Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 31 (5.8.1910)
- Date
- 1910-08-05
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Boden zieht. Sie erhält, wenn sie zum Beispiel von einem bei ihr ansässigen Schmied einen Pflug gegen ihr Korn eintauscht, den Jaffaer oder Haiffaer Marktpreis für ihren Weizen, hat aber keine Transportkosten davon abzusetzen und erhält den Pflug für den Jaffaer Marktpreis, hat aber keine Transportkosten darauf aufzuschlagen. Der Schmied hat genau dieselben Vorteile; denn er müßte sein Korn in Jaffa kaufen und auf seine Kosten bis in sein Haus transportieren und müßte seinen Pflug in Jaffa verkaufen, ihn aber auf seine Kosten dorthin transportieren. Der zweite Vorteil ist der, daß dem Boden im Dünger um so mehr von dem aus ihm gezogenen Pflanzennährstoff zurückerstattet wird, je mehr von seinen Produkten an Ort und Stelle verzehrt werden. Der dritte Vorteil ist der, daß die Anwesenheit zahlreicher Nichtlandwirte der Genossenschaft die Möglichkeit verleiht, in Zeiten größeien Arbeiterbedarfes billige Hilfskräfte heranzuziehen. Die Handwerker und Gärtner selbst und ihre Frauen und Kinder werden gern bereit sein, gegen hohen Tagelohn und natürlich gegen die entsprechende Gewinnbeteiligung bei den Erntearbeiten zu helfen, und dieser hohe Taglohn kommt der Genossenschaft dennoch billiger, als wenn sie gezwungen wären, fremde Arbeiter auf längere Zeit zu niedrigeren Löhnen zu mieten. Der vierte Vorteil ist der, daß alle diese neueintretenden nichtlandwirtschaftlichen Siedler die Last des gesamten Pachtzinses mittragen und alle Untergenossenschaften: Konsumvereine, Kreditgenossenschaft, Baugenossenschaft, Viehversicherungsgenossenschaft usw. verstärken und dadurch leistungsfähiger und vorteilhafter machen. Für diese überaus wichtigen und die Rentabilität aller dort vereinigten Betriebe sehr stark steigernde Entwicklung muß in jedem Falle Land verfügbar sein, daher jene Bestimmung über das freizulassende Fünftel im Falle der Aufteilung. Das Verhältnis der neu eintretenden Siedler zu der Genossenschaft und dem Nationalfonds ist folgendermaßen gedacht: die Arbeiterproduktivgenossenschaft, respektive der Genossenschaftsfonds tritt den neuen Siedlern einen Teil ihres Pachtrechtes ab. Sie bilden mit ihr gemeinsam eine Besitzgenossenschaft, die dem Nationalfonds gegenüber für den Eingang der gesamten Pacht verantwortlich ist. Der neue Siedler soll also nicht Unterpächter, sondern selbständiger Pächter sein; und dasselbe gilt für solche Landwirte, Bauern und Gärtner, die sich selbständig auf dem Lande anzusiedeln wünschen. Mit jedem neuen Siedler verkleinert sich also das .Pachtland der Zentrale, wie wir den Großbetrieb nennen wollen und entsprechend ihre Pachtverpflichtung. Um hier vorzugreifen, so ist mir mehrfach der„Einwand“ gemacht worden, daß auf diese Weise schließlich ein Moment eintreten müsse, an dem die Zentrale nicht mehr Land genug habe, um ihren Großbetrieb aufrecht zu erhalten. Dazu ist zu bemerken, daß es wahrscheinlich immer möglich sein wird, in nächster Nähe des ersten Grundstückes genug neues Land dazu zu erwerben, uni städtische Siedler in Masse anzusetzen. Wenn aber das selbst nicht möglich sein sollte, so wäre, wenn diese „Befürchtung“ sich verwirklichte, das höchste und letzte Ziel