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Jüdische Zeitung · 1911-04-28 · 17 (28.4.1911) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
17 (28.4.1911)
Date
1911-04-28
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 17 ' Der gemäßigte Israelit resigniert. Der „gemäßigte Israelit“ G a 11 will sich wie verlautet, vom politischen Leben zurückzieheh. Keine der polnischen Parteien will ihn mehr unterstützen. Seine pö'.iische Tätigkeit in den vier Jahren bestand aus einem Antrag auf Schluß der Debatte und einer Interpellation wegen schlechter Behandlung der — Schweine im Tarnopoler Bezirk. Die Wahltätigkeit der Oest. Isr. Union. Am 16. d. M. fand, wie schon berichtet wurde, ein Kreistag der mährischen Gesinnungs-. genossen-in Ung.-Hradisch statt, dersich u. a. mit der Aufstellung eines jüdischnationalen Kandidaten im Gödinger Wahlkreis beschäftigte. Zu einem Teil der Beratungen wurde über sein Ansuchen, der damals in Ung.-Hradisch anwesende Sekretär der Oester rl Israelitischen Union, Siegfried Fleischer, zugelassen. Nachdem ihm das ganze Sündenregister der „Union“ vorgehalten worden war, benützte er. die Gelegenheit, um unseren Gesinnungsgenossen das Märdien aufzutischen, die Oesterr. Israelitische Union habe im Jahre 1907 die Wahl des Renegaten R e d 1 i c h nicht verhindern, können, da er erst im letzten Augenblick an Stelle seines Bruders' ‘ kandidiert worden sei. Tatsache ist jedoch, daß die Oesterr. Israelitische Union ihren allerdings nicht, sehr hervorragenden Einfluß benutzt (hat, um Redlich zum Siege zu verhelfen, Ja, sie hat sogar über seine Wahl so triumphiert, als wäre sie ein Erfolg der Union und ein Sieg der jüdischen Sache. Im Juni he ft. der Monatsschrift der Union aus dem Jahre 1907 heißt es in einer von dem Präsidenten.Sigmund Mayer und sämtlichen Vorstandsmitgliedern gefertigten offiziellen Kundgebung wörtlich: „W i r haben auch auf das Kräftigste bei unseren Glaubensgenossen in Mähren und Böhmen .eingewirkt, damit anstatt kernfau-ler Altl’iberaler oder Klerikaler, Männer wie Masaryk, Redlich und -Drtiria gewählt worden sind.“ Dieser eine Satz stellt die ganze Tätigkeit der Oesterr. Israel. Union ins.rechte Licht. Mgsaryk wurde bekanntlich im Jahre 1907 in Mähren im böhmischen Wahlbezirk Roznau, Wsetin, Wisowitz, Wal.-KIobouk etc. gewählt, in welchem Wahlbezirk kaum eine Handvoll im böhmischen Kataster eingetragener Juden wohnt. Dasselbe gilt vom Wahlkreis Königgrätz, in welchem Drtina gewählt wurde. Masaryk wurde in der Stichwahl mit 4136 Stimmen gegen einen Kandidaten der Gewerbepärtei gewählt, der bloß 3306 Stimmen erhielt. In der Stichwahl sind Masaryk ungefähr 2000 sozialistische Stimmen zugefallen. Man sieht also, die Tätigkeit der Oesterr. Israel. Union war bei der Wahl M asaryks wirklich ausschlaggebend! Noch drolliger sieht die Einflußnahme' im Königgrätzer Wahlbezirk aus. Dort erhielt im ersten Wahlgang die meisten Stimmen der Sozialist (nämlich1 2910), und ihm kam am nächsten Drtina mit 1599 Stimmen. Bei der Stichwahl blieb der Sozialist mit 3538 Stimmen in der Minderheit, während Drtina mit 4049 Stimmen gewählt wurde. Der Hinweis auf die Wahl D r t i n