Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 27 (7.7.1911)
- Date
- 1911-07-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JLCSCHE ZE1UNG NRTIONflL -JUDI5CHE5 ORBflN immmmmmimmummmmmmmmmi _ Erscheintwöchentlich.—Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich von »! —12 Uhr vormittags und 4- -5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Österreich-Ungarn: Ganzjähr. K10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10—, halbjähr. Mk. 5.—, vierteljähr. Mk. 3.—. Für das übrige Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104067. Nr. 27. Wien, Freitag den 7. Juli 1911. V. Jahrgang. Rückblick auf die galizischen Wahlen* Wir haben die Wahlschlacht verloren. In Galizien sind uns alle Mandate verloren gegangen, in der Bukowina hat wohl Dr. Straucher sein Mandat behauptet, aber das Mandat der drei Städte, welches -nach dem Rücktritte des Deutschnationalen S k e d I als sicherer jüdischnationaler Besitzstand galt, ist in christlichsoziale Hände geraten. In den Kreisen der jüdischen Assimilanten ist man bereits geneigt, von einem Debacle des jüdischen Nationalismus in Oesterreich zu sprechen und in dem großen Heerlager der politischen Mit- und Nachläufer, die jederzeit und allerorten hinter dem Erfolge her sind, hat unsere Sache gewiß an Zugkraft eingebüßt. Mit dem Frohlocken unserer Gegner und dem Schmollen unserer Gelegenheitsfreunde können wir uns leicht abfinden. Die nächste Zukunft wird es beweisen, daß die jüdisch-nationale Idee lebenskräftiger ist denn je, sie wird beweisen, daß das Schicksal unserer Partei, die sich die große Aufgabe der Erziehung der jüdischen Massen im Sinne der Moderne und der Selbstwehr gestellt hat, vom Verluste oder Gewinn einiger Mandate unabhängig ist. Dessenungeachtet wird der Verlauf und der Ausgang des Wahlkampfes zu einem gründlichen Systemwechsel führen müssen. Im Wahlkampfe sind die Stärken und Schwächen unserer Partei deutlicher als je zuvor in die Erscheinung getreten und der Weg, den wir in Zukunft zu gehen haben, liegt scharf Umrissen vor uns. Vorerst ist festzustellen, daß die unter den jüdischen Massen herrschende Stimmung den mißlichen Ausfall nicht verschuldet hat, denn dieseStimmung war die denkbar günstigste. Sowohl im Westen als auch im Osten. In Wien ist es unter den erschwerendsten Umständen gelungen, die Anzahl der abgegebenen jüdisch-nationalen Stimmen um mehr als 90 Prozent zu erhöhen, der Kandidat der unter den Juden allmächtigen deutschliberalen Partei, dem die gesamte Presse zur Verfügung stand, blieb weit hinter dem Kandidaten unserer Partei zurück. In Galizien, dem Zentrum der jüdischen Massen, war die Sachlage noch günstiger. Unsere Kandidaten wurden mit stürmischem Jubel begrüßt, die Wählerschaft hat eine Aufopferungsfähigkeit bewiesen, die in Oesterreich ohne Beispiel dasteht. Man braucht nicht auf Drohobycz zu verweisen, wo sie buchstäblich für die Idee in den Tod gegangen ist, in vielen anderen Wahlkreisen haben Tausende dem Terror der Regierung zähen Widerstand geleistet und um den Preis der Stimmenabgabe für den Jüdischnationalen ihre Existenz aufs Spiel gesetzt. Wenn. auch der Stimmendiebstahl und der offizielle Wahlschwindel in dieser Wahlkampagne seinen Höchstpunkt erreicht hat, das rapide Fortschreiten der nationalen Bewegung hätte seinen Ausdruck zumindest in der Verdopplung der im Jahre 1907 erzielten Stimmenzahl finden müssen. Tatsächlich ist sie im Jahre 1911 die gleiche geblieben. Wer trägt die Schuld? Die Zeit ist viel zu ernst und die Zukunft unserer Partei ist zu heilig, als daß wir uns in diesem Momente eine Rücksichtnahme auf Freunde und freundschaftliche Gefühle gestatten dürften. So muß denn die Antwort auf. die Schuldfrage hart klingen: Die Gesinnungsgenossen, denen die Führung der galizischen Organisation anvertraut war, sind ihrer Aufgabe nicht gerecht geworden. Der Geist, der die Wählermassen beseelte, war ein großer und guter Geist. Der Geist, in welchem geführt wurde, war klein. Die Schuld ist keine Schuld von heute oder von gestern, sie datiert seit der Zertrümmerung der gesamtö s t e r r e i c h i s c h e n O r g a n i s a t i o|n im Jahre 1908. Mit dem kleinlichen Schlagworte von den „spezifisch-galizischen ‘ Interessen, die i einer „ganz speziellen“ Regelung bedürfen, wurde sie damals frivol zerschlagen. Unsere