Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 37 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint wöchentlich. Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: lX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12:Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.— halbjahr. K5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.-, halbjähr. Mk. 5.-, Vierteljahr. Mk.3.—. Für das übrige *************** Ausländ ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplart20 h. Postsparkassenkonto 104.067. *************** Nr. 37. Wien, Freitag den 16. September 1910. IV. Jahrgang. Der Betrug an den Leopoldstädter Juden. Wir haben es längst verlernt, die Judenfrage durch das Totschlägen des Antisemitismus lösen zu wollen und unsere Kraft, die wir in den Dienst der jüdischen Selbsthilfe gestellt haben, ist uns viel zu kostbar, als daß wir sie im Kampfe um die „Hraba-Affäre“ verzetteln könnten. Aber da gewissenlose Mandatsjäger seit dem Tode Luegers die christlichsoziale Korruption dazu benützen* mit den faulen Phrasen des verkrachten Liberalismus den gutmütigen jüdischen Wähler einzufangen und sich von jüdischen Armen hinaufheben lassen, um dann «iuf eigene Faust weiterzustrebern, ohne Sich einen blauen Dunst um die Judennot zu kümmern, sei in diesen Tagen — da 'die ekle Mandatsbalgerei in der Leopoldstadt neuerdings anhebt — ein ernstes und klares Wort gesägt.; Die Vorgängerin -der fchristgehsozialen Partei sind? gewiß dazir angetan^ der verhetzten Masse einmal die A'ugen zu öffnen und jeden halbwegs vernünftigen Antisemiten zu veranlassen, seine Ansichten über das Judentum zu revidieren. Die blutrünstigen Judenhasser von der christlichsozialen Parteileitung, die den Kampf gegen „das verderbte, die Wirtsvölker aussaugende Judentum“ proklamierten und unser Volk durch den wohlorganisierten antisemitischen Boykott in unsägliches Elend gestürzt haben, sind heute als die gefährlichsten Korruptionisten entpuppt Der Hütschenschleuderer Strohbach ist als Millionär gestorben, Geßmann hat sich an zwei Banksinekuren über die Maßen gütlich getan und als ihn der Hraba-Sturm aus der fetten Pfründe jagte, noch rasch sein 26jähriges Söhnchen mit einem überaus einträglichen Bankdirektorposten versorgt und Bielohlawek, der in einem unglücklichen Augenblick eingestand, Vergani bekämpfe ihn nur deshalb, „weil er nicht mitfressen dürfe“, verkriecht sich wie ein verprügelter Hund, so gründlich ist sein sauberes Gebaren aufgedeckt worden. Es war an der Zeit, eine Kampagne der ruhigen, sachlichen Aufklärung zu inaugurieren, die Vernunft, die Ehrenhaftigkeit, die Kultur, die politische Reife der Mitbürger aller Zungen aufzurufen und eine echt demokratische Wirtschaftspartei vorzubereiten, in der alle Nationen Deutsche, Slaven, Juden — jede gesondert und dbch alle brüderlich geeint wirken könnten. Statt dessen haben die jüdischen äDeutschdemokraten“, „Freiheitliehsoziafen“ und „Fortschrittler“ . um Ofner, Sefewarz- Hiller, Neustadtl und Hock herum marktschreierisch das Ende der christßchsozialen Partei verkündet; die doeh erst zur vollen Macht gelangt ist und die Wiedergeburt des „Liberalismus“ proklamiert, wobei konstatiert werden muß, daß das Niveau dieser schiadrigen Epigonen noch tief, abgrundtief, unter dem einstigen Altliberatismus steht Um das Wohlwollen der Christlichsozialen Frondeure zu ergattern, ward dem verstorbenen 07. Lueger Weihrauchgestreut und dieser Schöpfer des christiichsozialen .Judenhasses, der uns ins Herz getroffen hat, von gewissenlosen Juden als der mrschuldvötle Engel hingestellt Nichts konnte kläglicher und entwürdigender sein, als dieses Treiben. AUS DEM INHALTE: ‘Üer^Betrug an den Leopoldstädter Juden. Sttmng des zionistischen Zentralkomitees, ätar;d«r Enquete. Von D. Harlig. 