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Jüdische Zeitung · 1911-08-18 · 33 (18.8.1911) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
33 (18.8.1911)
Date
1911-08-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 33 das waren immer die Leute, die man heute Opposition nennt. Also das ist ganz gewiß nicht ein Grund zur Spaltung. Aber Palästina-Arbeit ist ein Schlagwort; es handelt sidi darum, in Welchem Geiste sie geleitet wird, welche Rolle man ihr zuteilt. Meine Freunde und ich sagen: gewiß, dieser offizielle Standpunkt ist berechtigt; es ist wahr: ■ wir müssen Geld sammeln, die Organisation kräftigen, in Palästina arbeiten. Aber das ist nicht der g anze Zionismus. Unser Standpunkt ist — gestatten sie vielleicht diesen anmaßenden Ausdruck — ein höherer. Wir sagen, die Aufgabe des Zionismus ist, angesichts der zersetzenden Tendenzen, die im Westen herrschen (Assimila-: tion) und im Osten (Depravierung durch unglückliche Verhältnisse), der Schwierigkeiten in Palästina, angesichts der das Judentum herunterbringenden, auflösenden destruktiven Tendenzen, welche die Zukunft unseres Volkes gefährden, eine ebenso starkef Widerstandskraft autzurichten; den Zionismus; und daraus geht schon hervor, daß das wichtigste an der zionistischen Bewegung hur sein kann, daß sie als geistige und moralische Macht aufgerichtet wird. (Beifall.) Das ist das Primäre im Zionismus. Es nützt nichts, nur Geld zu sammeln; in dem Punkt werden wir mit der lea niemals konkurrieren können. Das wichtigste ist, dal) die Be- .wegung nicht aut Kosten der Tiefe ind'ie Breite gedehnt wird; denn in dem Moment, in dem wir den Zionismus verwässern, geben wir ihn aut, sind wir nichts anderes als ein jüdischer Verein, nur daß die Vereinsbeiträge Schekel heißen. Wir verwahren uns dagegen, daß der Zionismus immer blutleerer gemacht wird, daß man uns herunterdrückt Zu einer Partei innerhalb des Judentums. Nein, wir müssen den Idealismus wieder autrichten zu dem, was er unter Herzl war, daß er wieder ist das Gewissen, das Herz und der Geist des ganzen Judentums. Es ist nicht richtig, daß wir dadurch weiter kommen, daß mir unaufhörlich, unermüdlich agitieren. (Zuruf: an das Volk appe liieren!) Mit der Agitation kommen Sie bis zu einem gewissen Punkte und kommen dann nicht weiter, als daß die Schekelzahler upt so und soviel vermehrt werden. Gewiß, Agitationen sind wichtig und ich selber ‘habe agitiert; aber das 'wichtigste ist, dasjudentumgeistigzuzionisieren, das heißt, eine Ideenpropaganda zu ent. falten, und das ist etwas ganz anderes als Agitation. Wir sind nicht so schwach, wie heute gesagt wurde. Wir haben für diese Aufgabe etwas ganz Ungeheures; alle Ideen und Tendenzen, die im Judentum noch wirksam sind, Was hoch lebenskräftig ist im Judentum, das strebt uns zu. Das ist das Wasser, das unsere Mühlen treiben wird, nicht die Agitation. Und diesen Zionisierungs- und Nationalisierungsprozeß sehen wir ganz klar vor Augen (Beifall), und ich verlange daher, daß die Führung mit aller Macht, nicht nur widerwillig, sich in den Dienst der Ideenpropaganda stellt. Sie finden in -Rußland und in Oesterreich eine machtvolle n ationale Bewegung, diesogar in die Politik umgeschlagen ist. Gewiß soll die Landespolitik nicht von der Zentrale gemacht werden, aber sie soll begreifen, dab dieses Nationalisieren der jüdischen Massen uns vorwärts bringen muß und uns vor- .wärts gebracht hat (Beifall). Sie sehen das an dem Hauptnest der Assimilation Wien. Und es ist auch nicht richtig, Wenn die Leitung Sagt: Das ist Sache der Landesorganisationen! Die Leitung kann sich in die politischen Bewegungen nicht einmischen, aber man muß Verständnis undlnteressefürdieseBewegung haben und für die Bedeutun g der Zionisierung der Massen; denn jede Nationalisierung ist eine Zionisierung. Es gibt keinen Nationalismus ohne Zionismus. (Beifall.) Auch die Kulturbewegung ist von der Leitung nicht mit Herz und Liebe erfaßt worden, sonst hätte keine hebräische Organisation entstehen müssen. Dann ^lie Emigrationsfrage: die heute das soziale Leben des Judentums am stärksten berührt, die eine Tagesfrage ist, sie befindet sich ja in einer Krise, die mit dem bekannten Worte: wohin? bezeichnet wird. Diese Emigrationsbewegung, die heute eine reale Macht ist von einer Stärke, wie keine andere Macht des Judentums, muß zu einer Zionisierung der Juden führen; zur Erkenntnis, daß sie der Türkei zustrebt. Zu der Stellung des Zionismus im Judentum gehört vor allem auch das Auftreten der Bewegung nach außen.. Ich halte es nicht für angängig, daß war immer über unsere Schwäche jammern. Wir sind nicht schwach. Wir haben recht wenig Mittel, wenig Menschen, aber wir besitzen die letzte Wahrheit des Judentums, und deshalb sind wrir stärker als jede andere Macht im Judentum (Beifall); und dieses Selbstbewußtsejn muß uns durchdringen, muß uns eine ruhige Sicherheit geben und ein würdiges Auftreten nach außen verleihen. Dazu gehört in erster Linie auch unser Zentralorgan. Die „Welt“ muß jedem Außenstehenden zeigen, wie wir es uns vorstellen. Sie darf nicht fortwährend denen das Wort geben, die den Zionismus verkleinern und verseichten, die sich gegen den Nationalismus im Zionismus aussprechen usw. Zu diesem Auftreten nach außen gehört vor allem auch der Kampf mit der Assimilation. Es ist da eine ganz merkwürdige Schlangenlinie zu bemerken. Für den Zionismus gibt es keinen Frieden mit der Assimilation; sie ist unser scnlimmster, unser einziger feind. Sie ist die Verneinung des Willens zum Judentum. Durcn dieses Auftreten nach außen sind wir zu einer Partei innerhalb des Judentums geworden. Wenn Herzl sprach, dann hatte jeder das Gefühl: hier sprient das Gewissen des Judentums! Warum sind die Gegner jetzt so friedlich? Weil wir sie in Frieden lassen, weil sie glauben, daß wir nient mehr das Gewissen nud nicht mehr der Kopt des Judentums sind. Undes genört dazu noch eins: d le Anforderungen and ieeinzelnenZionisten. Man hat, um den Zionismuszu verbreiten, gegen seine Tiefe gesündigt. Man darf nicht vergessen, daß der Zionismus auch eine individuelle persönliche Angelegenheit ist, eine persönliche Weltanschauung und eine schwere Pflicht des Zionisten. Alle großen Umwälzungen sind nie anders v or sich gegangen, als dadurch, daß eine ganz kleine Schar Männer unbedingt und radikal bis Zum Aeußersten war, daß an Ihnen alles zerschellt ist und daß sich dann die Umwelt zu ihnen herüberentwickeln mußte — nidht umgekehrt! Nicht wir haben uns anzupassen, nicht wir haben Wasser in unseren Wein zu schütten und zu sagen: wer eine Krone zahlt, ist Zionist! (Beifall!) Man kann nicht schwer genug auf den einzelnen Zionisten auflegen, und namentlich nicht schwer genug aut die Jugend. Man muß sagen: Der Zionismus ist eine sittliche Forderung, zunächst an mich selbst. Statt dessen vernehmen wir in der „Welt“ aus dem berutensten Mund, daß die Zionisten, die nach zionistischer Konzentration streben, den Zionismus zum Mittelpunkt ihrer Weltanschauung machen, aut Nebenbahnen gehen. Auch das lehne ich ab. Und nun die Frage der, tP a lä s 11 n a arbeit, und zwar ganz prinzipiell. Ich “wiederhole, daß wir es waren, die die praktische Palästinaarbeit durchgeführt haben; aber auch hier ist man prinzipiell aut einem unrichtigen Standpunkt. Gewiß ist jene Kolonie in Palästina von großem Wert, und wir sind die letzten, die das nicht Zugeben; aber auch in Palästina hängt alles ab von dem Geist, der unser Volk beseelt. Es handelt sich darum, das unser Volk in Palästina kulturell und sozial neuschöpferisch wirkt, und dazu kann es nur eine geistige Kraft befähigen, nur darin liegt die Zukunft in Palästina. Man hat heute früh’ gesagt, daß wir zur Einheit zurückmüssen. Ich bin vollständig damit einverstanden. Wir haben aber zwei Zionismen, und der Gegensatz ist uralt. Aber wenn man zur Einheit will, so kann sie nicht geschaffen werden dadurch, daß der eine Teil alles ausschaltet, was dem anderen Teil nicht paßt, um eine ganz verwässerte Basis für den Gesamtzionismus zu schaffen. Die Einheit, die wir anstreben, kann nichts anderes sein, als eine höhere Synthese beider voll berechtigten Ideen. (Lebhafter Beifall.) Jankel Feuerstein als Märtyrer. Die Mörder von Drohobycz, die Freunde des Ritter Nathan von Löwenstein, arbeiten nach russischem Muster. Gedungenes Gesindel wird in den Gerichtssaal gebracht und abgestrafte Schwerverbrecher werden als Belastungszeugen geführt, um darzutun, daß die Mordbuben vom 19. Juni fromm wie die Lämmer sind und die Opfer, die niedergemetzelten Greise, Frauen und Kinder, wilde Empörer waren. Die galizischen Behörden leisten diesen Strauchdieben und politischen Weglagerern Helferdienste. So kommt es, daß fast täglich Zionisten und oppositionelle Ruthenen aus Anlaß des Drohobyczer Blutbades zu harten Strafen verdonnert werden, während die blutigen Wahlschwindler, vor allem aber Jankel Feuerstein, der Kultuspräses und Vizebürgermeister von Drohobycz, frei herumlaufen. Auf Grund von Protokollen, welche der Bezirkshauptmann Piatkewicz und sein Kumpan Kommissär Lischkowski, bekanntlich zwei der Hauptschuldigen, „verfertigt“ haben, werden Urteile gefällt, die jedes Gerechtigkeitsgefühls bar sind. Dieses schamlose | Treiben, welches Oesterreich vor den | Augen der. zivilisierten Menschheit herab-, setzt- und zum barbarischen Willkürstaat stempelt, vollzieht sich, ohne daß unsere löbliche Regierung, ohne daß unser Justizministerium auch nur den Versuch macht, dem skandalösen Treiben ein Ende zu bereiten! Man kann jetzt schon ersehen, wie verlogen alle Erklärungen und Versprechungen der Minister im Parlamente waren. Und so kann es auch nicht Verwunderung erregen, wenn dieWahlhyänen in Drohobycz sich täglich frecher gebärden. Genießen sie doch den ausgiebigsten Schutz der österreichischen Regierung. Wie weit schon die „Kühnheit“ dieser Gesellen reicht, sei nachstehend geschildert. Vor wenigen Tagen brachten alle Blätter eine Meldung aus Drohobycz, laut welcher gegen den Hauptwahlschwindler Jankel Feuerstein von zionistischer Seite ein Revolverattentat verübt wurde. Nur einem glücklichen Zufall sei es zu danken, daß der Jankel der Menschheit erhalten geblieben ist. Wie voraus zu sehen ist diese grausige Geschichte von Browningpistolen, Mördern, dunkler