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Jüdische Zeitung · 1910-03-04 · 9 (4.3.1910) · p. Seite 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
9 (4.3.1910)
Date
1910-03-04
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 9 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 7 Die „Ica“ und ihre Wirtschaft in Argentinien. Sonntag den 27. v. M. fand in Wien eine Versammlung statt, die den Anfang eines erbitterten Kampfes zwischen der jüdischen Öffentlichkeit und der reichsten und mächtigsten jüdischen Kolönisations gesellschaft darsfeilt. Die Angriffe, welche“gegen die „lea“ gerichtet wurden, waren so schwer, die vorgebrachten Beschuldigungen auf ein so reiches Tatsachenmaterial gestützt, daß ein einmütiges Gefühl der Empörung gegen die Schandwirtschaft dieser „kapitalistisch-jesuitisch - phüantropischen“ Gesellschaft in den Versammelten emporstieg und sich in Entrüstungsrufen Luft machte. Der Mann, welcher gegen die Ica und ihre Wirtschaft in Argentinien die Anklage erhob, war Leo Chasanowicz, welcher lange Zeit in Argentinien verbrachte, genau Land und Leute kennen lernte und nun ganz Europa bereist, um die jüdischen Massen zum Kampfe gegen die Verfälscher der edlen Intentionen des Baron Hirsch aufzurufen. Chasanowicz der auf Grund einer Denunziation der Ica-Beamten in Argentinien verhaftet wurde und als Anarchist in seine „Heimat“ nach Rußland transportiert werden sollte, vermied es, von seinem persönlichen Schicksale zu berichten. Er bemühte sich vielmehr ein objektives Bild über die jüdische Kolonisation zu entwerfen. Und all das, was er vorbrachte, wirke in der Schlichtheit der trockenen Berichterstattung mächtig und eindrucksvoll. Vorerst stellte er die Behauptungen, als ob es den jüdischen Kolonisten in Argentinien gut gehen würde, richtig. Die jüdischen Kolonisten sind bis über die Ohren verschuldet. Die einzelnen Kolonien liegen weit auseinander. Der jüdische Gemeingeist ist dadurch vollständig zerrissen und die Kolonisten können sich weder zu gemeinsamer Arbeit, viel weniger noch zu gemeinsamer Abwehr drohender Gefahren zusammenfinden. Im weiteren Verlaufe schilderte der Referent Argentinien als Kolonisationsland und kam zum Schlüsse, daß wiewohl der Kolonisation in diesem Lande keine große Zukunft beschießen sei, dennoch für die dort befindlichen Juden ruhige und zufriedenstellende Lebensbedirigungen geschaffen werden könnten. Ueber die Juden als Kolonisationsmaterial äußerte sich Chasanowicz, der die Kolonisten bei der Arbeit kennen gelernt hat, in äußerst lobender Weise. Die Kolonisten sind arbeitsfreudig und sehr strebsam. Doch tritt einer gedeihlichen Entwicklung der jüdischen Kolonisation in Argentinien die „Ica als Kolonisatorin“ durch ihr vollständig verfehltes System entgegen. Schon die Art der Verträge, die zwischen der „Ica“ und den Kolonisten geschlossen werden, sind für den rückschrittlichen, herrschsüchtigen Geist der „lca“-Gewaltigen kennzeichnend. Punkt für Punkt ist darauf berechnet, jedes Selbstständigkeilsgefühl der Angesiedelten im Keime zu ersticken und diese zu willenlosen Untergebenen der korrupten Verwaltung und des unrnorali sehen persönlichen Regimes zu machen. Die Kolonisten sind erst nach 23 Jahren imstande, ihre Schulden an die „Ica“ zu tilgen. Wenn ihnen eine gute Ernte ermöglicht größere Ratenzahlungen zu leisten, so wird der Ueberschuß als Depositum betrachtet, um das Selbständigwerden der Kolonisten so weit als möglich hinauszuschieben. Die Beamten der „Ica“ benehmen sich wie russische Paschas, sie sind ihrer Mehrzahl nach feige Speichellecker ohne Mannesmut und Charakter. Die Folge dieses Regimes ist Bestechlichkeit, Unterdrückung und offen betriebener Diebstahl. Dadurch werden viele Kolonisten vom Boden gerissen und dem Schacher, Wucher und dem Mädchenhandel in die Arme getrieben. Unter den Mädchenhändlern in Buenos-Aires befinden sich 500 jüdische Ex-Kolonisten der „Ica“. Diese dunklen Existenzen haben den Antisemitismus der in der nunmehr argentinischen Bevölkerung tief wurzelt, erzeugt und groß werden lassen. So hat denn die „Ica“ durch ihr Verwaltungssystem diejudäophobie geschaffen und die judenfeindliche Bewegung