Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 4 (27.1.1911)
- Date
- 1911-01-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NHTIDNRL -JUDI5CHE5 ORGAN _■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■ Erscheint wöchentlich.—Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4- -5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Österreich-Ungarn: Ganzjähr. K10.—,halbjähr. K5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland; Ganzjähr.Mk. 10—, halbjähr. Mk. 5.—, vierteljähr. Mk. 3.—. Für dasfübrige GaaG&9G&sG29Gsoc39G39G20GS9 Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—• Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104067. Nr. 4. Wien, Freitag den 27. Jänner 1911. V. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: TaufJuden unter sozialdemokratischem Schutze. Vergewaltigung des Juden bei der Volkszählung. Hock’s Glück und Ende. Der Kampf um die Anerkennung der jüdischen Nationalität. — Eine Reichsgerichtsbeschwerde. Zionistischer, i. 5. Distriktstag. Parteinachrichten. Aus dem jüdischen Leben. Vereins- und Versammlungsnachrichten. Ueberläufer. Taufjuden unter sozialdemokratischem Schutze. Die „Arbeiter-Zeitung“ schreibt: Eine Antitaufliga. Ein jüdischer Parteigenosse schreibt uns: „Heute abends teilte mir ein Verwandter den Inhalt einer Predigt mit, die der Wiener Oberrabbiner Doktor Güdemann im Seitenstettener Tempel gehalten. Es sollte eine Gedenkrede auf seinen Vorgänger J e 11 i n e k sein, aber es wurde hauptsächlich eine Entrüstungspauke über den kürzlich verstorbenen Heidelberger Rechtslehrer Jellinek, der als Sohn des’Wiener Oberrabbiners gewagt habe, sich taufen zu lassen. Nebenbei bemerkt, ist das beiläufig ebenso geschmackvoll, wie wenn Herr Güdemann das Andenken des großen Komponisten Felix Mendelssohn deshalb verketzern wollte, weil dieser entartete Enkel des großen jüdischen Theologen Moses Mendelssohn vom alten Testament nichts mehr wußte. Es soll aber in Zukunft verhindert werden, daß die Men- dellssohns und Jellineks und andere bedeutende Rabbinersprossen nach den Gesetzen ihrer Persönlichkeit leben, statt nach den Erfordernissen alttestamentarischen Ahnenkults, und deshalb klang die leidenschaftliche Beschwerde Güdemanns in eine fanatische Aufforderung aus, eine Antitaufliga zu gründen. Auch mein Verwandter, der sonst ein stiller, vernünftiger Mensch ist, hatte sich in eine Wut hineinreden lassen, und es bedurfte längerer Auseinandersetzungen, um ihn wieder zur Vernunft zu bringen.“ — Der jüdische Klerikalismus ist eben gerade so intolerant, wie es der christliche ist. Auch er will keinen auf seine eigene Fasson selig werden lassen! Die ■ Gewissensfreiheit, die sonst so liberal gepredigt wird, ignorieren diese jüdischen Fanatiker ebenso, wie es die katholischen Eiferer tun. Wenn jemand wagte, eine Antibeschneidungsliga vorzuschlagen, würden sie, in' ihren heiligsten Menschenrechten verletzt, sogleich aufschreien! Aber eine Antitaufliga, die offenbar mit allen Mitteln^ der Zudringlichkeit wie des Zwanges innerlich Abgefallene zum allein seligmachenden Judentum zurückzwingen soll erscheint dem Gruscha von der Seitenstetten gasse durchaus liberal. Gewiß, es gibt Uebertritte aus Geschäftsgründen. Aber es gibt -doch auch eine Religiosität ausQeschäftstüchtigkeit. Eine Gesellschaft zur Stärkung der jüdischen Kirche ist ganz gewiß ein gerade so klerikales Unternehmen wie eine Gesellschaft zur Stärkung der christlichen Gesinnung der Bevölkerung. In welchem Zustand der einzelne vor seinen Gott treten, will, getauft oder beschnitten, das ist Gewissensache jedes einzelnen. Der jüdische Klerikalismus handelt unklug, wenn er sich ebenso herausfordernd gebärdet wie das andere Zelotentum.“ Soweit diese Auslassungen eine Auseinandersetzung zwischen der Redaktion der „Arbeiter-Zeitung“, die zum großen* Teile aus getauften Juden besteht, und dem Oberräbbiner Güdemann bedeuten, sind sie nicht geeignet; unseren Unwillen hervorzurufen. Beide Streitteile stehen in unserer Achtung so ziemlich gleich hoch. Dem Oberrabbiner wird seitens der. „Arbeiter-Zeitung“ herausforderndes Zelotentum, Intoleranz und fanatisches Hetzpfaffentum vorgeworfen. Wenn wir uns daran erinnern, daß Dr. Güdemann wiederholt die Kanzel in den Dienst assimilatorischer Politik gestellt und von geheiligtem, geschätzten Orte aus gegen den jüdischnationalen, zionistischen Gedanken und seine Bekenner geeifert hat, so sehen wir uns nicht veranlaßt, in diesem Punkte seinen Angreifern zu entgegnen. Auch von „Refigiosität aus Geschäftstüchtigkeit“ wird ihm gegenüber in höchst anzüglicher;Weise gesprochen. Auch wir können Herrn Dr. Güdemann, der nur anläßlich der höchsten Feiertage, der höchsten Hochzeiten und höchsten Begräbnisse und nur ‘mit den höchsten Kreisen der jüdischen :Bevölkerung Verbindung sucht, beim besten Willen nicht als „geschäftsuntüchtigen“ Mann bezeichnen. Also: Bezüglich der Person des Wiener Oberrabbmers brauchen sich die , Heitrem .