Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 26 (28.6.1912)
- Date
- 1912-06-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufhahme: Wien, Il^Stetanlestraße Nr. 12. — Sprechstunden ■ täglich von: 11—12 Uhr vormittags, und: 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurflckgesteüt. — Abomi qinentsprefse: Für Oester- _ reich-Ungarn: GanzjShr. K 10.—. balbjShr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. FÖr Deutschland: GanzjShr, Mk. 10.—, halbier. Mk. 5.—. Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: GanzjShr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto KXMfrk Telefon 22UH5. ■ Nr. 26 Wien, Freitag, den 28. Juni 1912 VI. Jahrgang Vom Jüdischen Nationalverein für Oesterreich. Sonntag, den 30. Juni 1. J., findet int Saale des Hotel Guth' (nicht im Jüdischen Volksheim), Wien, II. Stefainiestraße 14, 'die vom Vorstand des Jüdischen Nationalvereines einberufene Midie Konferenz statt. Tagesordnung: 1. Die Lage der Juden in Oesterreich und ihr Verhältnis zu den übrigen -Nationalitäten: Referenten: Dr. H. KadiSeh imd Obering. Robert Stricker. 2. Ausbau der Organisation. Referenten: Dr. Jakob Ehrlich (Wien), Dr. Ludwig Singer (Prag), Dr. Leopold LeSchner (Troppau). B. Presse. Referent: Dr. Fritz Löhner. - . 4. Agitationsfonds. Referent: Ingenieur Oskar Kramer. 5. Kulturfragen. Referent: Dr. Reizes. Beginn 9 Uhr. — Zur Teilnahme an der Konferenz berechtigen nur die vom Nationalverein versendeten Einladungen. Donnerstag, den 4. Juli, halb 8 Uhr abends, findet im Stiadttempel, I. Seitenstettengasse, die diesjährige flferzl-Gedenkfeier statt. Der gemeinsame Besuch des Grabes ißm Döblinger Friedhof erfolgt Sonntag, iden 7. Juli, 10 Uhr vormittags. Zusammenkunft halb 10 Uhr beim Friedhofseingang. Der ItosSthwinöel. . Als in den Stürmen des siebenten Zionistenkongresses (1905) das Uganda-, Projekt zurückgewiesen und die Organisation auf Palästina festgelegt wurde, Schien es einen Moment lang, als ob die Bewegung vor einer Spaltung stünde. Der „Territorialismus“ erhob drohend sein Haupt, indem er vorgab, daß Palästina nicht das geeignete Land föreine sofortige Massensiedlung von jüdischen Proletariar *sei, daß es angesichts der Verhältnisse in Rußland aus sozialen und ökonomischen Gründen die momentan-wichtigste Aufgabe-der zionistischen Organisation wäre* irgendwo 'auf derWelt eine solche ins Werk zu setzen, ein „Nachtasyl“ für das bedrängte jüdische Volk zu finden. Einer der angesehensten Zionisten, der Schriftsteller Israel Zang!will, machte sich' zum Wortführer dieser Ansicht und ging sofort nach1 dem 7. Kongreß daran, eine territorialiStische Organisation zu schaffen, die JeWish Territorial Organisation, kurz Jto genannt. Aber trotz des Eifers, mit dem manche Zionisten das Ugandaprojekt verfochten hatten und des Elans, mit dem einige zionistisch-sozialistische Gruppen, denen die Abhilfe der Sozial-ökonomischen Judennot das Wichtigste an der Bewegung war, daS Prinzip des TerritorialiSmus in die Welt posaunten, zeigte sich schon bei Gründung der Jto, daß sie ein totgeborenes Kind sei. Jeder vernünftige Mensch mußte sich sagen, daß die jüdische Kolonisation in irgend einem exotischen Lande eine sehr schwierige und langwierige Sache sei und daß es Jahrzehnte brauchen würde, Um dort nur so viel Leute artzusiedeln, als in Palästina schon vorhanden sind. Wenn man also selbst gar nicht in Anschlag brachte, daß. nur. die liebe zumialten Heimatlande so große-Kräfte auslöben könne, wie sie zur Umwandlung von Städtischen Proletariern in Landbauern nötig sind, so war schon vom nüchternsten Vernunftstandpunkte der Gedanke des-Territorialismus ein vollkommen verfehlter. Es gelang 'daher Zangwill nicht, irgend eine beachtenswerte territorialisti-; Sehe Volksorganisation zu schaffen, noch der zionistischen -Bewegung namhafte Kräfte abwendig zu machen. So war schon im Momente