Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 31 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Um das Exempel gründlich zu besorgen, mußten auch wehrlose Kinder, Frauen und Greise, mitgeschlachtet werden. Das geschah im Osten des Reiches, im berüchtigten Galizien. Tausendmal ärgeres aber geschah im österreichischen Parlamente, schmählicher noch als der barbarische Osten hat sich der zivilisierte Westen erwiesen. Das Parlament, die Presse aller Schattierungen und die Intelligenz sind mit bestialischer Teilnahmslosigkeit über den Frevel zur Tagesordnung übergegangen. Mit konventionellen Phrasen des Bedauerns wurde das Entsetzliche abgetan. Die Minister haben die Toten im Grabe beschimpft, sie als Hetzer, als pöbelhafte Aufwiegler charakterisiert und die feigen Mordbuben als Hüter der staatlichen Ordnung hingestellt. Die Einsetzung einer pari am entaris chen Untersu chungskomm ission wurde abgelehnt und die ganze Angelegenheit „in die Bahn der strengen (galizischen!) Untersuchung geleitet“. Das heißt: parteiische, von den Verbrechern abhängige und mit ihnen befreundete Organe sitzen über die eigenen Schandtaten zu Gerichte. Schon sind viele Angehörige der oppositionellen Parteien zu schweren Strafen verurteilt und die frechen Mordbuben laufen frei herum! So ist es um den Gang der „strengen Untersuchung“ bestellt. Eine Strenge, die weich wird wie Wachs, wenn es sich um eine blutbefleckte Regierungsbestie handelt, und hart ist wie Stahl,' wenn ein Gegner der galizischen Schlachta und ihrer schmutzigen Hausjuden vor die Gerichtsschranken geschleppt wird. Und das Publikum, die Öffentlichkeit, die Presse, sie schweigen! Gibt es doch viel dringlichere, viel interessantere Angelegenheiten! Argentinisches Fleisch, Bäckerkonferenzen, ertrunkene Chanteusen und die Hitze sind viel dankbarere Themen für freisinnige Zeitungsschreiber! Drohobycz wird mit wenigen Worten abgetan. Österreich bleibt mit Schmach beladen! Der Drohobyczer Massenmord und das Parlament. Nachsehend bringen wir einen Auszug aus der Rede unseres Gg. Abgeordneten Strau^ idher: .; , „Hohes Haus! In der gegenständlichen Verhandlungsfrage, der Besprechung der Drohobydzer Massenmorde — so glaube ich, dürfte in Hinkunft die Bezeichnung. der tragischen Vorfälle am' 19. Juli 1911 aus Anlaß der Reichsratswahl im Stadtbezierke Drohobycz lauten — haben bereits die Antragsteller Exzellenz Dr. v. B i - linski, Dr. Diamand und Abgeordneter Breiter gesprochen. Insbesondere haben die beiden Letzteren, und namentlich Abgeordneter Breiter, aut Grund eines reichhaltigen Materials eine umfassende Darstellung alt der traurigen Vorfälle, der Erpressungen, Wahlfälschungen und Vergewaltigungen, die bei dieser traurigen Wahl stattgefunden haben, gegeben. Ich bedaure aufrichtig, gleich zu Beginn hervorheben zu müssen, daß die Behandlung eiqer so außerordentlich wichtigen Frage so wenig Aufmerksamkeit im hohen Hause findet. Ist schon die Tagung des hohen Hauses zu einer so ungelegenen Zeit an und für sich wenig einladend zur Besprechung so hochwichtiger Angelegenheiten und Fragen, so ist merkwürdigerweise durch eine mir nicht geläufige Verfügung veranlaßt worden, daß man heute nach einer neunstündigen Sitzung noch diese Frage behandelt. Ich glaube daher, daß diese Frage jene Aufmerksamkeit, jenes spannende Interesse finden wird, welche sie vermöge ihrer Natur wohl verdient. Denn das Kostbarste ist das Menschenleben, und hier handelt es sich um Menschenleben, hier handelt es sich darum, daß einmal im österreichischen Volkshause gefordert wird: die Schießerei gegen 'wehrlose Bürger muß in Oesterreich aufhören. (Lebhafte Zustimmung.) Es handelt sich, hohes Haus und hochverehrte Herren, darum, jene 'Vorgänge zu besprechen, Welche es bewirkt haben, daß bei der Ausübung politischer Rechte, bei der Ausübung des -politischen Wahlrechtes,'.