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Jüdische Zeitung · 1912-03-01 · 9 (1.3.1912) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
9 (1.3.1912)
Date
1912-03-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE ZEDUHG JSSH jfi™L J»BDjE5 ORGAN. ggg ■ Erscheint wöchentlich. —.Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II.,Stefaniestraße Nr. 12. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ “ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. R 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. ■ Nr. 9 Wien, Freitag, den 1. März 1912 VI. Jahrgang Jüdischer Volksverein für die Leopoldstadt II., Stefaniestraße 12. Jüdische Wähler der Leopoldstadt! Wieder stehen Wahlen bevor und von den verschiedensten Seiten werdet Ihr umworben und umschmeichelt. Deutschnationale, Antisemiten und unzufriedene Christlichsoziale, die Euch fortwährend beschimpfen und besudeln, entdecken ihr Herz für die Wiener Juden und werden Euch von Euren „israelitischen“ Führern als Mandatare für die Wiener Ratsstube aufgedrängt werden! Unter dem Schlagworte „Weg mit den Christlichsozialen!“ werden sich die „strebsamen“ Elementezusammenfinden, um mit Hilfe jüdischer Stimmen Mandate zu ergattern. Wir jüdischen Wähler müssen uns da beizeiten zusammenschließen und laut und offen kundtun, was wir von den Männern zu fordern haben, die als Freiheitliche in den Wiener Gemeinderat einziehen wollen und daselbst auch die Interessen der jüdischen Bevölkerung zu vertreten haben. Jüdische Wähler! Erscheinet in Massen bei der am ‘ Mittwoch, den 6. März 1. J., 8 Uhr abends im Saale des Hotel Centra I, I!., Taborstraße 10, stattfindenden öffentlichen, allgemein zugänglichen Vepeinsversammlung des Jüdischen Volksvereines für die Leopoldstadt. ■ , Tagesordnung: 1. Unsere Stellung zu den ikommenden Gemeinderatswahlen. — Referent Dr. Leopold Plaschkes. 2. Diskussion. Für den Ausschuß: Ob.-Ing. Robert Stricker Dr. Ch. Wolfman Obmann. I. Schriftführer. Jüdischer Volksverein für die Leopoldstadt. Samstag, den 2. März 1912, um halb 9 Uhr abends, findet in den Räumen des Jüdischen Volksheimes, II., Stefaniestraße 12, das bereits angekündigte Purim-Feier unter freundl. Mitwirkung von Frl. Friedl Klein (Gesang), Frl. Winternitz (Rezitation), Herr Leo Funke (Opernsänger), Herr N. Laschkowitz (Violinvirtuose), Herr M. W a 1 d m a n n (Rezitation in jüdischer Sprache) und Herr Fritz Wiesenthal (Humorist), statt. Karten zu K 1.22 im Jüdischen Volksheim. Entree an der Abendkasse K 1.51. Die Maskenredoute des zionistischen Mädchenvereines „Moriah“ findet am 5. März 1912 im Hotel Continental, II., Taborstraße, statt. Anmeldungen für die Gruppen und Anfragen sind zu richten an das Komitee, „Jüdisches Volksheim“, II., Stefaniestraße 12. W.W.W.W. Volkstümliche Vorträge im Jüdischen Volksheime. 11., Stefaniestraße 12. Sonntag, den 3. März' um 5 Uhr nachmittags spricht Oberingenieur Emil Fried über das Thema: „Zur Geschichte der Assim i /a t i o n.“ — Eintritt frei. StflUlPCfOFIil. Der Wiener Kultusrat beabsichtigt, den Religionsunterricht zu reformieren. Die bisher geübte Methode hat sicn als nicht zweckentsprechend erwiesen. Die nach dieser Methode im Judentume unterwiesene Jugend wird früher oder später katholisch, konfessionslos oder gar, was das ärgste ist, zionistisch. Deshalb ist eine Unterrichtsreform dringend nötig. Sonst besteht die Gefahr, daß der kostbare, für Freiheit und Fortschritt unentbehrliche Typus des Kultusisraeliten in absehbarer Zeit von der Endfläche gänzlich verschwindet^ Wir - begreifen-"'‘Vollkommen den Schmerz, der bei dieser traurigen Aussicht die Herzen unserer greisen Kultusväter durchzuckt. Wir können nur kondolieren. Zu trösten vermögen wir nicht. Das Kultusjudentum ist verloren, ebenso wie der ihm stamm- und charakterverwandte Judenliberalismus. Alle Bemühungen, diese beiden, gleich kostbaren Schöpfungen am Leben zu erhalten, sind eitel. Es nützt kein Schließen der