Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 50 (16.12.1910)
- Date
- 1910-12-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JUuEDC ZEITUNG Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und lnseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige *************** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare20 h. Postsparkassenkonto 104.067. *************** Nr. 50. Wien, Freitag den 16. Dezember 1910. IV. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Sitzung der Reichsexekutive. Die Bedeutung der Kultuswahl. Budgetrede des Abgeordneten Straucher. Der neue Heiland der Bukowina. Kultuswahlen in Deutschland. Galizische Behörden an der Arbeit. Assimilanten gegen Juden. Parteinachrichten. Vereinsnachrichten. Ueberläufer. Sitzung der Reichsexekutive. Sonntag, den 11. Dezember fand in Wien eine Sitzung der Reichsexekutive der jüdischen Nationalpartei Oesterreichs statt. In Angelegenheit der bevorstehenden Volkszählung wurden die bisher getroffenen Maßnahmen der Landesparteileitungen genehmigend zur Kenntnis genommen und die Durchführung der weiteren Maßnahmen denselben überlassen. Gleichzeitig wurde die Ueberreichung wohlmotivierter Proteste bei der Reichsregierung und den politischen- Landesstellen Galiziens undf der Bukowina und gegen die geltenden veralteten Bestimmungen des Volkszählungsgesetzes vom 29. März 1869 beschlossen. Hierauf erstatteten die Abgeordneten Adolf Stand und Dr. Straucher Bericht über ihre parlamentarische Tätigkeit. Nach längerer eingehender Debatte wurde den Abgeordneten Stand und Doktor Straucher Dank und vollstes Vertrauen votiert und dem Jüdischen Klub“ die Direktive gegeben, in seiner oppositionellen, radikal-demokratischen Haltung der Regierung gegenüber zu verharren und von dieser die endliche Erfüllung der vom Jüdischen Klub“ wiederholt erhobenen dringenden Forderungen der jüdischen Bevölkerung zu verlangen. Den Anträgen der beiden Abgeordneten bezüglich der Stellung des Jüdischen Klubs“ zur Verlängerung des Bankprivilegiums, zum Rekrutenkontingent, dem serbischen Handelsverträge, der Verlängerung der Geschäftsordnungsreform und der Teuerungsdebatte wurde beigepflichtet. Zum Schlüsse der Beratungen kamen die bevorstehenden Landtagswahlen in der Bukowina zur Sprache. Zu diesem Punkte lagen Telegramme aller jüdischnationalen Vereine der Bukowina vor, in welche diese gegen die Agitation des Herrn Prof. Doktor Kellner und das Hineintragen der Zwietracht in die Reihen der jüdischen Bevölkerung Protest einlegten, weil dadurch der feste Bestand unserer Partei erschüttert und der jüdischen Bevölkerung der Bukowina unabsehbarer Schaden zugefügt wird. Nach längerer Debatte wurde e i n s t i mm i g folgende Parteienunziation beschlossen: Die am 11. Dezember in Wien abgehaltene Sitzung der Reichsexekutive der jüdischen Nationalpartei für Oesterreich, welche nach den Beschlüssen des Zionistentag von Krakau am 1. und 2. Juli 1906 die politische Organisation der österreichischen Zionisten darstellt, spricht die Ueberzeugung aus, daß angesichts der Lage der Juden der Bukowina Einigkeit derselben auf national-politischer Basis die alleinige Gewähr für eine gedeihliche Entwicklung der jüdischen Bevölkerung bildet. Die Reichsexekutive mißbilligt alle auf die Spaltung der in der Bukowina bestehenden jüdischnationalen Organisationen gerichteten Bestrebungen, mögen sie von welcher Seite immer ausgehen und erwartet von jedem Zionisten und Nationaljuden der Bukowina, daß er solche Bestrebungen