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Jüdische Zeitung · 1911-03-03 · 9 (3.3.1911) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
9 (3.3.1911)
Date
1911-03-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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□REflN Erscheint wöchentlich.—Redaktion, Administration und Inseratenaufnahmei IX., Li echte nste in Straße 11, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich von 11—121 Uhr vormittags und 4- -5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werde» nicht zurückgestellt — Abonnementspreise : Für Österreich-Ungarn: Ganzjähr. K10.—, halbjähr. K5.—, vierteljähr. K 3.—. Für Deutschland; Ganijähr. Mk. 10—, halbjähr. ivlk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104067. Nr. 9. Wien, Freitag den 3. März 1911. V- Jahrgang. AUS DEM INHALTE. -Juden und Tschechen als Opfer preußischer Despotie. Und Kuranda spricht. Pest und Pogrom. Ein interessanter Prozeß., Kleinkolonisation in den Kolonien. Zur Schärtker frage. Versammlung des „jüdischen Nationalvereines“. Getaufte Rothschilds. , Aus dem jüdischen Leben. Parteinachrichten. Vereins- und Versammlungsnachrichten. Ueberläufer. Die Juden und Tschechen als Opfer preussischer Despotie. Die jüdische Modistin W., welche in einem Wiener Atelier arbeitete, wurde vor wenigen Monaten von einem B reslauer Modeetablissement als Direktrice engagiert. Die junge Österreicherin trat den Posten an, arbeitete einige Wochen zur vollsten Zufriedenheit ihrer Firma und ging völlig in Ihrem Berufe auf. Vor-wenigen Tagen erscheinen preußische Polizeibeamte bei ihr und.überbringen ihr die Weisung, daß sie sofort das preußische S taats gebiet zu verlas sen habe. Das Mädchen hat'niemanden etwas zuleide getan, ist völlig in seinem schweren Berufe aufgegangen, hat sich nie politi sch b etätigt, seine schwachen Hände haben ausschließlich . Nadel und Schere geführt und nie an den Grundsäulen des heiligen Preußenstaates gerüttelt Und doch wird , die Ärmste wie ein räudiges Tier fortgejagt, ihrer Existenz beraubt. Und der Grund dieses feigen und rohen Vorgehens gegen ein wehrloses Weib, das ruhig und fleißig seinem Berufe nachgeht? Oie preussische Regierung duldet keine österreichischen Juden im Lande, sic jagt sie ohne weitere Begründung über die Grenzen. Die Fälle unbegründeter Ausweisungen österreichischer Staatsangehöriger jüdischer Abkunft häufen sicji erschreckend. Erst in der letzten Nummer der rJüd. Ztg.“ wurde über einen besonders krassen Fall berichtet und außerdem ein Regierungserlaß zitiert, aus welchem hervorgeht, daß in Hinkunft überhaupt kein österreichischer Jude in Preußen ansässig werden kann. Weder Bildung noch Fleiß und Unbescholtenheit schützen vor dem Hinauswurf. Preußen, das sich meinen Kulturstaat nennt, geht rücksichtslose^ und intoleranter vor als Rußland und Rumänien. Mit der Chikanierung österreichischer Juden begnügt sich die preußische Regierung aber nicht, sie geht auch den Tschechen an den Leib. Das jüngste Produkt preußischer Regierungsweisheit bildet nachstehender Erlaß: 1. Die im Jahre 1910 aus dem Ausland neu zugezogenen tschechischen Handwerksgesellen und Lehrlinge müssen bis spätestens 1. Dezember 1911 in ihre Heimat zurückkehren. Den übrigen tschechischen Handwerksgesellen und Lehrlingen kann der weitere Aufenthält im Inland bis auf | Widerruf gestattet werden, solange sie „sich j nicht persönlich lästig machen. 2. Die in den Jahren 1909 und 1910 zugezogenen tschechischen Arbeiter haben bis spätestens 20. Dezeftiber 1911 das Inland zu verlassen. 'Ihre etwaige Wiederanstellung ist nicht vor dem 1. Februar 1912 und nur in den für sie freigegebenen Betrieben und bei Arbeitgebern gestattet, die die hiezu erforderliche Genehmiguiig des zuständigen Landrates für das. betreffende Jahr erhalten haben. Die vor dem Jahre 1909 zugezogenen tschechischen Arbeiter - dürfen vorläufig weiter im Inland bleiben. Diese neuen Bestimmungen sollen künftighin unnachsichtlich durchgeführt Werden. Aus ihrer Heimat neu zuziehende tschechische Handwerker sind fortan nicht mehr anzustellen. Gleichwie bei deri Juden geht also die preußische Regieruhg auch bezüglich der Tschechen von dem Gebrauche ab, fallweise einzelne Individuen auszuweisen und beschließt einfach: die Ächtung eines ganzen österreichischen Volksstamm e s. Preußen ist der Bundesgenosse Österreichs! Nichtsdestoweniger werden österreichische Staatsbürgerwie pestverdächtiges Vieh behandelt! Der Übenhüt der preußischen Junker hat da den Gipfelpunkt erklommen. Für solch säubere Waffenbrüder sollen jüdische