Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 39 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 Der Notschrei der brotlos werdenden jüdischen Bevölkerung zwang den Statthalter bei der Eröffnung des Landtages auf diese Frage einzugehen. In allgemeinen Ausdrücken gab er die Versicherung, „daß er sich bemüht habe, diese Frage einer gedeihlichen Lösung zuzuführen“. Er versprach noch im Laufe der Session die Resultate der ganzen tief ins Leben des Landes einschneidenden Aktion bekanntzugeben. Wir sind darauf neugierig. Wir sind auch neugierig, wie sich die Herren Löwenstein, Kolischer et Consortes verhalten werden. Wir sind überzeugt, daß man gegen die herrschenden Kreise nicht viel ausrichten wird. Sicher ist, daß Tausende jüdischer Schänker im Jänner 1911 dem größten Elend anheimfallen werden. Aber Pflicht der jüdischen Vertreter, die von Juden gewählt sind, ist, ihren ganzen Einfluß geltend zu machen, um so viel als möglich zu helfen. Weiters ist es auch ihre Pflicht, in entschiedener Weise Aufklärungen über die jüdische Enquete zu verlangen. Wenn auch ziemlich sicher feststeht, daß ihre Resultate nicht allzu glückverheißend sein werden, ihre Abhaltung soll jedoch stattfinden, damit die Oeffentlichkeit erfährt, wie furchtbar und schrecklich die Not der galizischen Juden, wie himmelschreiend die Sünden der galizischen Verwaltung sind. Vielleicht wird sich dann die jüdische öffentliche Meinung zu einer Tat aufraffen und die vielen jüdischen Hilfsgesellschaften zu einer großzügigen Aktion zwingen. Juden! Wählt Schwarz- Hiller! Soll man Euch, o Juden, zählen Als des Freisinns treue Hüter, Müßt Ihr den Schwarz-Hiller wählen, Doktor Ofners Aftermieter! Ihn, der in besagter Wohnung Sich jahraus, jahrein befindet Und mit markiger Betonung Seines Herrn Programm verkündet! Ihn, 'def"stch sÖ"bft bewährt hat, -. (Speziell wenn sein Protektor Wissenschaftlich sich entleert hat), Als des Kodex bester Lektor! Ihn, der niedertritt, bevor es Wer geahnt, der Zwietracht Viper, Der so groß wie unsre Zores, Und so lang wie der Jom-Kipper! Ihn, der in den letzter Wochen, In dem Aug’ die Wehmutszähre, Sein Bedauern ausgesprochen, „Daß er leider Jude wäre!“ Soll man Euch, o Juden, zählen Als des Freisinns treue Hüter, Müßt Ihr den Schwarz-Hiller wählen, Doktor Ofners Aftermieter! Beda. Von der Woche. Keine Juden-, sondern allgemeine Enquete. Der Virilist des galizischen Landtages, der Rektor der Lemberger Technik, Professor Thullie stellte im Landtag den Antrag, die Enquete nicht nur wegen der Judennot, sondern wegen der allgemeinen Not im Lande abzuhalten. Sollte dieser Antrag angenommen werden, so wäre demLandesausschusse eine Handhabe geboten, die unglückselige Enquete, die schon mehrmals verschoben wurde, neuerdings ad calendas graecas zu verschieben. * * * Abg. Löwenstein — Edler v. Unser Bruderorgan, das „E.emberger Tagblatt“, veröffentlichte vor einigen Tagen die Nachricht, daß der Reichsratsabgeordnete für Drohobycz, Doktor Natan Löwenstein, durch die Verleihung des erblichen Titels Edler von ausgezeichnet wurde. Diese Nachricht wird nicht verfehlen, bei unseren Volksgenossen in Galizien die entsprechende Würdigung auszulösen. Sie werden begreifen, daß diese Auszeichnung der Lohn dafür ist, daß Abg. Löwenstein bis jetzt unbekümmert um das Wohl der galizischen Juden mit der Regierung und den polnischen Machthabern durch Dick und Dünn gegangen ist. An dieser Auszeichnung kleben so viel jüdische Tränen und so viel jüdisches Unglück, daß wir es nicht einmal übers Herz bringen können, dem Abg. Löwenstein zu gratulieren und ihm auf diese Weise an seinen Judaslohn zu erinnern. Die erste Tat des frischgebackenen Blaublütlers war das Einschreiten um einen Urlaub für die Dauer der galizischen Landtagssession. Da Abg. Löwenstein das einzige jüdische Mitglied des Wahlreformausschusses war, so wurde an seiner Stelle der jüdische Abg. R i 11 e 1 in den Ausschuß gewählt. Bei diesem Tausch haben diejuden nichts gewonnen und nichts verloren. Löwenstein ist genau so viel wie Rittei und Rittei so viel wie Löwenstein wert. Beide nämlich sind waschechte Polen mosaischer Konfession, die gewöhnt sind, zu dienen und zu schweigen. * * * Hilfsaktion der „Ica“. Wie das „Lemberger Tagblatt“ aus Wien meldet, soll in den nächsten Wochen eine von der „Ica“, dem Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien, und