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Jüdische Zeitung · 1910-03-18 · 11 (18.3.1910) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
11 (18.3.1910)
Date
1910-03-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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ORGAN XftX ■ ■■■■■ urwrwtm J«M NRTIDNRL ■ H B ■■■■■■■■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahm4l IX., Liechtensteinstrafie 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11-12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestetlt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn* Garizjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Gäczjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk.3.—. Für das übrige * «■ *Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare20 h. Postsparkassenkonto 104.067. *************** Nr. 11. Wien, Freitag deh 18. März 1910. IV. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Würdelosigkeit. Parlamentsrede des Abg. Dr. Straucher. Von der Woche. Drohende Nullifizierung der jüdischen Nation bei Schaffung des Wahlgerichtshofes. Aus.dem Parlamente. Parteinachrichten. Vereinsnachrichten. Ueberläufer. Würdelosigkeit. Schamrot müssen wir es heraussagen: Hinter dem Sarge Dr. Karl Luegers sieht man die Würdelosigkeit des „repräsentativen“ Judentumes einherschreiten. Jeder Kulturmensch mit besseren Instinkten wendet sich mit Abscheu von unseren Großjuden, die ihr eigenes Volk nicht mehr kennen, die es aber immer wieder an den Pranger stellen, zur Lust des Pöbels, der mit den Fingern nach uns weist. Der Gründer der christlichsozialen Pact^'dec^gemal&rOcganis^tpc. des.antis&- mitischen, wirtschaftlichen Boykotts ist gestorben. Die 1 §0.000 jüdischen Bewohner der Stadt, die er regierte, waren für ihn Menschen zweiter Klasse, denen man nur von Fall zu Fall aus Nützlichkeitsgründen Duldung, aus hoheitsvoller Gnade ein Endchen Rechte gibt. Aber er hat hie und da einem kapitalkräftigen Juden die Hand gedrückt, hat einmal höchst jovial seine Vorliebe für koschere Speisen kundgetan, hat ein paar jüdische Althändler pardoniert und ihnen lächelnd versichert, daß die jüdischen Mäkler mit alten Hosen eine Wiener Spezialität seien, die er nicht missen wolle, hat mitunter einem jüdischen Bittsteller willfahren und hat entgegen seiner sonstigen Gepflogenheit ein paar armselige jüdische Konduk- Dozent Dr. Wenger. Novelle von Wilhelm Oskar Strisower. Er trat auf die Straße. Endlich- Nach Jahren, die voll Arbeit und Entbehrung waren, der heißersehnte, langerwartete Erfolg. Wie oft wünschte er diese Stunde herbei. Mit vor Aufregung zitternden Händen befühlte er die Brusttasche, zog das Papier heraus und las wieder, und wieder aufs Neue seine Ernennung zum Privatdozenten. Hier stand es klar und deutlich und ein Traum war es nicht. Vor wenigen Minuten hatte ihm doch die alte Exzellenz gratuliert und ihm die Hände geschüttelt. Dozent Dr. Wenger. Das hörte sich hübsch, fast arisch an. Wie lange war es her, daß er ein simpler Dr. Weiner war. Er lachte still in sich hinein. Dr. Weiner! — ja, damals war er noch nicht Assistent an der Klinik, hospitierte bloß und arbeitete für zwei. Tag und Nacht, im Glauben an die Wissenschaft, die ewige Erkenntnis. Dr. Wenger lächelte bitter. Wie bald verflogen diese Träume! Als junger Student, der sich aus Vorliebe der Medizin zugewandt und Tage schwerer Not erlebt teure anläßlich der Verstadtlichung der Omnibusgesellschaft nicht an die Luft gesetzt. Das genügte den Ghettosöhnen und sie kamen solange er lebtte, winselnd wie geprügelte Hunde, die den! gutgelaunten Herrn die Hand lecken und dich jeden Augenblick zittern, daß wieder die Knute herabsausen könnte. Wer hat die erste schwarze Fahne gehißt, als der Bürgermeister verschieden war? Das Haus Rothschild. Wer hat dien ersten tränenseligen Nachruf gesprochen? Herr Pollak von Parnek. Wer schrieb den ersten „tiefempfundenen“ Nachruf im jüdischen „Neuen Wiener Tagblatt“? Der Wiener jüdische KultusVorsteher Herr Baurat Stiaßny. Wer wimmelte in schwarzer Trauerkleidung beim Rathause, wer machte Spalier beim Leichenzuge, wer lorgnierte den schwarzen Riesenzüg des Klerus, der antisemitischen Männer und Frauen, der vom Klerikalismus unterjochten Arbeiter und Bauern? Die jüdischen Frauen vom Kai und der Leopoldstadt. Den . Vertretern der Leopoldstadt hat es nichts genützt, daß sie. unck_ am. Todestage. JLuegers., ausdriickr-. lieh' nur die Christen des Bezirkes zum Begräbnis einluden und sie aufforderten die auf Namen lautenden Einladungen bei Stadtrat Oppenberger zu beheben. Solche Sprache verstehen unserejuden nicht. Sie kreischen nur auf, wenn Steiner rät, die Juden mit Schwefelsäure zu taufen, aber sie müssen dabei sein und mit offenen Mäulern gaffen, wenn die ungeheure Prozession der Judenfeinde vorüberzieht, denen nichts so widerlich sein konnte wie der Anblick der verhaßten asiatischen Fremdlinge