Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 8 (24.2.1911)
- Date
- 1911-02-24
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Nr. B Viertels, wie folgt zu benennen: JehudaHalevy-, Lilienblum-, Achad Haäm- und Haschachar- Straße. Vom Antisemitismus der Pariser Studenten, pie Hörer der Rechte an der Pariser Universität haben am 1. Februar den Professor des bürgerlichen Rechts, Wahl, verhindert; seinen Vortrag zu halten, und sich nicht damit begnügt, ihn aus der Fakultät zu vertreiben, sondern ihm auch fioch vor seiner Wohnung eine wüste Katzenmusik dargebracht, der die Polizei durch einen Angriff auf die Lärmmacher und die Verhaftung ihrer Rädelsführer ein Ende machen mußte. Als Erklärung für die Demonstration gaben die Studenten an, Professor Wahl sei ein zu strenger Prüfer und habe sich eines Lehrstuhles vollkommen bemächtigt, in den früher zwei Professoren sich teilten. Das sind indes nur Vorwände. Der wirkliche Grund ist kein anderer als die Tatsache, daß Professor Wahl ' (Jude ist. Die Studenten erklären, daß sie •ihre Kundgebungen fortsetzen werden, bis sie klie Entfernung Wahls aus der Fakultät durchj .gesetzt haben. Der Handwerkerkongreß, in Petersburg und :die Juden. Aus Petersburg schreibt man: Nachdem die Regierung seinerzeit die Erlaubnis zur ■Abhaltung einer Konferenz jüdischer Handwerker mit dem Hinweis auf den bevorstehenden allgemeinen Handwerkerkongreß, wo die jüdischen Handwerker auch ihre speziellen jüdischen Interessen würden vertreten können, abgelehnt hatte, sah -man sich in nun in jüdischen Handwerker- -kreisen veranlaßt, an dem allgemeinen Handwerkerkongreß teilzunehmen. Nach großen Schwieregkeiten gelang es, für die jüdischen Kongreßdelegierten das Aufenthaltsrecht in Petersburg für die Dauer des Kongresses, freilich unter recht lästigen und umständlichen Bedingungen, zu erwirken. Und so nehmen denn an dem gegenwärtig in Petersburg tagenden Kongresse zirka 75 jüdische Delegierte aus verschiedenen Städten des Ansiedlungsrayons teil. — Der Kongreß hatte bereits wiederholt Gelegenheit, jüdische Angelegenheiten zu berühren. SO wurde von den Vertretern verschiedener russischer Handwerkergruppen im Interesse einer freien Entwicklung des Hand- 'Werks die Aufhebung des jüdischen Ansiedlungsrayons verlangt. Diese Forderung rief natürlich stürmischen Protest eines Teiles der Kongreßteilnehmer hervor. Auf der Tagesordnung des Kongresses steht :u. a. auch die Frage der Sonntagsruhe. Das vorbereitende Komitee beantragt diesbezüglich die Aufrechterhaltung des Status quo, wonach der Sonntag als offizieller Ruhetag gilt, den kommunalen Selbstverwaltungsbehörden aber das Recht zusteht, den lokalen Verhältnissen entsprechend eventuell einen anderen Ruhetag als den Sonntag festzusetzen. Hingegen fordert die Warschauer Sektion der russischen Handelsgesellschaft die absolute Sonntagsruhe. Es fehlt auch nicht an Anträgen, die direkt gegen die Interessen der jüdischen Handwerker gerichtet sind. So verlangte ein Petersburger Delegierter das absolute Wohnverbot für jüdische -Handwerker in Stadt und Gouvernement Petersburg, ähnlich wie dies in Moskau der Fall ist. Die Vertreter der Handwerksorganisation der Stadt Tula gehen einen Schritt weiter und verlangen ein ähnliches Verbot für das gesamte Innerrußland. Ein jüdisches Polytechnikum in Wilna. Die geplante Gründung eines Polytechnikums für .jügische Hörer in Wilna hat in den Kreisen der .„Rechten“ großen Unwillen hervcrgerufen. Die „Semschtschina“ brachte zu dieser Frage einen geharnischten Artikel, in welchem sie zu beweisen sucht, daß ein jüdisches Polytechnikum für Rußland und das russische Volk von größter 'Gefahr werden könnte. Die Zeitung fordert die Regierung auf, um keinen Preis die Erlaubnis zur Gründung einer solchen Anstalt zu geben. Tolstoi in hebräischer Uebersetzung. Aus Wilna wird gemeldet: Der Verlag „Mlsrach U- Maarabh“ [Ost und West] veranstaltet eine hebräische Ausgabe von Tolstois ausgewählten -Schriften in 6 Bänden. Die Uebersetzung wird von den bekannten hebräischen Schriftstellern