Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 22 (3.6.1910)
- Date
- 1910-06-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5. i Nr. 22 lir genug haben. Wenn es etwa nötig wäre, künst- [chen Dünger zu benutzen, wird es jetzt nicht i;hwer fallen, zu versuchen, diesen Dünger zu schaffen — durch die neuen Versuchsstationen von khronsohn. Auch die Menschen, ich meine die Arbeiter, haben mich mehr als befriedigt, besonders ie Arbeiter in Galliläa. Bessere Arbeiter irgendwo u finden, ist unmöglich. Fast alles intelligente, räftige, ehrliche Idealisten, ihrer Arbeit mit Leib nd Seele ergeben. Seltene Menschen. Ja, die Belingungen. zur Ausführung meines Kolonisationsilanes sind die denkbar besten. Ich erhoffe einen rollständigen Erfolg.“ Die Entwicklung der genossenschaftlichen Colonie wird nach Dr. Oppenheimer folgenden Verlauf nehmen: Im ganzen wird die Kolonie drei Stadien erleben, bis der ganze Plan vollständig durchgeführt ist. Zuerst das Stadium der Gewinnbeteiligung, welches — seiner Form nach kapitalistisch — durch eine besondere Gesellschaft organisiert ist, aber in Wirklichkeit ein Betrieb ist, an dessen Erfolg jeder Beschäftigte direkt interessiert ist. Drei (juristische Personen) sind jetzt an dem Unternehmen beteiligt: 1. der Nationalfonds, welcher die Ländereien gibt; 2. die Aktiengesellschaft, die das Betriebskapital liefert und 3. die Arbeitergenossenschaft, die die Arbeitskraft liefert. Das ganze Unternehmen wird durch eine Direktion geführt, zu welcher alle drei Vertrauen haben. Am Ende jeden Jahres wird j eine Bilanz aufgestellt. Der Nationalfonds bei kommt nur Zinsen von dem Kapital, das er hineingelegt hat. Die Betriebsgesellschaft 4% vom ' Gelde, das sie auf Inventar ausgegeben hat, und | noch 25% vom Gewinn. Die Arbeitergenossenschaft bekommt noch außer ihrem Arbeitslohn für ihre Arbeit 7üü/“ vom Gewinn. Die Betriebsgesellschaft aber verteilt ihren Gewinn den Aktionären, laut meiner bescheidenen Rechnung wird es schon im ersten Jahre möglich sein, Dividende in Höhe von 6—8"/“ zu verteilen. Die Arbeitergenossenschaft bekommt ihren Anteil an Dividende von 75"/“ ausgezahlt, und sic kann damit machen, was sie will; sie hat das Recht, das Geld unter ihren Mitgliedern zu •Verteilen, oder v:as noch wünschenswerter'ist und was wir hoffen, sie sammelt das Geld, um das Inventar von der Betriebsgesellschaft abzukaufen! Hat die Arbeitergenossenschaft genug Geld, um das Inventar abzukaufen, so scheidet die Aktiengesellschaft aus, und in der Unternehmung bleiben nur zwei Beiteiligte, nämlich: der Nationalfonds und die Arbeitergenossenschaft. Der erste bekommt Zinsen vom seinem Gelde, die zweite aber führt das Geschäft auf eigenes Risiko und bekommt von niemanden Lohn für ihre Arbeit, dagegen hat sie aber den ganzen Gewinn. Es ist das das zweite Stadium, welches ich „Landwirtschaftliche Produktiv- Gesellschaft“ nenne, schon nicht mehr eine kapitalistische Unternehmung, sondern ein Betrieb, wo die Arbeiter das ganze Ergebnis ihrer Arbeit erhalten. Das dritte Stadium nenne ich „Selbständige Ansiedlungsgenossenschaft“; es tritt nur in dem Falle ein, wenn der Nationaifonds von der Unternehmung zurücktritt, weil die Arbeitergenossenschaft den Boden auf sehr lange Zeit gepachtet hat und mit dem Boden tun kann, was sie will; nur ein Viertel wird dem Nationalfonds für neue Ansiedler bleiben.“ Im weiteren Verlaufe entwickelte Oppenheimer seine Ansichten von den Beziehungen des einzelnen Arbeiters zur Genossenschaft. Die letzten Nachrichten aus Rußland. Die Ausweisung von 700 jüdischen Familien aus Kiew. Aus Kiew wird berichtet: Die Freude über die Aufschiebung der Ausweisungen und die Einsetzung der administrativen Kommission, die die Nachprüfung des Wohnrechtes der auszuweisenden Juden zur Aufgabe hat, ist, wie sich nun herausstellt, eine verfrühte gewesen. Die Kommission ließ bereits klar erkennen, nach welcher Richtung sie arbeitet. Im Gegensatz zur üblichen russischen Schleppwirtschaft wird hier eine geradezu fieberhafte „Tätigkeit“ entfaltet, will sagen, die massenhaften fraglichen Fälle werden einfach übers Knie gebrochen und im Geiste der herrschenden