Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 19 (13.5.1910)
- Date
- 1910-05-13
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 IÜD1SCHE ZEITUNG. Nr. 19 Mühsam, kleinlich und verärgernd wird oft diese Alltagsarbeit sein, mit dem Blicke aufs große Endziel wird sie aber jeder feste Wille zu leisten vermögen. Vor allem anderen scheinen neben den jungen gleichgesinnten Rabbinern, die jetzt nach und nach in der Provinz für die frei gewordenen Stellungen einrücken, die aus den zionistischen Studentenverbindungen hervorgegangenen Juristen, Ingenieure, Aerzte und sonstigen Akademiker zur Mitarbeit in den Kultusgemeinden berufen zu sein. Allmählich erringen sich die studentischen Vorkämpfer aus Herzls Zeiten festere gesellschaftliche Postitionen, wird ihre Lebensstellung eine gesichertere, fallen gewisse Rücksichtnahmen für ein stärkeres Hervortreten. Die ihren jugendlichen Idealen untreu Gewordenen dürfen nicht mehr als hindernder Ballast in unseren Reihen weitergeführt werden. Die Arbeitswilligen, die Entschlossenen müssen auf ihren oft vorgeschobenen Posten den nötigen Sukkurs erhalten, nach einem möglichst einheitlichen Plane muß überall vorgegangen werden. Dann werden die schon Halbgewonnenen in unser Lager übergehen, die Schwankenden und Indifferenten werden aufgerüttelt und für unsere Ideen gewonnen, die intransigenten Gegner aber kaltgestellt werden. Möge ein lauter Sammelruf zur Eroberung der Kultusgemeinden durch den Zionismus erschallen, aber auch überall vernommen und beherzigt werden. Aus dem jüdischen Leben. Das 25jährige Jubiläum des Kolonisationsvereines „Esra“. Der Verein der deutschen „Chowewe Zion“, der rühmlichst bekannte Kolonisationsverein „Esra“ begeht dieser Tage das 25jährige Jubiläum seines Bestandes. Der „Esra“ hat im Laufe des Vierteljahrhunderts mit seiner Gründung für die jüdische Ansiedlung in Palästina Erhebliches geleistet Hervorgehoben sei besonders, daß er in den indifferenten Kreisen der deutschen Judenheit das Interesse für die Kolonisation Palästinas gehoben und es verstanden hat günstigen Einfluß auf die großen Kolonisationsgesellschaften wie „Ica“ etz. zu nehmen. Der „Esra“ hat -die Kolonisten. Unterstützt, das Schulwesen gefördert, die Einführung von Industrien angeregt — kurz er hat im Laufe der Zeit in seiner Arbei. eine gewisse Großzügigkeit gebracht. Der zionistischen Bewegung steht der „Esra“ sympathisch gegenüber und hat die zionistischerseits ins Leben gerufenen Institutionen wie zum Beispiel den „Bezalel“ in erheblichem Maße gefördert. Das gegenwärtige Zentralkomitee des Vereines besteht aus folgenden Mitgliedern: Dr. J. Ginsburg, Paul Natan, Prof. Warburg, Dr. Hildesheimer, Berthold Israel, und Rabb. Eschelbacher. Budapest In ganz Ungarn wird jetzt ein Vorfall besprochen, der beinahe einen zweiten Fall Oekörito zur Folge gehabt hätte, mit dem Unterschied jedoch, daß die vom Unglück Bedrohten fast ohne Ausnahme Juden waren. Die jüdische Schuldirektion Boriska Tyroler, die in Trsztena (Oberungarn) eine Privatschule unterhält, hat dieser Tage eine Tanzunterhaltung veranstaltet, an welcher ungefähr dreihundert Personen, darunter auch fünfzig unter zehn Jahren, teilgenommen haben. Der