David Frischmann, J. Ch. Rawnitzki, A. Drujanow und J. D. Berkowitz besorgt. Als Anhang sollen der hebräischen Tolstoi-Ausgabe fünf Monographien beigegeben werden, nämlich: 1. Biographie Tolstois, von J. Ch. Rawnitzki; 2. Tolstoi der Künstler, von Dr. Eljascneff; 3. Tolstoi der Philosoph, von A. M. Boruchow; 4. Tolstoi der Bekenner, von A. Karmely und 5. Tolstoi und sein Verhältnis zum Judentum, ' von. Achad-Haam. Der Ladenpreis der nebräij sehen Tolstoi-Ausgabe wird sich auf 5 Rubel stellen. — Wie die Geschäftsstelle der hebräischen Wochenschrift „Haolam“ mitteilt, ist sie in der Lage, ihren Jahresabonr.enten das Werk als Prämie um die Hälfte des Ladenpreises zu liefern. Der Antisemitismus der Polen in Rußalnd. Das „Berliner Tagblatt“ bringt mit Rücksicht auf die jüngst erfolgten Abstimmungen in der Duma, Ausführungen, welche die judenfeindliche Haltung der russischen Polen grell beleuchten. Das der Unterkommissi&n der Duma vorgelegte Regierungsprojekt hat für die städtische Selbstverwaltung in Polen nationale Kurien mit „unproportioneller“ Vertreterzahl vorgeschlagen. Dannach sollen die Juden selbst injenen Städten, wo sie sich in der Mehrzahl befinden, nicht mehr wie 20 Prozent, dort, wo sie die die Minderheit der Bevölkerung ausmachen, nicht mehr als 10 Prozent der Stadträte stellen. Die ungeheure Ungerechtigkeit, die in diesem Vorschlag liegt, wird klar, wenn man bedenkt, daß die Juden in Polen 14,05 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen [1,753.000], hauptsächlich aber in .den Städten wohnen. So schwankt das Verhältnis innerhalb der städtischen Bevölkerung zwischen 20 Prozent und 85 Prozent, geht durchschnittlich also über 50 Prozent hinaus. In achtzehn Städten sind die Juden die absolute Mehrzahl; vier Zehntel des städtischen Grundeigentums gehört ihnen. Der erwähnte Vorschlag der. Regierung aber, der,allem Gerechtigkeitsempfinden ins Gesicht schlägt, ist in der Unterkommission der Duma mit e 1 f gegen zehn Stimmen angenommen worden, wobei — und das ist der Kernpunkt — die Polen sich der Abstimmung enthielten. Sie sind es also, die das Inslebentreten der unproportionierten Kurien ermöglicht und beschlossen haben. Diese Tat der Polen hat in der ganzen fortschrittlichen Presse Rußlands einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Alle liberalen Wortführer weisen darauf hin, daß ein Volk, das selber unterdrückt ist, und das seine ganzen Hoffnungen immer wieder auf den Appell an den Gerechtigkeitssinn der Menschheit gründet, im eigenen Haus gegenüber dem Schwächeren den Unterdrücker spielt. Die Polen ihrerseits suchen sich durch den Hinweis auf die kulturelle Eigenart der Juden zu verteidigen, die eine Gefahr für das Polentum bedeute. Sie weisen hin auf die stark verbreitete Jargonpresse und auf die fünf 'Jargontheater, die im Gegensatz zu polnischen Bühnen sich blühenden Lebens erfreuen. Ja, sie klagen — weil es ihnen so paßt und in Petersburg gern gehört wird — den Jargon an, daß er bewußt und unbewußt eine germanisierende Rolle spiele und preußischen Okkupationsgelüsten — dieser Spuk ist immer vorhanden — gefährlich vorarbeite. Die gesamte polnische Presse propagiert jetzt den Antisemitismus in seiner brutalsten Form, Männer mit literarischem Namen, wie Prus, Swientochowski, Niemojewski scheuen sich nicht, den politischen, ökonomischen und sozialen Boykott der Juden zu proklamieren. Es läßt sich überhaupt nicht verkennen, daß die gesamte Politik der polnischen Dumavertretung sich in der letzten Zeit nach rechts wendet, und daß sie nicht abgeneigt sind, mit der russischen Reaktion, von der sie in der gegenwärtigen politischen Konstellation Vorteil erhoffen, zu liebäugeln. Dies würde sich freilich schließlich als ein grausamer politischer Irrtum heraussteilen, und es dürfte nicht allzu lange dauern, bis sich bei den Polen die Reue darüber einstellt, zu Gesetzen, die eine Verleugnung aller liberalen Prinzipien darstellen, mitgeholfen zu haben. Büdierfdiau. Die Palästina - Literatur. Eine internationale - Bibliographie in systematischer Anordnung mit Autoren- und Sachregister. Unter Mitwirkung von Herrn, v. Criegern, Rieh. Hartmann, Sam. Rappaport, Christ. O. Thomsen, Wilh. Zeitlin, bearbeitet und mit Unterstützung verschiedener Vereine herausgegeben von Peter Thomsen. 