erreicht, das sich die Kolonisation stecken kann. Dann wäre hier ■ eben eine verhältnismäßig sehr volksstarke und gedeihende Stadt entstanden mit einer mehrtausendköpfigen Bevölkerung; und ich sehe nicht ein, wie jemand sich davor fürchten kann, der doch gerade die Ansiedlung zahlreicher kapitalschwacher jüdischer Elemente in Palästina wünscht. Wenn das aber ein träte, so' wäre auch auf der anderen Seite dasjenige in vollstem Maße erreicht, was der eigentliche Zweck' unseres ersten Versuches ist: die Schaffung der Kreditbasis. Dann ist inzwischen längst der Zeitpunkt überschritten, wo das Großkapital sich mißtrauisch von der Beteiligung an diesem Unternehmen zurückhält, und es sind Dutzende, vielleicht Hunderte neuer Siedlungen entstanden, die nun, und zwar auf Gnind der gemachten Erfahrungen, wahrscheinlich schneller und glatter denselben segensreichen Entwicklungsgang durchmachen, der den ersten Versuch so weit geführt hat. Der Nationalfonds bekommt seine Zinsen als erster Gläubiger einer volkreichen und wohlhabenden Stadt mit noch viel größerer Sicherheit als vorher, der Genössenschaftsfonds arbeitet, uni das vielfache verstärkt, auf zahlreichen anderen Gütern, und die ersten Arbeiter, die Pioniere, sind inzwischen längst zu wohlhabenden Bauern oder Gärtnern oder städtischen Rentnern geworden. Dieser Entwicklung sehe ich daher mit mehr als nur mit Ruhe entgegen. Nichts kann mir mehr Freude machen als dieser „Einwand“, der meine größten Hoffnungen als verwirklicht unterstellt. Kehren wir nqn zu dem regelmäßigen Gang der Dinge zurück, wie man ihn wohl erwarten darf, ohne deshalb Utopist gescholten zu werden. (Fortsetzung folgt.) Zeitschriften und Bücherschau. Die Jüdische Rundschau erinnert in ihrer vorletzten Nummer an das furchtbare Berliner Judenbrennen, das vor 400 Jahren am. 19. Juli 1510 ad ninjorim dci gloriam statt— fand. „im Anfänge des Jahres 1510 hatte in dem havelländischen Dorfe Knoblocti ein Einbrecher aus der Kirche eine kupferne, vergoldete Monstranze und zwei in einen? Messingbüchschen verwahrte Hostien gestohlen. Anstatt anzunchmen, daß die Habgier des Diebes einfach durch die Vermutung gereizt worden sei, daß die gestohlenen Kirchengeräte massiv golden seien, wurde sofort von der Geistlichkeit der Verdacht ausgesprochen, daß es dem Diebe nur um .die geweihten Hostien zu tun gewesen sei, und daß er zu dem Raube nur von den Juden angestiftet worden sei. Als die Monstranze bald darauf in Stücke zerschlagen bei Bernau gefunden wurde, wohin der Dieb sie geworfen haben mochte, nachdem er ihre Wertlosigkeit erkannt hatte, richtete sich der Verdacht der Täterschaft auf einen Kerselflicker namens Paul Fromm, einen wüsten Gesellen, der in Bernau in der Nähe des Stadtgrabens wohnte und im bösesten Rufe stand. Von einem Delegierten des Brandenburger Bischofs verhört und darauf hingewiesen, daß es-unglaubwürdig sei, daß er die Hostien für sich habe entwenden wollen, gestand er, 'obwohl seine Täterschaft nicht klipp und klar erwiesen war, daß er der Dieb sei, daß er die eine Hostie gegessen, die anderen aber dem Spandauer Juden Salomo um neun Groschen verkauft habe. Dem inquisitorischen Verfahren war damit die breiteste Grundlage gegeben. Salomo „gestand“ auf der Folter, daß erTeile der von ihm mit einem Messer zersplitterten