ihrer Gründung die i Jto mehr eine Karrikatur der zionistischen Organisation, als ein lebensfähiges; Gebilde. Ein paar: assimilatorische jüdi-; sehe Philantropen Scharten sich lfm Zang- ' will, und versprachen, ein paar Pfund zu spenden, wenn er die große Landkonzession bringen würde. Das Phantom der Jto hätte somit keine wie immer geartete Rolfe im öffentlichen jüdischen Leben gespielt, wenn nicht Israel Zangwill, irritiert durch seinen kläglichen Mißerfolg, und gestachelt von dem Ehrgeiz, ein Vofksföhrer zu Sein, nach zwei Seiten hin fortwährend eine verurteilenswerte Taktik eingeschlagen hätte: Einerseits beschimpfte er die zionistische Idee aufs gröblichste, andererseits aber täuschte er der Oeffentlichkeit Erfolge vor, indem er fortwährend in geheimnisvoller Weise von ausgerüsteten Expeditionen, Unterhandlungen mit Regierungen: und nahe bevorstehendem’. Erwerb von Landkonzessionen sprach. Bald weilte Seine Phantasie in Texas, bald in Zentralamerik'a, bald in Brasilien, dann wieder fand er an der Südgrenze von Marokko das geeignete Ju-- denland, wieder etwas später in Cyrenaika und - schließlich in Mesopotamien. Und die jüdische Oeffentlichkeit, die er fortwährend mit Meetings, geheimen Jto-Konferenzen, Preßafarmnachrichten etc. in Atem' hielt, glaubte ihm1 lange. Nun aber der Schwindet Schon volle 7 Jahre getrieben wird, nimmt kein Mensch mehr Zangwill und seine Jto ernst. Seine treuesten Anhänger fielen von thmi ab und am 9. Zionistenkongreß erklärte ein Führer der territorialisti- Sozialisten, Dr. Syrkin, daß er zum Zionismus, respektive Patästinismus zurückkehre. Er 'zeichnete aufs glänzendste den Charakter der Jto, die anstatt einer Volksorganisation, ein Komitee von jüdischen Plutoktalen geworden sei, welche Reaktionäre jetzt Aktir onäre der Cotonisationsinstitute werden wollten. Aber trotz alledem: setzt Herr Zangwill sein glorreiches Werk fort und verajnstaltet wieder einmal eine Jto-Konferrenz, mit der er Wien beglückt — und hat Schon ‘wieder eine Landkortzession in der Tasche. Diesmal handelt es sich um* die Kolonie Angola in Portugiesisch-Afrika. Was es mit diesem Projekt för eine Bewandtnis^ hat, das hat* soeben Daris Trietseh in der „Jüdischen Rundschau“ enthüllt.' Der portugiesischen Regierung ist es nicht gelungen, aiuch nur einen Teil der Auswanderer ihres eigenen Landes in Angola festzusetzen, denn erstens braucht man dort große Mittel zur Kolonisation, zweitens ist das Klima ein ungesundes und heißes, so daß die Feldarbeit nur von Negern verrichtet werden kann. Zudem verlangt die Regierung von etwa* einwandernden Juden, daß sie sich die portugiesische Sprache und Kultur aneignen und zu Nationalportugiesen! Werden. Wir Wollen aber nicht in den Fehler verfallen, das Angolaprojekt zu bekämpfen, denn sonst müßten wir es ja ernst nehmen. Wer wirklich noch immer in dem Jtogedanken ein Fünkchen Wahrheit suchen wollte, dem könnte man vor Augen halten, daß in den 7 Jahren, während welcher die Jto auf der Landkarte herumsuchte, wo sie ein paar Juden kolonisieren könne, da dies in (km so ungeeigneten Palästina nicht möglich sei, die jüdische Bevölkerung Palästinas um 15—20.000 Seelen gewachsen ist, zirka zehn neue landwirtschaftliche Stützpunkte errichtet, fünf nationale Farmen etabliert, zwei imposante jüdische Stadtviertel gebaut, das hebräische Gymnasium vollendet, die Versuchsstation errichtet, der Grundstein zum Technikum gelegt wurden usw. Was uns die Jto bekämpfenswert erscheinen läßt, sind nicht ihre Bestrebungen, die gut gemeint sein mögen, aber praktisch wertlos, ja lächerlich sind. Wir bekämpfen vielmehr den Schwindel,, durch den der Jtoismus zu einem Zionismus der Assimilanten gewandelt wurde, das heißt, zu einem Sammet-] punkt aller plutokratischen, reaktionären? jüdischen Elemente, die den Siegeszug' des Zionismus durch den itoistischeii Pseudozionismus aufzuhalten glauben,