Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 49 (8.12.1911)
- Date
- 1911-12-08
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 in einem Zeitalter, wo von Staatswegen die Ausrottung und Degradierung ganzer Bevölkerungsschichten betrieben wird! Wo Säuglinge von den Brüsten ihrer Mütter des „Wohnrechtes“ wegen gerissen werden. Wo das niederträchtig-verbrecherische Ritualmordmärchen — von der Regierung stillschweigend, durch konkludente Handlungen, akzeptiert und gefördert — in den weitesten Kreisen Verbreitung und — Glauben, findet. 'Zu einer Zeit, wo Spione und Pogromhelden den Staat regieren. A propos — wir suchen Mittel, das Solidaritätsgefühl bei den Juden, insbesondere bei den zaristischen Geldgebern, bei unseren geld- und einflußreichen West-„Brüdern“, wachzurufen. Ich kenne kein wirksameres Mittel, als den Herren Rothschilds zur Probe nur für 21 Stunden das — „Wohnrecht“ in Wien, Paris, London und den Herren Mendelsohn — Bleichröder — in Berlin zu entziehen ... Der Antisemitismus der russischen Bürokratie ist — abgesehen von allen psychischen Faktoren — ein rein professioneller, der logische Ausfluß ihres Lebensinteresses. Er ist eben das wohlberechnctc Gebahren eines Verbrechers, der an der Spitze der verfolgenden Menge läuft und aus Leibeskräften schreit: „Fangt den Verbrecher!“. . . Und der große historische Verbrecher an allen Völkern Rußlands deutet auf den ewigen Sündenbock für alle Niederträchtigkeiten und Verbrechen der Weltgeschichte und schreit aus Leibeskräften: „Haut den Juden!“ In diesem blutdürstigen Schrei soll die Qual und Not der versklavten Millionen ihren Ausweg finden. Wohin wird nun das Schicksal des Judentums von der Regierung gelenkt? Vor einigen Jahrezhntendiat der .verstorbene Großmeister der russischen Reaktion Pobiedonoszew eine Prognose der Judenfrage, .die gleichzeitig ein detailliertes politisches Programm enthält, ausgesprochen. Er sagte: Ein Drittel der russischen Juden wird, sich taufen, ein Drittel auswandern und ein Drittel aussterben . . .“ Von den heutigen Lenkern der russischen Judenpolitik wird 'diese - Formel- 1 noch mehr -vereinfacht:- - ••„Eine Hälfte soll zur Auswanderung getrieben werden, die andere Hälfte — soll degenerieren . .“ Der Taufe stellt die Regierung selbst immer größere Hindernisse in den Weg. Man will eben den Juden treffen, wie er leibt und lebt, nicht eine Konfession.Und solange diese das Schicksal Rußlands bestimmenden Faktoren wirksam sein werden, müssen die breiten jüdischen Schichten immer härter vor die Alternative gestellt werden: Degeneration oder — Auswanderung. Aber die gesellschaftliche Meinung Rußlands, das Volksgewissen? Das Volk ist in Rußland stumm, sein Gewissen gelähmt. Gesellschaftliche Meinung und Revolution müssen sich in derartigen Verhältnissen im Großen und Ganzen decken. Und solange die letztere unterdrückt bleibt, kann auch von der ersten wohl kaum die Rede sein. Außer den Juden selbst, gibt es im heutigen Rußland keine einzige bedeutende gesellschaftliche Gruppe, in der das Judenleid ein aufrichtig-empfundenes Echo finden soll. Inwiefern aber die Gesellschaft von sich Lebenszeichen gibt, sind diese für uns Juden wahrhaftig recht unerfreulich. Für die Juden eintreten? Das tut man selbst im liberalen, ja nationalen Lager sehr ungern. Kommt man ja dadurch in Iden ungemütlichen „Verdacht“ i— jedenfalls in den Ruf von „Judenknechten“. Gegen die Juden auftreten — ist mit der Opposition schlecht vereinbar — noblesse oblige. Am liebsten möchte man von den Juden nichts hören und nichts wissen. Sie, die Juden, mögen sich ja nur „ruhig“ verhalten und sich nicht in „fremde“ Angelegenheiten mischen. Die Formel des sogenannten A semitismus — des passiven Antisemitismus der liberalisierenden upd radikalisierenden russischen Intelligenz. In Polen dagegen — im „unterdrückten“ Polen — ist man impulsiver und bleibt auf halbem Wege nicht stehen. Da hat die radikale und sogar ein