Nacht etc. nichts anderes als ein plumpes, von der Löwensteingarde inszeniertes Manöver. Der „Jankel F e u e.rstein will einerseits Mitleid erregen und anderseits die Behörde noch schärfer gegen die Zionisten hetzen. Er will sich für die Ersatzwahl, welche in wenigen Wochen stattfinden wird, freie Hand schaffen. Wir sind neugierig, ob die österreichischen Behörden die freche Irreführung ungesühnt lassen wird. Das Lemberger „Tagblatt" schreibt aus diesem Anlasse : Es wird immerklarer, daß das Attentat auf Jankel Feuerstein von dessen eigenen Leuten vorbereitet und durchgeführt wurde. Die Polizei, welche bis mm einfach erklärt hat, daß kein Attentat vorliegt, hat sich zufolge der Blätterslimmen zu einer Untersuchung bequemt, welche folgendes Resultat ergeben hat. Der Schüler der 3. Gymnasialklasse, Grauer, wurde von seinen Vater zur Polizei gebracht und hat dort ergählt, daß am Tage des Attentates im Lesesaale des „Jüdischen Hauses“ sich ein „Unbekannter“ vor ihm und anderen Zeugen geäußert habe, daß er heute noch den Jankel Feuerstein ermorden werde. Er habe auch einen geladenen Revolver gezeigt und die Anwesenden gebeten, kein Wort von der. Sache verlauten zu lassen! (Anmerkung der Redaktion! Wir gratulieren dem Lande Galizien zu so naiven „Mördern“!) Dieses kindisch-närrische Geplapper hat mm der Drohobyczer Polizeileiter sehr ernst genommen und im „Jüdischen Hause“ eine gründliche Durchsuchung vorgenommen. Er hat auch tatsächlich am Donnerstag um 11 Uhr vormittags den „Attentäter“ arretieren lassen! Zwei, in ganz Galizien als Agenten Feuersteins bekannte Individuen, der Fiakerkutscher Reich und Koppel Schornstein haben nämlich in einem gewissen Bach den Attentäter erkannt. Der aus Stryj gebürtige Bach arbeitet seit Monaten beim Drohobyczer Spenglermeister Ualpern, hat sich laut dessen Aussage nie um Politik gekümmert und musterhaft aufgeführt. Die Hausdurchsuchung bei Bach hat gar nichts ergeben, lediglich die Bilder der Abgeordneten Diamand und Wyttek wurden vorgefuuden. Bemerkt sei auch, daß der Arzt Dr. Klarfeld, auf dessen Bau Bach gearbeitet hat und viele Arbeiter aussagen, daß Bach zur Zeit des angeblichen Attentates, von ‘/>4 bis 7 Uhr, unausgesetzt heim Bau gearbeitet hat. Beachten muß man auch, daß die beiden Belastungszeugen Reich und Schornstein wiederholtabgestrafte Schwerverbrecher sind! Sie fungieren jetzt bei allen Anzeigen, die Jankel Feueistein wider seine politischen Gegner erstatten läßt, als ehrenwerte „Zeugen“. Viele behaupten, daß sie sich zur Zeit des Attentates in einer ganz anderen Gasse aufgehalten haben. Trotzdem „erkennen“ sie jetzt den Attentäter. Man bedenke: Am hellichtem Tage, in der belebtesten Gasse, in Gegenwart der intimsten Freunde des Feuerstein, des Motche Sternbach, Wolf Reich, Moriz P a r n e s s (Anmerkung der Redaktion : Er soll Korrespondent der „Neuen Freien Presse“ sein. Wir gratulieren diesem „Weltblatte“ zur Acquisition!) und Schornstein soll das Attentat stattgefunden haben! Das alles beweist, daß das Ganze eine reine Komödie war, die Feuerstein ganz hach dem Muster seiner russischen Kollegen hat aufführen lassen. Auch soll der Revolver des „Mörders“ versagt haben. Merkwürdiger Zufall! Der Zweek, den Feuerstein erreichen wollte, ist klar. Seit den letzten Vorlällen ist er, und mit Recht, der verhaßteste Mensch. Als Opfer eines Attentates

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