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Jüdische Zeitung · 1911-07-21 · 29 (21.7.1911) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
29 (21.7.1911)
Date
1911-07-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NflTIML -JUDI5CHE5 DRGflN Erscheint wöchentlich.—Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich von »1 —12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Österreich-Ungarn: Oanzjähr. K10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige CB9C29GS9CZ9C2SGSOCZOC39CZO Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104067. caoezocaoczaeaacaocaocaocno Nr. 29. Wien, Freitag den 21. V. Jahrgang. Der X. Zionisten-Kongreß. Es soll Rin Jubiläumskongreß sein und wir wollen deshalb die Festesstimmung nicht gerne verderben. Ist doch in den letzten zwei Jahren wieder so [mancher Schritt vorwärts getan worden und somit gewiß Anlaß, sich der zionistischen Arbeit zu freuen . . . Aber wir können unseres Fortschrittes nicht recht froh werden, solange jene Frage, welche für die Organisation jals solche die wichtigste ist, nämlich jene der Leitung, eine Frage, [welche hun schon seit Herzls Tod immer nur mit Provisorien behandelt wurde, nicht der endgiltigen Lösung zugeführt ist. Die Wiener Zionisten sind seit IJahren für die Reform der Leitung im Sinne einer Vergrößerung derselben pnter Heranziehung der Vertreter unserer östlichen Massen und [einer Verlegung der Leitung, in ein größeres jüdisches Zentrum Unentwegt eingetreten. Der Westösterreichische Parteitag zu Wien vom Frühjahr 1910 hat diese Forderungen in feierlichen Resolutionen festgelegt und alle Parteigenossen in Oesterreich haben an dem Ergebnisi der Jahreskonferenz zu Berlin, welche die Lösung der Frage in diesem Sinne in Aussicht nahm, redlich .teilgenommen. Obgleich aber das Ergebnis der Friedenskonferenz sich [als Wille der Gesamtorganisation!darstellte, können (wir, durch die trüben Erfahrungen des letzten Kongresses gewitzigt [und durch manches Geschehnis der jüngsten Wochen in unserem Mißtrauen leider jiur bestärkt, den Tag nicht vor dem Abend loben. Unsere Brüder in Rußland, welche heuer unter den Chikanen der Behörden schwerer zu leiden hatten, als je zuvor, werden am Kongresse nicht in jener Zahl vertreten sein, welche nach Quantität pnd Qualität ihrer Bedeutung für den Zionismus entspricht, .und auch unseren .Gesinnungsgenossen aus Galizien hat der harte Kampf um die Vertretung des jüdischen Volkes im Reichsrat wenig Zeit gelassen, sich mit dem Schekelvertrieb abzugeben* und sich eine e ntsprechende Zahl von Kongreßmandaten zu [sichern. Hingegen haben die durch keine anderen Rationalen Aufgaben beschwerten Zionisten Deutschlands 8000 Schekel aufgebracht, eine dort bisher unerreichte Ziffer, welche durch den Zuwachs der Schekelzahler West-) Österreichs auf [etwa 6400 nicht aufgehoben Wird. Was aber von jedem Zionisten, dem die Würde und der Ernst des Kongresses am Herzen liegt, peinlich empfunden werden muß, ist die Tatsache, daß der schon am Vorkongreß gerügte Abusus wieder platzgegriffen hat; wonach die Zionisten der überseeischen Länder nicht Männer aus ihrer Mitte!zum Kongreß entsenden, welche sich dort ein selbstständiges Urteil bilden können, sondern Kandidaten, welche sich in den Spalten der „Welt“ angeboten haben. Und daß jene Länder, weitentfemt von den Zentren jüdischen Lebens, wenig Verständnis für die Frage der Reform unserer Leitung aufbringen und darum [mit Vorliebe die Mandate1 Reichsdeutschen überlassen, läßt sich verstehen. In dieser unnatürlichen Vermehrung der deutschen Mandate liegt aber für ihre Träger ein bedenklicher Anreiz, den Fehler der letzten Nacht des neunten Kongresses zu wiederholen und das [mühsam zustande gebrachte Friedenswerk in Trümmer zu schlagen. Diese Gefahr wird dadurch verstärkt, daß die Führer der Zionisten-Berlins,^welch es zunächst [als Sitz der Leitung in Betracht kommt, sich noch immer nicht darüber geeinigt zu haben scheinen, Wen sie eigentlich für das Engere Aktionskomitee vorschlagen wollen. Hoffentlich sind es nur redaktionelle Mißgriffe, wenn im Kölner Zentralorgan „Die Welt“ welches doch vor allem die Friedensstimmung zu wahren und die Berliner Beschlüsse äzu verteidigen hätte, Nordau wieder einmal als streitbarer Wortführer des „reffen Zionismus“ auftaucht, wenn ferner im letzten Leitartikel „Zurück zu Herzl!