Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 51 (22.12.1911)
- Date
- 1911-12-22
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2438141-2438327-2438378--2775-2442483- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 7 JÜDISCHE ZEITUNG Statistisches von den jüdischen Farmern in Nordamerika- N e \v y o r k. Die zahlreichen und ausgedehnten Siedelungen jüdischer Landwirte in den Vereinigten Staaten von Nordamerika sind in Europa verhältnismäßig wenig bekannt. Eigentliche jüdische Ackerbaukolonien, d. h. geschlossene Dorfsiedelungen, wie sie z. B. in Palästina. Südrußland und Argentinien bestehen, gibt es in Nordamerika nur in kleiner Anzahl. Sie befinden sich meist im Staate New-Jersey und die bekanntesten unter ihnen sind die Kolonien Woodbine, Alliance, Rosenhain und Karmel. Woodbine wurde im Jahre 1391 gegründet, schwang sich rasch zu ansehnlichem Wohlstand empor und macht heute den Eindruck eines kleinen, freundlichen Landstädtchens, etwa wie Pethach-Tikwah oder Rischon-Lezion in Palästina. Alliance, Rosenhain und Karmel existieren schon seit dem Anfang der achtziger Jahre und haben sich ebenfalls sehr gut entwickelt. Neben diesen größeren Kolonien gibt es aber, über das ganze Gebiet der Union zerstreut, eine große Menge landwirtschaftlicher Einzelsiedelungen, sogenannte Farmen, die früher keinerlei Zusammenhang untereinander hatten, vor einigen Jahren jedoch in der Jewish Agricultural and Industrial Aid 5ociety eine Zentralstelle erhalten haben. Diese überaus segensreich wirkende Organisation geht den einzelnen Farmern mit billigem, langfristigem ' Kredit, mit fachmännischen Ratschlägen für ,die (rationelle Bodenbewirtschaftung, mit Vermittlung von Kodenkäufen sowie mit der Einrichtung von Schulen, Bibliotheken und Lesehallen an die Hand. Eine einigermaßen vollständige Statistik der jüdischen Farmer in’ Amerika gibt es zurzeit noch nicht, doch hat die obengenannte Aid Society immerhin umfassendes statistisches Material gesammelt, von dem nachstehend eine kurze Zusammenfassung mitgeteilt sei. Es gibt än den einzelnen Staaten der nordamerikanischen Union an jüdischen Farmerfamilien: Newyork *975, New Jersey 726, Connecticut 598, Nord- Dacota 250, .Massachusetts 1S5, Ohio S3, Michigan 83, Pennsylvania 63, Süd-Dacota 50, Wyoming 31, /Wisconsin 29, Jjowa 25, Indiana 24, Washington 22, Louisiana 22, Illinois 19, Maryland 18, Colorado 16, Nebraska 15, Missouri 11, andere Staaten 29, zusammen 3339. Diese Aufstellung ist jedoch, wie oben bemerkt, recht unvollständig. In Wirklichkeit dürfte die Zahl der jüdischen Farmerfamilien nach Schätzungen des Vorstandes der Aid Society ungefähr das doppelte der obigen Ziffer betragen. Berechnet man nun die einzelne Familie zu fünf Köpfen, so \vürde sich die Zahl der ’ jüdischen Farmerbevölkerung in den Vereinig- , ten Staaten auf etwa 30 000 Seelen belaufen. Spende. Die Herren Dr. Alfons, Eugen und Louis Freiherrn von Rothschild haben aus den seitens ihres verstorbenen Vaters Albert Freiherr von Rothschild für. wohltätige Zwecke bestimmten Legaten dem Vereine „Achwah“, der in Wien, II., Herminengasse S, eine. Volksspeisehalle, sowie eine Tee- und Suppenanstalt erhält, einen Betrag von 1000 K gewidmet. Das Gefdiitb der Bibliotfieh eines diassiöiidien Rabbi. Habent sua fata libelli! Das gilt nicht nur von einzelnen Büchern, auch von ganzen Bibliotheken. Ein gütiges Geschick hat die wertvolle Sammlung eines chassidischen Rabbi in den Besitz der Wiener jüdischen Gemeindebibliothek gebracht. Ihr Besitzer Rabbi Nachum Beer Friedmann lebte als Privatmann am „Hofe“ von Sadagora. Selbst der Nachkomme der bedeutendsten chassidischen Herren wurde er Schwiegersohn des Sadagorer Rebben, und obwohl er nun .als Privatmann leben wollte, brachte ihm seine große Gelehrsamkeit, sein asketischer Lebenswandel bald eine große Klientel von Hilfesuchenden, die in ihm einen Fürsprecher für die Erhörung ihrer Gebete sahen. Für Geld hatte er keinen Sinn und die Bittsteller, die ihm ihre Not und Elend klagen wollten, mußten, wenn sie den. Rabbi sich verpflichten wollten, . seine Leidenschaft ausnützen. Diese Leidenschaft, die einzige, die er wohl fröhnte, war das Sammeln hebräischer