Augen, kein Verstopfen der Ohren, kein Verriegeln der Kultusstubentüren und leider auch keine Religionsunterrichtsreform. Ehemals gehörte es zu den heiligsten Pflichten des jüdischen Vaters, den Sohn im Judentum zu unterweisen. Das Gemüt des Kindes erfaßte ahnend die Größe und Reinheit der Ueberlieferung. Der wachsende Verstand des Jünglings begriff den Zusammenhang der jüdischen Geschichte und der gereifte Mann fühlte sich unzertrennlich mit seinem Volke. Ein Leben außerhalb der Volksgemeinschaft schien ihm völlig wertlos; seinen Gottesglauben tauschen und sein Volkstum verleugnen gleich ehrlos. Dann kam das Zeitalter der Assimilation. An den Spitzen der Gemeinden gelangten nicht mehr die Würdigsten, sondern die Reichsten, also die HauptinteTessenten der Assimilation. Sie reformierten den Unterricht. Die Jugend sollte in Gottesfurcht und Volksverleugnung erzogen werden. Alles Nationale, die Erinnerungen an unsere große Vergangenheit, alles was zur Stärkung des Volksbewußtseins beitragen könnte, mußte aus Assimilaticnsgründen aus dem Unterrichte ausgemerzt werden. Der Erfolg dieser Reform war verblüffend. Zwei Drittel der Generation, welche den reformierten Unterricht genossen hatte, ließen sich taufen. Aus dem letzten Drittel entstand zum Teile ein Geschlecht von Halbaffen, zum anderen Teil die Gilde der Kultusisraeliten. Ein gütiges Geschick bewahrt jedoch das jüdische Volk vor weiterer Entwicklung in dieser Richtung. Die Kultusisraeliten sterben gewöhnlich in einer Generation aus. Ihre Söhne werden katholisch, protestantisch, zionistisch, aber niemals kultusisraelitisch. D;es ist zweifellos der geheime Grund des abermaligen Rufes nach Unterrichtsreform. Liebe Kultusväter! Laßt Euch raten und gebt das Reformieren auf. Wie immer ihr die Sache anfaßt — sie kann Euch keinen Segen bringen. Entweder Ihr lasset das Judentum durch die von Euch bestellten Lehrer noch weiter entnationalisieren, d. h. verstümmeln und korrigieren — dann treibt Ihr die Euch anvertraute Jugend >n noch höherem Maße als bisher zur Flucnt aus dem Judentume. Hiefür werden Euch Staat und Gesellschaft wenig Dank wissen. Die in den Assimilantenschulen gezüchteten Ueberläufer oder besser gesagt Da we n Hi u f er sind ein Fluch für die Menschheit. Schon erheben Kirchenväter aller Riten gegen die Schmähung des Glaubens durch die jüdischen Renegaten ihre Stimme. Mit Recht. Wer sich um persönlicher Vorteile willen durch einen Meineid die Aufnahme in eine fremde Glaubensgemeinschaft erschleicht, der kann dort ebenso wenig Segen stiften, als es Schwindler und Hochstapler gewöhnlichen Kalibers zu tun vermögen. Vergebt nicht, verehrliche Kultusväter, daß ihr auch „Patrioten“ seid. Die Regierung verlangt von Euch eine „sittlich - religiöse“ Erziehung der Jugend. ihr aber lasset ein Judentum ohne Volkstum, d. i. ein Zerrbild, eine jammervolle, feige Lüge lehren. So erzielt man nicht zur Wahrheit, also Sittlichkeit und noch viel weniger zur Religiosität. Wollt Ihr anderseits den Religionsunterricht verbessern, d. h. durch ehrliche und tüchtige Männer jüdische Geschichte, Literatur und Ethik lehren lassen, dann arbeitet ihr direkt den Zionisten in die Hände. Dazu genießt Ihr doch nicht das Vertrauen der Wähler. Ihr treibt damit Euere stolzeste Schöpfung, Euer Leibgrenadierregiment, die Kurie der Höchstbesteuerten zur Meuterei. Es ist demnach besser, die Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen. Viel größere Aufgaben harren Euer. Ihr habt dem toten Lueger Euere Reverenz erwiesen. Nun gilt es, konsequent bleiben, üeßmann und Vergani haben ebenfalls den politischen Tod erlitten. Euere Huldigung ist noch aus - ständig! Weißkirchner und Bielohlawck dürften auch bald fällig werden. Gehet hin und huldiget diesen großen Toten! Veranstaltet offizielle Trauer¬ und Beileidskundgebungen! Das sind Aufgaben, denen Ihr genügen könnet, aber nur keine Schulreform. —e. f.

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