energisch bekämpft. Die Bedeutung der Kultuswahl. Von Dr. Paal Weisengrün. Referat, erstattet auf dem innerösterreichischen Distriktstag, 8. Dez. 1910. Werte Gesinnungsgenossen! Täglich machen wir bei diesem Kampfe um die Kultusgemeinde folgende Wahrnehmung: Während wir die innersten Motive unserer Gegner vollkommen begreifen, verstehen uns die Herren überhaupt nicht. Wir wissen, daß die Gegner nur um Mandate kämpfen. Ihr ganzes Interesse wird ausschließlich durch Namen in Anspruch genommen. Ob Dr. Deutsch gewählt wird oder nicht, ob Zimer oder Pappenheim erfolgreich aus der Urne hervorgehen werden, das ist der einzige Beweggrund ihres Kampfes und ihrer Agitation. Und sie glauben, daß wir auch so sind, sie halten tief innerlich auch unser Programm für einen einzigen großen Vorwand zum Wählerfang, unsere Weltanschauung für ein Aushängeschild. Sie sehen nur eines: Unsere Namen, unsere Persönlichkeiten. Sie glauben, daß wir mit derselben Intensität, mit der sie sich für ihre Pappenheimer und Ziemer einsetzen, uns für unsere Brecher, Schalit und Zweig interessieren. Diese Nichtkenntnis unserer innersten Motive ist ein wahres Glück für uns und vermehrt nur unsere Chancen im Kampfe. Der kurzsichtige Gegner ist immer leichter zu besiegen. Ihnen, verehrte Anwesende, brauche ich nicht zu sagen, um was es sich bei uns in Wirklichkeit handelt. Zwischen unserem Programm und unserer Agitation ist kein wie immer gearteter Unterschied. Denn unsere programmatischen Forderungen leben in uns, wenigstens inden Köpfen und Gemütern der führenden Persönlichkeiten. Was wir wollen, ist so klar, so eindeutig, daß wir es in einem Satze zu sagen vermögen: „Wir wollen die Nationalisierung der Kultusgemeinde.“ Aber nicht die Nationalisierung schlechthin, nicht die sofortige Umwandlung der israelitischen Gemeindestube in eine echt jüdische Volksorganisation. D i e Nationalisierung kann nur auf dem allerdings organischen Umwege der Demokratisierung der gesamten Kultusgemeinde erfolgen. Ich muß diesen Punkt hier deshalb etwas I ausführlicher behandeln, weil in unseremLagerdarüber keineswegs vollkommene Klarheit herrscht. Man glaubt nicht an das demokratische Element in uns, man hält das ganze Kuilusprogramm vielfach für ein Anhängsel, für eine reine Anleitung zur Agitation, für ein wirksames Propagandamittel. Das heißt, den organischen Charakter dieses Kultusprogrammes vollkommen verkennen!! Wir sind in Kultussachen so wie in vielen anderen Dingen keine Zufallsdemokraten. Wir müssen mit dem plutokratischen System brechen, um vollkommen nationalisieren zu können. Wir Zionisten müssen erst Voiksluft atmen, bevor wir mit unserer wirklichen, großen Arbeit beginnen. Wir sind also moderne Menschen und als Juden in dem Zeitalter des allgemeinen Wahlrechts doppelt zu einer Demokratie verpflichtet. Darum besteht zwischen diesem Kultusprogramm und unserer übrigen nationalistischen und zionistischen Arbeit kein rein äußerer Zusammenhang, sondern tief innerlich verbunden, verknüpft und verkettet sind Demokratie und Nationalismus. Nur was organisch wächst, gedeiht gut. Wenn wir durch irgend einen äußeren glücklichenZufali die Kultusstube ohne vorhergehende Demokratisierung erobern würden, wenn wir z. B. hereinkämen als Mandatare der obersten Kurie, wir würden diese Gemeinde nur besitzen, um sie rasch zu verlieren. Sie sehen also ein, geehrte Gesinnungsgenossen, daß diese Demokratisierung die halbe Nationalisierung bedeutet. So klar, so naturwendig ist dieser Zusammenhang zwischen