Hostie nach Brandenburg und Stendal gesandt habe,, und da noch andere Juden in Verdacht gerieten, ließ der Kurfürst schließlich sämtliche Juden verschiedener märkischer Städte verhaften. Die peinliche Befragung richetete sich auch auf die Teilnahme der Festgenommenen am rituellen Kindsmord und da alle Angeschuldigten unter der Folter „gestanden“, was man von ihnen wollte und ihr Geständnis, um nicht nochmals gemartert zu werden, nicht widerriefen, hatte man schließlich, nachdem einige an den Folgen der Folter gestorben andere im Gefängnis Selbstmord verübt, 42 Personen beisammen, an denen das Todesurteil durch Verbrennen vollstreckt wurde. Auf dem Neuen Markte, an der Ecke der Weber- und Frankfurterstraße, waren am 19. Juli 1510 nach der Geburt Christi drei Schaugerüste mit den Plätzen für einheimische und fremde Rechtsgelehrte, die Herren vom Gericht mit ihren Gerichtsschreibern und die Zeugen erbaut. Nachdem die Akten verlesen, die Verhandlung erfolgt und das Urteil gesprochen, folgte unmittelbar darauf die Vollstreckung der Strafe. Drei von den Verurteilten, die die Taufe empfangen, fehlten. Für Fromm und die anderen 38 Juden war hinter dem Rabenstein ein dreistöckiges Gerüst erbaut worden, auf dessen einzelnen Etagen man auf mit Holz, Stroh und Pech bestreuten Rosten die Verurteilten festband. Nur Fromm hatte einen eigenen Marterpfahl erhalten. Dann wurden brennende Fackeln in das pechgetränkte Reisig geworfen. Wild loderten die Flammen gen Himmel und gar lieblich zog der Bratenduft in die Nasen der Rechtsgelahrten und frumben Gottesdiener . . .“ V ereinsu .V ersamtnlungs- Nachrichten. Voranzeigen. Wien. (Zionistischer Mädchenverein „Moria“.) Montag den 8. August a. c. 7*8 Uhr abends findet im Kongreßbureau, IX. Türkenstr. 9 ein Vortrag eines Mitgliedes über „Moses“ statt. Gäste — nur Damen — herzlich willkommen. * 1 . * Berichte. Wien. (Abschiedsabend.) Am 19. Juli nahm der hebräisch-akademische Verein „Hat’ c h y a h“ Abschied von seinem alten Herrn Dr. phil. A. B. Rosenstein und von seinem Präses Dr. Agronom E. P i c k h o 1 z. Beide begeben sich nach Nr. 31 Palästina. Ersterer um seine Tätigkeit als Lehrer des Gymnasiums „lbrith“ in Jaffa wieder aufzunehmen; auch beabsichtigt er, da er Meteorologie fleißig studiert hat und sich in diesem Gebiete auszeichnete, die meteorologische Forschung von Palästina zu fördern. Dr. Pickholz ist als Agronom in Bet-Agrit engagiert worden. Der Abschiedsabend trug einen vornehmlich intimen Charakter. Boskowitz. Die Chargenwahlen der jüd.-akad. Ferialverb. „Laetitia“ fanden am 20. Juli 1. J. statt und hatten folgendes Ergebnis: x kand. ehern. Erwin Reichmann (Kadimah), >:x Fx stud. med. Gustav Munk (Jordania-Prag), xxx cand. ing. Wilhelm Goldmann. Friedek. (Jüd.-akad. Ferialverb. „Hasmonäa“.) Die Chargenwahlen für das Jahr 1910/1911 ergaben folgendes Resultat: JUC. Hermann Gruber x, JUC. Leo Singer xx, Exp. ak. Ernst Kolban xx>c. Wien. Während der Ferien wende man sich in allen Angelegenheiten des akademischen Vereines „Hat’ chyah“ an Herrn B. Schönbaum, IX. Mariannengasse 25, II. Stiege, Tür 14. Wien. (Vereinigung jüd. Hochsch. „Bar-Kochba“) Samstag den 16. Juli fand die letzte Sitzung des Sommersemesters statt. Die Plenarversammlung wählte zu Ferialleitern die Bb. Bb. Berhard Luft, Arye