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Jüdische Zeitung · 1910-07-15 · 28 (15.7.1910) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
28 (15.7.1910)
Date
1910-07-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JUISlHE ZEnuNG Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk.3.—. Für das übrige **************** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare20 h. Postsparkassenkonto 104.067. #**-*■*•■*•****-****•* Nr. 28. AUS DEM INHALTE: «Gott Nimm» und die jüdischen Hausierer. Parlamentsepilog. Assimilantendämmerung? Von der Woche. Das Palästinaamt in Jaffa. Aus dem jüdischen Leben. Bücher und Zeitschriften. Feuilleton: Jünglingsjahre. Von Dr. Otto A b e 1 e s. Parteinachrichten. Personalnachrichten. Vereinsnachrichten. Pränumeratious - Einladung. Mit 1. Juli 1910 begann ein neues Abonnement auf die „Jüdische Zeitung“. Das Abonnement beträgt: Vierteljährig.. k 3.— Halbjährig.K 5.— Ganzjährig.K 10.— Wir bitten um rechtzeitige Erneuerung des Abonnements, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Wir erlauben uns darauf aufmerksam zu machen, - dass das Abonnement stets im vorhinein zu bezahlen ist. Die Administration. Wien, Freitag den 15. Juli 1910. „Gott Nimm“ und die jüdischen Hausierer. Der «Gott Nimm» ist ein Gott der Rache. Aber in seinem Zorne trifft er nicht jene, die da gegen ihn frevelten, sondern unschuldige Lämmer. Dem Haderer Hraba hat er eine Tausendkronennote zugeschickt — und die armseligen jüdischen Hausierer hat er aufs Pflaster geschmissen. ln den Tagen, da Vergani offenbarte, Bielohlawek lasse sich seine täglichen reichlichen Fleischportionen vom Steinhof beistellen, und Bielohlawek in offener Reichsratssitzung antwortet, Vergani ärgere sich, dass er bei den diversen Geldgeschäften (nämlich den Geschäften Bielohlaweks und der erwählten Führer) nicht mitfressen dürfe, in diesen gefährlichen Sommertagen wird das Wiener christliche Volk mit der Kundmachung des Hausierverbotes beschwichtigt. Jetzt ist das Kleingewerbe gerettet! Die gemäss § 17 des Hausierpatents begünstigten Gegenden — das sind alle jene, in denen es keine Juden gibt — sind zwar von der drakonischen Verordnung eximiert und die Hausierer des Bezirkes Waidhofen an der Thaya, die Karlsteiner, die Erzgebirgler, die P u s t e r t a 1 e r, die Leute aus Valsugana und Groden, die slovakischen Drahtbinder, die u n gar i s c h en Lei uw an d h än d 1er aus dem ArvaerKomitat, aus S t. N i k o 1 a i und S t. P e t e r, die Leute aus G o 11 s c h e e, P ö 11 a n t und R e i f n i t z — wer zählt die Völker, nennt die Namen! — werden zwar auch weiterhin dem kleinen Wiener Geschäftsmann ins Handwerk pfuschen: Aber ein paar Hundert unglückliche Juden aus Galizien und Ungarn, die mehr von Almosen als von den feilgebotenen Hemdknöpfen, Briefpapieren und Ansichtskarten leben, sind IV. Jahrgang. mit Weib und Kind der Hungersnot preisgegeben. An ihnen hat der «Gott Nimm» sein Mütchen gekühlt und gleichzeitig, wie es schon seine Art ist, die christlichsozialen Wähler jämmerlich betrogen, indem er ihnen die nicht jüdischen, aber viel gefährlicheren Konkurrenten am Halse 1 i e s s. Wir haben in diesen Blättern wiederholt dargelegt, dass das Gros der Wiener jüdischen Viertelexistenzen, die mit dem Hausierkasten von einem Restaurant zum anderen Restaurant — gejagt werden, die Opfer des antisemitischen Boykotts draussen auf dem Lande sind. «Gott Nimm» hat sie grausam von der Scholle gejagt und in dieses Massengrab gepfercht, um nun mit dem famosen Verbote seinem Werke die Krone aufzusetzen. Aber die Zeiten sind vorüber, da sich das jüdische Volk von solchen Grosstaten der christlichsozialen Gegenwart ins Herz treffen Hess. Es wird und es muss möglich sein, dieOpfer des Hausierverbotes in andere Berufe überzuführen. Jüdische Grossgemeinde Wien an die Tete! Die anderen jüdischen Gemeinden Oesterreich-Ungarns sind heranzuziehen — es handelt sich ja nicht nur um eine spezifisch wienerische Angelegenheit, sondern auch um Juden, die aus den verschiedensten Gemeinden kamen — und ein grosses, ein segensreiches Werk ist zu inaugurieren: Aus den elendesten Bettelexistenzen gesunde, selbstsichere Gewerbsleute zu machen. Die Zahl der vernichteten Hausierer ist nicht allzu gross (es gibt bei weitem weniger, als die antisemitischen Hetzer glauben machen wollen) und das Hausiergewerbe in der Hauptstadt ohnehin antediluvianisch und aufs Aussterbeetat gesetzt. Feuilleton. J ünglingsjahre.