Werke, vornehmlich seltener Bücher der chassidischen Literatur. Wer seine Fürbitte verlangte, bemühte sich, ihm ein Sefer, . ein hebräisches Buch zu widmen, in das er meist seinen Namen und seinen Kummer ein- "trug; das gab ihm Sicherheit, vom Rabbi nicht vergessen zu werden. Doch ah den geschenkten Büchern ließ sich der Rabbi nicht genug sein, er kaufte seltene Drucke, wo er ihrer habhaft werden konnte; versendete gedruckte Desideratenlisten und ging ■in seiner Bibliophilie soweit, sogar Bücher anzuschaffen, die sonst ein Chossid nicht anrühren - würde. In rastloser Sammeltätigkeit brachte Rabbi Nachum Beer über 4C00 Bücher zusammen, die jetzt, 20 Jahre nach seinem Tode von seinen Erben zum Verkauf gebracht wurden. Und da ereignete sich etwas in Oesterreich ganz Ungewöhnliches. Es fand sich ein /Mäzen, der der Wiener Gemeindebibliothek den ihr begehrenswerten 'Teil der Friedmannschen Bibliothek schenkte, fast 1000 Bücher. Salo Cohn, dies der Name des Mäzens, hat schon früher einmal eine reiche Auslese der Halberstammschen Bibliothek für die Wiener jüdische Gemeindebibliothek gekauft, um so das Andenken seiner Eltern zu ehren und hat damit gezeigt, daß er Verständnis auch für diejenigen jüdischen Institutionen hat, die nicht gerade der Linderung materieller Not dienen, ein Verständnis für jüdische Literatur und Wissenschaft, das leider den meisten unserer wohlhabenden Juden abgeht. Wie sehr er damit die Wissenschaft zu Dank verpflichtet hat, zeigt der eben erschienene Katalog*) der Bibliothek Friedmann, herausgegeben von dem gelehrten Wiener Bibliothekar Dr. Wachstein. Es ist hier nicht der Ort, den wissenschaftlichen Wert der Bibliothek und des Wachsteinschen Katalogs zu besprechen, die vielen Berichtigungen bibliographischer Werke aufzuzählen, die zahlreichen genealogischen Anmerkungen und die für die Analen der hebräischen Typographie sehr ergiebigen Anmerkungen einzeln anzuführen, nur soviel sei gesagt, daß die Bibliothek außerordentlich viel Material für die Geschichte der östlichen Druckereien bietet und daß de'- mustergiltige Katalog Wachsteins sich den früheren Publikationen seines gelehrten Autors würdig anreiht. Besonders hervorzuheben ist die splendide Ausstattung des Kataloges. S. H. Lieben. Die tripolitanifdien Juden und der Krieg. Ein im italienischen Heere in Tripolis tätiger Arzt gibt eine anschauliche Schilderung der Leiden der Juden in der kriegsumtobten Stadt. Bei der ersten Beschießung der Stadt fiel eine Granate im Judenviertel und platzte in der Nähe der Synagoge, just zur Zeit als dieselbe von Betenden angefüllt war. Die Anwesenden blieben unversehrt, aber eiie fünfköpfige Familie, die hinter einem Hause Deckung suchte, wurde von der stürzenden Mauer begraben. Auch die späteren Beschießungen richteten grauenhafte Verheerungen im Judenviertel an. Es ist kaum ein Haus zu finden, das nicht mehr oder weniger die Spuren der Zerstörungsarbeit trägt. Wem es irgend möglich war, ist kurz vor Ausbruch des Krieges nach Malta oder nach Tunis geflüchtet. Die Armut der juden in Tripolis ist jedoch selbst in ruhigen Zeiten so groß, daß mehr als 50 Prozent auf die Unterstützung seitens ihrer reicheren Brüder ange- | wiesen sind. Mit Anfang des Krieges und der damit Hand in Hand gehenden Teuerung der Lebensmittel gestaltete sich die Lage so kritisch, daß die meisten nicht einmal die geringen Mittel aufbringen konnten, sich und ihre Familien rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Viele aber, die in der Fremde vollständig mittellos dem Hunger ausgesetzt waren, kehrten resigniert in die Gefahren der Heimat zurück, in der Hoffnung, daß diese bald abziehen, und geordnete Verhältnisse ihnen bald die Fristung ihres bisherigen armseligen Lebens ermöglichen würden. Wie sehr sich diese naiven Gemüter leider in ihrer Rechnung geirrt haben, ist aus den Zeitungsberichten vom Kriegsschauplatz genugsam bekannt. „Die Not, der ich in der Hara zu Tripolis begegnete“, so erzählt der Arzt, „spottet jeder Beschreibung. Laut jammernde Menschen führten-*mich von Haus zu Haus, und überall fand ich Arbeit in Hülle und Fülle. In mehreren Häusern flackerte eine Talgkerze und beschien einen schwarzen Klumpen