Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 29 (21.7.1911)
- Date
- 1911-07-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr: 29 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 entgegengeht, wenn dieser Entwicklung nicht ■das deutsche Judentum der völligen Auflösung irgend wie entgegengearbeitet wird. Zur .Begründung seiner These breitet Theilhaber ein ganz enormes Material vor uns aus, das er kritisch und mit Wissenschaftlicher Objektivität (beleuchtet. Er zeigt zunächst, daß die relative Zahl der Juden in Deutschland sukzessive abgenommen hat. Von 10000 ortsanwesenden Personen in Deutschland Waren 1871: 125, 1905 Wur 100 Juden. Betreffs der Einzelstaaten kommt Ider Autor zu dem Ergebnis, daß in 16 von ihnen die Zahl der Juden gesunken ist, in dreien stieg sie lediglich d urch den Zuzug der jüdischen (Einwanderer taus dem Osten, in einigen blieb sie stationär. Speziell für Preußen gilt der Satz, daß der geringe jüdische Bevölkerungszuwachs des letzten Jahrzehnts ausschließlich auf Rechnung der Emmigratkln:?u setzen ist. „Die deutschen Juden haben sich in den letzten 15 Jahren jnicht mehr vermehrt.“ Der Geburtenüberschuß ißank bei den Juden in Preußen von 24865 .(1877—80) auf 10060 (1900—5). Besonders interessant sind die detaillierten Untersuchungen Theilhabers über die Binnenwanderungen der deutschen Juden. Er zeigt, daß bezüglich dieser zwei Tendenzen vorliegen: Ein Zug nach dem Westen und ein Zug in die Großstadt. Der Osten und das flache Land werden bald judenrein sein. Sämtliche Provinzen Preußens zeigen einen starken Abwanderungsverlust, imit Ausnahme von Brandenburg, iji welcher Provinz Berlin liegt. In Bayern konzentrieren sich die Juden immer mehr in München und Nürnberg etc. Theilhaber untersucht sodann aufs gründlichste Fruchtbarkeit, Vermehrung, Eheschließung, Morbidität und Sterblichkeit der deutschen Juden. Er entwickelt eine Menge neuer Gesichtspunkte von allgemeinem Wert. Diesbezüglich muß auf das Buch selbst verwiesen werden f- Die Geburtenzahl bei den Juden Deutschlands geht prschreckend zurück. Von 31.6 Prozent (1876—80) auf 14.3 Prozent (1900—5)1 Die Zahl der Eheschließungen ist sinkend find viel geringer, als bei den Nicht-, juden. Bisher ist der Geburtenrückgang aufgewogen worden durch1 Absinken der Sterblichkeit. Doch! (gtehen wrir jetzt voraussichtlich am Ende dieser letzteren Bewegung. — Eine nicht weniger gründliche Behandlung läßt der Autor dem Verluste des Judentums durch Taufen und Mischehen angedeihen. Er zeigt, wie sehr durch diese beiden Faktoren in Deutschland jiie Auflösung der Judenheit beschleunigt wird, wofür er zahlreiches statistisches Material beibringt. Neue pnd beachtenswerte Gesichtspunkte führt Theilhaber durch die Untersuchung des Einflusses der Berufstellung auf die Vermehrung in die Betrachtung ein, wobei er auch die ungünstige Wirkung des Kapitalismus auf die Vermehrung streift. Er ßtellt sodann die Frage (zur Diskussion, ob bei den Juden Pegenerationsmerkmale festzustellen sind und konstatiert, daß die Zahl der jüdischen Geisteskranken und der Selbstmorde £teigt, ebenso jene der pathologischen Alkoholiker, daß sich die Zahl der Taubstummen und Blinden bei den Juden rasch vermehrt etc. Gegenüber pll den Faktoren, welche zur Auflösung der deutschen Judenheit beitragen, untersucht der Autor sodann Art und Größe der jüdischen (Einwanderung nach Deutschland und findet, (daß selbe kein die Zukunft in entscheidender Weise beeinflussendes Element ist. Die Bilanz, die Dr. Theilhaber am