2. Band: Die Literatur der Jahre 1905—1909. Leipzig 1911. J. C. Hinrichs’sche Buchhandlung. XX, 316 Seiten. Preis M. 8.—; M. 9.— [Bd. I: M. 5.—, geb. M. 6.—.] Der Band verzeichnet für die fünf Jahre unter 3755 Nummern Igegen 2915 Nummern für die zehn Jahre 1895—1904] sämtliche in- und ausländischen Bücher, Zeitschriften, Zeitschriftenaufsätze, Rezensionen, buchhändlerische Anzeigen usw., die irgendwie Palästina betreffen. Die Literatur ist in außerordentlicher Vollständigkeit gesammelt auch für Gebiete, für die bisher alle bibliographischen Hilfsmittel fehlten [z. B. Zionismus, hebräische Drucke aus Palästina]. Titel in weniger bekannten Sprachen [wie russisch] sind neben der Urschrift auch in Uebersetzung gegeben. Ein sehr sorgfältig gearbeitetes Register von zirka 4000 Stichwörtern, das Verfasser, Personen, Sachen, Orte, Bibliotheken und Handschriften aufführt, wird bei allen Fragen den Reichtum der Sammlung sofort erschließen. Jüdisches Vereins - Liederbuch, herausgegeben vom Ausschuß der jüdischen Turnerschaft* 111. Auflage, Berlin, Alexanderstraße 39, 1911. Preis K 1.—. Die neue Auflage des Liederbuches weist gegenüber den früheren eine bedeutende Vermehrung allgemeiner Lieder und, was besonders lobenswert hervorzuheben ist, eine Zunahme an jüdischen und hebräischen Liedern auf. Das Büchlein, das bei allen jüdischen Veranstaltunj gen ein unentbehrlicher Behelf geworden ist, wird sich auch in seiner neuen Gestalt viele Freunde erwerben. a. Palästina, Monatsschrift für die Erschließung Palästinas [Wien, IX., Türkenstr. 9]. Sonderheft P.L.D.C. Das jüngste Doppelheft der Zeitschrift „P a- 1 ä s t i n a“, ist einem zionistischen Kolonisationsunternehmen, der Landentwicklungsgesellschaft [Palestine Land Developement Company] gewidmet. Allen Freunden der Palästinasache sei diese ausgezeichnete Sammelschrift zur Lektüre und zu Werbezwecken wärmstens empfohlen. Den Reigen der durchaus gediegenen Arbeiten eröffnet der Herausgeber der Zeitschrift Adolf Böhm, mit einer sachlichen Darlegung über die Bedeutung dieser modernsten und zukunftsfrohesten Palästinaschöpfung des Kongreßzionismus. Dr. J. Thon [Jaffa] schreibt über die landwirtschaftliche Kolonisation in Palästina. Er bekennt mit lobenswerter Offenheit, daß Handel, Industrie und Handwerk im gegenwärtigen Stadium neuen Ansiedlern wenig Aussichten bieten. ■' Dagegen sei die Landwirtschaft noch einer gro-! Ben Ausdehnung fähig. Allerdings sei infolge Ider rechtlichen Hindernisse und des gegenwärtigen Wuchersystems der Bodenerwerb erschwert. Gerade darin liege eben der Segen der P. L. D. C., die den Kauf des Bodens zu vermitteln und fruchttragende Pflanzungen vorzubereiten berufen sei. Gleichzeitig aber biete sie die Möglichkeit, jüdische Arbeiter ins Land zu ziehen und zu tüchtigen Bauern heranzubilden. Dr. Eugen Katz gibt eine anziehende, lebensvolle Schilderung der von der P. L. D. C. gegründeten Musterfarm „K i n e - r e t“, auf welcher bekanntlich der erste Versuch einer jüdischen Arbeitergenossenschaft geglückt ist. Der Agronom A. Aaronsohn [Haisa] legt in einer größeren Studie seine Anschauungen über moderne Kolonisation nieder. Er vertritt die Anschauung, daß man von den Kolonisten nicht die erste Pionierarbeit verlangen darf. Die tastenden Versuche und Enttäuschungen des Beginnens müssen ihnen erspart bleiben. Deshalb begrüßt er die Entstehung und Entwicklung der P. L. D. C. auf das freudigste. Ein instruktiver Bericht über die bisherige Wirksamkeit dieses Institute?, eine grundlegende Arbeit Dr. R u p p i n s über „Anlage von Pflanzungen jn Palästina“, zahlreiche, knappe Palästinanachrichten und viele Illustrationen ergänzen diese trefflich redigierte Schrift, die dauernden Wert besitzt. Sie wird zweifellos der Landentwicklungsgesellschaft viele Freunde und Förderer gewinnen.