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Jüdische Zeitung · 1911-07-21 · 29 (21.7.1911) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
29 (21.7.1911)
Date
1911-07-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 29 wohl . durch Versammlungen, wie durch die Presse pnd Broschüren zum Mittelpunkt unserer gesamten Tätigkeit gemacht werden. Zu diesem Zwecke ist eine gründliche Aussprache „über die politische un d wi rtschaftliche Situation der österreichischen Juden" und ihre Stellung zu allen übrigen österreichischen Parteien fluf einem ehestens einzuberufenden j ü d i s c h-p olitisch en Parteitage unerläßlich. Die übrigen Parteien veranstalten ebenfalls jedes Jahr solche Parteitage, puf denen in Einzelreferaten sämtliche aktuellen, politischen und wirtschaftlichen Tagesfragen erörtert und zum Mittelpunkte von Diskussionen gemacht werden. Wir haben aber seit dem Krakauer Parteitage, der sehr ungenügend seiner Aufgabe nachkam, überhaupt keinen Parteitag gehabt, pnd da puch keine Parteileitung im Sinne anderer Parteien vorhanden ist, ferner in den verschiedenen Kronländern keinerlei s ystematische, von großen pesichtspunkten aus gehende Agitat ion existiert, die Kämpfe mit den übrigen Parteien auch oft nicht auf Grund des Krakauer Programmes geführt werden, |da ja dieses von den einen nicht gekannt und von den anderen nicht verstanden, von den dritten nicht respektiert wird, so haben Zustände platzgegriffen, die ei nfach unvereinbar sind jnit der Existenz ei ner einheitlichen Part ei, sowie mit den Au f g a b e n einer jüdischen Politik, iwie sie der „JüdischeNationalv erei n“ auf faßt. Die tausend Wähler in Wien—Leopoldstadt, die unter den schwersten Verhältnissen sich zum Programm einer modernen, jüdisch-demokratischen und sozial-österreichischen Reichspolitik bekannten, zeir gen deutlich, daß die Nationalisierung der österreichisehen Juden fortschreitet und daß immer die Zahl jener größer wird, die jvon keiner der bestehenden parlamentarischen Parteien ihr Heil erwartet. Der Boden für eine jüdische Volkspolitik wäre also geebnet pnd weit günstiger, als je zuvor wäre für uns die Situation, wenn man endlich — und wohl ^gemerkt, nicht nur vor Wahlen und bei anderen außerordentlichen Gelegenheiten, jondern immer pnd ununterbrochen in allen Teilen des Reiches, auch inderkleins ten jüdischen Gemeinde, an die programmatische Erziehungsarb eit schreiten würde, wenn man die Bevölkerung über unsere Ziele als Juden, als Oesterreicher pnd moderne Menschen aufklären würde. Wenn wir sofort daran gehen, in Versammlungen zu den Fragen der nationalen Tat, sowie des deutsch-tschechischen pnd polnisch-ruthenischen Ausgleiches, zur ungarischen Frage Stellung zu nehmen, wenn w’ir unsere Aufmerksamkeit in erhöhtem Maße der wirtschaftlichen Not: der werktätigen Schichten des jüdischen Volkes zuwenden find immer und überall unser ganzes, modern-jüdisches, jnodern-österreichisches, sowie modern-soziales Programm entrollen, dann, aber nur dann hat die jüdische Volkspolitik eine Zukunft. ,Die diesbezügliche Versammlungstätigkeit muß aber sofort beginnen. Ferner ist unbedingt nötig: 1. Einberufung des bereits oben geforderten jüdisch-politischen Parteitages aus Gesamtösterreich zum Zwecke einer gründlichen Erörterung aller Probleme der jüdischen Volkspolitik, der Taktik, der Agitation und Organisation. 2. Die Schaffung ei nes Agitationsfondes ausschließlich für die politische Agitation. 3. Die Gründung eines jüdischen Preßvereines zur Herausgabe von Flugblättern und Broschüren. 