Schlüsse seiner Untersuchungen zieht, ist natürlich eine höchst traurige. Er faßt sie ,tnit den Worten Dr. Artur Kahns zusammen, der den Untergang des westeuropäischen Judentums ,vorausgesagt hat. Da er aber streng auf wissenschaftlichem Boden bleiben will, knüpft Theilhaber an diese Erkenntnis keinerlei Agitation, sondern er schließt sein Buch mit einigen Ausblicken auf gewisse Palliativmittel aus dem Gebiete der Eugenik, der Geburtenpolitik, etc. Aber jes bedarf eines Appells nicht. Wer das Buch Theilhabers aufmerksam gelesen ftat, der muß seine Ansicht, daß die deutsche und mit ihr die ganze westeuropäische judenheit dem Untergang geweiht ist, als wissenschaftlich begründet Ansehen. Gegenüber dieser tief eindringenden Untersuchung gibt es keinen Selbstbetrug mehr. All jene, welche noch an die Weiterexistenz des Judentums interessiert zu sein vorgeben, werden diesem Buche gegenüber der Frage nicht ausweidhen können: Was tun? Die zionistische Bewegung kann daher in idem neuen Werke eine Bereicherung seiner Propagandamittel erblicken pnd wird hoffentlich von ihm den richtigen Gebrauch machen. Das reiche Material, das der Autor liefert, die allseitige, gründliche, teilweise von neuen Gesichtspunkten ausgehende Bearbeitung derselben machen das Buch zu einem äußerst instruktiven, für jeden, der sich aus irgend einem Grunde mit der Judenfrage befaßt. A. Böhm. Aus dem jüdischen Leben. Der Oberrabbiner von London gestorben. Aus London, 18. d. M., wird uns telegraphiert: Der Oberrabbiner von London, Reverend Dr. Hermann Adler, ist heute morgens gestorben. — Hermann Adler, der ein Alter von 72 Jahren erreicht hat, war in Hannover geboren worden, wo sein Vater Oberrabbiner war. Seine philosophischen Studien hatte Adler zum Teil in Prag absolviert. Mit Hermann Adler, der seit 1891 Oberrabbiner der Vereinigten hebräischen Kongregationen des britischen Reiches war, ist ein bedeutender Kenner der jüdischen Literatur Igestorben. * Jüdische Regimenter In Amerika. Nach einer Statistik des Nationalökonomen Dr. Ernst Schultze-Großborstell hat die Stadt Newyork mit etwa 1,1 Millionen Bekennern der mosaischen Konfession (26 Prozent der Gesamtbevölkerung) jetzt eine größere jüdische Einwohnerzahl als Deutschland, Frankreich, England, die Schweiz und Italien zusammengenommen. Von den politischen Vertretern dieser sich weit mehr denn in Westeuropa als,,Rasse“ fühlenden meist erst in der 1. oder 2. Generation im Lande lebenden Masse Wird seit einiger Zeit der Wunsch ausgesprochen, innerhalb des Rahmens der Milizorganisation des Staates Newyork ein eigenes jüdisches Infanterie-Regiment aufzustellen. — Schon vor jacht Jahren, bald nach dem spanisch-amerikanischen Kriege, an dem . eine ganze Anzahl Juden, auch als Offiziere, aktiv teilgenommen hatte, war' von einem jüdischen Milizoffizier die Gründung eines solchen, nur aus Juden bestehenden Truppenteils versucht worden, ohne jedoch, trotz guten Rekrutierungserfolges, die Genehmigung der zuständigen Stelle zu erhalten. Major Nahan Behar versucht nun — als Vertrauensmann der „Federation of Jevvish Organizations“, diesen Plan mit der besonderen Begründung wieder aufleben zu lassen, daß die militärische Erziehung geeignet sei, bald das kriegerische Empfinden und den Patriotismus der jungen jüdischen Bürger der Union zu heben. * Die Juden in Australien. Ueber die Juden in Australien bringt ein Korrespondent der „Hazefirah“ authentische Nachrichten. Es leben gegenwärtig im Lande 15.000 jüdische Seelen. Die meisten von ihnen sind