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Jüdische Zeitung · 1912-07-05 · 27 (5.7.1912) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
27 (5.7.1912)
Date
1912-07-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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-JÜDISCHES DRGRN ■ Erscheint wöchentlich. —Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II.,Stefaniestraße Nr. 12. — Sprechstunden ■ m täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterm m reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K. 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—. Vierteljahr. * ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 133.404. Telefon 22.075. ■ Nr. 27 Wien, Freitag, den 5. Juli 1912 VI. Jahrgang HERZL-KLUB. Dienstag, den 9. Juli 1912, präzise 8 Uhr abends, im großen Saale des äjüd. Volksheim, II., Stefaniestraße 12 Herzlfeier Referenten: Gg. M. Waldmann und und Gg. M. Geiger. Aus Herzl’s Schriften. Gg. Josef Stein Rezitationen: Gg. Simon Advokat. Juden erscheint in Hassen! Die politische Konferenz. Sonntag, den 30. Juni, fand im Saale .des Hotel Guth die politische Konferenz statt, zu welcher sich 58 Delegierte aus Westösterreich und zwei — Abgeordneter Dr. Stra'ucher und Gg. Geiger— aus der Bukowina eingefunden hatten. Seitens des galizischen Zentralkomitees, der Gg. Adolf Böhm, des Obmannes des böhmischen D. K., Dr .Singer, lagen Begrüssungs-, beziehungsweise Entschuldigungsschreiben vor. Der Obmann des Nationalvereines Gg. Dr. Jakob Ehrlich eröffnete die Tagung mit einem Nachruf für den verstorbenen Gg. Friedrich L ö w. Ueberdies gedachte er, da die politische Konferenz kurz nach dem Jahrestage der Drohobyczer Exzesse, stattfand, der für die jüdischnationale Sache gefallenen Märtyrer vön Drohöbycz. Als erster Referent sprach über „Die Lage der Juden in Oesterreich und ihr Verhältnis zu den übrigen Nationalitäten“ Gg. Dr. Hermann Kadi sch. Nach einer Schilderung der politischen Entwicklung Oesterreich-Ungarns seit dem Jahre 1867 kommt Redner zu dem Schlüsse, daß die Juden eine selbstständige, nationale Politik treiben müssen. Wohin die bisherige jüdische Politik die Juden brachte, 'zeigt der Umstand, daß in den Sudetenländern auf deutscher wie auf tschechischer Seite der Antisemitismus floriert, in den deutschen Alpenländern derselbe . triumphiert, in Galizien Unter 'dem Einflüsse der Allpolen im polnischen Volke immer mehr antisemitische oder asemitische Anschauungen Wurzel fassen, die von reaktionärer Seite auch unter die Ruthenen und Rumänen verpflanzt werden. In Ungarn treten immer mehr Anzeichen zutage, daß die herrschende magyarische Klasse der Juden überdrüssig wird, während ein Teil der Nichtmagyaren in den Juden die Helfershelfer der magyarischen Despotie erblickt. So "hat denn das jüdische Volk nirgends verläßliche Freunde, keine Partei, auf die es unbedingt vertrauen kann, der es die Vertretung seiner nationalen oder sozialen Interessen übergeben kann. Um gründliche Wandlung in Oesterreich-Ungarn zu schaffen, nützen keine Palliativmaßnahmen, wie Ministerwechsel oder Parlamentsauflösungen, sondern nur ein einziges Mittel, (wie immer von neuem wiederholt werden muß: Die Revision unserer Reichs verfass ung im Sinne der nationalen Autonomie. Gewiß'wird auch diese die Nationalitätenfrage der Habsburgermonarchie nicht restlos lösen und noch viel weniger die Judenfrage, aber restlose Lösungen, absolute Endziele gibt es nicht im Entwicklungsleben der Völker. Zur Beseitigung der endlosen staatsrechtlichnationalen Kämpfe in lind zwischen beiden Reichshälnen 'gibt es nur den einzigen Ausweg: Die nationale Autonomie. .Da wir als Ze&1 e unserer jüdischen Autonomie .die Kultusgemeinden betrachten, so sind Kultuswahlen eine äußerst günstige Gelegenheit zur Aufklärung unserer Bevölkerung. Diese und nicht Erlangung von Mandaten muß bei diesen und allen anderen Wahlen unsere Hauptaufgabe sein. Und ohne gründliche Aufklärung