große herrliche Idee von einem Judenvolke wurde schnöde zerpflückt Es wurde ein „galizisches“ Separatjudentum geschaffen. Wir Wiener haben vergeblich protestiert und beschworen, mit kalter Miene wurde unser „unreifer Idealismus“ und „toller Radikalismus“ beiseite geschoben und mußte einem nüchternen, äußerlich verstandesgemäßen, innerlich aber hohlen und ghettomäßigen Separatismus Platz machen. Mit einem Handstreiche wurden alle Vorteile, welche die in ihrer Bewegung doch ungehemmteren, in günstigeren Verhältnissen lebenden westlichen Gesinnungsgenossen einer Organisation bieten können, über Bord geworfen. Sie, die ihre Tüchtigkeit und Opferwilligkeit unzähligemale bewiesen haben, wurden zu Handlangern erniedrigt, die man gelegentlich zu Demonstrationen heranzieht, aber von Be-; ratungen und Beschließungen fernhält. Die unselige, kleinliche Separierung findet ihren beredtesten Ausdruck in der Politik, in deren Zeichen die Wahlen geleitet wurden. Vor allem in der „Annäherung“ an die herrschenden polnischen Behörden und Parteien. Der ehrliche, naive jüdische Nationalismus muß sich zu dem korruptesten aller Regierungssysteme, zum galizischen, und zu diesem elendsten aller Parteiengebilde, zum Po I enklub, verhalten, wie das Feuer zum Wasser. Unsere galizischen Separatpolitiker aber glaubten, den Uebergang gefunden zu haben. Sie unterhandelten mit den „Offiziellen“, gingen Verabredungen, ein auf „Treu und Glauben“. Sie ließen sich „reine“ Wahlen in Ostgalizien zusichern und gaben dafür die Kandidaturen in Westgalizien auf. Wir „naive“ Wiener, die man nicht befragt hat, die sich in Galizien so „absolut“ nicht auskennen, warnten davor, über 10.000. jüdischnationale Stimmen unverantwortlicherweise wegzuwerfen. Es geschah dennoch. Und das Resultat? Die brutalste Vergewaltigung der Zionisten in Ostgalizien seitens der Kreaturen des aufs „Ehrenwort“ verpflichteten Statthalters, siehe: Drohobycz, Kolomea Brody usw. Ja, man kann ruhig, behaupten' daß gerade das Entgegenkommen unserer, führenden Gesinnungsgenossen, ihre zur Schau getragene Neigung, diesmal alles zu vermeiden, was die Machthaber „reizen“ könnte, diese ermutigt hat, den gräulichsten Wahlfrevel zu üben! Es wäre zwecklos, alle geübten Mißgriffe, wie: die Besetzung von vier und mehr Wahlkreisen mit einem Kandidaten, die Verzögerung der Proklamation der Kandidaturen u a., ausführlich zu besprechen. Die Wurzel des Uebels ist und bleibt der Separatismus. Er hat die Organisation geschädigt, er hat ihr viel der Frische und Schlagkraft geraubt, er hat an die Stelle einer von gesundem Idealismus getragenen Prinzipienpolitik eine kleinliche, auf Tageserfolge geric itete, kurzsichtige und fruchtlose Augenblickspolitik treten lassen. Die Vorbedingung für den Fortschritt unserer Idee ist die Beseitigung des Separatismus in jeglicher Form. Und er ist leicht zu beseitigen! Denn er wurzelt nicht im Volke, er ist lediglich dem verfehlten Bedürfnisse nach Augenblickserfolgen entsprungen. Vor zwei Jahren haben die Wiener Gesinnungsgenossen im Vereine mit den damaligen Abgeordneten Doktor Gabel und Stand, welche sich redlich um die Wiedervereinigung bemühten, den Versuch einer Verständigung unternommen. Der Ausfall der Wahlen hat es als notwendig erwiesen, daß dieses Werk vollendet werde. t Die Reichsratswahlen und die österreichischen Juden» Dr. K. Am 17. Juli tritt das zweite österreichische Volkshaus zusammen und findet auf der Ministerbank das Kabinett Qautsch vor. Angesichts der neuerlichen Irreführung der österreichischen Juden durch die sogenannte „freisinnige“ Presse über die Ereignisse der letzten Wochen, ist ps ein Gebot der Notwendigkeit, die politische Situation in Oesterreich mit allen ihren Konsequenzen , die sich aus den Reichsratswahlen und dem Ministerwechsel ergeben klar zu beleuchten. 146 neue Abgeordnete ziehen wohl ins Parlament ein, Christlichsoziale und Sozialdemokraten haben Mandate verloren, radikale Deutsche und tschechische Nationalisten antisemitisch er Observanz haben heue erobert, aber die Gesamtsituation ist die gleich traurige geblieben, möge man $ie vom jüdisdienj vom östet-i reichischen oder vom wahrhaft fortschrittlichen jGesichtspunkte aus betrachten. Zum Jubel ist nicht der allergeringste .Grund vorhanden. Die Juden haben keine Siege bei den Neuwahlen zu verzeichnen.