Tanzsaal war mit Acetylen beleuchtet, doch hat das Licht gegen Mitternacht versagt, so daß Kerzen angesteckt werden mußten. Da griff der anwesende Stuhlrichter Desider Mesko nach einer Kerze und drückte sie an die papierene Dekoration, welche sofort Feuer fing. Nach kaum einigen Minuten stand der ganze Saal in Feuer, es entstand eine schreckliche Panik, alles drängte nach dem einzigen Ausgange. Inzwischen war die Stimme des Stuhlrichters zu vernehmen, der laut ausrief: „Ich will heute noch in jüdischem Blute baden} Mit Rum hätte man die Juden begießen sollen, damit sie besser brennen mögen!“ Dank der aufopfernden Arbeit und Geistesgegenwart zweier jüdischer Herren konnten die Besucher des Festes noch rechtzeitig gerettet werden. Gegen den Stuhlrichter ist die Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet worden. Auch dieser Fall beweist schon, daß die Juden von der neuen Regierung nicht viel zu hoffen haben, denn, wie vielleicht in keinem anderen Lande, richten sich hierzulande die Beamten nach der jeweiligen Auflassung der Regierung. N. I. K. Konferenz der hebräischen Lehrer. Am 3. Mai fand in Lemberg im Lokale des Vereines „Tikwath Zion“ die V. Konferenz des hebräischen Lehrervereines statt. Von den gehaltenen Referaten verdienen besonders das Referat des H. Gelb über den „Religionsunterricht an den hebräischen Schulen“, das Referat des H. Sofermann über die „Herausgabe von Kinderlesebüchern“ und das Referat des H. Chalatnikow über den „Geschichtsunterricht an den hebräischen Schulen“ erwähnt zu werden. Die wichtigsten von allen auf der Konferenz gefaßten Beschlüsse beziehen sich auf die Gründung eines hebräischen Schulbücherveflages und die Einführung eines einheitlichen Lehrplanes an allen hebräischen Schulen in Galizien. Die Kindertage; und die Jüdinnen. Aus Z agreb wird uns geschrieben: Welche Blüten das Streben jüdischer Mädchen und Frauen, sich den Kroaten anzupassen, zeitigt, hatte man Gelegenheit während der beiden zugunsten der „Sektion für unser Kind“ des Lehrerinnenverbandes veranstalteten Kindertage Zeuge zu -sein.. Um den von klerikaler Seite stammenden Vorwurf, die Aktion sei das Werk der Juden und gegen die Kirche gerichtet, zu entkräftigen, richtete die Sektion an die Redaktionen der hiesigen Tagblätter eine Zuschrift, worin unter Hinweis auf die humanen Ziele dieser Strömung erklärt wird, daß diese Wohltaten den katholischen kroatischen Kindern zuteil werden sollen. Das Organ der Fortschrittspartei „Pokret“ brachte diese von den edelsten Gefühlen der Präsidentin der Sektion und kroatischen Schriftstellerin Fräulein Milka Pogaöiö diktierte Zuschrift mit der lakonischen Frage als Aufschrift: „Wie kommt das?“ ohne Kommentar. In ihrer Berechnung, daß durch diese Erklärung den Klerikalen die Waffe aus den Händen genommen wird und ihre jüdischen Schule rifinen der höheren Töchterschule und K:olleginnen von derjüd i s c h e n Schule', trotzdem mitwirken werden, hatte sich Fräulein Bogaöic nicht geirrt. Sie kennt eben die Psyche ihrer jüdischen Schülerinnen und Kolleginnen und wäiß1 sehr wöhl, wie es sich mit deren menschlischein Würde verhält. So kam es, daß die jüdischen Mädchen 907« aller auderen Mädchen, ,die mitgewirkt haben, bildeten; und die Bemühungen einiger Gesinnungsgenossen, sie von der Würdelosigkeit;dieser Mitarbeit zu überzeugen, ohne Erfolg blieb'en.