bedeutender Teil det sozialistischen Intelligenz mit größtem Nachdruck die Juden als den gefährlichsten Feind der polnischen Kultur erklär t. Daß der jüdische Nationalismus — auch der schüchternste — als gemeinster Hochverrat von allen — ohne Ausnahme - verschrien wird, ist ja selbstverständlich. Wehe denen, die es wagen auf dem heiligen polnischen Boden — jüdisch zu fühlen, zu denken oder gar zu sprechen. Geschweige denn — horribile dictu! — jüdisch-nationale Forderungen aufzustellen ... Hier in Polen hat das Tageslicht jenes ergötzende, in seiner Art einzige Geistesphänomen erblickt, das nur in der Sphäre der Judenfrage denkbar ist und sich selbst mit Stolz als „p r og r e s,s i v e r Antisemitismus“ bezeichnet. Altruistischer Menschenhaß , . . Zivilisierter Kanibalismus. Finnland! . . . Das unterdrückte, hochentwickelte, freiheitsliebende, von der ganzen Kulturwelt bemitleidete Finnland — kann es seinen 1000 Juden nicht erlauben, ohne eine spezielle Genehmigung der Polizei . . . zu heiraten — und behandelt sie in jeglicher Beziehung wie Parias . . . Heil dir, Fortschritt! Nirgends hast du so konsequent dem Gleichheitsprinzip zur allgemeinen Geltung verholten wie im Punkte Judenfrage: Dent Juden gegenüber ist alles — Bestie! Und nun erst die Dum a, der organisierte Ausdruck des vermeintlichen „Volkswillens“! Die aufrichtigsten Interpreten der Beziehung der III. Duma zur Judenfrage sind die äußersten Rechten, die offiziösen und privaten Pogromorganisatoren, die ihre Devise: „Haut die Juden!“ von der Dumatribüne aus offen tagein, tagaus urbi et orbi verkünden. Das Zentrum — die Nationalisten und Oktobristen — wird von denselben Gefühlen beseelt, besitzt aber eine genügende Dosis politischer Heuchelei, um ihnen nicht immer . denselben offen-rohen Ausdruck zu verleihen. Uebrigens wollen sie auch ihre Hände mit Blut nicht beflecken, umsomehr, als man viel ersprießlichere Resultate durch die „gesetzliche“ und administrative Erdrosselung erzielen kann. Für die gänzlich einflußlose Opposition, die stets eine enggeschlossene einheitlich-reaktionäre Masse vor sich hat, für die Kadetten, Arbeitsgruppier und Sozialdemokraten, ist die ganze Judenfrage ein äußerst unliebsamer „Casus“, an den man womöglich überhaupt nicht erinnert werden möchte. Wenn es aber doch unvermeidlich ist, so läßt sich die eine oder die andere Stimme für die „gleiche Behandlung aller Staatsbürger“ vernehmen. Und auch dann eigentlich nicht für die Juden, sondern gegen die Regierung ... Nur noch einige Worte über die zwei jüdischen Abgeordneten/ Ich will hier ihre Tätigkeit nicht abschätzen. Man sagt — sie haben alles getan, was in ihren Kräften lag. Mag sein. Eins aber kann weder verstanden und noch weniger gerechtfertigt werden: Kein einziges Mal ist ihnen in dieser Atmosphäre des rasendsten Judenhasses das jüdische Ehrgefühl zu einem derart kraftvollen Ausdruck gelangt, der die engen Rahmen der Geschäftsordnung sprengen soll. Wie konnten es die jüdischen Vertreter über sich Und über das russische Judentum bringen — ich stelle die Frage kraß und unverhüllt — kein einziges Mal von dieser Duma auf 15 Sitzungen ausgeschlossen zu werden? Und dabei noch stundenlange Reden zu halten?? Entweder man nimmt den Mund voll Wasser und antwortet mit schweigender Verachtung. Oder aber man hält den Stieren das rote Tuch vor den Augen und bringt sie zum Rasen. Wer keinen Mut dazu hat, kann die 7 Millionen des russischen Judentums nicht vertreten. Wie oft aber fnußte man mit Wehmut konstatieren bei all den niederträchtigsten Judenexzessen im Lande und in der Duma: Zu solchen Taten — solche Reden! . . . In ganz besonderem Maße aber gilt das soeben Gesagte von unseren geistigen Vertretern, von den Rabbinern, die,nicht müde werden einzeln und in Scharen „im Namen des jüdischen Gottes“ zu schwören, daß er, unser Gott, nicht nach christlichem Kinderblut dürstet . . . Blutbespritzte Mordgesellen erheben gegen ein blutverabscheuendes