“ dessen hehre Person gegen die in d[er Goluspsyche steckengebliebenen Ostzionisten ausgespielt und wenn schließlich 'durch Abdruck eines Artikels aus dem „Rasswjet“ versucht wird, die Frage der Leitung zu bagatellisieren. Auch daß [ein solcher Artikel im .Organ der russischen Zionisten hatte Platz finden können, ist eine bedenkliche Erscheinung. Mag aber kommen, was will, [und sollten selbst die Russen in ihrer weichen Art sich [einschläfern oder einschüchtern lassen, die Delegierten aus Westösterreich werden für die Einlösung des Berliner Friedenspaktes in unverbrüchlicher Treue und Uneigenützigkeit einstehen. Falsch und irreführend ist der begütigende Rat, wir mögen den Offiziellen nach wie vor alle Würden der Partei überlassen, da ja auch bisher die zionistische Arbeit und sohin die Entwicklung unserer Idee und Partei [zum Großteil der Opposition überlassen blieb... Wohl ist .es richtig, daß wir schon jm Haag gegen die Offiziellen und gegen die Regierung dem Prinzip der Palästina- Arbeit zum .Sieg verholfen, daß wir Ruch den Nationalfond auf diesen Weg gebracht und bezüglich der Taktik in Konstantinopel trotz des Widerstandes der Leitung durchgesetzt haben, die öffentliche Meinung der Türkei sei durch .eine zionistische Presse [aufzuklären. Wir wissen, daß die Agitationsliteratur der letztne Jahre fast nur von den Oppositionellen herstammt . . . Aber um wie vieles mehr könnten diese Kräfte der Opposition für ihr Programm1 und ihre Ideen leisten, wenn isie sich nicht alle am Widerstande der Leitung müde rennen brauchten! Die Mitarbeit von Vertretern der Opposition aus dem Osten an der Leitung ist in Köln nicht möglich. Wir hoffen, daß etwa Berlin sich als geeignetes jüdisches Zentrum für den Sitz der zionistischen Weltorganisation erweist, und werden uns dessen neidlos freuen. Für den Fall aber, daß diese Verlegung des Schwerpunktes der Leitung nach Osten sich in der Folge rIs jingenügend erweisen sollte, wollen wir in der Hauptstadt Oesterreichs, wo West und Ost sich iso innig berühren, durch rastlose Arbeit uns gerüstet halten. Am zehnten Kongresse gilt es, das Mögliche zu erreichen und auf Grund der Berliner Beschlüsse im Sinne der genannten drei Postulate (die Leitung so gut als es geht, zu reformieren. Die Delegierten aus Westösterreich werden gewiß ohne jede Heftigkeit, aber mit unerschütterlicher Energie in diesem Sinne tätig sein. Jeder Erfolg in ihren Bestrebungen wird einen Fortschritt für die Entwicklung der zionistischen Bewegung und deren Organisation bedeuten. Unsere nächsten unaufschiebbaren Aufgaben. Der Umgestaltungsprozeß innerhalb der österreichischen Monarchie und ihrer Völker vollzieht fsich sehr langsam und am langsamsten Im jüdischen Volke. Längst erstarrte Verfassungseinrichtungen, durch [die Entwicklung fiberholte Parteien und Parteiprogramme fristen im Donaureiche zum Schaden Res Oesamtstaates .und der Gesamtbevölkerung, nur infolge der politischen Unbildung, sowie der Trägheit der Massen und zum nicht geringen tTeile infolge des Interesses der herrschenden Klassen an ihrem Fortbestände ihr trauriges (Dasein. Auf diese Weise vegetiert der österreichische Staat, vegetieren die Völker und unser gesamtes [politisches Leben äußert sich nur von Zeit zu Zeit in einer Wahlkampagne mit den traurigsten .Begleiterscheinungen der Demagogie und [der Programmlosigkeit der Parteien einerseits, powie in dem Katzenjammer der Bevölkerung nach den Wahlen anderseits. Wenn wir daher heute, nach Eröffnung des 2. österreichischen Volkshauses, pns in demselben Jjtadium der Verwirrung befinden, wie unmittelbar nach der Auflösung des früheren Abgeordnetenhauses, (§o ist dies die logiscne Folge der Tatsache, daß keine einzige der im österreichischen lAbgeordnetenhause vertretenen Parteien während der Wahlkampagne (ebenso wenig fds früher) — zu den grundlegenden* Staat find Volk bewegenden Problemen ehrlich Stellung genommen hat. Der Umstand, daß dies von den anderen Parteien versäumt wurde, ist aber kein Grund, daß es auch in Zukunft von jungjüdischer Seite unterlassen wird. Soll überhaupt die jüdische Politik in Oesterreich Sinn und Zw eck haben, dann jnuß die nur allzu lange, besonders in der Provinz vernachlässigte politische Erziehung der jüdischen Massen, so-

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