^an:_Jjej;:^^rfxeiterrZsitung“ nicht tf^in "geringsten^Zwäng ^äufzuerlegen, sie können mit ihm nach Belieben umspringen, uns ist's recht. Was jedoch den in dem Artikel behandelten Gegenstand selbst, was die Stellungnahme des sozialdemokratischen Zentralorganes zur Judentaufe betrifft, soll doch ein Wörtlein mitgesprochen werden. Wenn man heute der Judentaufe im Namen des Fortschrittes, der Aufklärung und der Gewissensfreiheit das Wort reden, alle Gegner der getauften Juden als Finsterlinge und religiöse Fanatiker hinstellen, die Taufe heute als einen freien Glaubensakt bezeichnen will, vor welchem die Kritik respektvoll verstummen muß, so ist das, gelinde gesagt, eine Unverfrorenheit. Naiv behauptet der Artikelschreiber, daß sich ja mancher „auch“ aus geschäftlichen Gründen, d. h. auf materielle und soziale Vorteile rechnend, taufen läßt, daß es aber Privatsache sei, ob man getauft oder beschnitten vor seinen Gott treten wolle. Köstlich, wenn man bedenkt, daß sich1 hinter dem Wörtchen „auch“ zirka 100 Prozent bescheiden verbergen. Von verschwindenden Ausnahmen — das Verhältnis ist zu klein, um ziffernmäßig ausgedrückt zu werden — abgesehen, sind alle Judentaufen auf materiellen Gewinn oder sozialen Vorteil berechnet. Oder haben sich die bekannten österreichischen Staatsmänner, hohen Beamten, Finanzaristokraten, Professoren, Arbeiterführer und sozialdemokratischen Journalisten aus reiner Liebe zu den christkatholischen Dogmen taufen lassen? Der Umstand, ob diese Renegaten — um mit der „Arbeiter-Zeitung“ zu sprechen — „getauft oder beschnitten vor ihren Gott treten“ ist uns wohl gleichgiltig. Aber nicht gleichgiltig ist es uns, wenn solche charakterlose Gesellen vor die Gesellschaft, vor das arbeitende Volk treten. Dann brandmarken wir sie als Lügner und Komödianten. Man verstößt gegen kein Gebot der Gewissensfreiheit, wenn man die Täuflinge verdammt. Man kann jeden Täufling charakterschwach nennen, auch wenn er eine große rote Krawatte trägt und in der „Arbeiter-Zeitung“ schreibt, und ist deshalb noch lange kein fanatischer Finsterling. Mit Religiosität hat das absolut nichts zu tun. Auch der ehrliche jüdische Freidenker muß gegen diesen niedrigen Glaubensschacher protestieren. Auch — um wieder mit der „Arb.- Zeitung“ zu sprechen — der „stillste und vernünftigste“ Mensch darf sich ob des Taufschwindels entrüstet zeigen, er bleibt deshalb doch der „stille und vernünftige“ Mann, der er war. Allerdings gibt es Umstände, unter welchen der Protest gegen die Taufbewegung den Charakter des kleinlichen, dogmatischen Gezänkes annimmt, und Personen, in deren Munde er zur leeren Phrase wird. Der Fall tritt ein, jwenn Assimilanten, Juden, die ihr jüdisches Vöfkstumr Verleugnen und partout Deutsche, Tschechen, Polen usw. sein wollen, über die Täuflinge herfallen. Steht denn der nationale Ausreißer so hoch über dem religiösen, daß er ihn richten dürfte? Ist der, welcher sich seines Volkstumes zu entledigen sucht, in sozialer und politischer Hinsicht die jüdische Gemeinschaft im Stiche läßt, charakterfester, als derjenige, der sich auch in religiöser Hinsicht von den gleichen Motiven leiten läßt? Herr Oberrabbiner Güdemann, welcher sich hartnäckig zum deutschen Volke zählt, von einer jüdischen Stammeszugehörigkeit nichts wissen will und allen Nationaljuden den Krieg erklärt hat, möge doch freundlichst die Beantwortung dieser bescheidenen Frage zum Gegenstände seiner nächsten Predigt machen. Er wird diesem Wunsche willfahren oder aber darauf verzichten müssen, daß seine Tirade gegen die Täuflinge, seine „Antitaufliga“ ernst genommen wird. Interpellation des Gg. Abg. Adolf S t a u d gerichtet an den Minister des Innern. Vergewaltigung der Juden bei der Volkszählung. Ingenieur Dr. A. Herzbaum in Tarnovv hat die Rubrik „Umgangssprache“ im Volkszählungsbogen mit „Jüdisch“ ausgefüllt. Er erhielt eine Vorladung zum Magistrate, wo er aufgefordert 'wurde, diese Angabe zu streichen und „Polnisch“ einzusetzen. Auf seine Weigerung wurde er vom zufällig anwesenden Polizeikommissär O p 1 u s t i 1 verhaftet. Der Polizeikommissär sperrte die Türe ab, rief einen Wachmann und ließ Herrn Dr. Herzbaum zur Bezirkshauptmannschaft führen. Dort wurde er gezwungen, die Rubrik mit „Polnisch“ auszufüllen. Dr. Herzbaum verwahrte sich gegen