Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 12 (24.3.1911)
- Date
- 1911-03-24
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 12 das freie Recht jedes Bürgers, das auch tatsächlich von vielen in Anspruch genommen wird. Demzufolge kann der Uebertritt weder strafbar noch eine solche Handlung sein, die verachtungswürdig ist. Es kann daher die Behauptung, daß sich jemand getauft hat, keine Beleidigung, viel weniger Verleumdung sein, auch in jenem Falle nicht, wo dies, wie jetzt, mit materiellem Nachteil für den Betreffenden verbunden ist.“ Die deutsche Regierung und der Zionismus. Unter dieser Uebersdirift berichtet Melam e d in der „H a z e f i r a h“ über eine Unterredung, die er dieser Tage mit Prof. Ludwig Stein hatte, der Beziehungen zu deutschen Regierungskreisen, deutscher Diplomatie, insbesondere zu Fürst Bülow hat. ln dieser Unterredung gab Stein [der immer a’s Antizionist bekannt war] seiner Besorgnis Ausdruck um die Juden des Ostens, für die es seiner Ansicht nach keinen anderen Ausweg gebe, als daß sich eine große Zahl von ihnen im nahen Orient, d. h. in der Türkei ansiedeln. Stein hat mehrmals mit Bülow über den Zionismus gesprochen und stets von diesem gehört, daß er eine Ansiedlung der Juden in der Türkei, besonders längs der anatolischen Bahn, wünsche, da dies sowohl den Juden als auch der deutschen Regierung großen Nutzen bringen würde. Gegen den Zionismus habe Bülow nichts. Er schätze die ökonomischen Kräfte der östlichen Juden und ihre Eigenschaften .Da Deutschland ökonomische und politische Renaissance der Türkei wünsche, könne es nicht gegen den Zionismus sein. Auch das Wohlwollen Kaiser Wilhelms für den Zionismus sei nie gewichen. Auch Marschall von Biberstein, der gegenwärtige deutsche Botschafter in jder Türkei, habe stets die Bestrebungen zur Ansiedlung der Juden in der Türkei unterstützt. Das Gleiche habe in einem Falle die Deutsche Bank getan, um sich dadurch eine Einflußsphäre durch die tüchtigen Juden zu schaffen.' Professor Stein erlaubte Melamed, öffentlich zu erklären, daß Marschall von Biberstein sich im offiziellen Aufträge mit der Frage der Ansiedlung .östlicher Juden in der Türkei befaßt habe und im Namen seiner Regierung offiziellen Bescheid Leuten, die sich deswegen an ihn gewandt, erteilt habe. Marschall von Biberstein sei im übrigen [beeinflußt durch einen jüdischen Arzt in Frankfurt a. M.] ein großer Judenfreund, der gern den Juden behilflich sein wolle. Antisemitisches aus — Indien. Aach im Lande der Hindu geht’s los! Die Engländer haben den Eingeborenen den Hungertyphus beschert, nunmehr wollen sie sie auch der kulturellen Segnungen des Antisemitismus teilhaftig machen Wie „Jewish Chronicle“ berichtet, hatten die Juden in Kalkutta (Indien) seit dem Jahre 1880 sämtliche Rechte. Jüd.scbe Kinder wurden zu allen Schulen zugelassen und genossen auch als Stipendisten dies Iben l; echte wie die anderen Schüler Nun erschien ein Erlass des Sch ulinspektors über die europäischen Schalen in Kalkutta, der eine Beschränkung in der Zulassung jüdischer Kinder zn den Prüfungen nnd den dtmit verbundenen Stipendien enthält. Der Protest der jüdischen Eltern blieb frnchtslos und hatte nur den Erfolg, dass der Seliulinspektor Hallward der Regierung von Bengalen einen Gesetzentwurf unterbreitete, wonach die jüdischen Kinder überhaupt von allen Prüfungen ausgeschlossen werden, auf Grund welcher die Befreiung vom Schulgelde oder andere Benefizien zugesprochen werden. Die bösen Wiener Zionisten. Man möchte nicht glauben, was die Bosheit dieser Leute alles verschuldet. Anläßlich einer Judendebatte im türkischen Parlamente hat ■ der Großvezier Hakki Pascha einige abfällige Bemerkungen über die zionistischen Bestrebungen gemacht. Diese Haltung des türkischen