anderen jüdischen Gesellschaften beschickte Tagung stattfinden, die sich mit der Notlage der galizischen Juden befassen und Schritte zur Linderung dieser Not unternehmen wird. Es bleibt abzuwarteh, ob sich diese Nachricht bestätigt. Pflicht der jüdischen Gesellschaften ist es zweifellos, angesichts des furchtbaren Elends unserer galizischen Brüder Maßnahmen großzügiger und energischer Art zu ergreifen, denn das nächste Jahr verspricht leider derartig traurige Verhältnisse in Galizien zu zeitigen, daß es vielleicht die ärgste wirtschaftliche Katastrophe sein wird, von welcher die galizischen Juden je heimgesucht wurden. Jüdisches Künstlerelend. Unser Gesinnungsgenosse, der üeicannte Maler, Herr Hermann Struck, Berlin, ersucht uns um Veröffentlichung nachstehender Zeilen: Berlin, NW, Brückenallee 33, den 20./IX. 1910. Eine langjährige Erfahrung auf dem Gebieu des'Künstlerelendszwingt mir endlich die Fedei in die Hand, um meine Stimme gegen eine Fort dauer dieser unhaltbaren Zustände zu erheben. Fortgesetzt wiederholt sich in meinem Atelier dasselbe Bild: ein schmächtiger und blasser junger Mann verlangt mit schüchterner Stimme Gehör. Er zieht ein Skizzenbuch aus der Tasche oder präsentiert eine Rolle mit Zeichnungen, die fast ausnahmslos nur ein mäßiges Talent verraten. Er aber erklärt, man habe ihm in seinem Heimatsort in Rußland, Polen oder Galizien dringend geraten, er solle nach Berlin gehen und sich zum „Künstler“ ausbilden. In Berlin würde er Stipendien in Hülle und Fülle bekommen, und in kurzer Zeit würde er ein berühmter Künstler sein und seinen „inneren Gefühlen“, „den Vorstellungen seiner Phantasie“ aut der Leinwand oder in Skulpturen Ausdruck verleihen können. Gewöhnlich schwebt diesen jungen Leuten dabei der Name Antokolskis vor. Mit aufrichtigem Bedauern und wirklichem Schmerze muß ich dann diesen jungen Leuten jedesmal eröffnen, daß sie sich bitter getäuscht haben. Wie andere deutsche Kunstzentren, so ist auch Berlin mit hungernden Künstlern überfüllt, denen es absolut nicht gelingen will, sich das tägliche Brot zu verdienen. Die wenigen Stipendien, die zu haben sind, sind gewöhnlich längst vergeben, und so stehen diese armen und bedauernswerten Jünglinge einem verzweiflungsvollen Nichts gegenüber. Ein praktisches Handwerk, mit dem sie sich ernähren könnten, Dekorationsmalerei, Lithographie oder Aehnliches haben sie nicht erlernt. Sie gehen wochenlang hier herum, finden keine Arbeit und keine Unterstützung und müssen sich endlich weinend entschließen, nach einem andern Orte weiter zu wandern, wo es ihnen wahrscheinlich noch schlechter ergehen wird. Diese jungen Leute trifft keine Schuld, sie sind nur das Opfer derer, die in einem unbegreiflichen Mangel an Verantwortlichkeitsgefühl sie veranlassen, den Künstlerberuf zu ergreifen. Ich spreche es hier mit deutlichen Worten offen aus, daß ich es geradezu für ein Verbrechen halte, Jünglinge zu dieser Laufbahn zu veranlassen, ohne daß das zusagende Zeugnis eines Fachmannes vorliegt. In der langjährigen Praxis, die ich in diesen Angelegenheiten habe, sind mir vielleicht drei Fälle vorgekommen, die wirklich zum Künstlertum auserwählt und berufen waren, und auch diesen hochbegabten Menschen ist es schwer genug geworden, sich durchzusetzen. Ich warne darum alle diejenigen, die Einfluß auf diese jungen Menschen haben, aufs dringendste davor, sie leichtfertig mit Hoffnungen zu erfüllen. Solche junge Leute mögen doch lieber in ihrer Heimat ein kunstgewerbliches Fach erlernen, das sie befähigt, auf eigenen Füßen zu stehen. Sie können sich dann nebenbei noch immer mit der sogenannten „höheren Kunst“ beschäftigen und sind jedenfalls dann nie verloren. Sollte aber jemand durchaus nicht abzubringen sein, so sende man, ehe man ihn zu einer Reise nach Deutschland veranlaßt, seine Arbeiten an irgend einen bekannten Künstler zur Begutachtung. Ich bitte die Redaktionen aller jüdischen Zeitungen in den verschiedenen Ländern aufs dringendste, diese meine gut gemeinten Worte, die mir das Mitleid mit so vielen Unglücklichen diktiert hat, abzudrucken; und ich hoffe, daß sie dazu beitragen werden, das Elend im Künstlerproletariat zu vermindern. Hermann Struck. Aus dem jüdischen Leben. Friedhofschändung. Aus Teschen wird uns geschrieben: Ein Vorfall von geradezu empörender Roheit ereignete sich vor wenigen