•'-con seiten' der öffentlichen Organe aut Grund eines angeblich bisher nicht aufgeklärten Zwischentalles aut Menschen, aut Greise, aut Kinder, aut wehrlose Leute wie aut Hunde geschossen Worden ist. Wenn diese Frage nicht die allgemeine Entrüstung wachgerufen hat, wenn in dieser Frage auch das Volkshaus, das Haus, das auf Grund des allgemeinen Wahlrechtes aus den breiten Schichten der Bevölkerung Zusammengesetzt ist, nicht einmütig Stellung nimmt, dann darf man sich nicht wundern, wenn das österreichische Parlament nicht jene Wertschätzung finden Wird, die es finden soll. Ueber diese Tragödie in Drohobycz darf weder das Volksparlament noch das öffentliche Gewissen so ruhig zur Tagesordnung übergehen; man darf sich darüber nicht mit einigen üblichen sentimentalen Schlagworten und Phrasen hinwegsetzen. Diese traurigen Ereignisse in Drohobycz, die leider in Galizien typisch geworden sind, müssen die entsprechende Sühne finden; die Schuldigen müssen ausfindig gemacht und zur strengsten Verantwortung und Strafe herangezogen werden. Ich habe in dieser Beziehung meine Erfahrungen in diesem Jahre gemacht; es war dies nach den allgemeinen Reichsratswahlen im Jahre 1S97, sodann jm Jahre 1901, hierauf im Jahre 1907 und nun heute. Von den früheren Vorgängen, von Vorgängen, die ich lediglichaus den Zeitungsberichten erfahren habe, will ich nicht sprechen. Aber als Mitakteur, als Mitglied des hohen Hauses, als verantwortungsvoller Volksvertreter, habe ich bereits an ähnlichen Debatten teilgenommen, die in dSestem Hause, ich muß sagen, geradezu Entrüstungsstürme hervorgerufen haben. Die Empörung war allgemein. Nach allen diesen galizischen Wahlen, als wenn sie zum eisernen Bestände des Abgeordnetenhauses gehören würden, finden Debatten über diese Wahlen statt, und sie haben die Bezeichnung erhalten: die berüchtigten galizischen Wahlen. Ich will schon hier einem Einwurfe begegnen; denn ich weiß ja, daß man da leicht Waffen gegen einen Redner schmiedet. Man wird sagen: Ich stelle das Land Galizien bloß, ich bringe Sachen zur Sprache, die in der Oeffentlichkeit nicht besprochen werden sollen, weilja sonst die große Oeffentlichkeit davon erfahren und die Schilderung dieser Zustände keineswegs zur Reputation des Landes beitragen werde. Ich gebe das Zu; ich muß aber die Annahme Zurückweisen, als ob ich im entferntesten daran denken würde, Galizien, dieses unglückliche Land, hier bloßzustellen. Es ist eben gar nicht bloßzustellen, weil bereits vieles bloßgestellt ist, und die größte Bloßstellung besteht darin, daß man nun auch die Drohobyczer Abscheulichkeiten vertuschen und verheimlichen will. Mich leitet keineswegs das Gefühl der Wiedervergeltung oder der Rache. Beides wäre unwürdig, Wiedervergeltung unmöglich. Und selbst die härteste Strafe, die man diesen Missetätern, diesen Urhebern und Schuldigen der schmachvollen blutigen Ereignisse