4. Die Erziehung unserer Mittel-, sowie Hochschüler durch Seminare etc. 5. Die Gründung von wirtschaftlichen Institutionen zur Förderung der wirtschaftlichen Selbsthilfe. Dr. K. Von der Woche. Herr Austerlitz demaskiert hieb. Fritz Austerlitz, der ehemalige kleine Handlungsgehilfe vom Franz Josefs-Kai hat sich nicht nur zum Chefredakteur der Arbeiterzeitung aufgeschwungen, er ist heute auch eine Leuchte der ^sozialistischen Wissenschaft. Als solche verzapft jer seine Weisheit im „Kampf“ und in der „Neuen Zeit“ und glaubt wahrscheinlich, daß diese hochgelehrten "Zeitschriften nur von sozialistischen .Geisteshelden, nicht aber von den kommunen Leopoldstädter Wählern gelesen werden. Denn in diesen Revuen läßt er jede Maske fallen pnd zeigt sich mit voller 'Namensnennung — picht wie in der Arbeiterzeitung anonym — als Verherrlicher des christlichsozialen Antisemitismus. In der jüngst erschienenen Nummer 41 der Kautskyschen „Neuen Zeit“ schreibt Herr Austerlitz jüber die Wiener Wahlen. Er nennt darin Luegers Antisemitismus wörtlich eine „n u r allzu (berechtigte Reaktion gegen das unzweifelhafte ’Ueberge wicht der Juden, die damals in allen Machtbereichen des Wiener öffe ntlichen Lebens, in der Presse, in der Politik, im gesell schaftlichen Leben , in Wissenschaft und Ku nst, kurz überall fühlbar war und b it ter verspürt wurde." Nachdem er also den Antisemitismus der Christlichsozialen als berechtigt akzeptiert, .trollt sich Jude' Austerlitz nicht etwa aus der Politik, um das von ihm konstatierte „jüdische (Uebergewicht“ in derselben zu mindern, sondern Ser akzeptiert für seine werte Person den Antisemitismus und seinen Jargon und sagt im selben Artikel ein paar Zeilen weiter: „Die Wiener Gesellschaft, die sich die „gute“ nennt, weil sie die {schlechte von Ta rnopol ist.“ Wir sind Herrn Austerlitz für seine vollständige Demaskierung überaus dankbar. Sollte er es noch einmal versuchen, sich jüdischen» Wählern pls Kandidat aufzudrängen, oder gar Jargon-Flugblätter zu verbreiten, so werden wir von seinen obzitierten Aeußerungen den geeigneten Gebrauch machen. ' ' ' * Die Zahl der Reichsratsabgeordneten der einzelnen Parteien (ist ein schlechter Maßstab für deren Stärke. Viel richtiger ist es, um den rechten Maßstab zu finden, auf die Zahl der für die einzelnen Parteien abgegebenen oder doch der gezählten Stimmen — in Galizien und der Bukowina ist das beiweitem nicht dasselbe — zurückzugehen. Besonders wir Zionisten konnten, da die Juden ‘nicht so 'geschlossen siedeln wde andere Völker und da den sogenannten jüdischen Wahlkreisen!zur Unterstützung {des Wahlschwindels eine erkleckliche Zahl nichtjüdischer Wähler bei-" gemischt sind, nicht eine unserer Stimmzahl entsprechende Vertretung erkämpfen. Von;4,600.000 gezählten Stimmen, welche 516 Abgeordnete wählen, entfielen auf die Zionisten 3L521 Stimmen, so daß ihnen nach dem gleichen Maßstab 3—1 Abgeordnete gebührt hätten statt des einen, der uns verblieb. Wie sehr das Wahlrecht die Deutschen begünstigt, erhellt daraus, daß z. (B. die Deutschfortschrittlichen mit 94.000 Stimmen 20 Mandate erhielten statt 10 bis 11 nach dem allgemeinen Maßstab, die Deutschradikalen mit 76.000 Stimmen 18 Mandate;statt 8—9, die Alldeutschen mit 19.900 Stimmen 4 Mandate statt ihrer 2. Im Maßstabe der Deutschen gebührten uns Zionisten zumindest 7 Mandate. Daher der Name „gleiches Wahlrecht!!“ * Einige freundschaftliche Winke. Diesmal ist der famose „Briefkasten der Redaktion“ des Herrn .Bloch aus der Rolle gefallen. Er ist nicht 'mehr Idie Mördergrube, wro die Zionisten samt dem Zionismus vernichtet werden, er hat sich vielmehr in einen Waschbecken verwandelt, (in welchem sich Herr Bloch reinzuwaschen ‘.versucht. Unser vorwöchentlicher Artikel pber die Wahl des Rabbiners Löw hat in den weitesten Kreisen berechtigtes Aufsehen erregt pnd es äst daher menschlich begreiflich^ wenn pich der gute Bloch, dessen Mitschuld an dieser Wahl, die eine Schmach und zugleich eine Blamage für den Kultusvorstand ist, wie wir schlagend nachgewiesen haben, redlich bemüht, den Kopt aus der Schlinge zu ziehen. Er, der stets so keck auftritt, überall die Nase hinstecktj; tut (rmf einmal fromm: Ich bin nicht betragt worden, ’ßald runzelt gr die Stirne, macht im Briefkasten (ein strenges Gesicht und verurteilt mit allem Nachdruck das Auskramen „alter Sachen“, das — Wie er salbungsvoll hinzufügt — nur /Cham, niemals (aber Sem zu tun pflegt. Alte Sachen! Auf dieses dreiste Wort waren wir allerdings 'nicht gefaßt. Ja, wer war es denn, der die alten Sachen, die Mär über die Gelehrsamkeit des Dr. Löw, zuerst auftisChte und