in der Stunde, da sie ihren verehrten Führer zu Grabe trugen. Angesichts dieser knechtischen Würdelosigkeit unserer „Israeliten“ gibt es zwei Mittel: Sich verkriechen und den Jammer über die nackte Schande in einen dunkeln hatte, um das Kollegiengeld zu ersparen, arbeitete er anfangs mit Eifer, mit nieermüdender Energie und glaubte mit jedem Rigoros um der Wahrheit näherzurücken. Dann wurde er promoviert und kam ins Krankenhaus. Hier harrte seiner die erste Enttäuschung. Leute, die aus reiner Berechnung ihre Pflicht erfüllten, mechanisch den Dienst versahen, aber arische Namen trugen, wurden ihm vorgezogen. Das waren Tage der finsteren Verzweiflung, Verzweiflung an sich selbst, dem Berufe der Menschheit. Aber aus Trotz vertiefte er sich um so mehr ins Studium, jetzt aber nicht um Kranken zu helfen, sondern um sich aus der unbeachteten Stellung ans Licht zu drängen. Sein Eifer, seine Selbstverleugnung wurden bemerkt. Auf seltsame Weise. „Lassen Sie sich taufen, Dr. Weiner“, sagte ihm einmal der blonde germanische Hofrat, „ändern Sie den Namen und die Zukunft steht Ihnen offen“. Noch heute durchrieselte Dr. Wenger ein kalter Schauer, wenn er an die Szene dachte und den Eindruck, den sie auf ihn gemacht hatte. Fast wie ein Gesichtsschlng wirkte dieses Angebot auf ihn. Nicht, daß er von jeher religiös wäre und eine solche Zumutung als Beleidigung zurückgewiesen hätte, nein; einer Zusammenhörigkeit mit der jungen nationalen Judenschaft fühlte er sich auch entrückt. Winkel tragen, oder aber hintreten, den Schleier von dieser eiternden Schwäre an unserem Volksleibe reißen und alle rufen, die guten Willens sind, damit man die Beule aufsteche und fortschneide, was krank und verfault ist. Wir wählen das letztere, weil wir unser Volk lieben. Rede des Abg.Dr.Straticher zu den Steuervortagen. Am tp. März 1910 griff der Obmann des „Jüdischen Klub“,Abg. Dr. Straucher, mit einer bedeutungsvollen Rede in die Debatte über die Steuervorlagen der Regierung ein. Er beschäftigt sich zunächst mit dem Finanzplan. So oft wir, hohes Haus, von Staatsnotwendigkeiten hören, bekommen wir schon eine gewisse Vorahnung, daß es sich um die Einführung neuer Steuern oder um die Erhöhung bestehender Steuern und insbesondere der indirekten Steuern handelt. Und da verweise ich darauf, daß ja schon der Staatsvoranschlag vom vorigen Jahr eigentlich ein verschleiertes, aber ziemlich bedeutendes Defizit aufwies. Wohl hat man. damals das verkleistert durch Heranziehung des Münzgewinnes von etwa 23Y> Millionen Kronen und des Betrages von ff Millionen Kronen aus dem Käufschillingsreste der Südbahn; aber noch immer hat der damalige Generalberichterstatter Abgeordneter Dr. Steinwender behauptet, daß das Defizit ein viel größeres sei. Und wir sehen weiter, daß im Budget des laufenden Jahres 1910 nach, den Einstellungen in demselben ein Abgang von 109’5 Millionen Kronen zu verzeichnen ist. Der eigentliche Abgang sei aber weit größer. Das Erfordernis der Staatsverwaltung belaufe sich auf zirka 400 Millionen Kronen, Von diesen 400 Millionen Kronen, oder ziffernmäßig 395 Millionen, seien 326 Millionen durch Staatsanlehen zu bedecken, 69 Millionen aber müssen im Wege der Erhöhung bestehender Steuern, beziehungsweise Einführung neuer Steuern gedeckt werden. Während früher die Staatskassen gefüllt waren, ist dermalen eine gähnende Leere vorhanden, all’ dies zu einer Zeit, da nicht nur die Staatsfinanzen deroutiert sind, sondern bekanntlich auch die Landesfinanzen äußerst traurig sind und überdies auch die Gemeindebudgets der einzelnen größeren Städte und vieler anderer Gemeinden vielfach nicht mehr ausreichen, den gestiegenen Anforderungen zu ent- Alt das waren ja Utopien, an die er nie, weder damals noch heute glaubte und doch — Dr. Wenger zündete sich eine Zigarre an und tat einige kräftige Züge, um sich zu berauschen, wie immer, wenn er in Gedanken an dieses „doch“ stieß. Seine Ettern kamen ihm nun doch in den Sinn, die fern in der Bukowina der einzigen Hoffnung lebten, daß ihr Sohn in der Großstadt zu einem tüchtigen Menschen, warmen und hilfsbereiten Juden aufgewachsen sei. Er wehrte die Erinnerung ab, sie kam stets wieder und breitete vor seinen Augen das Bild der armen, verzweifelten Eltern, die sich zu Tode grämten, als sie von seiner Taufe erfuhren. Ihre Briefe wurden immer seltener er beantwortete sie auch nicht. Wozu, hätten mich die Alten begriffen, fügte er stets als Entschuldigung hinzu. Diesmal tat dies Dr. Wenger nicht. Er blieb nachdenklich auf der Straße stehen und zum erstenmal drängte sich ihm die Frage auf, ob er denn in seinem Glauben recht behielt. Konnte er vom Vater verlangen, daß er sein Streben nach wissenschaftlicher Graduierung begriff und dem Glauben voransetzte? War der alte Herr nicht ein Produkt seiner sozialen Umgebung, die als rechtlos alles verstieß, das sich ihr abwandte?

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