in Süd- Amerika heimisch gemacht. Zum Schlüsse wies Chasanowicz darauf hin, daß die Schandtaten der „Ica“ das ganze Judentum angehen. Wenn die Beamten der „Ica“ glauben, zum Schaden des jüdischen Volkes wirtschaften zu können, so muß eine starke Bewegung einsetzen, um das „Thrönchen“ der „Ica“ zu stürzen. Den Grundsatz der „Ica“ „nach uns di& Sündflut“ muß die jüdische Oeffentlichkeit korrigieren in „über sie die Sündflut“! Die Rede des H. Chasanowiez erntete stürmischen*Beifall, worauf Herr Kaplansky folgende einstimmig angenommene Resolution begründete: „Die am 27. Februar 1910 von der jüdischen sozialistischen Organisation Poale-Zion einberufene jüdische Volksversammlung nimmt mit tiefer Entrüstung Kenntnis von der kritischen Lage der jüdischen Kolonisten Argentiniens, deren Wohlstand und Entfaltung untergraben und verhindert werden durch die unglaubliche Bevormundung und zügellose Willkür der Ica-Administration, die bestrebt, ist, die Abhängigkeit der Kolonisten zu verewigen und ihre Emanzipation unmöglich zu machen. Die Versammlung verlangt eine Aenderung der Siedlungsmethoden auf Grundlage der Selbsthilfe und Selbstverwaltung der Kolonien sowie die Verwaltung des dem jüdischen Volke von Baron Hirsch hinterlassenen Vermögens durch Volksvertreter. Die Versammlung erhebt nachdrücklichen und entschiedenen Einspruch gegen die Gewaltherrschaft und brutale UntQrdrückungspolitik der Regierung Argentiniens, die die Vernichtung der argentinischen Arbeiterbewegung mit den verwerflichsten Mitteln anstrebt und gibt ihrer Empörung darüber Ausdruck, das Beamte der ICA, die von jüdischem Volksgelde leben, dieser Regierung Henkers- und Denunziantendienste leisten und an der Unterdrückung der jüdischen Arbeiterbewegung des Landes teilnehmen.“ Vereinsu .Versammlungs- Nachrichten. Voranzeigen. Wien. (Galizisches und Bukowinaer rituelles Speisehaus.) Wie uns vom Vorstand des Vereines „Achwa, Jüdische Brüder“, mitgeteilt wird, ist das neue Vereinslokal zur Ausspeisüng unbemittelter Juden Wien, II., Herminengasse 8, bereits fertiggestellt und wird in den nächsten Tagen bezogen werden. Das neue Lokal umfaßt sechs große helle Räume, außer einer mit allen modernen Behelfen ausgestatteten Küche. Der Verein „Achwa“, in dessen streng rituellem Speisehause heute schon täglich durchschnittlich 300 Portionen verabreicht werden, wird in dem neuen Lokale, dessen feierliche Einweihung demnächst vorgenommen werden soll, in der Lage sein, allen Ansprüchen seiner hauptsächlich galizischen und Bukowinaer jüdischen Besucher in jeder Richtung zu entsprechen. Wien. Das Vorbereitungskomitee des „Hasomir“, Verein zur Förderung jüd. Literatur und Kunst veranstaltet am 7. März 1910 im Saale des Jüd. Theaters (II., Taborstraße, „Hotel Stefanie“) einen literarischen Abend, bestehend aus: Gesangsvorträgen, 2. Konference, 3. Schalom Asch: „Zurick gekimen“, Schauspiel in zwei Akten. Karten zu K 3, 2, 1.40, —.80 sind zu haben: Bei H. M. Hammer, I., Rotenturmstraße 26, im Cafe Marienbrücke, I., Rotenturmstraße, im Cafe Mokka, I., Schottenring 12, im Cafe Stefanie, II., Stefaniestraße. Wien. (Jüd-akad. Verb. „Makkabäa.) Wie alljährlich beschließt das Representationsfest der Verbindung — ein Kränzchen, das am 10, März im Hotel Kontinental stattfindet, — den Reigen der jüdischen Elitebälle. — Indes die Veranstaltungen der „Makkabäa“ sich auch vordem in den vornehmsten jüdischen Kreisen eines wohlverdienten Rufes rühmen dürften, wird der diesjährige Abend aller Voraussicht nach, seine Vorgänger weit in den Schatten stellen. Die künstlerisch ausgeführten Einladungen entstammen der Hand der Hand des Malers Ranzenhofer, dessen Name den Freuden des „goldenen Buches“ nicht unbekannt sein dürfte. Wien. (Allgemeiner Jüdischer Arbeiterverein.) Samstag den 5. März d. M., präzise 8 Uhr abends, findet im Vereinslokale II., Stefaniestraße 2 (Separierter Saal des „Cafe Stefanie“) ein Vortrag des Herrn Dr. H. Kadisch über: „Bodenreform und Gewerkschaftsbewegung“ mit anschließender Diskussion statt. Vollzähliges Erscheinen der Mitglieder Pflicht; Gäste jeder Parteirichtung willkommen. Wien. Hebräischer Konversationsklub „Ivriah“. Samstag den 5. d. M., l/;8 Uhr abends, Cafe Bnummer, IX., Liechtensteinstraße 1: Diskussion über Oppenheimers Auffassung von Stamm und Nation. Wien. Mittwoch den 9. März hält Herr A. Loubetzky im Vereinslokale des akademischen Vereines „Jüdische Kultur“, II., Blumauergasse 20, einen Vortrag über: „Die jüdische Literatur.