Premierministers ist in der Presse des Langen und Breiten besprochen worden, hunderte von Hypothesen wurden konstruiert, um eine plausible Erklärung für die Stellungnahme des Großveziers, welche zum bisherigen Verhalten der ottomanischen Regierung im Gegensätze steht, ausfindig zu machen. Die Lösung der heiklen Frage ist nunmehr endgiltig und definitiv gefunden. Das Rauschen im Blätterwalde ist verstummt, ein weiser, guter Zauberer hat dem reißenden Tintenstrome Einhalt geboten. Der sehr ehren- und liebwerte Rabbiner Dr. Josef Bloch, Herausgeber der „Oesterr. Wochen^ Schrift“, läßt in seinem Organe das Problem in geistreichster Weise lösen. Zunächst w'ird die erstaunliche Tatsache festgestellt, daß die Türkei an Oesterreich grenzt, daß Oesterreich „nun einmal“ der „nächste“ [? [ Nachbar ist, weiters, daß zwischen beiden Reichen „rege“ Beziehungen bestehen. Wenn man ferner bedenkt, so heißt es, daß die Leitung der Wiener Zionisten wiederholt „führende“ Männer -in Wien „durch den Kot geschleift“ hat, so dürfe man sich ' nicht beklagen, daß solche Urteile über die Zionisten aus dem Munde des Großveziers Hakki Paschas kommen!. Einfach großartig! Der Umstand, daß die Wiener Zionisten einige zweifelhafte Persönlichkeiten, die nunmehr um Herrn Dr. Bloch versammelt sind und dessen Blatt mit Ausfällen gegen die Partei versorgen, abge-, schüttelt haben, hat im türkischen Parlament Mißstimmung gegen die zionistische Weltbewegung hervorgerufen. Höher geht’s nimmer! Uebrigens können wir unseren Lesern auch mit einigen erschütternden Nachrichten dienen: Trapezunt [Orig.-Bericht]. Die Haltung der Wiener Zionisten anläßlich der letzten Kultuswahlen hat in den weitesten Kreisen der Bevölkerung lebhaften Unwillen erregt, der auf das „nächstgelegene“ Persien überzugreifen droht. Es hat sich ein Komitee aus angesehenen Bürgern gebildet, Welches die vorbereitenden Schritte ■. zur Vernichtung des Wiener Zionismus einzuleiten und eine Sammlung behufs Subventionierung der „Bloch’schen Wochenschrift“ zu veranstalten hat. Namhafte Spenden sind bereits eingelaufen: Hakki Paschü, Großvezier in Konstantinopel, Kronen 10, Kara Mustafa, in Firma Mustafa und Sohn, Wirkwaren, Kronen S, ein Anonymus aus Mekka Kronen 2.50. Yemen [Arabien, Orig.-Telegramm]. Gestern fand hier eine zahlreich besuchte Versammlung fortschrittlicher Beduinen statt. Nach einem eingehenden Referate des Sekretärs der „Arabisch-moslemitischeri''Union“, wurde den Wiener Zionisten wegen ihrer unaufhörlichen Angriffe aut Herrn Dr. Bloch und seine Mitarbeiter das Mißtrauen ausgesprochen. Der Humorist von Suczawa. Ein Freund des Professors Kellner hat mich jüngst in einem Bukowinacr Witzblatt folgender- * maßen vernichtet: »Erst war erBlöda, dann Bleda, daraus wurde Beda, und der sitzt jetzt blöd da!< Nun weiß ein jeder, was ich bin, Jetzt bin ich ruiniert! Der Humorist von Suczawa,, Er hat mich demaskiert! Der Humorist von Suczawa Verstehet keinen Spaß, / Und wenn es ihm Parnoße bringt, Besteigt er den Parnaß! Der Humorist von Suczawa Hat Geist und Energie, Und was er faßt, ist abgetan — Auch die Orthographie! O Humorist von Suczawa, Wie rührend ist dein Fleiß: Sogar ein jeder Vers-Fuß trieft Von penetrantem Schweiß! Der Humorist von Suczawa Ist wohlgelaunt und lacht; Doch — wenn die Dummheit schmerzhaft war’, Er weinte Tag und Nacht!. O Humorist von Suczawa, Schau’, mach’ dir nichts daraus: Geknickt zu werden ist das Los Der Lilie wie der Laus! Beda Gesinnungsgenossen! - Nach langjährigen prinzipiellen Kämpfen hat sich innerhalb unserer Bewegung allmählich die Ueberzeügung durchgerungen, daß die zionistische Organisation als eines der wichtigsten Mit- ■ tel zur Erreichung des Endzieles diejenigen Institutionen schaffen muß, welche nötig sind, um