a s und M a s a r y k s ist also eine recht lächerliche Flau-enmadierei und Gschaftlhuberei, also eine nicht sehr anstrengende Tätigkeit. Die kräftige Einwirkung auf die Glaubensgenossen in Mähren allerdings, „damit Männer wie Redlich’gewählt worden sind“'—' übrigens sollten die Stützen des deutschen ^Freisinns : wirklich besser deutsch schreiben können" — kann ~man“ der „Oesterreichischisraelitischen Union“ neidlos zugestehen. — Immerhin scheint ' sie ,wenigstens jetzt eingesehen zu haben, daß es »doch nicht angeht, Abfallsjuden zu protegieren, und ^.venn die Besserung anhält, so wird sie vielleicht nach 10 bis 20 Jahren, sogar von sich sagen können, sie habe bewirkt,' „damit nicht Männer wie K u r a n d a gewählt; worden sind“.. . . Alliance;ußd -zionistische Organisation. Angesichts der häßlichen Campagne, die; Herr Fresco in Konstantinopel gegen den Zionismus führt, ist unserem Präsidium der nahe-; liegende Gedanke' gekommen, sich zu verge-. ‘ wissern, ob die. vornehmen Herren der Pariser Alliancezentrale mit dem Vorgehen dieses ihr nahestehenden Mannes einverstanden sind. Es kam zu einer Konferenz -zwischen Gg Jakobus Kann und Herrn Salomon. Reinach von: der Alliance und einem / Briefwechsel zwischen den Prä identen beider Orgaisa'.ior.er, Wolffsohnund Leven, der in der letzten Nummer der ,Welt“ abgedruckt ist. Natürlich streitet die Alliance . alles ab, sie. hat nie jemand gegen den Zionismus inspiriert; sie stehe Angriffen auf diesen völlig ferne, dagegen hätten die bösen zionistischen Zeitungen den Kampf gegen die Alliance in sehr heftigem Ton geführt usw. Natürlich antwortete Herr Wolffsohn darauf mit dem Hin- : weis auf die Ansprache, die Herr Leven höchstpersönlich an die seinerzeitige jgngtürkische Deputation richtete und in welcher er den Zionismus angriff, sowie auf einen Brief des Vizepräsidenten der Alliance' Salomon Reinach an Herrn Fresco, in dem er den Zionismus eine „Dummheit“ und ein „Hirngespinnst“ nennt. Wir, die wir uns mit Stolz zu den bösen zionistischen Zeitungen rechhen, die die lammsfromme, engelsgleithe Alliarfce stets aufs heftigste bekämpft haben, können diesen Briefwechsel nur .als Bestätigung dessen ansefien, was wir von der Alliance immer behauptet haben: Daß sie in ihrer Doppelzüngigkeit die gefährlichste Feindin der jüdischen Volkssache ist, daß ein •Friede mit ihr nicht geschlossen werden kann und daß es für unS gilt, der jüdischen Oeffentlichkeit ihre Schädlichkeit bei jeder sich bietenden Gelegenheit vor-Augen zu fuhren. . / n»y - Die Landtagswahlen in der Bukowina. 1 .2 >; Aus CzernowjitZjj 26. April wird uns telegraphiert: Der heftige Kampf zwischen den beiden jüdischen Parteien hat. mit der heute stattgefundenen engeren Wähl ein Ende gefunden. Beide Parteien haben gesiegt. Der Kanditat der jüdischen Nationalpartei Vizebürgermeister Weißelberger wurde als Majoritätskanditat mit 4758 Stimmen gewählt. Das; Minoritätsmandat (fiel mit 4669 Stimmen Professor Kellner zu. Der Kandi tat der deutschen Parteien Hofrat Dr. Skedl blieb mit 4285 Stimmen in der Minorität. Für die-am 28 d. stattfindende Wahl hat die „jüdische Nätionalpartei“ folgende Kandidaten aufgestellt: Czernowifz samt Vorstädten: Dr. Sr au eher, Ersatzmann: Dr. Berth. Frucht, In den übrigen Städten: Dr. Neumann W e n d e r, Ersatzmann: Dr. Heinrich Lu pul. In den Landgemeinden: Sigpiund W e i s s g 1 a s. Judenexbesse in Galizien. Aus Galizien, kommen Nachrichten über ernste Judenexzesse; In dem ruthenischen Dorfe Karow, Bezirk Uhnow, wurden die jüdischen Häuser von.ruthenischen Bauern überfallen und. die jüdischen Bewohner mißhandelt. Vier Juden sollen schwer verwundet sein. Die Gendarmeriemannschaft war nicht imstande, die Ruhe und Ordnung wieder herzustellen; es mußte daher aus Rava-Ruska eine Infanteriekompagnie requiriert werden. Zahlreiche rüthenische Bauern wurden verhaftet. Die Angaben über den eigent’ichen Anlaß zu den Ruhestörungen sind widerspruchsvoll. Mit der Wahlagitation scheinen aber die Exzesse nicht im Zusammenhänge zu stehen. Der Hergang der Exzess?. "Lemberg, 251 April. Wie aus Uhnow telegraphiert wird, haben in Karow schon am Samstag die von einigen übelbeleumdeten Individuen ■ verhetzten ruthenischen Bauern die jüdische Einwohnerschaft' mannigfach belästigt und sogar ernstlich bedroht. Nichtsdestoweniger verlief der erste griechisch-katholische Osterfeiertag ruhig. Erst gestern, am zweiten ■ Ostertage, wurden die jüdischen Dorfbewohner'in jeder Weise verfolgt. Zwei jüdische Fleischhauer, die sich auf dem "Wege "vön‘Uhnow’ nach RavarRuskä befanden, wurden in Karow von ruthenischen Feldarbeitern, die in großer Zahl auf der Landstraße sich herümtrieben; überfallen, blutig geschlagen und ihres Geldes beraubt. Die beiden Fleischhauer erstatteten bei dem nächsten Gendarmeriepostenkommando hievon die Anzeige, worauf sich die Gendarmerie aufTlen Tatort begab und dort die strafgerichtlichen Erhebungen einleitete. Als die Gendarmerie zur Verhaftung einzelner Bauern schreiten wollte, erhob sich ein furchtbarer Lärm, und die Bauern stellten sich den Gendarmen gegenüber. Die Gendarmerie wurde durch die Bauernmenge in ttre- Enge-geii ieben. -Die - Exzesse.- - nahmen einen ernsten Charakter an.-. Der Uhnower Rabbiner^ der gerade mit seinem Wagen dazu kam, wurde ebenfalls angegriffen und. der Wagenlenker wurde halbtot geschlagen] Die jüdische Bevölkerung wagte sich nicht aus ihren Wohnungen heraus. Erst gegen Abend gelanges, die Ruhe wieder h’erzüstellen. Nach Ein-, langen des Militärs wurden 29 Bauern verhaftet , und nach Rava-Ruska überführt. Die strafgerichtliche Untersuchung ist eingeleitet worden. . Lemberg, 26. April. Aus Uhnow wird berichtet, daß es dank der energischen. Anordnungen des aus Rawa-Ruska eingetroffenen Be- 'zirkskommissärs Lysakowski gelungen sei, in Karow die Ruhe teilweise wieder herzustellen. Die Lage hat sich in Karow Sonntag abends; beim Eintreffen zweier jüdischer. Fleischhauer aus Uhnow verschärft. Die ruthenischen Bauern überfielen die Fleischhauer, von denen einer, durch Schläge am Kopfe schwer verwundet wurde, und b emäChtigten sich des Fuhrwerkes; derselben. Infolge der erstatteten Anzeige kamen Montag Gendarmen nach' Karow. Die -Bauern strömten von allen Seiten des Dorfes .herhei und nahmen eine drohende Haltung ein. Sie verweigerten die Herausgabe des