3He Enquete verschoben. Ein Verbot gegen „606“. Die neue antisemitische Polenklubpartei. Aus, dem deutsch-jüdischen Blätterwalde. Jüdische Gemeihderäte gegen Juden. Der Tod der Aristobul. Von Ernst Sommer. Aus dem jüdischen Leben. Vereinsnachrichten. Sport. Achtung! Wiener Kultuswähler! Die. Wählerlisten für die diesjährigen Wahlen in den: Wiener Kultusvorstand liegen vom v 13. bis 26.; September zur. Einsicht der .Gemeindeangetiörigeri inVderKanzlei-desKuitusvbretdhdes, I. Seitenstettengasse 2, III. Stock,- auf.. Die Reklamationen wegen Auslassung wahlberechtigter oder Aufnahme nicht wahlberechtigter Personen sind schriftlich emzubringen. Wer: des Wahlrechtes nicht verlustig gehen will, sehe nach* ob er in der Wählerliste aufgenommeri ist. Wahlberechtigt sind nur diejenigen, welche die Kultussteuer für die Jahre 1908, 1909 und 1910 voll bezahlt haben. Der Tod des Aristobul. Von Ernst Sommer. Herodes, der König von Judäa, saß am Fenster des Palastes und grub seine schmalen Finger in den seharlachgeflämmten Teppich der längs der Wände hinlief. Seine angespannten Augen folgten einem seltsamen Schauspiel, das sich vor dem Burgtor abspielte. Auf einem leuchtenden Schimmel ritt ein schlanker Jüngling in hohepriesteriiehen Gewändern. Ringsum lärmte eine Menge, die sich an jenes Anblick 2U berauschen schien. Wirre Laute brachen ans der Menschenwoge, die wie Bruchstücke alter Triumphlieder klangen und das girrende Lachen ekstatischer Weiber. Der Reiter aber saß auf seinem Roß, als wüßte er nicht, daß die Trunkenheit, deren heißer Taumel die Herzen äufwühlte und in' immer bangerer Lust erglühen machte, aus dem starren Glänz seiner eigenen großen Träumeraugen kam und von der silbernen Klarheit seiner Stirne wie dunkler Wein über die Menge hinströmte. Sein Mund war blaß und müde* als liebte er Worte, wie sie helle Nächte auf ihren Lippen tragen. Die Hände hielten die Züge! abwehrend vor sich hin und glichen verwundeten Falken, die die Flügel hängen lassen . . . Herodes lächelte ingrimmig. „Kostobar . . .?“ Der Vertraute zuckte die Achseln. „Er ist ihr Gott ... So lange er lebt, dieser etzte Erbe des Toten von Eleasa, ist deine Krone gefährdet.“ Der König verschränkte die Arme und lehnte sich finster zurück. „Ich bin zu schwach, ihn mir vom Halse zu schaffen. Ich hasse alle von seinem- Stamm . . . alle ... bis auf sie, die mich toll macht Und er ist ihr Bruder.“ Unten schwoll das Tosen an. Einzelne Rufe, die immer wiederkehrten, gleich dem Spiel der Winde in dunklen Wipfeln, wurden deutlich vernehmbar. „Was duldet ihr länger den idumäischen Sklaven auf dem uralten Königssitz 1 Dieser ist der währe Herr . . .“ Herodes zuckte zusammen und umkrampfte das Erz der Fensterbrüstung. In seine fahle Stirne grub sich ein tiefes Dunkel und die Augen standen wie hinter purpurnem Gewölk. „Töte ihn, Aristobul“, scholl es empor, „töte den Skorpion am Leibe Israels“. Der König richtete sich auf. Um seine Lider huschte ein meergrünes Flackern. „Kostobar“, klang es kühl und hart von seinen Lippen, „er muß sterben. Doch wer ist, der ihm nicht zärtlich entgegenlächelt wie einer Geliebten, wenn er ihn erblickt? Dieser blasse Tor, der einem süßen Schauern gleicht, umstrickt alle: Ich selbst ertrage seinen Anblick nicht. Wie er Mariamnen ähnlich ist, nach der sich meine Seele verzehrt, und die mir dennoch fremd wird und stumm entgleitet.“ Draußen war es still geworden. Männer und Frauen schlichen lautlos durch den Abend-, der eine Flut von Rosen über ihr Schweigen ausgoß. Der Idumäer näherte sich dem König. „Hast du nicht ein Landhaus zu Jericho? Mit wilden Gärten und blauen Teichen, deren Tiefe keiner kennt, und die von Dornenhecken und gelben Lianen umschlungen sind . . . Mit Bädern und Porphyrhallen, die vergossenes Blut spurlos aufsaugen.“ „Doch wie . . .“ ■ - Herodes richtete seine grauen Augen zögernd und nachdenklich auf seinen Ratgeber „wie lockst du den Stolzen nach Jericho?“ „Still!“ winkte Kostobar. „Er kommt.“ » Der Samt, der Vorhänge teilte sich und Aristobul trat ein. Er bog leicht das Knie und sah wie aus Schleiern den König an, der sich lächelnd erhob und dem jungen Hohepriester entgegenschritt. „Sei gegrüßt, Schwäher. Selten fürwahr vergönnst du mir dein Angesicht“ Der Vertraute rollte einen hohen goldgezierten Sessel herbei und stellte Krüge aus Onyx und schimmernde Becher vor die beiden. „Wir wollen eine Schale Wein miteinander leeren“, sagte der König. Aristobul ließ sich leise in die purpurnen Kissen niedersinken. Er fuhr mit der Hand über die Stirn, als wollte er Schatten abstreifen, die ihm blaß und bebend um die Schläfen hingen. - Dann wandte er sein Haupt, als lauschte er auf den Ge-