Teil schon selbst die Korrekturen. Ueber Martin Bubers „Drei Reden über das Judentu m“, die der zionistische Studentenverein „Theodor HerzI“ in Prag in tschechischer Uebersetzung herausgegeben hat, schreibt am 9. Juni der Prager tschechische Literarhistoriker Dozent Arne Noväk in den „Närodni 1 i s t y“ einen sehr eingehenden und sehr verständnisvollen Aufsatz „Ein neuer jüdischer Prophet“, in dem die zionistische Bewegung j