auf dem Boden, um den herum die Familienangehörigen laut schluch- *) Katalog der Salo Cohnschen Schenkungen von Dr. Bernhard Wachstein. I. Bücher aus der Sammlung des Rabbiners Nachum Beer Friedmann Sadagora. Wien 1311. Gilhofer & Rauschburg. zend kauerten . Hier hatte der Arzt nichts mehr zu suchen. ... In einer Hütte wurde ich an das Krankenlager eines jungen wunderschönen Mädchen im Alter von 13 Jahren geführt. Ich konstatierte eine ganz unbedeutende Wunde am Rücken, die von einem Granatsplitter herrühren mochte, die aber bereits einen starken Blutverlust verursacht hatte. Ich legte einen Verband an und ging mit den besten Hoffnungen weiter. Als ich aber nach zwei Stunden wieder kam, lag das Mädchen in den letzten Zügen. Todesursache: Blutverlust und noch mehr die Angst vor den Grauen des Todes. Eine Mutter zeigte mir jammernd ihr einziges zweijähriges Kind, das sich in Krämpfen wand. Wortlos deutete sie nach dem Kopfe des Kindes. Hier wäre eine Rettung gleichsam ein ungeheures Unglück für die ganze Familie, denn das Gehirn des verletzten Kindes war nicht mehr zu heilen, und ich legte den verzweifelten Eltern ans Herz, dankbar ihr Geschick zu tragen, als das unschuldige Wesen nach einigen Stunden ausgerungen hatte. Ungeheuer störend und erschwerend für die Arbeit des Arztes ist die ganz unsägliche Angst und Aufregung der Angehörigen der Verletzten. Der Familiensinn wurzelt bei den Juden in Tripolis so tief, daß alle Familienmitglieder buchstäblich alle Schmerzen und Leiden des Verletzi ten mitfühlen. In ihrem zudringlichen Uebereifer bilden sie ein großes Hindernis für die Tätigkeit des Arztes, und ich mußte in jedem Falle das Haus erst leeren und alle Anwesenden entfernen, um an meine Arbeit heranzugehen. An Bilder des Jammers sind wir Aerzte auf dem Kriegsschauplätze wohl gewöhnt, aber der Jammer, den wir unter diesen armen Menschen im ruhigen Judenviertel fanden, griff auch uns wetterharte, an täglichem Leide gestählte Männer tief ans Herz. * * Das in Kairo erscheinde arabische Journal „El Geridan“ veröffentlicht einen Aufruf an die ägyptischen Juden, dem türkischen Reiche moralisch und materiell zu Hilfe zu kommen. Der Aufruf, der überall tiefen Eindruck machte, enthält die folgenden bemerkenswerten Stellen: „Juden, vergesset nicht, was Spanien uns« in vergangener Zeit und was die europäischen Länder, insbesondere Rußland uns in allerjüngster Zeit getan hat und noch heute tut Wir haben in der Türkei ein Asyl gefunden, möge es Gott schützen? Helfen wir der Türkei, denn sie war es, die uns mit offenen Armen empfing! ... Denket an die Leiden in Spanien, denket an die organisierten Judenschlächtereien in Rußland und an die Gräber eurer Brüder, Opfer russischen Barbarismus. Denket an all das Unglück, das uns getroffen und das selbst unsere Feinde gerührt hat und denket schließlich daran, daß der einzige Ort, der uns als Schutz gewährt wurde, die Türkei war!“ Zum Schlüsse fordert der Aufruf die ottomanischen Juden auf, Gut und Blut für das Vaterland zu opfern. UeNiasnaduiAteni Jüdischer Handlungsgehilfen-Verband. Einladung zu der Montag, den 25. Dezember 1911, im Festsaale des „Jüd. Volksheim“, II., Stefaniestraße 12, stattfindenden Nachmittags- Unterhaltung (Komiteeabend für das III. Gründungsfest) mit ernsten und heiteren Rezitationen, Gesangs- und Musikvorträgen unter freundlicher Mitwirkung des - allgemein beliebten humoristischen Zauberkünstlers M. Gaston. Nach Schluß der Vorträge Tanzkränzchen. Kein Toilettenzwang. Regiebeitrag K —.50. Beginn präzise 5 Uhr nachmittags. Gäste Lerzlichst willkommen. Karten zu haben im „jüdischen Volksheim. Israelitische Kultusgemeinde Wien. Oeffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes Samstag, den 23. Dezember 1911, häRnj.Uhr abends, eventuell Fortsetzung am Sonntagi'den 24. Dezember 1911, 10 Uhr vormittags, I., Seitenstettengässe 4, 2. Stock. Tagesordnung: Festsetzung des Voranschlages der Einnahmen und Ausgaben de^ Kultusgemeinde, sowie sämtlicher unter (ihrer Verwaltung stehender Fonde und Anstalten für das Jahr 1912. Wien. (Jüdische Toynbee-Halle, Wien, XX., Othmargasse 46. Vortragsprogramm für die Zeit vom . 23. Dezember bis 29. Dezember 1911.