Volk mit böswilligem Vorsatz eine Beschuldigung, deren Lügenhaftigkeit seit Jahrhunderten und zu unzähligen Malen sonnenklar aufgedeckt wurde. Die teuflische Verleumdung fällt auf fruchtbaren Boden und erzeugt reife Früchte . . . Wo ist die Quelle dieses Glaubens in das Unglaublichste? Es ist die instinktmäßige Abneigung eines spiritualistisch-verkappten Götzendienstes, einer nur am Sinnfällig-Konkreten, am äußerlichen Kultus, am Opfer sich sinnlich-entflammenden Religiosität gegen einen intellektualistischen Goftesglauben, gegen einen Ritus ohne Glockengeläute, ohne Weihrauchwolken, ohne Orgelgetöse und ohne Gottes- und Heiligen-Bilder . . . Hinter dieser „unsichtba en“ Religiosität muß der opferlüsterne Geist allerlei Mysteriöses, Kriminalistisches wittern. Und die rohe Phantasie malt sich eine i h r adäquate barbarisch-rohe Form des Kultus zurecht — den raffiniertesten Mord, so raffiniert, wie es nur die — vielleicht auch jüdische?? — heilige Inquisition ersinnen konnte . . . Und das heutige Judentum - wie reagiert es darauf? -- Das Volk hat mit unfehlbarem Instinkt die richtige Antwort gefunden - ein eisiges Schweigen voll Verachtung und Trauer, das Schweigen des Geistesadels gegenüber dem Kulturplebs ... Zu früheren Zeiten hatte unser Volk in solchen Fällen aus seiner Mitte einen Heiligen („Kidusch“) hervorgebracht, der die nicht vorhandene Schuld für das nicht begangene Verbrechen auf sich nahm, dem Märtyrertod entgegeneilte, um seine Volksgenossen vorder blinden Pöbelwut zu retten. Und alles war in tiefes Schweigen gehüllt . .,. Und diese schweigende Tragödie wird die schuldbeladene Menschheit bis in ihre letzten Tage unablässig mit betäubend-schallender Anklage verfolgen. Ah, warum verstehen heute unsere geistigen und weltlichen Seelensorger nicht zu schweigen? Warum erheben sie ihr Gezetter, wo nur die Totenstille das schändliche Verbrechen einer Welt gegen uns am kräftigsten in alle Zukunft hinausposaunen kann? Warum steigern sie den Schmerz der fremden Schandtat durch die Schmach der eigenen Knechtschaft? O, diese grenzenlose Seelenarmut, die dem eingefleischten Berufsniörder predigt, er solle keine Fliegen töten! . . . Warum aber schweigen sie, unsere Seelensorger dort, wo ihre Stimme am stärksten ertönen sollte? Warum predigen sie nicht dann, wo es gilt im Volke das Selbstvertrauen zu wecken und alle Volkskräfte für die große nationale Befreiungstat zu vereinigen? Warum schweigt dann - der schwarze Chorus? . . . Und die jüdische Presse? Mit vereinzelten Ausnahmen hat sie diese erniedrigende „Protest“-Farce gutgeheißen. „Vielleicht werden die Räuber und Mörder Erbarmen finden.“ . . . O, zum Ersticken ist es in unserem Ghetto, vor Leid und Gram, vor Schande und Zorn . . . Ruffopöepung. Wir ersuchen diejenigen Gg., die während der im Februar 1000 veranstalteten Bezalel- Ausstellung bei uns Gegenstände bestellt, beangabt und noch nicht behoben haben, selbe in unserem Lokale, VIII., Piaristengasse 17, 2. Stiege, Tür 15, jeden Mittwoch und Samstag von halb 8 bis halb 0 Uhr abends, zu beheben. Die bis 7. Jänner 1012 nicht behobene Angabe verfällt zu Gunsten des Bezalel. Bar Kochba, Vereinigung jüd. Hochschüler aus Galizien in Wien. VepeinsnaMhteit. Wien. (Verein „Theodor Herzl“, 11., Stefaniestraße 12.) Donnerstag, 14. d. M., findet in einem der Hörsiile der Universität ein Vortrag des Dr. S c h e m a r j a h u L e w i n statt über „Die treibenden Kräfte im Judentum“. Näheres wird durch Einladungen bekanntgegeben. Wien. Der Verein zion. Hochschüler „Theodor Herzl“ veranstaltet am Sonntag den 17. d. M., präzise halb 8 Uhr abends, im Saale des „Jüdischen Volksheimes“ einen „Jüdischen Abend“, bei welchem Herr Dr. A. Coralnik die einleitende Conference über S c h o 1 e m Al ei ehern halten wird und sodann Verschiedenes aus den Werken dieses jüdischen Humoristen im Original zur Vorlesung gelangen. Regiebeitrag 40 Heller. Karten erhältlich im „Jüdischen Volksheim“.