~.jy M. R—r. Ueberreichung des Ehrenbürgerdiploms an Abg. Dr. Straucher.i Bekanntlich wurde unser verdienter Gesinnungsgenosse, der Obmann des „Jüdischen Klti-bs“, ' Reichsratsabgeordneter Dr.-} Strauche r, voriges Jahr zum Ehrenbürger der Stadt Czernowitz . ernannt. Am 9. Mai d. J. fand in Czernowitz die feierliche Ueberreichung des Ehrendiploms an Dr. Straucher durch den Bürgermeister von Czernowitz, Freiherrn v. F ü r t h, statt. Zeitschriften und Bücherschau. Gedichte von Morris Rosenfeld in Nachdichtung von Friedrich Thieberger. Mit einer Einführung von Friedrich A d 1 e r. Jüdische Universalbibliolhek, Prag. 7 Diesen Ueberträgungen Rosenfeldscher Lyrik darf man vieles nachrühmen: Künstlerisches Nachempfinden, glückliche Versbehandlung, wohltuende Musik. Eine Probe sei hergesetzt. Der Jude vor dem Christusbild. Gekreuzigter, am Kreuz noch Spiel der Massen, Darf jeder schmutz’ge- Sklave dich beschrei’n? Einst strahlt’ um deine Stirn Prophetenschein . . . Und deine Schuld war nur: Ihr sollt nicht hassen! Nun fühst du’s: deine. Lider welken ein, Auf deinen Lippen die Gedanken blassen: Mein Gott, mein Gott,-was hast du mich ver- lassen . . .! Dein Himmel schweigt. Dein Blut tropft auf den Stein. Und tropft und tropft. .Sie stehen wild umher, . Es klebt ihr Blick anä Blute sinnlich-schwer. Und keiner tröstet dich in deiner Schmach. i Und ängstlich fast schau’ ich von dir auf mich, Jahrtausende sind plötzlich in mir wach: ■ Nein, nein, das ist, nicht Christtus ... das bin ich! Jüdische Zentralbibliothek in Jerusalem. Die Verwaltung der Jüdischen Zentraibibliothek in Jerusalem veröffentlichte dieser Tage eine kleine Schrift, betitelt: Die Jüdische Zentralbibliothek in Jerusalem, ihre Entstehung und Entwicklung“. Beim Durchlesen dieser Schrift gewinnt man einen interessanten Einblick in den Werdegang eines hervorragenden jüdischen Kulturwerkes Neu-Palästinas. Aus geringen Anfängen hervorgegangen, hat sich diese Institution in kaum zwei Dezennien zu einem bedeutenden Kulturfaktor entwickelt. Mit ihren 32.000 Bänden ist die Bibliothek ein ergiebiger Born geworden, der den geistigen Boden Jerusalems und des übrigen Palästina befruchtet. Mit Hilfe der zahlreichen wissenschaftlichen Werke des Instituts kann auch hier auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft erfolgreiche Arbeit geleistet werden. Sowohl die Rabbiner als auch die modernen Gelehrten, die Studierenden der Jeschiboth wie diejenigen der modernen Schulen entnehmen dieser Bibliothek ihre Hilfsmittel für ihre Studien und wissenschaftlichen Arbeiten. Besonders reichhaltig ist die Hebraica- Sammlung, die mit ihren 20.677 Bänden, darunter vielen Inkunabeln und seltenen Ausgaben, den entsprechenden Sammlungen der größten Weltbibliotheken an die Seite gestellt werden kann. Im Jahre 1892 unter den Auspizien der Bnai- Brith-Loge in Jerusalem gegründet, gewann die Jüdische Zentralbibliothek bald die warmen Sympathien der Freunde der jüdischen Kultur und Palästinas. Durch die hochherzige Bücherschenkung des wegen seines selbstlosen