*) David Segenreich, der junge Jude aus Palechov — man kennt ihn aus den beiden früheren Romanen Hermann Blumenthais «Kindheitstage» und «Knabenalter», steht nunmehr im zwanzigsten Lebensjahre und bezieht bei der Wiener Firma Karfunkelstein & Comp, fünfundzwanzig Gulden monatlich. Er ist ein verträumter, butterweicher Dichterling, ganz eingesponnen in seine kleinen Empfindungen und taugt schlecht für das Geschäftsleben. Die Handlungsgehilfenbewegung, in die er geraten ist und an der er mit Begeisterung teilnimmt, vermag ihm über die quälende Einsamkeit, die er so fürchtet, nicht hinwegzuhelfen: «Wenn das Tor geschlossen werden sollte, kroch er müde und zerschlagen die Treppen hinauf und hatte den Wunsch, dass das Stiegensteigen kein Ende nähme. Sein Herzschlag ging dabei rascher und er geriet ein wenig ausser Atem. Da fühlte er die Einsamkeit nicht so schwer. — *) Jünglingsjahre. Roman von Hermann Blumenthal. Jüdischer Verlag, Köln und Leipzig 1910. Oder er wünschte auszugleiten und eine kleine Wunde davonzutragen, damit ihn der Schmerz diese dumpfe Traurigkeit vergessen mache» . . . Wenn er sich selbst entfliehen will, hält er mit einem imaginären Mädchen, dem er den Namen Hedwig und viel gütige Schönheit gibt, heimliche Zwiesprache. Mit Adolf Schatz und Heinrich Liebermann, zwei Gleichgesinnten aus dem Handlungsgehilfenvereine, verbindet ihn kurze Freundschaft. Aber Schatz, der nebst seinem publizistischen Talent auch Energie und die nötige Portion Skrupellosigkeit besitzt, fällt der Journaille anheim und wird wohldotierter «Liberaler», während Liebermann nach Berlin übersiedelt und zu seinem Freunde David nur zurückkehrt, um sich in dessen Beisein aus unglücklicher Liebe zu erschiessen. David Segenreich verkostet alle Bitterkeiten der Postenlosigkeit und — der erfolglosen Poeterei. Er hungert sich von Enttäuschung zu Enttäuschung durch. Lichte Augenblicke sind nur die erträumten Zusammenkünfte mit seiner Hedwig. Als es nicht mehr weitergeht mit dem Suchen und Darben, entschliesst er sich, die Zeit bis zum Einrücken — David steht vor dem Militärdienste — in der Heimat zuzubringen. Den Abschied von Wien gestattet sich der arme Junge selbst erschütternd. Er malt sich aus, dass seine Hedwig für immer von ihm Abschied nimmt. Niemand ist auf dieser weiten Welt, der mit ihm ginge. «Alle hatten in sein Schicksal eingegriffen, doch keiner war an seiner Seite geblieben.» Und es liegt eine bittere Ironie darin, dass diesen Sohn der Schmerzen sogar die erdichtete Geliebte verlässt. Man muss es einem Autor hoch anrechnen, wenn er es überhaupt unternimmt, diese eintönige, graue Leidensgeschichte durchzuführen. Es bedürfte des Humors eines C h a m i s s o, um diesen unglückseligen Schlemihl, der in seiner Stube gebrochen zusammenfällt, weil er sich vorstellt, die Geliebte, die überhaupt nur in seiner Phantasie existiert, habe ihm aufgesagt, glaubwürdig darzustellen, und es wäre die reife Kunst eines Hermann Hesse erforderlich, dem es in seinem Buche «Unterm Rad» wohl gelungen ist, ein junges Menschenleben zu dichten, das, kaum erblüht, der Gruft entgegenwelkt. Aber Blumenthals Arbeit ist uns trotz ihrer unleugbaren Mängel sehr wertvoll, denn sie ist ein echtes und ernstes Werk, das eine schlichte, durchaus künstlerische Sprache auszeichnet Darum verschlägt es nicht, dass er seiner Aufgabe nicht völlig gewachsen war und dass ihm manches misslang. Vor allem hätte er die Dichtkunst seines David

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