Besen und J. Zeiger. Die jüdisch-nationalen Abiturienten aus Galizien, welche im nächsten Wintersemester die Absicht haben, eine Wiener Hochschule zu beziehen, können sich um jede Information sowohl in Studienals auch in Parteiangelegenheiten an die Leitung wenden. Die Adresse der Leitung: Bernhard Luft, XVII. Andergasse 10. — Die Leitung bringt zur Kenntnis, daß die bei der von der Vereinigung veranstalteten „Bezalel-Ausstellung“ bestellten Gegenstände schon angelangt sind. Die Filigran- und Damaskusarbeiten sind abzuholen bei Herrn Arye Besen, IX. Lazarethgasse 29, Tür 11, jeden Dienstag von 7—8 Uhr abends, die bestellten Teppiche auf der Bude der Vereinigung, VIII. Langegasse 5—7 jeden Donnerstag um dieselbe Zeit. Bielitz. Am’ 3. Juli d. J. veranstalteten die zion. Abiturienten d. Gewerbeschule einen Abschiedskommers, der sich zu einer imposanten Kundgebung der gesamten jüdischen Bevölkerung gestaltete. Das gut besuchte Fest, zu dem auch viele Gäste aus der Umgebung gekommen waren, wurde durch eine schwungvolle Begrüßungsrede des Gg. L i p s c h i t z eingeleitet, an die sich die Ansprachen des A. H. der Bielitzer „Emunah“ Gg. Dr. Allerhand und des zion.Kultusgemeindemitgliedes Gg. Dr. Schanzer anschlossen. Hierauf folgte der Glanzpunkt des Abend, die Festrede des Gg. cand. phil. Gustav K o h n aus M.-Ostrau, welcher am Ende seiner fast einstündigen, formvollendeten Rede einen minutenlangen Beifall erzielte. Zum Schlüsse unterhielt Herr S t r e h n, Mitglied des hiesigen Theaters mit Frl. Schwester die Festgäste durch humoristische Vorträge in vorzüglicher Weise. Die Klavierbegleitung zu diesem Punkte hatte Ggn. Frl. Gran aus Tarnow in liebenswürdiger übernommen. Ein Tanzkränzchen beschloß die in überaus würdiger Weise verlaufene Feier. J. E. Die letzten Aufnahmen unseres verewigten Dr. Heinrich Gabel sind auf Kunstdruckpapier soeben erschienen und aus Gefälligkeit bei M. Weißmann, Administration der „Jüdischen Zeitung“, Wien, IX/1, Liechtensteinstr. 11, gegen Voreinsendung von K 1.— in Marken zu haben. An die NFK und Vertrauensmänner! Am T i s c h a b’A b soll allerorts für den JNF gesammelt werden. Es empfiehlt sich folgender Vorgang: Die meisten Juden suchen zu dieses Zeit den Friedhof auf. Unsere Gg. und Gönner sind zu Spenden aus diesem Anlasse gerne bereit. Es soll ihnen dazu Gelegenheit geboten werden. — Der NFK oder dessen Vertrauensmann steht am Eingänge resp. Ausgange des Friedhofes mit einer NF-Büchse. Diese Art von Sammlungen anl. des 9. Ab wurde bereits von einigen unserer NFKom. praktiziert. Die Erfolge, die auf diesem Gebiete Czortköw, Husiatyn, Kopyczynce u. v. a. aufweisen, sind ganz bedeutend. Wir fordern Sie auf dem beherzigenswerten Beispiele zu folgen. Am 9. Ab. wird ü bera 11 fü r den JNF eifriggesammelt. Mit Zionsgruß Die Landessammelstelle des JNF. Wien, IX. T ü r k e n s t r a ß e 9. Liste der Ueberläufer. (Vom 28. Juli bis 3. August 1910.) Stefanie Heilig, 1887, Wien, ledig, Private, XVII. Kalvarienberggasse 65. Flora Bilek genannt Biliik, 1882, Wien, ledig, Kleidermacherin, I. Fischhof 5. Isak Buxbaum, 1866, Preßburg, verheiratet, XVI. Wurlitzergasse 11. Arthur E. v. Bronnek Goldreich, 1885, Polna (Böhmen), ledig, Jurist, II. Floßgasse 4. Eva Klinger, 1874, Krakau, ledig, V. Margarethenstraße 123.