und tschechische Soldaten des österreichischen Heeres im Falle der Gefahr ihr Blut verspritzen. Schon oft wurde unsere Regierung angegangen, den preußischen Gewaltsmenschen das Handwerk zu legen und die Respektierung der Rechte österreichischer Staatsbürger in Preußen zu erzwingen. Aber der Minister des Äußeren Ährent h a I hat sich immer scheu um die Frage gedrückt, wenns hoch ging, schüchtern „interveniert“. Vor den Delegationen hat er erst jüngst das beschämende Bekenntnis abgelegt, daß er wohl in vielen Fällen, in denen es sich um die Vertreibung durchwegs unbescholtener Österreicher handelte, bei der deutschen Regierung vorstellig wurde, aber nur „einige“ günstige Resultate erzielen konnte. , Die Zeit des „Intervenierens“ und der zarten „Vorstellungen“ wird bald vorüber sein. Die letzten Streiche unseres »preußischen „Bundesgenossen“ werden zur Folge haben, daß statt leisetreterischer Diplomaten das beschimpfte und in seinen Gefühlen arg verletzte österreichische Volk in Aktion treten wird. Die sachten Einwendungen und höflich gehaltenen Noten der österreichischen Behörden hat der Preuße ignoriert, den Schreider empörten österreichischen Volksstämme wird er Beachtung schenken müssen. Und Kuranda sprach: Der Abgeordnete vom Kai hat nach langer Zeit wieder ein Lebenszeichen .von sich gegeben. In einer Sitzung des liberalen „Donauklubs“ hat er in einem Vortrage die Frage des Zeitavancements der Staatsbeamten erörtert. So nüchtern und trocken dieses Thema ist, hat der geschickte Volkstribun vom Salzgries es doch verstanden, einen Sturm der Empörung zu entfesseln und den vielen Blamagen der liberalen Partei noch eine saftige hinzuzufügen. Er hat sich dagegen ausgesprochen, daß den Staatsbeamten das Recht auf Erreichung eines bestimmten Einkommens zu gegewähren sei, weil damit „die Faulheit und Indolenz“ gezüchtet wird! Das österreichische Beamtenelend ist sprichwörtlich. Alle Parteien, selbst die Konservativen, erkennen heute die Berechtigung der Forderung nach einem Zeitavancement an. Dem Herrn Kuranda, der, notabene, pensionierter Ministerialrat ist, blieb es Vorbehalten, dagegen zu wettern, daß einem Manne, der Mittel- und Hochschule absolviert hat, nach zwanzig jährigem Staatsdienste das horrende Jahresgehalt von sage und schreibe 4000—5000 Kronen garantiert wird. Natürlich haben diese Aeußerungen des „Volksmannes“ Kuranda einen Entrüstungssturm entfesselt. Kuranda hat sich hinter einer geschraubten Erklärung in der „N. Fr. Pr.“, die nur leere Phrasen, enthält, ohne Erfolg zu verschanzen versucht. Die Liberalen im allgemeinen und die Juden im besonderen können sich jetzt bei Ku- ' randa beranken. Die liberale Partei steht ja so wie so im Rufe der Rückständigkeit und Volksfremdheit. Kuranda hat diesen Ruf auf lange Zeit hinaus gefestigt und die große' Masse der Beamten seiner Partei endgiltig entfremdet. Vermehrter Zulauf von Beamten zu den antisemitischen Parteien wird die nächste Folge der Beredsamkeit Kurandas sein. Speziell aber die j üdischen Beamten werden dem Abgeordneten vom Kai besonders dankbar sein müssen. Das Zeitavancement schützt den jüdischen Beamten einigermaßen vor Zurücksetzung und Verfolgung seitens antisemitischer Vorgesetzter. Aber Kuranda, der famose Judenvertreter, will vom Zeitavancement nichts, wissen! Pest und Pogrom» Das europäische Rußland rüstet sich zum Empfange der Pest, welche bereits an den Grenzen wütet. Allerdings nicht wie das in anderen Staaten Brauch ist, durch Anordnung sanitärer Maßregeln, sondern durch Vorbereitung von Judenhetzen. Das giftige Märchen aus dem finsteren, deutschen Mittelalter, nach welchem die Juden die Verbreiter der Epidemie sind, lebt dank der Bemühungen der Schergen des Pogromzaren wieder auf. Die pflichtgetreuesten, mutigsten Bekämpfer der Seuche sind laut Aussage der kaiserlichen Sanitätskommission, die gewiß nicht judenfreundlich ist, die jüdischen Aerzte; das von den jüdischen Aerzten Doktor C h a w k i n und H i 11 e r s o h n gefundene und unter Lebensgefahr erprobte Serum wird überall verwendet. Das alles aber hindert nicht, daß die Regierung mit allen Mitteln der Verhetzung arbeitet, um bei den Massen einen rasenden Durst nach. Judenblut zu erzeugen. Die nachstehenden, dem Regierungsorgane „R u s s k o j e Znamja“ entnommenen Ausführungen illustrieren die Gewissenlosigkeit, Verlogenheit und den tierischen Judenhaß der russischen Behörden : „Daß die Pest auf künstliche Weise gezüchtet und verbreitet wird,- ist klar wie die Sonne. Die Juden haben es schon vor-

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