Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 27 (7.7.1911)
- Date
- 1911-07-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 27 Vor allem ist „Wien“ nicht Oesterreich und in den Provinzen war der antisemitische Deutschnationalismus Trümpf! Die deutschen Christlichsozialen haben wohl 20 Mandate, darunter die meisten in Wien, eingebüßt, aber immerhin ziehen sie 79 Mann hoch als eine der stärksten Parteien ins österreichische Abgeordnetenhaus ein, haben sogar in den Provinzen neue Mandate gewonnen, darunter eines in Böhmen, pnd haben eine ansehnliche Anzahl von Stimmen in vielen sozialdemokratischen, sowie deutschnationalen Hochburgen zu verzeichnen. Also mit der „Zerschmetterung“ der Christlichsozialen hat es noch gute Wege, zumal sie noch immer 150.000 Stimmen allein in Wien auf sich vereinigten. Aber gesetzt den ganz unwahrscheinlichen Fall, die christlichsoziale Partei würde als politisches Parteigebilde verschwinden, wäre damit der Antisemitismus überwunden? Gibt es denn keinen nationalen Antisemitismus? Man übersieht eben absichtlich, daß der sogenante „freisinnige“ Wahlsieg eigentlich ein Sieg der antisemitischen Deutschnationalen ist und daß deren Erfolge (sie ziehen als die stärkste parlamentarische Partei ins österreichische Abgeordnetenhaus ein) eigentlich identisch sind mit einem Erfolgedes — ‘Rassenantisemitismus und keineswegs der sogenannten „Judenliberalen“. Nur in jenen Wiener Wahlbezirken, wo eine große Anzahl jüdischer Wähler wohnt, die immer noch an das Evangelium des Pseudoliberalismus und der Pseudodemokratie glauben, haben deren Vertreter gesiegt, allerdings erst nach einem erbitterten Kampfe find, wohlgemerkt, in der Stichwahl. Unter diesen Wiener „Freisinnigen“ befinden sich übrigens auch Männer, wie der rassenantisemitische, deutschsoziale Abgeordnete Dr. P o11 au f! Und gar in den Sudetenländern! Da haben die antisemitischen Deutschradikalen große Erfolge auf Konto der deutschen Sozialdemokratie — die übrigens auch in den Alpenländern undin Triest Niederlagen erlitten ■— zu .verzeichnen. Wenn 'man Überdies noch berücksichtigt, daß auf tschechischer Seite Dr. B a x a und andere chauvinistische, sowie (antisemitische Abgeordnete mit Hilfe der „freisinnigen“ Jungtschechen gewählt wurden, So muß man zugestehen, daß das zweite Volks haus mindestens so antisemitisch ist, wie das erste. Aber auch vom gesamtösterreichischen Gesichtspunkte aus betrachtet ist die politische Lage unerfreulich. Das Ministerium Gautsch wird mit denselben, wenn nicht noch größeren Schwierigkeiten zu rechnen haben, wie seine Vorgänger, denn die alte Arbeitsmajorität ist gesprengt, da die .Christlichsozialen und die italienischen Abgeordneten „freie Hand“ proklamierten und eine heue Majorität ohne nationalen Ausgleich in Böhmen und in Galizien schwer möglich ist. Insbesondere bleibt auch die Vereinigung der freiheitlichen Elemente aller Nationen — ohne Herstellung des nationalen Friedens auf Grund der nationalen Autonomie — nur ein frommer Wunsch. Unter solchen Umständen pbliegt den modernen Jungjuden Oesterreichs, unbeschadet der bei den letzten Reichsratswahlen erlittenen Niederlagen, di^ Pflicht, gestützt auf die aus diesen sich' ergebenden Lehren, im nationalen Rahmen, rastlos in Gesamtösterreich, an dem Siege ihrer Anschauungen weiterzuarbeiten. Die oberste Voraussetzung dazu bildet allerdings der radikale Bruch jnit je dem P artikularismus. . Da wir programmatische Vertreter der einheitlichen österreichischen Reichsidee sind, müssen wir auch eine einheitliche, österreichische, n a t i on a 1 - j üdi s ch e Politik für G e s a m t ö s t e r r e i ch fordern und da- .her entschieden alle Sonderb und eleien in Böhmen, Mähren,- Galizien und der Bukowina bekämpfen. Werden diese nicht jbald auf einem Parteitage mit aller JEnergie beseitigt, dann ist die „Jüdische National partei“ eine — Fiktion und geht einer traurigen Zukunft entgegen. Im neuen Parlamente wird es keinen „Jüdischen Klub“ geben. Um so notwendiger ist eine durch unermüdliche