“ Beginn 8 Uhr abends. Gäste herzlichst willkommen. Wien. (Jüdische akademische Verbindung „Unitas“.) Die Jüdische akademische Verbindung. „Unitas“ veranstaltet am 5. d. M. im Saale des Kasino Zögernitz, XIX., Döblinger Hauptstraße 76, eine Damenkneipe mit anschließendem Tanz für die Bekannten und Freunde der Verbindung. Gäste willkommen! Wien. (Neß Zionah.) Dienstag, den 8. März a. c. 8 Uhr abends findet im Klublokal „Cafe Mokka“, I., Schottenring 12, ein Vortrag des Herrn Dr. Leo Goldhammer über „Bezalel“ (Die Kunstgewerbeschule in Jerusalem) statt. Die Gesinnungsgenossen werden gebeten, pünktlich und zahlreich zu erscheinen. Gäste — auch Damen — herzlich willkommen. Wien. (Jüdisch-akademische Verbindung „Ivria“.) Freitag den 4. März 1. J. findet auf der Bude der Verbindung (IX., Glasergasse 4 a) ein Vortrag des Bb. Schallinger über „Stammesbewußtsein und Volksbewußtsein“ statt. Gäste willkommen! Wien. Sektion Ottakring und Hernals des Zionistischen Zentralverein hat Dienstag den 1. d. M. im Restaurant Goldmann, XVI., Hubergasse 10 ihre konstituierende Versammlung abgehalten. Dank den Bemühungen des Vertrauensmannes Herrn Ing. Siegfried Epstein und des Schriftführers Herrn Ing. K ö p p 1 waren die Bewohner der Bezirke XVI. und XVII. zahlreich erschienen. Nach Eröffnung des Abends durch Herrn B o h i n hielt Herr Dr. Jakob K o h n als Obmann des Zentralvereines eine die Ziele des Zionismus beleuchtende Ansprache, worauf Herr Stein einen überaus beifällig aufgenommenen Vortrag Uber „Das Wieeererwachen des heiligen Landes“ brachte. Das unter der Leitung des Herrn B o h i n stehende Sektionskomitee beschloß, alle vierzen Tage ähnliche zwanglose Zusammenkünfte zu veranstalten. Die Sektion Döbling des Zionistischen Zentralvereines hält jeden ersten und dritten Mittwoch im „Cafe Döbling“ zwanglose Zusammenkünfte ab, welche zum geistigen und geselligen Zentrum des jüdischen Lebens im Bezirke geworden sind. Referate der Herren Dr. Schnirer, Lucian Brunner, Rabb. Dr. Frankfurter, Adolf Böhm, Dr. Fischer. Strauß u. a. haben die unter Leitung des Vereinsobmannes Herrn Dr. Jakob Kohn stehenden Abende zu einem Anziehungspunkte auch der Gesinnungsgenossen aus anderen Bezirken gemacht, so daß auch Herr Dr. S c h a I i t und Herr Is. G e w i t s c h das letztemal Gelegenheit fanden, die Grundsätze des Zionismus an der Hand ihrer reichen Agitationserfahrung zu beleuchten.. — Aus dem geselligen Teil der Abende sind insbesondere die Gesangsvorträge des Herrn Oberkantors Landau hervorzuheben. Personalnachrichten. (Statt jeber bejoneren Slnseige. *tUif Bteifel ©rnft iSrofc Dbetittg. b. f. t. ott. Staat ib. Verlobte. 3m febet 1910. 3litt. * Wien. Sport. Sportklub „Hakoah“, Wien. (Der Verein, der jede politische Tendenz ausschließt, bezweckt die körperliche Ausbildung der jüdischen Jugend. Klublokal: Cafe „Jägerhof“, IX., Porzellangasse 22. Ausschußsitzung jeden Donnerstag 8—9 Uhr abends. Telephon Nr. 13.763. Postsparkassenkonto 106.037.) Letzten Sonntag ist der Sportklub „hakoah“ zum erstenmal in diesem Jahre auf den Kampfplatz getreten. Die Fußballsektion war es, die es unternahm, die im Training bisher erlangten Fähigkeiten praktisch zu verwerten, Indem sie die erste Mannschaft in einem Wettspiel gegen einen der besten zweitklassigen Klubs Wiens, gegen die „Wiener Kickers“, sich erproben ließ. Wenn es auch unseren Fußballern in ihrem ersten Frühjahrsmatch noch nicht beschießen war, die weißblauen Farben zum Siege zu führen, so zeigt doch das knappe Resultat, daß sie zu erzwingen vermochten, daß die in die Fußballsektion gesetzten Hoffnungen gerechtfertigt sind. Der Sportklub „Hakoah“ ist mit 1:0 unterlegen, aber bis zehn Minuten vor Schluß war der Ausgang noch ungewiß und während der ganzen ersten Hälfte des Matches waren die Weißblauen stark überlegen. Berück-

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