unserem Kultusprogramm und dem zionistischen Grundgedanken, daß sogar Herzl, der sonst kein Demokrat war, in seinem Wahlkampf diesen Faktor schon mit aller Intensität in den Vordergrund schob. Denken Sie, was sich seit Herzl alles geändert hat. Aufgegeben ist die einseitige Charterpolitik, die positive Gegenwartsarbeit. Wer kämpft heute noch gegen die politische Gegenwartsarbeit an? Alles hat sich verändert! Dieser Zusammenhang zwischen Demokratisierung und Nationalisierung der Kultusstube ist nicht nur unberührt vom Hauch der Zeit geblieben, sondern erscheint heute verstärkt, verinnerlicht und bewegt uns noch leidenschaftlicher als in den Tagen Herzls. Spricht diese Tatsache nicht allein dafür, welche große politische Bedeutung unser Kultuswahlkampf hat? Hiemit habe ich nur die politische Tragweite dieses Kampfes berührt, nicht aber die soziologische. Auch darüber muß ich einige wenige Worte sagen. Wir wissen es heute alle, daß der Judenstaat nur dann für uns eine erlösende, wirklich befreiende Wirkung ausüben kann, wenn er ein kulturell vorbereitetes Judentum antrifft. Der Gewinnung des Judenlandes muß die innere, seelische Eroberung des Judentums vorangehen. Dieser seelische Repatriierungsprozeß hat aber eine gewichtige Voraussetzung: Die Aenderung des politischen und wirtschaftlichen Ghettogeistes, der heute das assimilierte Judentum beherrscht. Wir sind nicht in der Lage, innerhalb des gesamten Zionismus große Fortschritte zu machen, Dauerleistungen zu vollbringen, wenn wir nicht wenigstens bis zu einem gewissen Grade vorher das Gotusjudentum um einige seelische Nuancen verbessert und umgeformt haben. Die Demokratisierung und die auf dem Fuße folgende Nationalisierung der Kultusgemeinde ist eine notwendige Vorbereitung des Anderswerdens, des seelischen Besserwerdens des Gesamtjudentums. Wer darum uns für kleinlich schilt, weil wir so mühsame Tagesarbeit scheinbar ohne höhere Gesichtspunkte leisten, der entbehrt selbst der höheren Gesichtspunkte, der steht nicht auf einer hohen Warte, der ist selbst kleinlich. Mehr instinktiv und intuitiv als politisch klar bewußt faßte auch der Herzische Zionismus diese Lage der Dinge auf wie wir heute. Eine wahre Volksbewegung wurde inauguriert und war auf dem besten Wege, innerhalb einer kurzen Frist zu triumphieren. Das änderte sich plötzlich vor sechs Jahren! Die damalige Parteileitung — ich will keine Namen nennen — erschlug, ich kann dies nicht anders ausdrücken, mit der Axt eines plumpen, rohgezimmerten K o‘m p romiss e s diese großzügige Bewegung. In diesem Zusammenhang muß ich offen über die Frage des Kompromisses sprechen. Denn auch hier muß die Partei noch über manches aufgeklärt werden. Ich habe früher von einem unfruchtbaren Kompromiß gesprechen. Es gibt aber auch ein fruchtbares. Wenn eine gehörige Anzahl von Vertretern in die Kuitusstube hineinkommt, wenn diese unsere besten Leute sind, wenn sie gleichsam den sinnfälligen politischen Ausdruck des Parteiwillens darstellen: dann ist das Kompromiß fruchtbar. Denn diese Männer bieten die beste Gewähr dafür, daß sie die Demokratisierung und Nationalisierung verbreiten helfen, daß dann in einer späteren Zeit, sei es auf dem Wege eines neuen Kompromisses, sei es auf dem Wege des Kampfes, neue Erfolge erzielt werden können. Wenn aber ein Einzelner, wie vor sechs Jahren, hineinkommt, nicht als Zionist, sondern als Architekt, wenn sein Hineinkommen keineswegs ein Gebot des Parteiwillens darstellt, dann ist dieses Kompromiß unfruchtbar, dann scha-