zumessen könnte, würde das empörte Gefühl nicht zur Ruhe bringen, könnte die aufgepeitschten Leidenschaften nicht besänftigen, ja ich behaupte, könnte nicnt einmal eine moralische Genugtuung bringen. Und wenn dennoch die allgemeine öffentliche Stimme die Beseitigung des ebenso unfähigen, als schuldigen Bezirkshauptmannes Piatkiewicz, oder die strafweise Entfernung dieses, — ich glaube, keinem Widerspruch zu begegnen, wenn ich diese Bezeichnung gebrauche — verbrecherischen Wanlkomrnissärs Lyszkowski, die empfindliche Bestrafung beider und die endliche Lfnschädlichmacnung j e - nes Agitators, jenes bösen Geistes von Drohobycz, eines gewissen Jakob Feuerstein, der die Hauptursache aller dieser strafbaren. Vorkommnisse gewesen ist, fordert, — so tut sie das nur deswegen, weil in diesen Personen dieses verabscheuungs würdige System verkörpert ist, und weil die Bestrafung, sagen wir die gesetzliche Maßregelung dieser Individuen, in der Bevölkerung mindestens den Schein hervorrufen wird, als ob man in Hinkunft mit diesem System brechen wolle. Das sind zum Teile die Motive, meine Herren, welche eigentlich meine heutige Stellungnahme veranlaßt haben. Ich muß aber betonen, daß in diesem Galizien,;wie es scheint, Menschen wenig geachtet werden, und daß der Großteil der Bevölkerung, ob er nun der polnischen, ruthenischen oder jüdischen Nation angenört, von einer gewissen Klasse und Kaste minder geachtet und minder bewertet wird, daß infolgedessen in diesem Lande auch die Menschen- und politischen Rechte minder geschont und respektiert werden, als in einem anderen Kulturlande. Um ilie Lage in Drohobycz einigermaßen zu verstehen, will ich mir auch erlauben, gleich: den beiden Rednern Dr .Diamand und Breiter, etwas über die einschlägigen Verhältnisse vorzubringen. Der frühere Abgeordnete Dr. Löwenstein, oder wie er nach seiner jüngst erfolgten Nobilitierung heißt: Dr. Nathan v. Löwenstein ist schon im Jahre 1907 unter ganz abnormen Verhältnis-en, Schwierigkeiten, Vergewaltigungen und Schwindeleien und bei Entfaltung eines sehr anrüchigen Agitationsapparates gewählt worden. Die Herren Kollegen werden sich erinnern, daß gegen diese Wahl scharfe Proteste eingelaufen Waren. Allerdings Bind diese Proteste ebenso Wenig erledigt worden, wie die übrigen Wahlproteste. Und da muß man einmal auch ein offenes Wort sprechen. Wir wollen hoffen, daß das neue Haus, nachdem es bereits die Kinderschuhe des ersten Volkshauses ausgetreten hat, in der Behandlung der Wahlproteste etwas rigoroser, gewissenhafter und prompter vorgehen wird. Dann werden wir aus den Protesten über galizische Wahlen vielleicht Dinge zu hören bekommen, die in diesem Hause noch lange wiederhallen werden. Meine sehr verehrten Herren! Ich habe angeführt, daß schon die erste Wahl des Herrn Dr. v. Löwenstein sehr angefochten und protestiert worden ist. Als Herr Dr. v. Löwenstein das erstemal gewählt wurde — es ist ein öffentliches Geheimnis, ich darf es daher sagen — verdankteer seine Wahl nur dem ß mstande, daß er auf einmaidenstren 7gläubigen frommen Juden hervorkehrte und ihnen in den jüdischen Bethäusern Treue dem jüdischen Volke zugeschworen hat — für die Wahl ins Abgeordnetenhaus damals eine sehr nachdrückliche und. nützliche Empfehlung. Die Folge hat aber gezeigt, daß die Wählerschaft mit ihrem Abgeordneten gar nicht zufrieden gewesen ist. Er be-