Osteuropäer, die eine 'Zeitlang in England geweilt haben, und von dort aus nach Australien auswanderten. Die meisten find tüchtige Geschäftsleute, die sich im Lande eine Position und Vermögen erworben haben. Viele von ihnen haben hohe Staatsstellen. Was die religiöse Frage anbetrifft, so gibt es in Sidney und Melbourne Synagogen, die fast immer geschlossen sind, außer an den Festtagen. Spezielles jüdisches) Leben ist nicht viel vorhanden und auch keine große .Verbindung mit den jüdischen Zentren in Europa und Amerika. In der jüngsten Zeit merkte man Wieder etwas mehr jüdisches Interesse. Man sucht eine Verbindung zwischen Iden einzelnen Juden herzustellen, um den Rückgang des jüdischen Denkens und Lebens zu verhindern. * Daten über die jüdische Bevölkerung Jerusalem^. In Heft III des „Haschiloah“ veröffentlicht J. Barsilai eine aus privaten 'Angaben entspringende ungefähre Statistik, der wir unter anderem folgendes entnehmen: In den verschiedenen Kolelim sind eingetragen: in der sephardischen Gruppe 13.200 Personen, in der aschkenasischen 27.170 Personen^ außerhalb der .Kolelim 4000 Personen. Zusammen eine jüdische Bevölkerung von 44.370 Personen. (Luncz zählt in seinem Jahrbuch 48.400 Personen.) Die Angehörigen der aschkenasischen Gruppe verteilen sich folgendermaßen auf die einzelnen Kolelim ’• Kolel Ungarn: 2000 Personen erhalten jährlich durchschnittlich pro Kopf 100 Frcs., Galizien 3000 Personen 40 Frcs., Siebenbürgen 10O Personen 180 Frcs., „Hod“ (Holland u. Deutschland) 170 Personen 100 Frcs., Rumänien 600 Personen 20 Frcs., Amerika 1000 Personen 100 Dollar, Warschau 2000 Personen 25 Rubel, Chaba’d 2500 Personen 20 Rubel, Suwalki 1200 Personen 25 Rubel, Wilna und Smot 3500 Personen 10 Rubel, Horodno 2800 Personen 8 Rubel* Wohlin 3000 Personen 5 Rubel, Reissin 700 Personen 6 Rubel, Minsk 1200 Personen 4 Rubel* Pinsk 1200 Personen 3 Rubel, Karlin 600 Personen 3 Rubel, Bessarabien 200 Personen 5 Rubel* Shitomir 200 Personen 5 Rubel, vereinigt. Kolef (aus versch. Gegenden) 1000, zusammen 27.170 Personen. Die Angehörigen der sephardisenen Hauptgruppe verteilen sich folgendermaßen auf die einzelnen Gemeinden: Sephardim (Spagnolen) 6000, Jemeniter 3000, Perser 1200, Kurdistaner 1000, Bucharer 500, Moghrebiner (Marokkaner etc.) 1500, zusammen 13.200 Personen.' . Im allgemeinen hat sich in den letzten zwei Jahren die Bevölkerung eher vermindert als gesteigert, teilweise infolge der ökonomischen Krisis, teilweise infolge des eingeführten Militärdienstes. In Bezug auf die Lebensquellen macht man sich vielfach falscne Vorstellungen. Der durchschnittliche Wert der Cnalukah (per Gemeinde berechnet) beträgt fm Maximum etwa 100 Frcs. pro Person jährlich. Cnalukah in dieser Höhe erhalten nur etwa 3270 Personen. Die anderen bekommen nur einen gewissen Prozentsatz dieses Anteils. Barsilai kommt zu dem Resultat, daß etwa zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung überhaupt keine Chalukan empfangen, ein Drittel doch Jn solchem Ausmaß, daß dies für Ihren Lebensunterhalt nicht hinreicht. Von sonstigen Lebensquellen zählt er bei 8000 Iprivate Unterstützungen oder Bettelei, etwa die Hälfte der jüdischen Bevölkerung lebt aber vom eigenen Verdienste, wenn auch sehr kümmerlich. Gegen 20.000 Juden leben von Hand- Die Böhmische Industrial-Bank-Filiale in Wien, I., Wipplingerstr. 2 verzinst Einlagen auf Jk II - Einlagsbücher mit - 14 Telephommmmera 33067, 23068, 23069,18847,21813 — Äktiflnkapitai yarymonflo — ■ emittiert eigene Bank- Schuld - Verschreibungen 0