dadurch das jüdische Publikum hinters Licht führen W’ollte? Wir wollen es nicht verhehlen, es War Herr Bloch. Wer hat das Werk über die aramäischen Pflanzennamen, das doch bekannterweise das gesamte Wissen des Herrn Löw darzustellen berufen Jst und viel älter ist als das plagisierte» Gebetbuch, .in /den Himmel gehoben? Die 'Antwort ist kurz und bündig: Herr Bloch. Wer hat also die plten Sachen ausgekramt: Herr Bloch. Füglich, wer ist der Cham? Herr Bloch! Wie Sie sehen, Herr Bloch, ist .Vorsicht unter lallen Umständen geboten, sonst verwickelt man sich nur zu sehr im eigenen Lügengewebe. Und trotzdem fühlt sein deutschfreiheitliches, für Kuranda und pfner schlagendes Herz das heftige Bedürfnis, /sich auf den Sem, auf den Juden hinauszuspielen pnd gegen Cham, d. i. gegen die bösen. Zionisten, die die Nichtjuden darstellen, loszuziehen. Tun Sie das nicht Herr Bloch. Es wird Ihnen nicht gut anstehen, pich als Sem vorzustellen. Man wird Sie auch in dieser Schafshaut im Nu erkennen. Nach Ihren vielen Fehlgriffen nehmen Sie daher einen wohlwollenden Rat an: wenn Sie auch weiterhin der alte, zynische Cham bleiben wollen, kompromittieren Sie doch nicht unseren Stammvater Sem. B. Offener Brief an M. Nordau.*) Sehr geehrter Herr Doktor! Hochverehrter Meister! In der letzten Nummer der „Welt“ ist ein Aufsatz ivon Ihnen veröffentlicht, der als Einleitung einer geplanten Neuausgabe des ersten Kongreß-Protokolls dienen soll. Sie haben dieses Vorwort zu einer Enunziation gemacht, in der Sie offen Ihren Gegensatz gegen jenen „anderen“ Zionismus aussprechen, der nach Ihrer Ansicht kein Zionismus ist; jenen Zionismus, der „Nebenpfade“ sucht, weil ihm das große Ideal „zu groß und zu streng“ ist. Ich bin mir bewußt, daß hier jene Strömung gemeint ist, der auch ich und der Kreis meiner engeren Freunde 'angehören; und darum erachte ich mich einigermaßen legilimiert, einiges dazu zu sagen. Was Herzl im Jahre 1897 gewollt ha*, das große Ideal, charakterisieren Sie so: „Ihm pnd uns schwebte etwas Ganzes, etwas Radikales vor, die wirkliche Palingenesis. Die Erlösung des -jüdischen Volkes, das Ende seiner Jachtzehnhundertjährigen Leiden, die Befreiung von der Schmach und den Ketten der Sklaverei, die Heimkehr der wandernd Irrenden und der in der Fremde widerwillig geduldeten Gäste in das Vaterhaus, die Erhöhung des verleumdeten, verfolgten, (verhöhnten, gehaßten, jm besten Falle verkannten und unverstandenen 'Judenvolkes zum Ruhm und zur Ehre -von Gesittungsförderern und Schöpfern neuer Geisteswerte, das War das Ziel, auf das wir losschritten, das war die Aufgabe, an deren Lösung zu arbeiten wir den Rütlieid schwuren.“ Dann wenden Sie Sich gegen jene, die von dem Ideal abweichen und ein „kleineres“ suchen. Hochverehrter Herr Doktor;' es tut mir bitter weh, daß gerade Sie, der von uns al.Ven verehrte Altmeister des Zionismus, für unsere Bestrebungen, «die in der geraden Entwicklungslinie des Zionismus liegen, so wenig Verständnis haben wollen. All das Große, das Sie. als das Ideal hinstellen und das Sie so ganz allgemein fassen: ist unser Ideal. Aber dazu kommt noch 'etwas, das für jeden einzelnen von uns das Wichtigste ist: Wir suchen auch die Erlösung unserer eigenen Person, auf der wir die Last des Galutlr so drückend empfinden. Deshalb können wir uns nicht begnügen mit dem großen 'Allgemeinen; deshalb suchen wir die unmittelbaren Wege zu diesem Ideal und begeben uns sofort aut sie; deshalb trachten wir nach der Erringung von Positionen in Palästina, wenn es fluch oft hur kleine scheinen, weil jeder von uns einen Platz für sich in Palästina erstrebt, weil er fühlt, jdaß er nach Palästina kommen muß, weil es ihn dahin treibt, „ins Vaterhaus“; deshalb suchen wir die Beziehungen zu Palästina, den Anschluß an die jüdische Kultur; deshalb suchen wir in das Wesen des Judentums .einzudringen und pns alle seine Werte zu eigen zu machen, deshalb wollen wir eine Erneuerung ßer hebräischen Sprache, ein kul- *) Wir entnehmen diesen Brief der Nr. 28 der Prager „Selbstwehr“.

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