gerade über die Frage der Autonomie, werden wir die Bevölkerung nicht gewinnen. Wir wollen Herren in unseren Schulen sein ,wir wollen sie so einrichten, wie wir es für unser Volk ersprießlich halten und für unsere Steuergelder, statt durch antisemitische Lehrer durch jüdische Lehrer unsere Jugend in nationalem aber auch modernem Sinne unterrichten lassen. Wir wollen aber in unseren Volksgemeinden nicht nur in kultureller, sondern auch in sozialer Hinsicht wirken und auf dem Wege der Forderung wirtschaftlicher Selbsthilfe die jüdischen Handwerker, Beamten und Arbeiter in ihrem schweren. Kampf ums Dasein unterstützen. Der Redner schließt mit den Worten: „Wir wollenunerschütterlich festhalten an dem unzerreißbaren Bande mit unseren Volksgenossen in allen fünf Weltteilen, unsere jüdischdemokratischen und jüdischsozialen Prinzipien hjrtaustragen in alle jüdischen Gemeinden Oesterreichs: unserem jüdischen Volke zum Schutze, einem modernen Völkerversöhnten und sozial verjüngten Oesterreich) 'zum Nutz ünd allen unseren Feinden zum Trutz. Dassei die Lösung der jüdischen Moderne jetzt und zu allen Zeiten und in diesem Zeichen werden wir siegen.“ Ueber Vorschlag des Gg. Oberingenieur Stricker wurde die Diskussion über das Referat des Dr. Kadisch gemeinsam mit der Diskussion über die Organisation verbunden. Og. Dr. Ehrlich erstattet demzufolge das Referat über die „Organisation“. Die bisherigen Verhältnisse sind weniger als erfreulich. Solange es einen jüdischen Klub im Parlamente gab und der verstorbene Dr. Gabel an der Spitze des Nationalvereines stand, war schon durch seine Person die Einheitlichkeit der Organisation oder wenigstens die Möglichkeit eines einheitlichen Vorgehens in einem gewissen Grade sichergestellt. Wir verfügten auch über eine politische Reichsexekutive. Wenn sie auch die längste Zeit eine Scheinexistenz führte und die Gesinnungsgenossen aus dem Osten nicht ohne Absicht deren Einfluß sich nicht entwickeln ließen — die Möglichkeit einer Aussprache und der Beratung über wichtige Fragen war immerhin gegeben. Da nun auch die Reichsexekutive nicht besteht, liegen die Verhältnisse recht trist. In Galizien führt die Landespolitik das Lemberger .Zentralkomitee. Dieses scheint von der Auffassung auszugehen, daß die jüdische Politik in Galizien eine galizische Landesangelegenheit ist, eine Anschauung, der wir unter keinen Umständen beistimmen werden. Die westlichen Gesinnungsgenossen und natürlich auch die Wiener haben auf diese Angelegenheiten keine Ingerenz. An uns erinnert man sich' nur dann ,vvenn Wechsel, die der galizische Statthalter ausgestellt und nicht eingelöst hat, in Wien präsentiert werden sollen. Da wir aber wissen, daß solche galizische Papiere wertlos sind und unsere galizischen Gesinnungsgenossen dies auch wissen mußten ,äls sie sie empfingen, kann es schon sehr leicht geschehen, daß wir eines Tages die uns zugemutete Leistung dieser Handlangerdienste ablehnen. Auch unsere Beziehungen zur Bukowina sind gelockert und sie werden solange nicht gefestigt werden können, als wir es dort nicht mit einer einheitlichen jüdischen Nationalpartei zu tun haben werden. Aus allem dem ersehen sie, daß das Einfluß- und Tätigkeitsgebiet des Jüdischen Nationalvereines eingeengt wurde. Die heute eingerissenen Zustände können wir nicht als legale anerkennen. Wir müssen bei jeder Gelegenheit betonen, daß die jüdische Politik in Oesterreich an Provinzgrenzen nicht gebunden sein kann. Ich habe schon in meinen einleitenden Worten erwähnt, daß eine jüdische Politik, deren Leitstern nicht die Anerkennung der jüdischen Nationalität ist, ganz unmöglich ist. Wie aber dieser Kampf auf drei oder noch mehr Kampffeldern geführt werden soll, ohne daß die führenden Persönlichkeiten es auch nur für notwendig finden, sieb über die Grundsätze dieses Kampfes zu einigen, ist mir ein Rätsel. Dem galizischen und Bukowinaer Sonderinteresse

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