Idealismus in jüdischen Kreisen wohlbekannten Bialystocker Arztes Dr. Josef Chasanowitz sowie durch anderweitige reiche Bücherzuwendungen erhielt die Bibliothek die Bedeutung, die sie jetzt besitzt. Seit dem Jahre 1902 besitzt die Bibliothek ein eigenes Heim, das zunächst aus dem rechten Flügel eines geplanten monumentalen Gebäudes besteht, der aber inzwischen für die Bedürfnisse zu eng geworden ist. Bedauerlich ist es, daß ein großer Teil der Bücher wegen Mangels der Mittel zur Errichtung von Bücherschränken nicht nutzbar verwendet werden kann. Die Bibliothek wird von mehreren jüdischen Organisationen, dem Exekutivkomitee des Bnai- Brith-Ordens in America, dem Hilfsverein der deutschen Juden, der Großloge für Deutschland UOBB. und der Israelitischen Allianz in Wien, gefördert. Im Interesse einer weiteren Ausgestaltung dieses ausgezeichneten Kulturwerkes nach innen und außen hin wäre, speziell angesichts des in Palästina wachsenden und nach der Herrschaft trachtenden kulturellen Einflusses der verschiedenen europäischen Nationen, eine tatkräftige Förderung desselben seitens aller unserer Stammesgenossen , sehr vyünscheßswert. . ............ V ereinsu .V ersammlungs- Nachrichten. Voranzeigen. Wien. Das vorbereitende Komitee der Vereinigung jüdischer Hochschüler in Wien zur Pflege der hebräischen Sprache und Kultur, „Hat’chijah“, zeigt all jenen Kollegen, die ihren Beitritt angemeldet haben, an, daß die konstituierende Generalversammlung am Samstag, den 14. d. M. um halb 8 Uhr abends im Cafe Brammer, IX., Liechtensteinstraße 1, stattfindet. Tagesordnung: 1. Bericht des Vorbereitungskomitees; 2. Verlesung der Statuten und der Hausordnung; 3. Wahl der Vereinsfunktionäre; 4. Eventualia. Wien. Die jüdisch-akademische Ferialverbindung „Massada“ gibt allen ihren Freunden und Gönnern bekannt, daß ihr lb. Bb. Oskar Horner Freitag den 20. d. M. zum Doktor der Philosophie promoviert wird. Wien. (Zum Grabe Herzls.) Montag den 16. d. M., 7*10 Uhr vormittags versammeln sich die Mitglieder des Klub zionistischer Arbeiter vor dem Cafe „Jägerhof“, IX., Porzellangasse 22, um das Grab weil. Theodor Herzls zu besuchen. Präzise */A0 Uhr Abfahrt auf den Döblinger Friedhof. Auch Nichtmitglieder sind willkommen! Wien. (Akademischer Verein „Jüdische Kultur“.) Auf Einladung des akademischen Vereines „Jüdische Kultur“ (II., Bluntauergasse 20/8) wird der berühmte Jüdische Dichter Unoichi (Wilna) in einem am 21. d. M. im Hotel Guth (II., Stefaniestraße) .stattfindenden literarischen Abend seine eigenen Dichtungen zum Vortrage bringen. Karten zu 1 K und 60 Heller sind im Vereinslokale erhältlich. Wien. (Zionistischer Zentralverein, Sektion Ottakring-Hernals.) Die Sektion Ottakring-Hernals des Zionistischen Zentralvereines veranstaltet Dienstag den 17. d. M. gemeinsam mit dem akademischen Verein „Theodor. Herzl“ anläßlich des 50. Geburtstages Theodor Herzls in Goldmanns Restaurant, Wien, XVI., Hubergasse 10, eine Herzl-Gedenkfeier. Beginn 8 Uhr abends. Gäste willkommen. Eintritt frei. Programm: Bundeslied (A. V. „Theodor Herzl“); Prolog (Herr J. Torczyner); Festrede (Herr Dr. H. Zuckermann); „Die Menorah“ von Heizl (Herr J. Torczyner); Schlußlied (A. V. „Theodor Herzl“}.