die praktische Kolonisation in Palästina ins Werk zu setzen. Der jüdische Nationalfonds, der dazu bestimmt ist, Boden in Palästina zu erwerben und jhn im dauernden Volkseigentum zu erhalten, ist eine dieser Institutionen. Seine Popularität und damit seine Spendeneingänge sind seit der Verbreitung jener Erkenntnis gewaltig gestiegen. Aber es genügt nicht, den Boden als Eigentum des ‘-jüdischen Volkes zu kaufen, denn kapitalkräftige jüdische Pächter gibt es nicht in Palästina. Der Boden muß bewirtschaftet werden, jüdische Arbeiter müssen auf den zu schaffenden Nationalfondsgütern ausgebildet und zu späterer . Selbständigkeit befähigt werden. Ferner ist es nötig,' für Juden, welche einiges Kapital besitzen und nach Palästina übersiedeln wollen, wirtschaftsfähige Parzellen zu schaffen. Zu diesem Zwecke wurde die P a 1 e s t i n e Land Development Co. [P. L. D. C.] ins Leben gerufen, eine Aktiengesellschaft mit 50.000 Aktien zu ein Pfund. Die P. L. D. C. hat sofort nach ' ihrer Konstituierung den bis dahin nicht von Juden bewirtschafteten Nationalfondsgruhd am Tiberiassee gepachtet, bepflanzt und eine Musterfarm mit jüdischen Arbeitern [Kinereth] darauf geschaffen, deren landwirtschaftliche Leistungen yon den maßgebenden Fachleuten einstimmig an* erkannt werden. Ferner hat sie schon nach Ablauf eines Jahres eine auf Körnerbau beruhende Genossenschaft von Arbeitern mit bestem Erfolg als Pächter in Kinereth selbständig machen können, ln diesem Jahre hat die P. L. D. C. eine zweite, auf Gemüsebau basierende Arbeitergenossenschaft organisiert. Dieser Versuch bedeutet einen neuen, aussichtsreichen Weg zur Selbständigmachung jüdischer Arbeiter in Palästina. Außerdem hat sie eine Baumschule für Pflanzmaterial angelegt, sowie für Rechnung privater Interessenten mehrere Grundkäufe abgewickelt und ist gegenwärtig mit der Einrichtung privater Plantagen beschäftigt. Dieser kurze Ueberblick über ihre bisherige Tätigkeit gibt ein klares Bild dessen, was die P. L. D. C. im Rahmen unserer Arbeit bedeutet: Sie ist jene Institution, welche die praktische Kolonisat.ionsarbeit für'' besitzende und besitzlose Schichten der Juden heit durchführt. Angesichts der eminenten Wichtigkeit der P. L. VD. C. für unsere Sache ist es betrübend zu sehen, daß das Verständnis für die überragende Bedeulung dieser Institution noch wenig verbreitet ist. Es handelt sich nicht um Spenden, sondern um Beteiligung an einem Erwerbsunternehmen, dessen Kapital in wertvollem Boden und Pflanzungen investiert 'wird, und das aller Voraussicht nach eine gute Verzinsung abwerfen wird. Jede Aktie der P. L. D. C., die verkauft wird, bedeutet einen Schritt weiter in der tatsächlichen Besitznahme des Bodens in Palästina durch jüdische Arbeit. Gesinnungsgenossen 1 Das einzige tragfähige Fundament für den Wiederaufbau eines normalen jüdischen Volkslebens bildet ein zahlreicher Stand jüdischer Landbauer in Palästina. Die P. L. D. C. ist jene Institution, Welche dieses Fundament zu errichten imstande ist. Wenn jeder ideal gesinnte Jude einen kleinen Teil seiner Ersparnisse dieser (wichtigsten. Arbeit für die Zukunft des jüdischen Volkes widmet, wird die jüdische Kolonisation in Palästina in kurzer Zeit in ungeahnterWeise aufblühen. Mit Zionsgruß! Palästina-Ressort der zionistischen Organisation. Prof. Dr. O. W ä r b u r g. Einlagen auf Büoiiel 01 Io An* und Verkauf von Wertpapieren. Börsenordres. Darlehen auf Wertpapiere. Wechsel-Eskompte. O Versicherung gegen Kursverlust. Safes der besten Konstruktion. WIENER FILIALE DER Zivnostenska banka PRO CECHY A M0RAVU WIEN, I. Herrengasse Nr. 12. Aktienkapital K 60,000.000. V. Reserve- und Slcherstellungsfonds rund K 16,000.000 Zentrale in Prag, gegr. 1868. 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