Tagen in dem kleinen ostschlesischen Städtchen Orlau. In der Nacht vom 19. auf den 20. September wurde der jüdische Friedhof von bisher noch nicht eruierten Tätern vollständig zerstört. Alle Gräber wurden aufgerissen und fast sämtliche Grabsteine — nur zwei blieben stehen — umgestürzt und in Trümmer geschlagen. Die Erregung über dieses schmachvolle Ereignis, das die ganze Fülle barbarischer Grausamkeit einer von ihren religiösen und nationalen Führern fanatisierten und verhetzten Volksmasse in erschreckender Weise an den Tag legt, ist unter den jüdischen Bürgern um so größer, als der Gedanke an einen planmäßig vorbereiteten Racheakt immer mehr in Erwägung gezogen werden muß. Der Grund zu dieser scheinbar unglaublichen Vermutung ist durch einen Konflikt gegeben, der in den Tagen des Schulbeginns zwischen den Juden und der überwiegenden slavischen Bevölkerung ausgebrochen ist. Die Tschechen und Polen hatten nämlich in den letzten Jahren in Orlau mehrere nationale Bildungsanstalten errichtet und verlangten nun von den jüdischen Kaufleuten, die in wirtschaftlicher Beziehung von ihnen abhängig sind, die Unterstützung dieser Schulen. Als aber die jüdischen Bürger abermals ihre Kinder in die deutschen Schulen einschreiben ließen, deren Erhaltung sie fast ausschließlich besorgen, trotzdem sie die Anstellung jüdischer Lehrer von der dortigen Ortsgruppe des „Deutschen Schulvereines“ nicht erwirken konnten, da sollen von seiten der erbitterten Slaven einige Drohungen gefallen sein, die man jetzt mit der Zerstörung des jüdischen Friedhofes in Zusammenhang bringen kann. Wir wollen zwar nicht hoffen, daß sich diese Vermutung bewahrheitet und daß die Slaven zur Wahrung ihrer kulturellen Ansprüche in den zweifellos ihnen gehörigen Gebietenzu solchen, jedem Fortschritt und jeder Kultur hohnsprechenden Mitteln greifen, möchten aber trotzdem unseren Juden einschärfen, ihren Kindern vor allem eine bewußte jüdischnationale Erziehung angedeihen zu lassen und nicht in diesem Kampfe zwischen den drei Nationen eine so exponierte Stellung einzunehmen, um dem Unrecht immer zum Siege zu verhelfen. Bald könnte sonst der Tag kommen, da man sich nicht allein an ihren Toten vergreifen würde.... T. B. Die Juden in Tripolis. In einem Feuilleton in der „Voss. Ztg.“ schreibt Hesse-Wartegg: „Unter den 80.000 Einwohnern von Tripolis sind mindestens */i® Juden. Nicht nur Abkömmlinge jener, die zu Torquemadas Zeit aus Spanien vertrieben worden sind und sich wie überall am Mittelmeere, auch hierher flüchteten, sondern auch die Nachkommen der ägyptischen und römischen Juden. Im alten Oca und den anderen Römerstädten Tripolitaniens gab es blühende Judenkolonien, selbst Karthago besitzt eine solche, wie der dortige Judenfriedhof beweist, und sind auch die Römer verschwunden, die Juden haben sieb mit den Ureinwohnern des Landes, den Berbern, erhalten und sitzen heute nicht nur in allen Städten, sie weilen auch draußen im Gebirge unter den Berbern und sind unter den Troglodyten der Dschubel Choriaw und Nefrussa selbst Troglodyten geworden. Daß die Höhlenbewohner dort schon lange ansässig sind, sah ich selbst aus den alten Grabsteinen aus dem 11. und 12. Jahrhundert. In manchen Oasen bewohnen sie ganze Dörfer. So z. B. fand ich sogar in der die Stadt Tripolis umgebenden ungeheuren Oase, mitten im Palmendickicht verborgen und einige Kilometer von der Stadt entfernt, das Dorf Amruß mit über tausend Einwohnern, die fast durchwegs Juden sind. Sie haben ihre eigenen Synagogen, Rabbiner, Talmudschulen und beobachten ihre alten religiösen Sitten und Gebräuche unverfälscht bis an den heutigen Tag. Ja, sie halten eifersüchtig jeden fremden Einfluß fern, wollen von Europa, von Reisen, von modernen Sprachen und Schulen nichts wissen und vegetieren lieber in Schmutz, Aberglauben und Elend weiter. Auch in der Hara, dem großen Judenviertel von Tripolis, sind die Verhältnisse nicht viel besser. Nur ein kleiner Teil der dortigen Juden hat sich emanzipiert und ist dadurch zu großem Wohlstand und Einfluß gelangt Handel, Industrie und Gewerbe liegen in Tripolis ganz in ihren Händen, sogar der Karawanenverkehr nach dem Sudan wird fast ausschließlich von jüdischen Häusern geleitet. Von der Verachtung, welche die Marokkaner und Algerier den Juden zeigen, ist in Tripolis nichts zu bemerken. Sie werden hier sogar zu Beamtenposten