politische Erziehungsarbeit anzustrebende einheitliche jüdische Volks- und R e i c h s Organisation. Sie ist eben so notwendig, wie eine planmäßige, sofort einsetzende programmatische Agitationsarbeit im ganzen Reiche. Es ist keine Zeit zu verlieren, damit die nächste, vielleicht nicht allzuferne Wahlkampagne uns nicht pnvorbereitet findet. Die Metzeleien in Drohobycz. Ein Leser schreibt uns: Eine Reminiszenz. Die Wahlschlacht von Drohobycz weckt die Erinnerung an ähnliche Vorfälle, welche jedoch an Grausigkeit lange nicht an die Errungenschaften unserer Tage heranreichen. Immerhin ist es am Platze, sich die Erinnerung an die Wahlschlacht 1897 gerade wegen der daran beteiligt gewesenen Personen zurückzurufen. Richard Charmatz schreibt hierüber in seiner „Geschichte Oesterreichs“: „Bei den Wahlen in Galizien hatten sich schreckliche Szenen ereignet, die durch die Parteilichkeit der Beamtenschaft und durch die Rücksichtslosigkeit des polnischen Zentralwahlkomitees entstanden. Der Sozialdemokrat Daszynski hielt am 7. April 1897 im Parlamente eine wuchtige Anklagerede, in der er darauf hinwies, daß die Wahlen in dem einen Kronlande 9 Tote und 29 Verwundete gefordert und zu 800 Verhaftungen geführt hätten. Am Tage .vorher war der Abgeordnete Gniewosz dem Grafen Dziedu szycki, dem Leiter des polnischen Zentral Wahlkomitees, begegnet. Bei dieser Gelegenheit wies er die ihm vom Grafen dargebotene Hand (mit den Worten zurück: „Wischen Sie sich erst das Blut ab, das durch Ihre Schuld bei den Wahlen vergossen wurde.“ So furchtbar hatte die Schlachta bei der ersten Willenskundgebung des Volkes gewütet, urii. das Vordringen der demokratischen Parteien zu verhindern. Nur 9 Tote?! Eine Bagatelle gegen 1911! Die Feuersteins und Löwensteins haben ihr gräfliches Vorbild völlig in den Schatten gestellt. Die Waisen von Drohobycz. (Eine Anregung.) Es würde uns Zionisten schlecht anstehen, wenn wir unsere Hilfsgelder auf die sinnlose Art der philanthropischen Assimilanten den Hinterbliebenen der in Drohobycz Getöteten und den dort zu Krüppeln Gemachten einfach in Bar auszahlen und so verzetteln würden. Wir müssen vielmehr die gleiche Methode einschlagen, die wir auch nach dem Pogrom von Kischinew befolgten, indem wir unsere Sorge vor allem den Waisen, welche ein Stück Zukunft unseres Volkes repräsentieren, zuwenden und deren Zukunft mit der Zukunft unseres Landes innig verknüpfen. Die Kischinewer Waisen sind in Palästina aufgezogen und .auch lwomöglich dort versorgt worden. Erst kürzlich war von dem Plane zu lesen, daß das jüdische Waisenhaus in,Jerusalem eine Zahl seiner Insassen nahe einer jüdischen Ackerbaukolonie unterbringe, damit sie sich der Landlust erfreuen und von jung auf mit dem Landleben vertraut machen. „Die Ansied lung derWa isen von Drohobycz in Palästina“ wird ein zugkräftiges Sch lag wort sein, die Hilfsbereitschaft gerade der Zionisten zu wecken. Sache des Jüdischen Nationalvereines, als Initiators der Sammlungen, wäre es, zwecks Durchführung unseres Vorschlages, sich sogleich mit dem Aktionskomitee in Köln und den anderen maßgebenden Palästinafaktoren in Verbindung zu setzen und den Plan der Waisensiedelung ehestens zu verlautbaren . Wien. Dr. H. L., Dr. E. Z. . * Trauer- und Protestversammlung in Graz. Anläßlich der blutigen Vorfälle von Drohobycz veranstalteten die zionistischen Vereinigungen von Graz im großen Saale des Kaufmannshauses eine imposante Trauerkundgebung. Ein Zahlreiches Publikum aus allen Schichten der Grazer jüdischen Bevölkerung, Vertreter sämtlicher Grazer jüdischen, nationalen und charitativen Vereinen, die jüdisch-akadem. Verbindung „Ch a r i t a s“ mit umflorten Farben, sowie Herr Landesrabbiner Doz. Dr. David Herzog, waren erschienen. Nach Wahl des Präsidiums und einigen einleitenden Worten des Präsidenten Grüner, nahm der Referent Freudmann das Wort. In warmen Worten gedachte: Herr Freudmann der im Kampfe um ihr gutes Recht gefallenen Brüder, versicherte die Hinterbliebenen unserer tiefsten Teilnahme, geißelte in scharfen