Pplitik erledigt. Von ca. 1000 Berufungen gegen die verfügte Ausweisung wurden nur 150 als hinreichend begründet anerkannt. Bereits wurde dem Gouverneur eine Liste von 700 Familien zugestellt, die ausgewiesen werden sollen. Der Gouverneur hat nunmehr die Liste bestätigt, und den Betreffenden wurden verschiedene Fristen (zwischen 1. Mai und 1. Juli alten Stiles) bestimmt, innerhalb deren sie ihre Geschäfte liquidieren und die Stadt verlassen müssen. Die Kommission wird allem Anscheine nach sehr bald mit ihrer Aufgabe fertig sein. * * * Die Judenausweisung aus J<iew und eine Intervention Englands. Der Londoner Korrespondent der „N. J. K.“ berichtet: ' ' Die Präsidenten des Jewish Board of Deputies und der Anglo Jewish Association, Mr. D. L. Alexander und Mr. Claude S. Montefiore, sprachen diese Woche wieder vor im Foreign Office. Den Anlaß dazu gab eine Reutter-Depesche aus St. Petersburg an die Westminster Gazette, welche meldete, daß die zur Prüfung der Rechte der aus Kiew auszuweisenden 700 jüdischen Familien eingesetzte Kommission der Regierung empfohlen haben soll, nur 10% dieser jüdischen Familien zu gestatten, in Kiew zu verbleiben, die übrigen 80 % dieser unglücklichen Familien aber sollen die Stadt nach Ablauf eines Monats verlassen. Das Resultat dieser Intervention ist noch einstweilen unbekannt, aber vielleicht gelingt es auch jetzt dem Foreign Office, die befreundete russische Regierung für eine humanere Behandlung der Kiewer Juden zu gewinnen. * * * Der Hilfsverein der deutschen Juden erhält folgende Telegramme: Petersburg, den 20. Mai. Die Ausweisungen jüdischer Familien aus ihren bisherigen Wohnungen nehmen in Rußland einen immer größeren Umfang an. Neben der grausamen Austreibung von vielen hunderten Familien aus Kiew, die nun wohl unabwendbar bevorsteht, kommen aus Moskau Nachrichten über Ausweisungen von unglaublicher Herzlosigkeit.' . * Es verlautet, daß die Moskauer Behörden von höchster Stelle den Auftrag hätten, unter allen Umständen die Zahl der jüdischen Einwohner in Moskau zu vermindern. Wenn man den Familienhäuptern nichts anhaben kann, so hat man folgende unmenschliche Methode gefunden, um zum Ziele zu kommen. Unter irgend einem Vorwand weist man die Kinder der Familien aus, selbst Kinder im allerzartesten Alter. Durch solche Maßregeln will man selbst wohnberechtigte jüdische Familien zwingen, Moskau zu verlassen. Kiew, den 20. Mai, 11 Uhr 20 Minuten vormittags. Die Ausweisungen der jüdischen Familien aus Kiew werden jetzt mit Gewalt durchgeführt und zwar in der grausamsten Weise. Angesehene jüdische Bürger werden vom Schutzmannskordons in die Mitte genommen und gruppenweise zur Polizei geführt. Selbst in dringendsten Fällen wird höchstens ein Aufschub von 2 Tagen gewährt. Ein Teil der Ausgewiesen wird per Schub weggebracht. Ganz unerwartet erhalten zahlreiche weitere Familien und Personen, die bisher verschont geblieben sind, von der Polizei Ausweisungsbefehle, in denen dem Betroffenen nur eine 24stündige Frist zum Verlassen der Stadt festgesetzt wird. Unter der jüdischen Bevölkerung Kiew herrscht infolge dieser brutalen Vorgänge eine verzweifelte Stimmung. Gesellschaft zur Herausgabe jüdischer Jugendschriften. Die Gesellschaft hat bereits ihre Arbeit begonnen. Diese ist der zartesten jüdischen jugend gewidmet, für die tatsächlich keine nationale Literatur existiert. Unsere Kinder zwischen dem zehnten und fünfzehnten Lebensjahre sind — insofern sie sich nicht schon an Karl May’scher Kost den Geschmack verdorben haben, lediglich auf die Hoffmannschen Erzählungen angewiesen, die vom pädagogischen Standpunkte einwandfrei, dennoch spurlos an dem Gemüt des Kindes vorüberziehen. Daß diese dünnen Bändchen mit jüdischer Erziehung nichts gemein haben, braucht weiter nicht erwähnt zu werden. Der Unterricht der Geschichte und der Literatur (sit venia verbo) in den unteren Klassen der Mittelschulen ist — sei es infolge der Methode oder der unzulänglichen Vorbereitung des kindlichen Geistes durch die häusliche Erziehung — ganz bedeutungslos im Leben des Kindes. So kommt es, daß eine krasse Unkenntnis unseres V'olkstums selbst bei der Jugend