geraubten Wagens ,und des Pferdes. Auch stellten sie. der Verhaftung der Urheber des Ueberfalles Widerstand entgegen. Es" wurden nun Gendarmen des nächsten Postenkommandos zu Hjlfe gerufen. Allein es konnte auchdann gegenüber der. großen Bauernmenge nichts ’ ausgerichtet werden. Die aufgehetzten Bauern stürzten sich auf die jüdischen Ortsbewohner und mißhandelten mehrere derselben. Den Uhnower Rabbiner, dessen die Exzedenten auf der Landstraße ansichtig wurden,' zwangen ‘die Bauern gewaltsam, den Wagen zu verlassen. Die Aufforderung der Gendarmen, auseinanderzugehen, blieb unbeachtet. Die Menge johlte und schrie unablässig und griff die Gendarmen an. Der Rabbiner k onnte sich mittlerweile in Sicherheit bringen. "Afuf telegraphische-Requisition?,traf-eine Tnfonteriekompagnie aus Rawa-Ruska ein, .worauf die Verhaftung der Rädelsführer der Exzesse durchgeführt werden konnte. 24 ’ derselben mit dem Ortsvorsteher an der Spitze wurden dem Strafgerichte in Uhnow eingeliefert. Die Ursachen der Exzesse. Lemberg, 26. April. „Wiek Nowy“ . meldet aus Uhnow, daß in der Ortschaft Karow seit längerer Zeit zwei rüthenische Parteien gegeneinander feindlich auftraten. Die letzten Exzesse sind jedoch nicht äüf diese Gegensätze, sondern auf den durch die Osterstimmung genährten Haß gegen die Juden der Umgebungzurückzuführen. Schon vor einigen Tagen wurde eine Jüdin mißhandelt, die den Verletzungen erlegen ist. Sodann hatten die Bauern, unter denen die Assentpf ichtigen eine besondere Rauflust bekundeten, an zwei Juden ihr Mütchen gekühlt. Schließlich wurden am Sonntag zwei jüdische Fleischhauer aus Uhnow überfallen, geschlagen und ihrer aus 30 K. bestehenden Barschaft beraubt, ln Uhnow^ wo im Jahre 1902 anläßlich eines Brandes schwere Ausschreitungengegen Cie ,üdi che Einwohnerschaft statgefunden hatten, riefen die Karower Vorkommnisse unter der jüdischen Bevö’kerung große Beunruhigunghervor. Gendarmen wurden nach Karow zur Amtshandlung entsendet. Die durch Trompetenschall alarmierten Bauern stellten sich aber den Gendarmen drohend entgegen und bewarfen sie mit Steinen, swobei sie trotzig erklärten, daß sie die Inhaftnahme der Rädelsführer unter keinen Umständen zulassen: werden.. Es kam zu tumultuarischen Szenen. Als die Menge des vorüberfahrenden Uhnower Rabbiners Rokach ansichtig wurde, begann sie erst recht zu exzedieren. Der Rabbiner wurde vom Wagen gezerrt, sein Wagenlenker fiel unter den Schlägen der Bauern besinnungslos zu Boden. Die Exzedenten stoben nun, da sie den Mann getötet zu haben glaubten, auseinander. Unter Intervention des Militärs wurden 23 Exzedenten» darunter 8 Assentpflichtige, festgenommen. Jn Uhnow zeigten sich infolge dieser Vorgänge die Ruthenen sehr erregt. Gerade jetzt halten sich dort Zwei ukrainische Studenten auf, die sich im Lemberger Prozeß wegen der Universiattsunruhen als Angeklagte zu verantworten haben. Der Bezirkshäuptmann von Rawa-Ruska und der -von der Statthaltern entsendete Höfrat. Zimny bemühten sich, die Bevölkerung von Uhnow zu beruhigen. Es wurden auch Vorkehrungen getroffen, um eine Wiederholung der Exzesse zu verhindern.

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