Worten das Verhalten der österreichischen Regierung, sprach Herren Löwenstein und Feuerstein nebst Konsorten, die ,um schnöden Vorteils willen, ihre eigenen Volksgenossen verraten und verkaufen, pnd der brutalen Schlachta unbedingte Gefolgschaft leisten, die tiefste Verachtung aller anständigen Juden aus. Indem Herr Freudma nn nochmals die Regierung und die Schlachta heftig angriff, schloß er mit dem Wunsche, daß aus dem Blute der unschuldig dahingemordeten Märtyrer von Drohobycz die Saat reichlich aufgehen und dem ganzten Volke Israel Rächer erstehen mögend Nachdem sich noch sämtliche Anwesenden zum Zeichen der Trauer von den Sitzen erhoben, schloß der Vorsitzende nach Annahme einer, an das Ministerium des Innern telegraphisch weitergeleiteten Resolution, die jsich in ihrem Inhalte vollständig van die bekannte Wiener Resolution anschloß, die äußerst würdevoll verlaufene Versammlung. Die machtvolle Manifestation zeigte, daß auch die Juden der Alpenländer aus ihrer Lethargie ierwacht und keinesfalls mehr gewillt sind, sich jeden Uebergriff der Regierung gefallen und ihr blutig erkauftes Recht nehmen zu lassen. Eine für die Hinterbliebenen eingeleitete Sammlung ergab bereits mehrere hundert Kronen und wird noch fortgesetzt. # Protestversammlung in Prag. Die Prager zionistischen Korporationen veranstalteten Sonntag abends im großen Saale des Jüdischen Rathauses eine Protest- und Trauerversammlung anläßlich der prohobyezer Vorfälle. Die Versammlung war von einem vielhunderlköpfigen Publikum besucht, das in erregter Stimmung den erschütternden Schilderungen des Drohobyczer Blutbades folgte. ' Die Versammlung wurde yom Gg. Dr. Ludwig Singer eröffnet, der in eindringlicher Rede darauf hinwies, daß seit Theodor Herzls Auftreten das Judentum m den Kampf um sein Recht eingetreten sei. Das gelte für die Westjuden und für die Ostjuden. Heute müsse man unter den polnischen Juden jene, die jdirem Volke treu sind, von jenen unterscheiden, die, die Sklaven der Polen, Zu solchen Bluttaten, wie die Drohobyczer, fähig sind. Die letzteren verdienen es, daß man sie verurteilt; aber die ersteren sind die besten Verwalter des Erbes, das ihnen Herzl hinterlassen hat. Als zweiter Redner kam Gg. Dr. Emil M a r g u 1 i e s -aus Leitmeritz, Vizepräident der westösterreichischen Zionistenorganisation, zu Wort. Er führte in seiner, wiederholt, von stürmischer Zustimmung unterbrochenen Rede aus, daß die Zionisten nicht nur vom rein menschlichen Standpunkte aus die Folgen der furchtbaren galizischen Niederdrüdkungspolitik bedauern und verurteilen; als gute Oesterreicher müßten sie ihren Teil dazu tun, um die Möglichkeit solcher Schreckensszenen zu verhindern, um zu verhindern, daß ein L ö w e n s t e i n , ein Feuerstein und ein Bobrzinsky die Juden um das' Recht bringen, das unser Monarch allen Völkern des Reiches zugedacht hat. Und vor allem müssen wir als J u d en Stellung nehmen. Nicht nur deshalb, weil die meisten der Opfer Juden sind, sondern vor allem deshalb, weil die Schuldigen Juden sind, weil Löwenstein und Feuerst ein den jüdischen Namen schänden. Diese Schandkerle dürfen in unserer Gemeinschaft nicht geduldet werden. Wir haben nichts Schlimmeres, keine größere Gefahr als Löwenstein und seine Richtung zu bekämpfen. Ihr kündet die gesamte Judenschaft, mag sie im Westen oder im Osten wohnen, unbarmherzigen Krieg an. So. oft der Name Jakob Feuerstein oder Nathan Löwenstein .genannt Wurde, durchtoste ein vielhundertstimmiges „Pfui!“ den Saal; es waren nicht nur die Zionisten, :die sich im Festsaal des Rathauses der Prager Kultusgemeinde zusammengefunden hatten. Einstimmig wurde zum Schlüsse der. Versammlung eind Resolution angenommen, die mit den Worten schließt: „Die Versammlung verlangt (die unnachsichtliche Bestrafung der Schuldigen, die durch die verwerflichste Korruption und die schamloseste Wahlfälschung dem verräterischen Dr. Löwenstein ein Mandat yerschaffen wollten und die zum Schlüsse vor der Ermordung einer wehr- 1 losen, friedlichen Volksmenge nicht zurückge-