jener Schichten anzutreffen ist, in denen der Schekel gezahlt wird und das Basler Programm politisches Bekenntnis ist. Diesem Uebel soll nun abgeholfen werden. Es soll nicht mehr und nicht weniger als die Literatur für das jüdische Kind geschaffen werden. Damit ist alles gesagt. Dem jüdischen Kinde soll im Alter seiner großen Empfänglichkeit der Sinn für jüdische Größe erschlossen werden. Es soll in ihm das Interesse geweckt werden für jüdische Vergangenheit und damit auch für jüdische Zukunft. Diesen Bestrebungen werden wohl auch diejenigen beipflichten, die unsere politischen Gegner sind, insofeme in ihnen noch ein Funken von Gefühl für jüdisches Interesse glimmt. In diesem Sinne will die Gesellschaft für die jüdische Jugend sorgen. Es sollen Bücher mannigfachster Art für das Kind ediert werden: Erzählungen aus dem jüdischen Leben, des vergangenen und gegenwärtigen, Monographien über jüdische Männer, die den Werdegang des Volkes beeinflußt haben, Anthologien aus der alten Literatur, Begebenheiten aus unserer Geschichte, alles natürlich in einer der Jugend entsprechenden Form. Wir können schon heute sagen, daß sich weite Kreise für unser Unternehmen interessieren; darunter kompetente Institutionen des Judentums und Männer von schriftstellerischer Bedeutung. Es wird nunmehr noch Sache der Eitern sein, unsere Arbeit zu einer wirklich gedeihlichen zu machen. Aus dem jüdischen Leben. Die Landwirtschaftliche Versuchsstation in Palästina. In einer Konferenz, die vor kurzem in New-York stattfand, ist die Gründung einer Gesellschaft unter dem Namen: „Jewish Agricultural Experiment Station“ beschlossen worden, die die Einrichtung, Erhaltung und Förderung landwirtschaftlicher Versuchsstationen in Palästina zur Aufgabe hat. Die Summe von 50.000 Dollar, die die laufenden Ausgaben der Station auf fünf Jahre bestreiten soll, ist bereits gezeichnet. Dazu kommen noch die Kosten der Ausrüstung, die von Jakob Schiff und Julius Rosenwald getragen werden. Dank dem Entgegenkommen des Departement of Agriculture der Vereinigten Staaten, welches für das Projekt der landwirtschaftlichen Versuchsstation lebhaftes Interesse zeigte und dem Unternehmen weitgehende Förderung versprach, wird die Station auf Grund wertvoller, in mancherlei Hinsicht einzig dastehender landwirtschaftlicher Berichte in Betrieb genommen werden. Ein anderer wissenschaftlich wertvoller Beitrag für die Versuchsstation bildet die über 25.000 Exemplare zählende Pilze-Kollektion des verstorbenen Prof. Kellermann, die von Herrn Rosenwald erworben und als Geschenk der genannten Gesellschaft übermittelt wurde. Herrn Aaronsohn aus Palästina wurde das Amt des leitenden Direktors der Station übertragen. Er ist jetzt auf dem Wege nach Palästina, und es ist zu erwarten, daß er Mitte Juni mit der Tätigkeit auf der Haifa-Station beginnen wird. Neben den Ausrüstungen und der Sammlung, die er von Amerika mitbringt, verfügt er auch über eine eigene große landwirtschaftliche Bibliothek und Sammlung, die er im Laufe von 14 Jahren in Palästina, Nordafrika und Südamerika erworben hatte und nun der Versuchsstation zur Verfügung stellen wird. Präsident der Gesellschaft ist Herr Julius Rosenwald, Vizepräsident Herr Moriz Lob, Schatzmeister Paul M. Warburg, Sekretär Henriette Szold. Es mag noch erwähnt werden, daß der türkische Gesandte in Washington, der in dem neuen Unternehmen ein wertvolles Glied in der Entwicklung seines Landes erblickt, Herrn Aaronsohn tatkräftige Unterstützung versprach. Warnung vor einer antisemitischen Sommerfrische. Der Verschönerungsverein der Sommerfrische Mitterndorf versendet einen Prospekt, der mit dem lapidaren Satz: „Juden nicht erwünscht“ beginnt und mit demselben Satze schließt. Dazwischen sind all die Vorzüge und Herrlichkeiten aufgezählt und beschrieben, deren die Juden nicht teilhaftig werden dürfen. So will’s und kündet’s in nicht mißzuverstehender Weise der Mitterndorfer Verschönerungsverein. Fraglich bleibt es indes, ob dieser Wink mit dem Zauupfahl alle Juwelenhebräerinnen abhalten wird, trotzdem oder eben darum nach Mitterndorf zu reisen und jüdisches Geld unter die Antisemiten zu bringen.